Die Discoformation Boney M. erlebt auf Tiktok ein unerwartetes Comeback. Quelle: picture-alliance / jazzarchiv

Boney M. und Seemannslieder: Warum auf Tiktok uralte Songs zum Hit werden

Hannover. Wer genau „babywhigga“ ist, weiß niemand so genau. Aber er tanzt viel – und ein Großteil der deutschen Tiktok-Community dürfte ihn bereits einmal gesehen haben. Tatsächlich ist „babywhigga“ in der Community inzwischen als „der Russe“ bekannt, der „ständig auf der Tiktok-Startseite auftaucht“. Und zwar immer mit demselben Tanz – und demselben Song. Ein User schreibt scherzhaft unter eines seiner Videos: „Ich sehe ihn öfter als meine Familie.“

„babywhigga“, ein Teenager mit schwarzem Beenie und Kapuzenpulli, tanzt liebend gern zu „Rasputin“, einem inzwischen 43 Jahre alten Song von Boney M. Die Choreografie ist dabei immer dieselbe: zunächst eine Art Verbeugung, dann eine Wellenbewegung mit der Hand, dann ein Bizepsflex – und das alles zu den altbekannten Lyrics: „There lived a certain man in russia long ago. He was big and strong, in his eyes a flaming glow.“

Was sich stets ändert, ist der Ort, an dem „babywhigga“ tanzt. Mal stürzt er aus einem U-Bahn-Tunnel, mal läuft er über eine Straße, mal tanzt er vor Polizeiautos – die Szenen dürften allesamt in Moskau aufgenommen worden sein. Der Song „Rasputin“ wird dabei nicht ganz originalgetreu wiedergegeben, etwa in der Mitte der Szene wird das Stück runtergepitcht und langsamer abgespielt.

Lukratives Geschäft für Urheber

„babywhigga“ dürfte maßgeblich dazu beigetragen haben, dass der uralte Boney-M.-Song gerade einen zweiten Frühling erlebt – wenngleich die Ursprungsidee eher auf den User @colinjay_ zurückzuführen ist. Rund vier Millionen Tiktok-Videos wurden inzwischen mit dem Stück aufgenommen, der Tanz ist dabei fast immer derselbe.

Für Boney M., und konkret für den Songwriter Frank Farian, dürfte der neue Hype ziemlich lukrativ sein: Wird ein Song auf der Plattform Tiktok zum Hit, dauert es nicht lange, bis sich das bei den Streamingzahlen auf den Musikportalen bemerkbar macht.

Auf Spotify beispielsweise avancierte „Rasputin“ dank des Tiktok-Hypes zum meistgestreamten Boney-M.-Song überhaupt, mit satten 144 Millionen Aufrufen. Zum Vergleich: Der erfolgreichste Hit der Band war bislang „Daddy Cool“ mit 125 Millionen Streams, „Sunny“ und „Rivers of Babylon“ wurden „nur“ rund 60 Millionen Mal abgespielt.

Uraltes Walfängerlied wird zum Hit

Geht man davon aus, dass Spotify Künstlern für einen Stream rund 0,003 Euro zahlt, dann hat „Rasputin“ inzwischen rund 432.000 Euro eingespielt, Gema-Tantiemen sind hier noch nicht eingerechnet. Und dabei dürfte es nicht bleiben: Der Musikkonzern Sony Music ist auf den Hype aufgesprungen und hat eine zeitgemäße Remixversion des Produzenten Majestic veröffentlicht, der immerhin bereits rund 300.000-mal gestreamt wurde. Eine große Marketingkampagne war für den Song nicht nötig – es genügte der Tanz einiger Teenager.

„Rasputin“ ist derweil kein Einzelfall: Immer wieder werden Songs durch die Plattform Tiktok zum Hit. Dazu gehören häufig unbekannte Produktionen, aber immer häufiger auch uralte Klassiker, für die wahrscheinlich selbst die Eltern der Tiktok-Teens inzwischen zu jung sein dürften.

Ein gutes Beispiel dafür ist auch das Lied „Wellerman“, ein ursprünglich aus Neuseeland stammendes Walfängerlied, das zwischen 1860 und 1870 entstanden sein dürfte. Der schottische Postbote Nathan Evans hatte auf Tiktok eine A-capella-Version des traditionellen Songs veröffentlicht und damit Millionen Aufrufe erzielt.

Meme bringt Fleetwood Mac zurück in die Charts

Evans bekam unzählige Anfragen von Plattenfirmen, das Label Polydor veröffentlichte „Wellerman“ schließlich offiziell. Rund 60 Millionen Mal wurden verschiedene Versionen des Songs inzwischen auf Spotify gestreamt, in Deutschland stand Evans mit seinem Shanty zwischenzeitlich auf Platz eins der Singlecharts.

Der Siebzigerhit „Dreams“ von Fleetwood Mac erlebte durch Tiktok ebenfalls ein ungeahntes Comeback: Ein Video des Users „420doggface208″, in dem er auf einem Skateboard fährt und dabei Cranberrysaft trinkt, wurde zum weltweiten Meme – und der Oldie aus dem Jahr 1977 zeitweise bis zu 500.000-mal am Tag gestreamt. Die Verkäufe des Songs stiegen um 184 Prozent in die Höhe – und das uralte Album „Rumours“ stieg wieder in die US-Charts ein.

