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Zeit zu lesen: Bücher sind beliebte Weihnachtsgeschenke – für Kinder und Erwachsene. Quelle: Hans-Thomas Frisch/dpa

Bücher können Leben retten

Weihnachten, das wird in diesem Jahr deutlich wie lange nicht mehr, ist das Fest der Liebe. Erst in der erzwungenen Abwesenheit vieler Menschen, die wir lieben, merken wir nun, wie gern wir sie Weihnachten und in den stillen Tagen danach um uns haben.

Die Liebe zu den Verwandten, Partnern und Partnerinnen, zu den Mitmenschen um uns herum ist das eine. Wir können aber auch Liebe zu anderen Dingen empfinden – zum Beispiel, und darum soll es hier gehen, zu Büchern. Die Tage an Weihnachten und diese sowieso immer schon stillen, aber in diesem Jahr auch stillgelegten Tage zwischen den Jahren sind eine gute Zeit, um diese Liebe zu spüren, neu zu beleben und sie auszukosten.

Sind Bücher Lebensmittel?

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Buch unter dem Weihnachtsbaum gelegen hat, mit dem man sich jetzt aufs Sofa zurückziehen kann, ist groß: Nach Gutscheinen und Geldgeschenken sowie Lebensmitteln und Süßwaren sind Bücher laut einer Umfrage des Statistikportals Statista in diesem Jahr das drittbeliebteste Geschenk. Noch vor Spielwaren, Kleidung und Kosmetika sowie weit vor Unterhaltungselektronik, Smartphones und Computern.

Der Tübinger Buchhändler Heinrich Riethmüller fand für die Bedeutung des Lesens in diesen Tagen deutliche Worte. Er forderte kurz vor dem momentanen Lockdown, dass Bücher von der Politik als „geistiges Lebensmittel jetzt nicht schlechter behandelt“ werden sollen „als andere Lebensmittel auch“. Dies wäre, so sagte er dem Buchbranchenfachmagazin „Börsenblatt“, eine Wertschätzung, die aus seiner Sicht dem tatsächlichen Bedarf entsprechen würde: „Wir werden vielerorts von unseren Kunden geradezu gestürmt. Daran sieht man, dass Bücher gebraucht und gelesen werden. Gerade in diesen Zeiten gibt es offenkundig einen wachsenden Bedarf an Literatur.“ Trotz dieses Appells sind die Buchläden momentan vielerorts wieder geschlossen. Doch zumindest das kontaktlose Abholen von Buchbestellungen war oft möglich. Was auch ungemein wichtig ist, denn im Buchhandel macht das Weihnachtsgeschäft rund 25 Prozent des Jahresumsatzes aus – zumindest war dies in den vergangenen Jahren der Fall.

Die Zahlen für dieses Jahr liegen noch nicht vor. Aber es lässt sich konstatieren, dass das Coronavirus mit all seinen Auswirkungen eine wachsende Motivation zu lesen mit sich brachte. So betont der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, es habe sich über das gesamte Jahr hinweg gezeigt, „wie groß gerade auch in Krisenzeiten die Nachfrage nach dem Kulturgut Buch ist“. Und: „Bücher geben Halt und bieten Orientierung, sie helfen Menschen dabei, herausfordernde Zeiten durchzustehen.“ Es gibt – zumindest große – Verlage, die das Geschäftsjahr 2020 nun Ende Dezember im Rückblick als ein gutes bezeichnen.

Dass Krisenzeiten in der Regel gute Zeiten für Bücher sind, hat sich schön häufiger gezeigt. So avancierte nach den Terroranschlägen vom 13. November 2015 in Paris Ernest Hemingways Liebeserklärung „Paris. Ein Fest fürs Leben“ zum unerwarteten Bestseller. Nach den beispiellosen Morden suchten viele Franzosen Trost zwischen zwei Buchdeckeln.

Bücher können Orientierung bieten

Auch in diesem katastrophalen Corona-Jahr flüchteten sich viele Menschen in die Lektüre. Die Beweggründe waren unterschiedlich, doch das ist ja das Schöne und Liebenswerte an Büchern: Sie geben (fast) jedem das, was er sucht. Bücher können Orientierung bieten und Lebenshilfe. Sie können Kenntnisse und Wissen erweitern. Sie geben die Gelegenheit, in Parallelwelten abzutauchen, alternative Leben zu leben, die Gegenwart zu vergessen. Dank Büchern können wir uns trotz abgesperrter Grenzen und geschlossener Hotels auf (Kopf-)Reisen begeben. Bücher können auch einfach nur – und das ist ganz und gar nicht zu verachten – unterhalten. Und vor allem: Lesen ist nicht gefährlich, nicht gesundheitsgefährdend. Es kann zwar ansteckend sein kann, bringt einen aber nicht um, sondern höchstens weiter.

In diesem Jahr haben wir aber auch wieder einmal gemerkt, dass Bücher eine Art Statussymbol sind. Spätestens als die ersten Zoom-Konferenzen begannen, präsentierten sich viele Konferenzteilnehmer gern vor einer vollen Bücherwand. Manche witzelten, sie hätten das Regal jetzt extra für die Videoschalten aufgebaut, oder die Bücher seien nur diese Attrappen, wie sie Möbelhäuser in ihren Showrooms zur Schau stellen. Man mochte in diesem modernen Medium nicht bildungshubern, aber es machte sich schon gut, wenn man sich Rücken an Rücken mit Büchern zeigen konnte.

