Der Sänger Rea Garvey im Interview. Quelle: Henning Kaiser/dpa

Rea Garvey: „Die Welt kann nicht existieren, wenn wir alles zumachen und verbieten“

Der Ire ist beliebter Dauergast in Castingshows wie „The Voice of Germany“. Doch Rea Garvey, der seit mehr als zwei Jahrzehnten in Deutschland lebt, ist nach wie vor in erster Linie Musiker. Im Interview mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) spricht der 47-Jährige über sein neues Album „Hy Brasil“, seine Familie und die Folgen der Corona-Pandemie.

Rea Garvey, „Hy Brasil“ ist der Name einer mystischen, ungefähr zweihundert Kilometer vor der Westküste Irlands gelegenen Insel, von der ab dem 14. Jahrhundert viele Seefahrer schwärmten und die sogar in vielen Seekarten eingezeichnet war. In Wirklichkeit aber hat sie wohl nie existiert. Was hat das sagenumrankte Eiland mit Ihrem Album zu tun?

Für mich ist diese Insel ein magischer Ort. Es wurde behauptet, sie sei der Sitz des Königs aller Länder gewesen. Auch gibt es Berichte von Seemännern, die beschwören, sie seien dort gewesen. Als ich ein Kind war, nannten wir diese sagenhafte Insel das „Land der Jugend“. Alle unsere Helden, so stellten wir uns vor, flüchteten dorthin, um für alle Zeiten jung zu bleiben. Wenn du daran glaubst, dann ist diese Insel immer noch da.

Und Sie sind überzeugt von der Existenz dieser Insel?

Ja, ich glaube daran, dass es sie gab. So etwas wunderschön Mystisches und Magisches geht nicht einfach unter. Und im übertragenen Sinne bezieht sich diese Überzeugung auch auf meine Musik. Die Liebe, die ich zur Musik empfinde, die ist immer da, sie verschwindet nicht einfach. Dennoch war diese Magie ein bisschen eingeschlafen, als ich mit der Arbeit an dem Album anfing, ich musste die Leidenschaft erst wieder aufwecken und quasi mein verloren geglaubtes „Hy Brasil“ wiederentdecken. Und das ist mir gelungen.

Die neuen Lieder sind in der Mehrzahl sehr positiv, dynamisch und bewegungsintensiv.

Ich habe praktisch drei Wochen am Stück diese Platte gehört. Inzwischen habe ich einen individuellen Tanz für jedes Lied entwickelt. Zu diesen Songs, die sehr positiv und bewegungsfreudig sind, kannst du richtig ausflippen und abgehen. Ich liebe die Dynamik dieser Platte.

Sie machen den Eindruck, als seien Sie selbst am meisten davon überrascht, wie gut Ihnen „Hy Brasil“ gefällt.

Das Album war wirklich wichtig für mich. Ich fühlte mich in meiner musikalischen Welt nicht mehr richtig wohl. Es ging nur noch darum, Dinge zu erfüllen, die nicht mehr alle zu erfüllen waren. Ich habe nur noch Häkchen hinter meine Sachen gemacht. Mit dieser Platte wollte ich etwas von dem Druck abschütteln. Ich bin ja nicht Musiker, um jeden verdammten Termin wahrzunehmen. Ich lebte in einer Kapsel. Ich musste die Kapsel zerstören, um sie neu wiederaufzubauen.

Wie viel Neuanfang steckt denn Ihrer persönlichen Einschätzung nach in „Hy Brasil“?

Musikalisch führe ich weiter, was ich bei meinem vorigen Album „Neon“ gelernt habe. Der Neuanfang hat vor allem in meinem Kopf stattgefunden. Mir geht es mehr denn je um den Spaßfaktor, darum, neue Musik zu erforschen, zum Beispiel mit Hip-Hop-Produzenten oder internationalen Künstlern wie dem schwedisch-österreichischen Duo Decco zu arbeiten, sich einfach Dinge zu trauen, die man sich früher nicht getraut hätte. Dazu gibt es Gastauftritte von Kool Savas, von Illy und von Nessi, also von Menschen, auf die ich richtig Bock hatte und die ihrerseits Lust hatten, mit mir zu arbeiten.

„Hy Brasil“ ist also definitiv ein modernes Popalbum?

Ich bewege mich im Pop. Pop und auch Dance-Music sind ja zudem kein Neuland für mich. Ich habe vor über zehn Jahren schon mit Paul van Dyk gearbeitet, und mit Jam & Spoon habe ich 2001 „Be Angeled“ aufgenommen, damals die Hymne der Love-Parade. Ich bewege mich musikalisch wirklich in vielen Kreisen, doch die Wurzeln meiner Musik sind Emotionen, Melancholie und persönliche Geschichten. Schon „Supergirl“ war ein melancholisches Lied mit einem positiven Klang.