Der Hit „I’m Just a Kid“ von Simple Plan erreichte in den ersten Wochen der Corona-Pandemie plötzlich Platinstatus – und zwar 15 Jahre nach seiner Veröffentlichung. Auch dieser Song war in einem bekannten Tiktok-Meme aufgetaucht und wurde tausendfach weiterverbreitet.

Warum fahren Teenager plötzlich auf Oldies ab?

Die Liste ließe sich ewig fortsetzen: „Babooshka“ von Kate Bush, „The Leanover“ von Life Without Buildings oder „Starman“ von David Bowie – all diese Songs tauchen plötzlich in Tiktok-Memes auf und erreichen damit Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung eine völlig neue Generation von Musikfans.

Erstaunlich ist das schon – schließlich haben die Produktionen früherer Epochen nicht viel mit dem gemeinsam, was sonst so auf der Plattform zum Hit wird. Zu nennen wären da etwa hochmoderne Pop- und Rap-Songs wie „Mood“ von 24kGoldn, „Old Town Road“ von Lil Nas X oder „Upside Down“ von Jvke. Warum also stürzt sich die Generation Z nun plötzlich auf alte Klassiker?

Eine Theorie ist, dass der Generation Z völlig egal ist, ob ein Song modern klingt oder nicht – es kommt vielmehr auf die Stimmung an. Auf Tiktok wird alte Musik mit neuen visuellen Elementen verbunden. Bislang gesichtslose Musikstücke aus längst vergangenen Zeiten bekommen dadurch eine völlig neue Bedeutung.

Songs bekommen neue Bedeutung

„Dreams“ von Fleetwood Mac beispielsweise steht seit der Skateboardfahrt von „420doggface208″ als Standarduntermalung für entspanntes Herumfahren. Auf Tiktok sieht man Menschen in Autos, auf Fahrrädern, Rollschuhen oder in Streifenwagen, genauso wie umherrutschende Hunde – alle untermalt mit „Dreams“ von Fleetwood Mac. Sogar Mitbegründer und Schlagzeuger Mick Fleetwood meldete sich extra bei Tiktok an, um den Hype um seinen Song in einem eigenen Video aufzugreifen.

Auch „Rasputin“, in dessen Musikvideo Boney M. vor 43 Jahren noch in silbernen Glitzerkleidchen auf Bühnen umhertanzten, hat heute auf Tiktok eine völlig andere Bedeutung. Diesmal tanzen düster blickende Teenager durch Straßen oder durchs eigene Kinderzimmer und lassen ihre Muskeln spielen. Ursprünglich war „Rasputin“ ein halbbiografisches Lied über Grigori Rasputin, einen Freund und Berater von Zar Nikolaus II. von Russland im frühen 20. Jahrhundert. Heute ist es ein Song, der den eigenen Bizeps huldigt.

Musikalisch kommen die Klassiker den Tiktok-Kids dabei entgegen. Der Produzent Timmy Dillow erklärte dem Portal NME, dass Musik aus früheren Epochen für Tiktok-Videos ein ganz essenzielles Element mitbringe: Sie sei vielschichtig, und häufig gebe es harte Harmoniewechsel, etwa zwischen Strophen und Refrains. Viele Tiktok-Videos setzen auf einen Überraschungseffekt, einen harten Sprung oder eine Pointe – dafür sei diese Musik ideal.

Musikkonzerne sichern sich Rechte an Klassikern

Bei „Rasputin“ von Boney M. beispielsweise ist das auch gegeben: Der Song beginnt mit einem erstaunlich langen Intro mit klimpernden Gitarren, später setzen ein Harmoniewechsel und Streicher ein. An dieser Stelle beginnen auch viele der Tiktok-Videos, etwa die von „babywhigga“, der aus einem U-Bahn-Tunnel stürzt. Wenn schließlich die Vocals einsetzen, beginnt der auf Tiktok typische Tanz. Durch das Runterpitchen dieser Stelle wird noch mal zusätzlich ein Überraschungseffekt erzielt.

Die Plattform Tiktok selbst weiß, dass sie die Musikbranche mit diesem ungewöhnlichen Trend mächtig durchschüttelt. „Plattenlabels und Künstler haben Tiktok als eines der leistungsstärksten Werbemittel im Geschäft anerkannt“, wird Ole Obermann, Global Head of Music bei Tiktok, von dem Magazin „NME“ zitiert. Je älter bestimmte Songs seien, desto besser ließen sie sich vermarkten – weil sie bei der Zielgruppe dann praktisch so unbekannt seien wie Neuerscheinungen.

Große Musikkonzerne haben längst auf diesen Trend reagiert: Unternehmen wie BMG und Universal Music kauften kürzlich ganze Songkataloge von Künstlern wie Bob Dylan, Stevie Nicks, Neil Young und vielen anderen auf. Auch ihre Songs waren alle in bekannten Tiktok-Memes aufgetaucht und werden seither deutlich häufiger gestreamt.

Von Matthias Schwarzer/RND