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Fleißiger Boss: Nur ein Jahr nach seinem Album „Western Stars“ brachte Bruce Springsteen (hier mit Sängerin und Ehefrau und Patti Scialfa) das E-Street-Band-Album „Letter to You“ heraus. Quelle: Apple TV+/dpa

AC/DC, McCartney und Co. – Das waren die Alben des Jahres

Corona hat in Sachen Pop und Rock alles durcheinandergebracht. Sir Paul McCartney wollte ja eigentlich auf Tour gehen und keine neue Platte machen. Hatte er doch erst 2018 „Egypt Station“ veröffentlicht, was in heutigen Popstar-Veröffentlichungsrhythmen in etwa gestern ist. Die Pandemie stoppte all seine Livepläne (auch das Deutschlandkonzert in Hannover wurde ersatzlos gestrichen). Und aus der Not der sicherheitsbedingten Zurückgezogenheit machte der Ex-Beatle „McCartney III“.

„Mc Cartney“ (1970) und „Mc Cartney II“ (1980) waren die einsamsten Soloalben des heute 78-Jährigen. Er spielte darauf alle Instrumente selbst. Waren bei den Vorgängern künstlerische Ambitionen ausschlaggebend, war der Alleingang bei „III“ die einfachste Art, den ersten Lockdown kreativ zu nutzen. Das Ergebnis – der intensivste McCartney seit vielen Jahren, Songs, die einfach nur gute Songs sein wollen und keineswegs Hits.

Madsen und Lester – ziemlich bester Punk

Corona brachte so manche überraschende Wende. Die Wendlandrocker Madsen etwa widmeten sich in den ausgebremsten Zeiten wieder richtig ungeschlachtem Punk. Und obwohl sie sich damit in einem kleinen „Echt jetzt?“-Textbeitrag zwischen zwei Songs selbst infrage stellten, haut das Album richtig rein. Der Titelsong „Na gut, dann nicht“ ist als Partybrenner ebenbürtig mit „Kreidekreisel“ der Münchner Band Lester, deren Album „Die Beste aller Zeiten“ mehr Eindruck hinterlassen hatte als „Hell“, die Neue der Ärzte.

Und die Toten Hosen, die nicht wenige schon am bitteren Ende des Pop angekommen wähnten, schlugen mit ihrer Hommage an den Liverpooler Rock’n‘Roll der frühen Sechzigerjahre den Kritikern ein Schnippchen. Auf „Learning English Lesson 3 – Mersey Beat!“ sind sie zumindest bei einigen Songs – „Slow Down“, „Shake, Rattle & Roll“, „Hippy Hippy Shake“ und „Respectable“ – so explosiv wie länger nicht mehr.

Das Wunder des Jahres: AC/DC haben mit „Power up“ noch einmal in bestmöglichem Lineup ein relativ gutes Album vorgelegt – obwohl niemand mehr mit ihnen gerechnet hatte. Der Fleißigste: Bruce Springsteen hatte praktisch gerade erst das Bombastcountryalbum „Western Stars“ (2019) vorgelegt, da folgte jetzt mit „Letter to You“ ein erstklassiges E-Street-Band-Songkompendium. Und angeblich ist schon ein weiteres Album so gut wie fertig. Einige der neuen Springsteen-Songs klingen nach Bob Dylan, der mit seinem 39. Studioalbum „Rough and Rowdy Ways“ und dem 17-Minuten-Chronik-Song „Murder Most Foul“ über die Bedeutung der Ermordung John F. Kennedys ein spätes Glanzstück vorlegte. Lieder, die wie Gebete klingen – vom Literaturnobelpreisträger, der damit Jahre der Frank-Sinatra-Verehrung auf fünf CDs beendete. Da war der Dichter wieder in Bestform.

John Fogerty, Mastermind der legendären Creedence Clearwater Revival, nahm im Lockdown mit seiner Tochter und zwei Söhnen „Fogerty’s Factory“ auf, mit Familienversionen von „Proud Mary“, „Bad Moon Rising“ und „Fortunate Son“. Noch so ein Album, das es ohne die Seuche nie gegeben hätte.

Pop und Rap: Von Lady Gaga und Shawn Mendes bis Run The Jewels und Public Enemy

Was in Sachen Disco auch für Lady Gaga gilt. Ihr „Chromatica“ war ein Fest der Bewegungsfreude, und der Selbstreflektion. Das Album war – im Gegensatz zu Kylie Minogues „Disco“ ein ähnlich grandioser New-Disco-Klassiker wie Madonnas „Confessions on a Dancefloor“, das herrje, auch schon wieder 15 Jahre her ist. Taylor Swift gab sich auf „Folklore“ deutlich, nun ja, folkiger als davor und ließ überraschend - am 11. Dezember - mit „Evermore“ eine aparte Fortsetzung im selben Klanggewand folgen (“Wir konnten einfach nicht aufhören, Songs zu schreiben.“). Miley Cyrus gab sich auf „Plastic Hearts“ ein Gutteil rockiger als gewohnt. Und allen, die sich in diesem Jahr um ihren (innerlichen) Sommer gebracht sahen, brachte Katy Perry auf „Smile“ Sonne in Sound. Kurz vor Weihnachten erschien denn auch das vierte Studioalbum des Kanadiers Shawn Mendes. Auf „Wonder“ setzt er seine Suche nach neuen Klängen fort und präsentiert eine Wundertüte voller Pop-Experimente.

