Szene aus „The United States vs. Billie Holiday“. Quelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Sonderbare Frucht des Südens: Das Drama „United States vs. Billie Holiday“

„Bäume im Süden tragen eine sonderbare Frucht: Blut auf den Blättern, Blut an der Wurzel (…) Schwarze Körper schaukeln in der Brise des Südens, eine sonderbare Frucht hängt von den Pappeln.“ Mit ihrer unverwechselbaren Stimme intonierte Billie Holiday diese Zeilen in ihrem Song „Strange Fruit“, der von den Lynchmorden in den Südstaaten erzählte. Zum ersten Mal sang sie den Text von Abel Meeropol 1939 im New Yorker „Café Society“ – dem einzigen Jazzclub, der damals für Schwarze und Weiße gleichermaßen offenstand.

Die zarte Dringlichkeit der Stimme, die Art, wie Holiday die Worte formt und deren schaurige Poesie herausarbeitet – auch heute kann man sich der Wirkung dieses Songs nicht entziehen. Damals hat dies das weiße US-Establishment erkannt und das Lied, dessen Komponist und Autor Meeropol Mitglied der kommunistischen Partei war, als „unamerikanisch“ gebrandmarkt. Die Sängerin geriet ins Visier der Bundespolizei, die alles daran setzte, die Aufführungen von „Strange Fruit“ zu verhindern. Aber Holiday hielt an dem Song fest – ihr ganzes kurzes Leben lang.

In seinem Biopic über die Jazzlegende macht Regisseur Lee Daniels („Monster’s Ball“) den Konflikt um das antirassistische Musikstück zum Dreh- und Angelpunkt der Erzählung, ohne die Sängerin zur politischen Kämpferin zu stilisieren. Vielmehr lässt sich das Drehbuch von Suzan-Lori Parks („Girl 6“) beherzt auf die emotionale Widersprüchlichkeit Holidays ein, die in verrauchten Jazzclubs das Publikum in ihren Bann zieht, aber nicht nur von den Behörden, sondern auch von eigenen traumatischen Erlebnissen verfolgt wird.

Die Tochter einer Prostituierten wurde im Alter von elf Jahren vergewaltigt und geriet wie viele Missbrauchsopfer immer wieder in gewalttätige Beziehungen. Ihren kurzen Frieden fand sie im Heroin – und genau hier sah der Chef des „Federal Bureau of Narcotics“ Harry Anslinger (Garrett Hedlund) den Hebel, um die Künstlerin hinter Gitter zu bringen. Der bekennende Rassist setzte den schwarzen Agenten Jimmy Fletcher (Trevante Rhodes) auf Holiday und ihre Freunde an.

Wenig später wurde die Sängerin wegen Drogenkonsums verhaftet und zu 366 Tagen Haft ohne Bewährung verurteilt. Als sie aus dem Knast kam, füllte sie mit ihrem ersten Konzert die Carnegy Hall, und ein paar Jahre später sang sie wieder „Strange Fruit“.

Mit Hingabe und Feingefühl spielt die Soulsängerin Andra Day die Titelrolle und ist in ihrem ersten Spielfilm eine Offenbarung. Unglaublich, wie nah sie sich in den zahlreichen Konzerteinlagen an die Stimme der Jazzlegende heransingt. Das ist eine musikalische Reinkarnation, die sich aus einem tiefen Verständnis Holidays herleitet. Zu Recht wurde Day für den Oscar nominiert. Wäre da nicht auch noch Viola Davis im Rennen, die in „Ma Rainey’s Black Bottom“ eine Blues­iko­ne verkörpert, würde man sein letztes Hemd auf sie verwetten.

„United States vs. Billie Holiday“, VoD-Start, Regie: Lee Daniels, mit Andra Day, Trevante Rhodes, Garrett Hedlund, 130 Minuten

Von Martin Schwickert/RND