Mit neuem Roman: Sharon Dodua Otoo. Quelle: Ralf Steinberger

Wo erleben Sie Rassismus, Sharon Dodua Otoo?

Frau Otoo, Anfang der Neunzigerjahre sind Sie als britisches Au-pair nach Hannover gekommen. Was war Ihr Eindruck von Deutschland?

Ich kannte Deutschland vorher schon ein bisschen, denn ich war als 13-Jährige in Limburg an der Lahn gewesen. Damals war ich beeindruckt: Es war alles so sauber, und die Züge waren unglaublich pünktlich. Hannover war ein Glücksgriff, dort habe ich Hochdeutsch gelernt, und ich habe immer noch Bekannte aus der Zeit. Ein paar Monate habe ich auch in einem Café gekellnert. Das war eine wichtige Zeit für mich: Ich bin dort erwachsen geworden.

Haben sich Deutschland und England für Sie damals stark unterschieden?

Ich habe damals Menschen aus England als sehr viel höflicher empfunden. In England hat man nicht alles ausgesprochen, was man gedacht hat, und freundlich über Belangloses plaudern können. Hauptsache, die Stimmung war angenehm. In Deutschland gingen Gespräche öfter und viel schneller in die Tiefe. Es war kein Tabu, über Politik zu sprechen oder in einen Konflikt zu geraten. Man konnte unterschiedlicher Meinung sein – das hat mir damals viel abverlangt. Manchmal wollte ich einfach nur etwas Small Talk machen, und plötzlich war ich in eine ernsthafte Diskussion verwickelt.

Diese Art ist ja nicht überall beliebt.

Ich habe sie mittlerweile schätzen gelernt.

Liebe zum Theater und zu Bert Brecht

Sie haben in London Germanistik studiert. Hatten Sie zu dem Zeitpunkt schon eine besondere Nähe zur deutschen Literatur?

Da kamen zwei Sachen zusammen: Ich liebe Theater und Theaterspielen. Und ich fand damals Bert Brecht unheimlich toll. Das passte dann einfach.

Vor knapp zehn Jahren sind erste Texte von Ihnen erschienen, und Sie haben eine Buchreihe mit dem Titel „Witnessed“, auf Deutsch etwa „Bezeugt“, herausgegeben. Der erste Band trägt den Untertitel: „Wie kann man Künstler sein und die Welt revolutionieren?“ Haben Sie darauf eine Antwort gefunden?

Der Haupttitel lautet „Das kleine Buch der großen Visionen“, und die Mitherausgeberin Sandrine Micossé-Aikins und ich haben viel über den Titel und den Untertitel diskutiert. Jetzt bin ich froh über beide, denn sie lösen Irritationen und Fragen aus. In dem Buch haben wir darüber nachgedacht, wie Kunst in Gesellschaften wirkt, vor allem auch Kunst von Menschen, die marginalisiert werden. Wir haben uns gefragt: Wie wäre Kunst von Schwarzen Menschen, wenn sie sich nicht mit Rassismus herumschlagen müssten. Die Beitragenden haben sich mit dieser Utopie auseinandergesetzt.

Erst politische Aktivistin, dann engagierte Autorin

Haben Sie sich zu dem Zeitpunkt als Autorin empfunden oder eher als politische Aktivistin?

Wenn ich mich damals irgendwo vorgestellt habe, habe ich immer gesagt: Ich bin Aktivistin. Einerseits hatte das damit zu tun, dass ich noch nicht hauptberuflich geschrieben habe. Andererseits lag es daran, dass ich meine Texte in den Dienst meines Engagements stellen wollte. Ich weiß, dass das verpönt ist, aber ich wollte Literatur schreiben über Menschen, die selten in der Literatur vorkommen.

Im Sommer 2016 haben Sie den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewonnen. Was hat sich dadurch für Sie geändert?

Das war eine Zäsur, weil ich ab dem Zeitpunkt als Autorin galt – und mich auch selbst so wahrgenommen habe. Die Texte, die ich davor geschrieben habe, waren für einen kleinen Kreis von Menschen gedacht, die in demselben Diskurs waren wie ich, die sich also vor allem mit Rassismus und Empowerment beschäftigten. Manchmal waren die Texte deshalb polemischer formuliert. Wenn ich jetzt schreibe, habe ich im Hinterkopf, dass viel mehr Menschen Zugang dazu haben. Im vergangenen Sommer habe ich zum Beispiel die Eröffnungsrede für den Bachmann-Wettbewerb gehalten, mit dem Titel: „Dürfen Schwarze Blumen malen?“ Diese Rede habe ich viel offener und freundlicher formuliert als frühere Texte.