Worum geht es denn in dem Stück „Men Don’t Cry“?

Um meinen Vater. Und um die Beziehung, die wir zwei miteinander haben. Ich wollte ihm gern ein Lied widmen. Mein Papa ist eine große Persönlichkeit. Und er ist ein Vorbild für mich. Ich finde, er hat sein Leben toll gemeistert. Er war Polizist, hat acht Kinder großgezogen. Der Weg war nicht immer leicht für ihn. Sein eigener Vater war früh gestorben, er hat seine Gefühle immer betäubt, er musste halt machen und funktionieren. Mein Vater hat nie gelernt zu weinen. Er hatte einfach keine Zeit dafür. Ich erinnere mich daran, als er mich im Auto zur Universität brachte und ich ihn richtig dazu zwingen musste, jetzt mit mir auszusteigen und mich zu umarmen.

Sind Sie beiden sich ähnlich?

Ich glaube schon. Wir haben ähnliche Einstellungen. Er hat mich sehr geprägt. Er und auch meine Mutter haben mich auf gute Weise bewaffnet für diese Welt. Ich habe mit 17 Jahren das Elternhaus verlassen. Ich ging nicht mit leeren Händen. Ich hatte keine Angst, ich hatte meinen Glauben und das sichere Gefühl, dass es einen Ort auf der Erde gibt, an den ich immer zurückkehren kann. Zu Hause wird mir alles verziehen. Dort kann ich mich wiederaufrichten, was mehrmals vorgekommen ist auf meinem Weg zum Erwachsensein.

Welche Werte haben Ihre Eltern Ihnen für den Lebensweg mitgegeben?

Zum Beispiel meinen Glauben an Gott. Und die Überzeugung, dass Gott uns alle anders geschaffen hat. Mit Gottes Segen dürfen wir machen was wir wollen, auch sein, was und wer wir wollen. Alles ist akzeptabel. Ich glaube nicht, dass Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle Präferenz oder was auch immer dich kompetenter oder weniger kompetent machen. Die Person macht den Job, weil sie gut ist. Der Rest spielt keine Rolle.

Singen Sie im sehr tanzbaren und elektronischen „Hey Hey Hey“ nicht über einen Transgender-Menschen?

Über einen Transvestiten, um genau zu sein. Er macht auf der Bühne eine große Show und ist sehr beliebt. Aber ohne die ganze Schminke und auf der Straße ist er schutzlos, bekommt immer wieder Ärger. Das macht mich fassungslos. Ich komme aus einem sehr kleinen Dorf, ich habe bestimmt nicht alles verstanden, aber ich mag Menschen. Die Oberfläche war mir nie wichtig. Entscheidend ist, was drinsteckt.

Kein Wunder, dass Sie so gern in der Jury von „The Voice“ sitzen, wo Sie die Gesangs­kandidatinnen und -kandidaten ja nicht sehen, sondern nur hören können.

(lacht) Ich liebe diese Show. Die Sendung bleibt einfach frisch, die Macher lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen. Vor zehn Jahren war ich in der ersten Staffel schon dabei, und jetzt sitze ich mit Samu Haber zusammen auf einem Stuhl.

Sie frotzeln sich ja ganz schön.

Wir haben sehr viel Spaß, und wir lachen beide sehr viel. Wir sind halt zwei Alphatiere und müssen sehen, wie wir uns ergänzen. Im echten Leben sind wir jedenfalls richtig gut befreundet.

Um wen geht es überhaupt in dem für Sie ziemlich ungewohnt nach Punk klingenden „The One“?

Um meine Tochter. Ich liebe das Lied, es ist für mich das persönlichste auf der Platte. Sie wird älter, ist jetzt 15, und wir führen immer bessere Gespräche miteinander. Ich bin nicht so der Kuschelpapa, ich bin eher ein Mensch für offene Worte. Und jetzt reden wir halt auch schon mal über Jungs und woran man merkt, ob jemand der Richtige ist – nicht fürs Leben, aber für den Moment. Es ist schon witzig und vor allem wunderbar, einen Menschen durchs Leben zu begleiten, ihr bei manchen Entscheidungen zu helfen und sie doch auch darauf vorzubereiten, dass Dinge schiefgehen können.

Sie wissen also, wovon Sie da sprechen?

Na klar. Ich meine, ich war selbst mal ein Teenager. Ich kenne mich aus mit einem gebrochenen Herzen. Und ich weiß: Du kannst deine Kinder noch so gut beschützen, noch so sehr versuchen, ihnen Stärke und Selbstvertrauen mitzugeben. Sie werden trotzdem Liebeskummer erleben, und dann bist du da, als Papa, um sie in den Arm zu nehmen und zu trösten. Wenn etwas schiefgeht, dann ist das auch okay. Und wenn ein Herz bricht, dann wird das auch wieder heilen.

