Der Mannheimer Fotograf wird von der Unesco zum „Artist of Peace“ berufen. Quelle: Luigi Toscano

Unesco zeichnet deutschen Fotografen als „Artist for Peace“ aus

Berlin. Der Mannheimer Fotograf und Filmemacher Luigi Toscano wird von der Unesco zum Botschafter des Guten Willens „Artist for Peace“ berufen.

Der 48-jährige wird damit für sein weltweites Erinnerungsprojekt „Gegen das Vergessen“ geehrt. Darin porträtiert der Sohn italienischer Gastarbeiter Holocaust­überlebende und stellt die überlebensgroßen Fotos auf öffentlichen Plätzen aus.

Toscano ist damit der erste Fotograf überhaupt, der auf der prominent besetzten Liste der Unesco-Goodwill-Botschafter steht. Er findet sich nun neben renommierten Künstlern wie dem brasilianischen Sänger Gilberto Gil, der britischen Jazzdiva Shirley Bassey oder der britischen Sopranistin Sarah Brightman wieder.

Mit der Berufung zum „Artist for Peace“ würdigt die Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen Toscanos Engagement für Offenheit und Toleranz. Mit seinem Erinnerungsprojekt „Gegen das Vergessen“ („Lest We Forget“) gebe der 48-Jährige der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Verbrechen ein menschliches Gesicht, begründet die in Paris ansässige Organisation die künftige Zusammenarbeit mit Toscano.

Erster deutscher Artist for Peace

Der Deutsch­italiener reagierte bewegt auf die Berufung durch die Unesco. „Es ist eine große Ehre, dass ich als erster Fotograf ‚Artist for Peace‘ sein darf“, sagte er dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). „Das Vertrauen der Unesco bestärkt mich darin, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich werde weitermachen und mich weiterhin unermüdlich für Demokratie und Menschlichkeit einsetzen.“

Der deutsche Botschafter bei der Unesco, Peter Reuss, freut sich. „Luigi Toscano ist der erste Deutsche überhaupt, dem diese Ehre zuteilwird“, sagte er dem RND. „Seine ungeschminkten Porträts der in die Kamera blickenden Holocaust­überlebenden gehen zu Herzen.“

Sie spiegelten zugleich die einfühlsame Art wieder, mit denen Toscano mit jedem einzelnen seiner Gegenüber interagiere, so Reuss. „Und aus jedem Augenpaar seiner großformatigen Bilder blicken Geschichten von Leid und Leben auf uns herab. Und manchmal auch Freude und Liebe und Verzeihen. Schweigend rufen sie uns zu: Nie wieder! Gegen das Vergessen!“

Fotograf begann als Türsteher, Dachdecker und Fensterputzer

Diese Entwicklung ist so ungewöhnlich wie Toscanos Biografie, die mit einer schwierigen Kindheit und Jugend begann. Als Dachdecker, Türsteher und Fensterputzer prägte sich ihm die Umwelt aus sehr unterschiedlichen Perspektiven ein.

Dass sich daraus eine künstlerische Laufbahn entwickelte, kann Toscano bis heute kaum fassen. „Doch für mich ist es wichtig, Ideen im Kopf festzuhalten und zu teilen.“

In seinem multimedialen Erinnerungs­projekt hat Toscano seit 2014 mehr als 400 Überlebende der NS-Verfolgung in Deutschland, den USA, Österreich, der Ukraine, Russland, Israel, den Niederlanden und Belarus porträtiert.

Zuletzt bildete die Foto­installation „Gegen das Vergessen“ im Januar 2021 den Rahmen für den Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust in und um das Hauptquartier der Unesco in Paris.

Dies war die weltweit größte Ausstellung der Porträts im öffentlichen Raum. Zuvor hatte Toscano, der Autodidakt ist, seine Bilder bereits in Kiew, Berlin, New York, Washington, D. C., Boston, San Francisco oder Wien vor mehr als einer Million Menschen gezeigt.

In der österreichischen Hauptstadt wurden 2019 Anschläge auf die Bilder verübt. Daraufhin fanden sich viele Wiener zusammen, um die Porträts zu schützen.

Toscano-Bilder inzwischen an Hausfassaden

Zum Projekt gehört auch ein Dokumentarfilm, der 2019 Premiere beim Seattle International Film Festival feierte und für den Toscano für den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2020 nominiert wurde. Die zweite Auflage des Bildbandes ist Anfang 2020 erschienen.

Inzwischen wurden Toscanos Porträts bereits vom bekannten Street-Art-Künstler Falk Lehmann (Akut) adoptiert und an Hausfassaden in Mannheim und Schmalkalden verewigt.

Und das ist irgendwie auch das Ziel Toscanos: „Durch die offene und barrierefreie Präsentation der Bilder findet die Geschichte einen direkten Zugang in den Alltag und das Bewusstsein von Tausenden Menschen.“

Von Thoralf Cleven/RND