So sieht es bei den Hobbits in Peter Jacksons Version von „Der Herr der Ringe“ aus: Hier der Eingang zu einer Wohnhöhle in Hobbingen in Neuseeland.

„Der Herr der Ringe“: Verschwundene Version aus der Sowjetunion aufgetaucht

Die Perücken sitzen schief, die Spezialeffekte sind eher speziell als Effekt und der Ring, um sie alle zu knechten, sieht aus, als ob er aus golden angemalter Alufolie gebastelt worden ist. „Khraniteli“ (Die Bewahrer) heißt die russische Version von „Der Herr der Ringe“, die 1991 kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Fernsehen ausgestrahlt wurde – zehn Jahre bevor Peter Jackson seine oscarüberhäufte Filmtrilogie herausbrachte.

Danach wurde die Produktion nie wieder im Fernsehen gezeigt, bis der russische Fernsehsender 5TV die Low-Budget-Produktion aus den Archiven seiner Vorgängeranstalt, Leningrad Television, herauskramte und auf Youtube hochlud. Und die Resonanz ist enorm: Innerhalb von wenigen Tagen erhielt die Produktion, die in zwei Teile aufgeteilt ist und das erste Buch von J. R. R. Tolkien nacherzählt, über 800.000 Klicks.

„Der Herr der Ringe“ wurde erst spät ins Russische übersetzt

Es gab lange nach der Veröffentlichung von „Der Herr der Ringe“ im Jahr 1955 keine russische Übersetzung – unter anderem sollen dafür auch ideologische Gründe eine Rolle gespielt haben. So erzählt der Epos die Geschichte eines individuell gestalteten Westens, der sich in einer Allianz aus ganz unterschiedlichen Kreaturen gegen den bösen, übermächtigen und uniformistischen Osten zur Wehr setzt.

Die ersten Übersetzungen zirkulierten als Samisdat, also in heimlicher Selbstauflage, um der Zensur zu entgehen. Die erste offizielle Übersetzung kam 1982 heraus – jedoch nur der erste Band. Die zwei weiteren Bücher, „Die zwei Türme“ und „Die Rückkehr des Königs“, wurden erst Jahre nach der Ausstrahlung von „Khraniteli“ herausgebracht.

Dem Film ist das geringe Budget anzusehen: Manche Szenen haben einen schmierigen Film auf der Linse, um einen magischen Effekt zu erzielen. Die Kulissen wirken wie aus dem Theater entnommen und Feuerwerkeffekte wurden einfach aufgemalt. Wer sich „Khraniteli“ anschaut, der sucht nicht nach der filmischen Raffinesse, die Peter Jackson an den Tag gelegt hat. Wer diese Fernsehversion guckt, der schaut aus nostalgischen Gründen zu.

„Es gab kein Geld. Es gab keine Experten“

Die russische Künstlerin Irina Nazarova aus St. Petersburg mutmaßt, dass viele der Darsteller nicht bezahlt wurden – oder selbst aus eigener Tasche gezahlt haben, um die Produktion zu ermöglichen, wie sie im Interview mit der BBC berichtet. „Die Kostüme scheinen aus allen Leningrader Theatern zusammengestellt worden zu sein, in denen jemals ein Stück von Shakespeare oder Lope de Vega aufgeführt wurde, weshalb Gandalf wie ein fehlerhafter Ritter aussieht, und Elrond sein Outfit wohl von Othello geliehen hat“, sagt Nazarova weiter, die den Film selbst 1991 im TV sah. Doch betont sie auch, dass diese Produktion auch als Symbol für die Sowjetunion kurz vor dem Kollaps stehen kann. Es war ein verzweifelter Versuch, der Masse über das Fernsehen ein beliebtes Buch vorzustellen. Sie haben es ohne Hilfe geschafft. Es gab kein Geld, es gab keine Experten. Das sollten Zuschauer, die sich über die Produktion lustig machen, im Hinterkopf behalten.

Einfachste Mittel

Doch ist dies vielleicht auch ein Grund für die Begeisterung über die Sowjet-Version: Dass sich ein paar Leute zusammengetan haben, die „Der Herr der Ringe“ absolut geliebt haben, um das Buch mit einfachsten Mitteln irgendwie zugänglich zu machen. So gibt es Szenen, die die TV-Macher übernommen haben, die aber in Peter Jacksons Trilogie herausgestrichen wurden: So zum Beispiel der Besuch der Hobbits bei Tom Bombadil im Alten Wald. Es gibt Szenen, in denen die trashig wirkenden Effekte fehlen und beinahe eine würdevolle Ernsthaftigkeit aufkommt: so wie bei der Unterhaltung von Zauberer Gandalf und Bilbo. Auch wer kein Russisch spricht, versteht mit Kenntnissen zum Buch den Kontext dieser Szenen.

„Verdammt, die neue Amazon-Version von ‚Der Herr der Ringe‘ sieht aber gut aus“, witzelt ein Nutzer in den Kommentaren unter den Videos. Damit spielt er auf die neue Serie zum Buch an, die Amazon an den Start bringen will. Doch werden hier die Spezialeffekte wahrscheinlich etwas opulenter als Schmiere auf der Kameralinse sein: Schließlich soll die Produktion etwa eine Milliarde an Produktionskosten verschlingen – und damit zu den teuersten Fernsehproduktionen der Welt gehören. Die Filmemacher von „Khraniteli“ konnten von solchen Summen noch nicht einmal träumen.

Von Geraldine Oetken/RND