Sie haben 2016 Ihren Text für Klagenfurt, „Herr Gröttrup setzt sich hin“, auf Deutsch geschrieben. Was bedeutet der Sprachwechsel für Sie?

Ich hatte zuvor schon wissenschaftliche Texte auf Deutsch verfasst, aber das war der erste ernsthafte Versuch, etwas Belletristisches auf Deutsch zu schreiben. Ich hatte den Auftrag angenommen, einen Text über Critical Whiteness zu schreiben, also was es für eine weiße Person bedeutet, in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft zu leben – nicht zu merken, dass das ein Privileg ist und Diskriminierung nicht am eigenen Körper zu spüren. Das habe ich mit diesem lustigen, irritierenden Text versucht. Der Sprachwechsel war schwierig, wenn ich gemerkt habe, dass bestimmte Wortspiele im Deutschen nicht funktionieren.

Was meinen Sie da konkret?

Ich habe zum Beispiel mit den Begriffen „Wörter“ und „Worte“ gespielt, die mich immer etwas verwirren, weil der Plural von „word“ im Englischen schlicht „words“ lautet. In meinem Text las sich das aber letztlich so, als hätte ich Fehler gemacht. Andererseits: Wenn eine Person, die nicht auf Deutsch sozialisiert ist, in dieser Sprache schreibt, birgt das gewisse Chancen. Auch wenn ich es in diesem Leben nicht mehr schaffen werde, der, die, das einwandfrei zu benutzen, fallen mir Wortspiele auf, die viele, die Deutsch als Erstsprache sprechen, nicht unbedingt wahrnehmen. In meinem Roman „Adas Raum“ spiele ich etwa mit den Begriffen herrenlos und frauenlos, die sehr unterschiedliche Bedeutungen haben.

„Nach dem Krieg hat man die Frauen mit ihren Traumata alleingelassen“

„Adas Raum“ ist ein komplexer Roman, der zwischen 1429 und heute spielt, zwischen der westafrikanischen Küste, London und Berlin. Was gab den Ausschlag, das Buch zu schreiben?

Der Roman hat angefangen mit einer Szene aus „Herr Gröttrup setzt sich hin“. Darin taucht eine Putzfrau mit dem Namen Ada auf, und ich wollte erklären, wer diese Frau ist.

In dem Roman gibt es mehrere Adas. Eine von ihnen ist 1945 Prostituierte im Lagerbordell des KZ Mittelbau-Dora. Dieses Konzentrationslager spielt schon in Ihrem Klagenfurt-Text eine Rolle: Die V2-Rakete, die der echte Helmut Gröttrup mit entwickelt hat, wurde auch in diesem KZ gebaut.

Eigentlich wollte ich noch viel mehr zu Mittelbau-Dora schreiben, als ich letztendlich gemacht habe. Die V2, die sogenannte Vergeltungswaffe der Nazis, ist die einzige Waffe, bei deren Herstellung mehr Menschen gestorben sind als bei der eigentlichen Verwendung. Ich wollte der Geschichte der Gefangenen, die in den Bergwerkstollen geschuftet haben, Aufmerksamkeit schenken. Und es ging mir darum, das Schicksal einer Frau, die in einem Lagerbordell arbeiten musste, zu schildern. Dieses Thema ist nach wie vor tabuisiert. Nach dem Krieg hat man die Frauen mit ihren Traumata alleingelassen, sie bekamen kaum Entschädigungen. Ich wollte einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass wir darüber nachdenken, was all das, was die Existenz eines KZ wie Mittelbau-Dora mit uns gemacht hat. Allerdings ist es schmerzhaft, hinzuschauen.

Fällt das Hinschauen Ihnen als Schwarze und Britin leichter als vielen Deutschen?

Ja, aus zwei Gründen. Ich habe keine Schulkarriere erlebt, in der in jedem Jahrgang der Nationalsozialismus auf dem Lehrplan stand. Außerdem trage ich einen gewissen Schutz in mir: Man kann mir ansehen, dass ich von Rassismus betroffen bin, man nimmt also an, dass ich sozusagen auf der richtigen Seite stehe. Das alles führt dazu, dass ich etwas hemmungsloser an das Thema herangehen kann.

In „Adas Raum“ geht es um Rassismus und Kolonialismus in verschiedenen Zeiten und Ausprägungen. Wie und wo erleben Sie selbst Rassismus?