Können Sie mit Ihrer Tochter über alles sprechen?

Ich denke schon. Die gesündeste und beste Art, mit Menschen umzugehen, ist reden. Ich sitze nicht stumm da und denke alles nur für mich selbst durch.

Hatten Sie beim Text zu „Pretty“, der von einem unglücklichen weiblichen Star handelt, eigentlich jemanden Konkretes im Kopf? Das Lied klingt geradezu wie eine Warnung an Ihre Tochter, sich nicht zu sehr auf Instagram, Facebook, Twitter und Co. zu verlieren.

Aufhänger für „Pretty“ sind mehrere Freundinnen von mir, die sehr unter Social Media leiden. Die sind richtig leer. Ich als Musiker nehme mir auch mal ein halbes Jahr oder länger eine Auszeit, um Lieder zu schreiben, und ich gebe immer hundert Prozent für meine Musik, aber nie hundert Prozent von mir selbst. Doch diese Mädchen, die kennen keine Auszeiten. Die leben in ihrem Handy, offenbaren alles von sich und haben nicht die Stärke, über irgendwelche Trottel zu lachen, die auf der Couch sitzen und sie online beschimpfen und demütigen.

Können Sie selbst gut alles ausstöpseln und auch einfach mal eine Weile weg sein?

Ich kenne einen Strand in Irland, an dem ich manchmal bin und an dem ich den ganzen Tag lang niemanden treffe. Ich liebe dieses leichte und unbeschwerte Gefühl, alles hinter mir zu lassen und zu verschwinden.

Die Balance zwischen Arbeit und Erholung funktioniert bei Ihnen dann also?

Ich wollte jetzt „Ja“ sagen, aber vielleicht ist das ein bisschen gelogen. Auch bei mir klappt das mal besser und mal nicht so toll. Es gibt Tage, an denen bin ich mit allem vernetzt wie eine Spinne und denke: „Wenn ich jetzt aussteige, fällt alles zusammen.“ Aber das passiert natürlich nicht. Man fällt auch nicht gleich tot um, wenn man mal eine Party verpasst. Sagen wir: Ich weiß, wie man feiert. Aber ich weiß auch, wann es genug ist und wann man es mal ruhiger angehen sollte. Ich weiß auch, wann es Zeit ist, Sport zu machen. Mein Körper teilt mir das schon rechtzeitig mit.

Ist „Just a Minute“ auf dem neuen Album ein Corona-Lied?

„Just a Minute“ greift dieses Gefühl auf, sich einfach mal Zeit zu nehmen für seine Liebsten und für das Leben an sich, festzuhalten an dem, was man hat. Ich wollte eigentlich auf keinen Fall ein Lied über Corona auf diesem Album haben. Mir hat Corona am Anfang richtig schlechte Laune gemacht, bis ich gemerkt habe: Das ist auch eine Bereicherung. In dieser Phase schrieb ich „Just a Minute“ und stellte fest: So schlimm ist das alles ja wirklich nicht, wenn der Rhythmus des Lebens nicht mehr so hektisch ist wie all die Jahre zuvor. Mir hat die Zeit auch viel gegeben. Ich war noch nie so lange am Stück zu Hause, habe das Zusammensein mit meiner Frau und unserer Tochter genossen, und ich hatte richtig viel Zeit für diese Platte. Man muss in allem das Positive sehen.

Was momentan aber nicht einfacher wird.

Das stimmt. Die Welt kann nicht existieren, wenn wir alles abschließen, zumachen und verbieten. In der Veranstaltungs­industrie sind jetzt 1,2 Millionen Menschen arbeitslos. Die Politiker müssen verstehen, dass es vielen Menschen an die Substanz geht. Ein Leben in gewisser menschlicher Würde muss möglich sein, Corona hin oder her. Ich bin mir nicht sicher, ob in der Politik alle verstanden haben, wie existenziell die Nöte für viele Menschen in meiner Branche inzwischen sind.

Geht Ihnen der aktuelle Lockdown zu weit?

Ich teile den Grundsatz „Je strenger ein Politiker, desto stärker sein Profil“ jedenfalls nicht. Man muss zu einer Politik finden, die nicht eindimensional ist, sondern für alle Seiten die bestmögliche. In Deutschland habe ich schon das Gefühl, dass Intelligenz der Mittelpunkt der politischen Entscheidungen ist – gerade auch, wenn ich das mit anderen Ländern vergleiche. Die Leute schätzen an Angela Merkel, dass sie die Ruhe behält und eine Politik macht, die sie selbst für gut und richtig hält. Auch wenn ich nicht in jedem Punkt immer mit ihr einer Meinung bin, hat sie vieles richtig gemacht und verdient Respekt.

Von Steffen Rüth/RND