Migranten aus verschiedenen afrikanischen Nationen warten in einem Boot auf Helfer der spanischen NGO Open Arms, die sich ihnen 122 Meilen vor der libyschen Küste im Mittelmeer nähern. In Berlin eröffnet die Dauerausstellung im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung im Deutschlandhaus. Quelle: Bruno Thevenin/AP/dpa

Nach langem Streit: „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ öffnet in Berlin

Berlin. Das riesige Panoramafenster im ersten Stock ist hinter grauen Vorhängen verhangen, aus konservatorischen Gründen. Die Original-Ausstellungsstücke im „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ müssen vor direktem Sonnenlicht geschützt werden. Da steht der irdene Milchtopf, den Hubert Zimmermanns Familie 1945 bei der Flucht aus Pommern als Proviantgefäß mitnahm, daneben das Modellflugzeug, das der sechsjährige Anton 1990 auf der Reise aus Kasachstan in die Bundesrepublik geschenkt bekam. Ein zurückgelassener Männerschuh aus einem Rettungsboot im Mittelmeer. Ein Klapprad, mit dem ein Flüchtling auf der „Arktisroute“ die russisch-norwegische Grenze überquerte.

Über eine gewundene Treppe, quasi durch ein schwarzes Loch, geht es dann in den zweiten Stock, in die Darstellung der Vertreibungs- und Integrationsgeschichte der Deutschen aus dem Osten. Aber auch hier fehlen die aktuellen Bezüge nicht. Da gibt es – Klassiker aller Vertriebenenausstellungen – nicht nur den Leiterwagen, sondern auch den Schlüssel zum verlorenen Heim. Doch es geht nicht nur um die „Villa Ilse“ in Königsberg, zu der der Schlüssel einst passte. Es gibt auch ein Interview mit einer Kurdisch-Lehrerin, die 2015 aus Syrien floh. Sie sagt den Satz aller Exilanten: „Ich war sicher, wir können noch einmal zurückgehen.“

Der architektonische Kommentar: „Sowas kommt von sowas“

Das „Deutschlandhaus“ am Anhalter Bahnhof in Berlin wurde für das Zentrum für 63 Millionen Euro umgebaut. Das österreichische Architekturbüro „marte.marte“ hatte mit dem Panoramafenster eigentlich eine Blickachse herstellen wollen – hinüber zur „Topographie des Terrors“, wo die zentralen Behörden der nationalsozialistischen Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik ihren Sitz hatten. Es sollte ein architektonischer Kommentar werden, ein „sowas kommt von sowas“. Keine Erinnerung an Flucht und Vertreibung von 14 Millionen Menschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße ohne Gedenken an die Opfer des Regimes, das für Vernichtungskrieg und Holocaust verantwortlich ist.

Politisch korrekt bis zum Genderstern

Dass dieser Sichtbezug nun fehlt, ist misslich, wird aber durch die Ausstellung mehr als aufgewogen. Sie atmet an jeder Stelle das Bemühen, eine einseitige deutsche Opfererzählung zu vermeiden, ist bis zu den freigebig verwendeten Gendersternen in den Ausstellungstexten politisch korrekt.

Die Ausstellung habe den Anspruch, „eine europäische Geschichte“ der Zwangsmigrationen vom 20. Jahrhundert bis heute zu erzählen. Im Mittelpunkt stehen aber dennoch Flucht und Vertreibung von rund 14 Millionen Deutschen – „im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Politik“, wie Direktorin Gundula Bavendamm wiederholt betonte. Ihr Anspruch sei es, das von jahrzehntelangem Streit geprägte Projekt „im Windschatten“ zu halten. „Wir suchen nicht den Streit“, sagt sie zur Eröffnungspressekonferenz.

Die Direktorin hat den Streit beigelegt

Im Windschatten aber kann man keine Regatta fahren, auch keine erinnerungspolitische. 2005 – vor 16 Jahren – bekannte sich die erste GroKo im Koalitionsvertrag „zur gesellschaftspolitischen wie historischen Aufarbeitung von Zwangsmigration, Flucht und Vertreibung“. Unionsparteien und SPD beschließen, ein „sichtbares Zeichen“ in Berlin zu setzen, um „an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten“. Schon damals fragten Sprachästheten, ob ein „sichtbares Zeichen“ nicht das Äquivalent zum „weißen Schimmel“ sei.

Bavendamms hat es nun mit der realen wie metaphorischen Verschattung des Zentrums geschafft, ein nach außen kaum noch sichtbares Zeichen zur Eröffnung zu bringen. Am Montag kommt die Bundeskanzlerin, am Mittwoch das Publikum, den 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion nimmt man elegant in die Mitte, um sich nicht auf ihn zu beziehen.

Die interaktiven Stationen (jede Besucherin und jeder Besucher kann eine Flucht- oder Migrationsroute aus der Familiengeschichte auf eine digitale Karte zeichnen) sind moderiert, auf rechtsextreme Vereinnahmungsversuche ist man vorbereitet. Auf große Aktivitäten in den sozialen Netzwerken verzichtet das Haus. Bloß vorsichtig sein.

Die Leistung der seit 2016 amtierenden, durchsetzungsstarken Direktorin aber ist es, ein Objekt erbitterten Streits nach 21 Jahren zum glücklichen Abschluss gebracht zu haben.

Erika Steinbach war es, die damalige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, die 1999 für ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ warb. Sie holte den SPD-Politiker Peter Glotz an Bord, Kind von Sudetendeutschen. Glotz verstarb 2005. Steinbach schuf ihr eigenes Gegenprojekt und verließ die CDU nach rechts außen. Der große Einfluss der Vertriebenenorganisationen blieb, sie haben sechs Mitglieder im Stiftungsrat.

„Verstehen, was Verlust bedeutet“

Wie stark das Schicksal der deutschen Vertriebenen bei der geplanten Dauerausstellung im Mittelpunkt stehen sollte, war Thema von teils erbitterten Debatten. Vor allem in Polen gab es Befürchtungen, die Deutschen könnten sich selbst zu Opfern machen und so von ihrer Schuld in der Nazi-Zeit ablenken. Erst Bavendamm gelang es, den renommierten polnischen Historiker Piotr Madajczyk wieder in den Wissenschaftlichen Beraterkreis zurückzuholen.

Ihr Leitsatz für das Zentrum lautet: „Verstehen, was Verlust bedeutet.“ Ein Satz, der in die Zukunft weist. Und mit dem dieser Ort wieder vor den Wind kommen kann.

Von Jan Sternberg/RND