Das ist eine große Frage. Es gibt intime, beschämende Erlebnisse. Darüber öffentlich zu reden mache ich ungern. Außerdem, wenn ich über persönliche Erfahrungen spreche, überschatten diese die strukturellen Situationen, denen ich auch ausgesetzt bin, und die oft gewaltvoller erscheinen als die individuellen Erfahrungen. Zum Beispiel stand seit Einführung des Deutschen Buchpreises 2005 nur in vier Jahren kein Mann namens Thomas oder Tom auf der Longlist. In all den Jahren gab es jedoch nur zwei Schwarze Personen überhaupt auf der Liste, und zwar Jackie Thomae 2019 und ein Jahr später Olivia Wenzel. Darauf schauen wir selten, weil wir es in Deutschland nicht gewohnt sind, über diese Form von Diskriminierung zu reden. Wir denken oft, dass Diskriminierung bedeutet: Eine Person will einer anderen vorsätzlich wehtun – mit Worten oder mit Taten. Aber ich erlebe viel Diskriminierung dadurch, dass bestimmte Sachen schon immer so waren, zum Beispiel dass weiße Kinder in der Schule besser benotet werden als Kinder aus einem migrantischen Elternhaus.

Ist da im vergangenen Jahr durch die Black-Lives-Matter-Bewegung, die ja auch in Deutschland aktiv ist, nicht manches in Bewegung gekommen?

Ich erlebe schon, dass die Diskussion um Rassismus, Rassismuskritik und gerechte Sprache zugenommen hat. Meiner Meinung nach liegt das vor allem daran, dass viel mehr Menschen, die von diesen Themen direkt betroffen sind, Zugang zu Medien haben – zu sozialen Medien, aber auch durch ihre Berufe in klassischen Medien wie Tageszeitungen oder Fernsehen. Und es hat für mich auch damit zu tun, dass es Organisationen gibt wie die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und Adefra, eine Schwarze queerfeministische Organisation. Auch durch deren Arbeit kommen diese Themen mehr und mehr in der sogenannten Mitte der Gesellschaft an. Das ist erfreulich, doch dort, wo es Fortschritt gibt, gibt es auch Widerstand dagegen. Viele Schwarze Menschen in Deutschland empfinden die Stimmung immer noch als bedrohlich: Die AfD sitzt weiterhin im Bundestag, Bundesinnenminister Horst Seehofer leugnet weiterhin, dass eventuell ein Rassismusproblem in der Polizei existiert, es gibt immer noch Abschiebungen und Menschen, die an den Außengrenzen der EU sterben. Dennoch: Wir haben keine andere Wahl, als an dem Thema Rassismus dranzubleiben und weiterzumachen.

Ghanaisch, britisch, deutsch

Als Sharon Dodua Otoo im Sommer 2016 den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gewann, staunten viele: Diese Autorin hatten sie bisher nicht wirklich auf dem Schirm gehabt. Tatsächlich hatte Otoo zuvor erst wenige Texte in Anthologien und zwei Novellen in dem kleinen Verlag Edition Assemblage veröffentlicht. Die Novellen hatte sie in ihrer Muttersprache Englisch geschrieben; Mirjam Nuenning hat sie dann ins Deutsche übertragen.

Mit dem Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“, ihrem ersten auf Deutsch geschriebenen belletristischen Text, überzeugte sie in Klagenfurt Jury und Publikum. Vor wenigen Tagen ist Otoos erster Roman „Adas Raum“ (S. Fischer Verlag, 317 Seiten, 22 Euro) erschienen.

Geboren ist die Autorin 1972 in London, ihre Eltern stammen aus Ghana. Seit 2006 lebt die Mutter von vier Söhnen in Berlin, hat mittlerweile auch die deutsche Staatsbürgerschaft. In Berlin engagiert sie sich unter anderem in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. Die Autorin und Aktivistin legt Wert darauf, dass man Schwarz mit großem „S“ schreibt: Es gebe keine schwarze Hautfarbe; mit dem Begriff Schwarz möchte sie vielmehr die kollektive Erfahrung von Nichtweißen bündeln.

Ihren Roman stellt Otoo bei mehreren Onlineveranstaltungen vor – etwa beim „Skyline Talk“ ihres Verlags am 8. März sowie bei Lesungen im Literaturhaus Freiburg (23. März) und im Literaturhaus Hannover (30. März).

Von Martina Sulner/RND