Donnerstag , 6. Oktober 2022
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Was bleibt von Corona? Auf jeden Fall die Lust auf ein Picknick, findet RND-Kolumnist Wladimir Kaminer. Quelle: Christin Klose/dpa-tmn/Montage RND

Was bleibt nach Corona? Das Picknick auf jeden Fall

Die Bundesnotbremse hatte Nebenwirkungen, der Frühling wurde ausgebremst, es hagelte und schneite im Mai. Trotzdem standen Krokusse, Narzissen und Tulpen ungewöhnlich lange in voller Pracht, als wären sie schon alle geimpft.

Die Maiglöckchen wurden auf später vertröstet, sie bekommen erst Ende Juni einen Termin. Dafür erwachen die Flieder zum Leben, auch die Menschen kehren auf die Straßen zurück, sie erobern öffentlichen Raum, der früher fast ausschließlich den Bettlern und den Obdachlosen zustand.

Auf jeder Bank, unter jeder Brücke, auf jedem Kinderspielplatz picknicken die Menschen. Was haben wir schon alles ausprobiert: Suppen im Glas, Fisch in die Zeitung gewickelt, Schalen mit Nudeln, Cocktails aus der Tüte. Die Kinder auf dem Spielplatz spielen statt Verstecken Ansteckspiele.

„Du hast Corona, Nora! Steck an!“ Sie laufen einander hinterher und wer angesteckt war, musste in die Quarantäne unter die Bank klettern. Nun dürfen wir als 3-G-Gesellschaft in die Biergärten: Genesene, Geimpfte und Getestete.

Was wird Corona hinterlassen?

Und was wird Corona hinterlassen? Werden wir weiter soziale Distanz bewahren, Masken tragen, einander nicht die Hand geben? Alles wird schnell vergessen sein, wir haben schon Schlimmeres vergessen. Wir werden einander umarmen, alle Haushalte einladen und feiern, bis der Arzt kommt.

Das Einzige, was bleibt, wird dieses Picknicken sein, weil es so nett war, auf einer Bank zu sitzen und auf dem auf den Knien liegenden Pappteller zu stochern. In einem Jahr werden wir uns fragen, war da was? Ein Ausrutscher auf dem Seil des Fortschritts. Wir haben die Hände nicht gewaschen.

Wladimir Kaminer schreibt jede Woche aus seinem Alltag als Schriftsteller – zwischen Moskau und Berlin.

Von Wladimir Kaminer/RND