Die Berlinale hat es in Corona-Zeiten schwer. Quelle: Berlinale

Berlinale 2021: Ein Festival ohne Fest

Seltsame Folgen zeitigt so eine Pandemie: Vor neun Jahren blieb ein Stuhl bei der Berlinale demonstrativ leer. Der iranische Regisseur Jafar Panahi hätte darauf als Mitglied der Wettbewerbsjury Platz nehmen sollen. Aber er durfte nicht aus dem Iran ausreisen. Das Mullah-Regime ließ ihn nicht. Also konnte Panahi nicht über den Goldenen Bären mitentscheiden.

Im Corona-Jahr 2021 sitzt nun der iranische Regisseur Mohammad Rasulof in der Jury. Auch er darf kommende Woche nicht nach Berlin. Zu Hause droht ihm eine Gefängnisstrafe. Seine Reisepapiere hat er vor Jahren abgeben müssen. Trotzdem kann Rasulof die Filme bewerten. Er sichtet sie im Iran im Heimkino. Diese Regelung wäre vor Corona bei einem Festival, das sich der Leinwand verpflichtet fühlt, undenkbar gewesen.

Die Bären-Jury 2021 besteht aus sechs Bären-Preisträgern: Rasulof gewann im Vorjahr mit „Doch das Böse gibt es nicht“. Der Israeli Nadav Lapid siegte 2019 mit „Synonymes“, die Rumänin Adina Pintilie 2018 mit „Touch Me Not“, die Ungarin Ildikó Enyedi 2017 mit „Körper und Seele“, der Italiener Gianfranco Rosi 2016 mit „Seefeuer“ und die Bosnierin Jasmila Zbanic 2006 mit „Esmas Geheimnis – Grbavica“.

Fünf Juroren in einem Kino

Die fünf Juroren neben Rasulof begeben sich vom 1. bis 5. März in ein Berliner Kino. Sie sind die Einzigen, die dort Platz nehmen werden. Besucher beim bislang weltweit besucherstärksten Filmfestival mit 300.000 verkauften Karten wird es Anfang März nicht geben. Die Berlinale hat ihr größtes Pfund der Pandemie geopfert und sich notgedrungen erst einmal ins Internet zurückgezogen.

Kein Gedränge am roten Teppich, keine Stars in der Hauptstadt, keine mühevoll ergatterten Autogramme nach langem Lauern am Hoteleingang: Ist das dann überhaupt noch ein Festival, wenn man die Aufregung, die Hektik und den Austausch abzieht?

Die Jury geht ihrem Job unter Ausschluss der Öffentlichkeit nach. Noch nie hat der Begriff Arbeitsfestival, mit dem sich die Berlinale im winterlichen Februar schmückt, so gut gepasst. Am Ende werden die sechs ihre Urteile über Filme sprechen, die außer ihnen nur noch Vertreter der Filmindustrie sowie 1600 akkreditierte Kinojournalisten haben sichten können.

Nicht alle Filme online

Womöglich können sich aber auch die Journalisten kein Gesamtbild machen: Wohl nicht alle Produzenten werden ihren kostbaren Besitz für Onlinevorstellungen freigeben. Sie wollen nicht riskieren, Opfer von Filmpiraten zu werden – oder sie wollen ganz einfach verhindern, dass schlecht gelaunte Kritiker ihre Meinung in die Welt hinausposaunen.

Am Ende könnte also ein Werk gewinnen, das kaum jemand kennt und über das nicht einmal gestritten werden kann. Auch das würde zu einem Festival gehören, das etwas auf sich hält.

Anfang März ist allein ein sogenanntes Branchenevent geplant. Auf dem European Film Market (EFM) wird rein digital über Filme und Rechte verhandelt. Bislang war diese Filmbörse ein Anhängsel der Show am Potsdamer Platz, nun ist sie zu deren Kern geschrumpft. Zumindest die Kinoindustrie soll wissen, was auf dem internationalen Markt zu haben ist. Und den Filmemachern soll umgekehrt der Weg ins Kino geebnet werden. Beneidenswert ist ihre Position nicht in einer Branche, die schon jetzt nicht mehr weiß, wohin sie mit all den zurückgehaltenen Filmen soll, die sie wegen der geschlossenen Kinos hortet.

Im Juni sollen die Filme im Kino laufen

Erst vom 9. bis 20. Juni wird das Berliner Publikum ins Kino gebeten – sofern möglich. Auf die Zuschauer wartet ein im Vergleich zu den Vorjahren deutlich abgespecktes Gesamtprogramm. Etwa ein Viertel der sonst üblichen 400 Filme soll in rund einem Dutzend Berliner Kinos sowie als Open Air zu sehen sein. Der Berlinale-Palast am Potsdamer Platz bleibt unbespielt. Das Festival will Lust auf die Rückkehr vor die Leinwand machen. Ein paar rote Teppiche werden auch ausgerollt.

Über die Bühne geht dann ebenso die Preisverleihung der schon im März ausgerufenen Siegerfilme. Spannender wird die Sache dadurch nicht. Das neue Leitungsduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek wusste jedoch keine andere Lösung. Die Alternative wäre wohl nur gewesen, das Festival komplett abzusagen und damit unsichtbar zu werden. Und das war nie eine Option.

„Mit dem Summer-Special wollen wir für das Publikum die ersehnte Festivalatmosphäre schaffen“, sagt Rissenbeek. Man wolle eine „Lanze fürs Kino“ brechen. „Sicher wird das nicht das beste Festival, nur das beste unter diesen Umständen“, sagt der für die Filmauswahl zuständige Chatrian. Kulturstaats­ministerin Monika Grütters hat bereits zugesichert, wegbrechende Ticket- und Sponsoreneinnahmen aufzufangen.

Cannes 2021 soll im Juni stattfinden

Die Berlinale stemmt sich trotzig gegen alle Auflösungs­erscheinungen und behauptet, weiter zu existieren. Sie riskiert bei diesem Rettungsversuch in eigener Sache aber auch, sich selbst abzuschaffen.

Zum Vergleich: Das Festival in Cannes strich im Vorjahr lieber komplett die Segel. Das Kino als gemeinsamen Erlebnisort wollte man nicht opfern. Man gab lediglich den schon kuratierten Filmen ein Qualitätssiegel mit auf den Weg: „Cannes 2020″ lautete es. Jetzt soll Cannes 2021 im Juli stattfinden – gemunkelt wird aber auch schon über eine weitere Verschiebung in den Herbst.

Sollte man bei den 71. Internationalen Filmfestspielen von Berlin eher von einer Festivalsimulation sprechen? Oder darf man vielleicht mal kurz träumen?

Wir schreiben den Februar des kommenden Jahres: Ganz Berlin vibriert im Festivalfieber. Keinen Kinoenthusiasten hält es noch auf dem Streamingsofa. Niemand will die Sensationen verpassen, die bei den 72. Internationalen Filmfestspielen das Licht der Welt erblicken. Und die gibt es nirgendwo sonst als auf der Leinwand, die man erst so richtig vermisst hatte, als sie plötzlich nicht mehr zugänglich war.

Und weil wir schon mal beim Imaginieren sind: Es könnte ja auch sein, dass sich unter den Hunderttausenden von Berlinale-Besuchern auch ein Regisseur namens Mohammad Rasulof findet.

Von Stefan Stosch/RND