Die Rapper Killer Mike und El-P alias Run the Jewels setzten sich auf „4“ mit dem Rassismus in den USA auseinander, ihr Song „Walking in the Snow“ wurde zu einer Hymne der „Black Lives Matter“-Bewegung, die prophetische Zeile „Bis meine Stimme von einem Schrei zu einem Flüstern wird – ich kann nicht atmen“ bezog sich aber nicht auf George Floyd, sondern auf eine frühere Tötung eines Schwarzen durch die Polizei. Die Beats – knallhart und trocken.

Auch die Klassiker Public Enemy rückten auf „What You Gonna Do When the Grid Goes Down?“ das Trump-Amerika in den Fokus. Auf ihrer upgedateten Version von „Fight The Power“ weisen sie daraufhin, dass ein schwarzes Leben in den USA genau die 20 Dollar (vermeintliches Falschgeld) wert ist, die Floyd das Leben kosteten. „Vote this joke out – wählt diesen Witz ab“ war die Parole im Track „State of the Union“ – immerhin das ist passiert.

Auf „Alles fließt“ rieben sich Wolfgang Niedeckens Bap an den „schwarmdementen Spießern“, die den Aufstieg rechter Populisten in Deutschland ermöglichten und waren zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder richtig rockig. Heinz Rudolf Kunze, noch fleißiger als Springsteen, und von der Pandemie zu unerträglicher Ruhe verurteilt, brachte mit „Wie der Name schon sagt“ im November eine intensive Doppel-Live-CD heraus – der Künstler allein zu Piano oder Gitarre „Dein ist mein ganzes Herz“ singend. Erst im Februar hatte er mit „Der Wahrheit die Ehre“ eines seiner besten Alben veröffentlicht – scharfzüngig in seiner Gesellschaftskritik, vielseitig in den Sounds.

Unbedingt entdecken: Soeckers und Luise Volkmann

Leidenschaftlichstes Deutschrockalbum 2020: „Kopfkarussell“, das Debüt der Münsteraner Indierocker Soeckers: Sie wissen, wie man einen Sog mittels Mundharmonika richtig brennen lässt. Und selten wurde körperliches Begehren so nachfühlbar wie im Heulen des fantastischen Johannes Schulte-Schlichtmanns: „Schlaf bei mir!“ Noch ein Leckerbissen für Connaisseure: Auf dem Album „When The Birds Upraise Their Choir“ der 28-jährigen Saxofonistin und Flötistin Luise Volkmann und ihrer Formation Été Large stehen jazzige Exzentrik neben hochenergetischem Twist und Shout. Das geht ab - 50 Minuten im Abenteuerland der Musik!

Internationale Geheimtipps, denen man sein Ohr schenken sollte: Erin Morans zweitem Album unter dem Pseudonym A Girl Called Eddy. Sophisticated Pop mit Jazz-, Soul- und Folkingredienzen und eine Chrissie-Hynde-coole Stimme. Die Wahlengländerin aus New Jersey lieferte mit „Been Around“ schon früh im Jahr eines der Königsalben des Jahres. Laura Marling brachte – zwölf Jahre nach ihrem gefeierten Debüt – mit „Song for Our Daughter“ eine weitere Großtat – zehn Liedjuwelen, getragen von Piano und Akustikgitarren. Kaum ein Song war 2020 so schmerzvoll schön wie „Blow by Blow“, das einen schweren Mutter-Tochter-Disput über eine gewalttätige Beziehung offenbarte.

Und noch etwas für Entdeckerherzen: Low Cut Connie – deren Stilpalette von Folk bis Indierock reicht, die wie Springsteen rocken können und deren Chef, Sänger, Songwriter Adam Weiner stimmlich an Elton John erinnert (der die Band entsprechend feiert und verehrt). „Private Lives“ heißt das nun schon sechste Werk der hierzulande kaum bekannten Formation aus Philadelphia, das in die Sammlung eines jeden Pop- und Rockfans gehört. Schon allein wegen des Songs „Look What They Did“ – das nicht nur eine Anklage gegen den Nie-war-Amerika-besser-Lügenpräsi Trump ist, sondern die schönste Randy-Newman-Ballade, die Randy Newman nicht geschrieben hat.

Das beste Weihnachtsalbum ohne Weihnachtslieder ist Katie Meluas „Album No. 8“ – sie kann festlich schönen Popplüsch eben auch ohne Mike Batt. Und die schönste richtige Adventspopmusik kommt 2020 von Deine Freunde, den Rappern für die Jüngsten. „Das Weihnachtsalbum“ macht allerdings Kinder froh und Erwachsene auch.

Die Rolling Stones blieben ihr bereits im Frühjahr 2019 angekündigtes neues Studioalbum weiterhin schuldig. Ein üppiges Livepaket ihrer „Steel Wheels“-Tour kam heraus, eine Deluxe Edition ihres 1973er-Albums „Goats Head Soup“ obendrein. Aber richtig neu war nur der ratzfatz auf Covid-19 und Lockdown zurechtgedichtete Song „Living in a Ghosttown“, mit dem es die Band um Mick Jagger und Keith Richards allerdings erstmals seit „Jumping Jack Flash“ von 1968 wieder auf Platz eins der deutschen Charts schaffte. Wir hoffen, dass sie 2021 endlich zu Potte kommen. Hey, Keith, Mick, schaut mal, wie tüchtig Beatle Paul ist!

Von Matthias Halbig/RND