Albert Camus‘ „Die Pest“ wurde zum Bestseller

Werke von Heinrich Heine und Thomas Mann, von Bill Bryson und Sally Rooney waren in den vergangenen Monaten allerdings viel mehr als nur beliebtes Dekorationsmaterial. Bücher waren so etwas wie Medizin gegen das Virus der Einsamkeit, der Niedergeschlagenheit und der Angst. Sie konnten zudem vermitteln, dass es an anderen Orten und zu anderen Zeiten auch Menschen gab und gibt, die unter ähnlichen Situationen leiden.

Und so machten sich Bücher wie Boccaccios Pestklassiker „Decamerone“ aus dem 14. Jahrhundert, Albert Camus‘ Roman „Die Pest“ und Daniel Defoes „Die Pest zu London“ auf, ins Bewusstsein von Leserinnen und Leser zurückzukehren. Camus‘ Klassiker war im Frühjahr relativ schnell nicht mehr lieferbar.

Parallelen zur Jetztzeit fanden sich auch in Gabriel Garcia Marquez‘ „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“. Dort begeben sich die beiden Liebenden Florentino und Fermina in die Isolation auf einem Schiff, wo sie sich selbst genug sind. Quasi eine Liebesquarantäne mit „Knuffelcontact“. Und dieses Sich-selbst-Genügen gelingt im besten Fall auch bei der Lektüre. Wir lesen und leben dann in einer abgeschiedenen (Gedanken-)Welt und brauchen nichts anderes als die Geschichten und unsere eigenen Gedanken und Gefühle. Lektüre als Lebensmittel.

„Welt der Renaissance“ ist ein 640-Seiten-Diamant

Ein Buch, in das man sich in diesen Tagen verlieben kann, ist ein dicker Brocken und zugleich ein zartes Juwel. Aber Zeit ist ja genug. Tobias Roths 640-Seiten-Diamant „Welt der Renaissance“ (Galiani, 640 Seiten, 89 Euro) ist eines dieser Schmuckstücke aus der Welt der Verlage. In diesem Großlesebuch wird in einer breiten Auswahl zeitgenössischer Texte deutlich, wie die Renaissance den Anfang einer neuen Zeit bildete, deren Ideen und Auswirkungen bis heute wirken. Nicht zuletzt das Verlangen, die Natur in voller Schönheit zu genießen, sie aber auch zu ergründen, stammt aus dieser Zeit. Dieses Werk ist so elegant gestaltet und versprüht so viel Schönheit und Klugheit, dass man den ganzen Winter mit ihm verbringen könnte. Es lässt uns vor allem, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit, die triste Gegenwart vergessen. Was kann man mehr von einem Buch verlangen?

Die in dem Buch ausführlich wiederbelebte Renaissance ist das Zeitalter der Wiederentdeckung der Antike. Die alten Schriften römischer und griechischer Autoren wurden ab dem 14. Jahrhundert wieder modern. Doch die Denker und Dichter dieser Zeit, die Politiker und Kaufleute, die Reichen und die Schönen, die Bildhauer, Maler und Architekten reproduzierten nicht einfach nur das Alte. Sie arbeiteten mit dem Material, durchdachten es neu und schufen etwas Neues.

Der große Dichter Francesco Pe­trarca hat dies nach der großen Pest von 1348 ähnlich erfasst. Er sei sich bewusst darüber gewesen, schreibt Tobias Roth im Vorwort, dass „sich ein gewaltiger Umbruch ankündigt und er daran teilhat“. Sein Standpunkt, so schrieb Petrarca, liegt „auf der Grenzlinie zwischen zwei Völkern, indem er gleichzeitig in die Zukunft und in die Vergangenheit schaut, nach vorne und nach hinten“.

Mit einem Bein in der Vergangenheit, mit dem anderen schon in der Zukunft

Diese Herangehensweise mag uns in unserer Gegenwart helfen. Denn es wird in einer hoffentlich nicht mehr allzu fernen Zeit, in der wir das Coronavirus kontrollieren können, keinen Weg mehr zurück in die alte Welt geben, die vor genau einem Jahr zu enden begann. Das Virus verändert uns, unsere Denkweise, unser Handeln, unser Weltverständnis. Wir stehen mit einem Bein noch in der Vergangenheit, mit dem anderen aber schon in der Zukunft, zwischen unseren Füßen die Grenzlinie der Gegenwart.

Um in die Zukunft zu finden, werden wir die Erfahrungen aus unserem alten Leben und die in diesem Jahr gewonnenen Erkenntnisse zu etwas Neuem mischen müssen. Auch das lässt sich aus diesem monumental schönen Buch über die Renaissance lernen – aber auch aus zahllosen anderen Romanen und Sachbüchern, die wir in diesen Tagen und Wochen aus einem neuen Blickwinkel (wieder) lesen können.

Von Kristian Teetz/RND