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Spielt nicht wie jeder Mann: Schauspieler Lars Eidinger im Schauspiel von Hugo von Hofmannsthal. Quelle: Barbara Gindl/APA/dpa

„Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen: Die Kunst ist lang, das Haar kurz

Als Verena Altenberger auf die Salzburger Bühne kommt, brandet Applaus auf. Nichts Besonderes eigentlich, schließlich lässt sich das auch über den überpräsenten Mirco Kreibich, die geheimnisvolle Angela Winkler und jedes andere Mitglied des diesjährigen herausragenden „Jedermann“-Ensembles sagen. Aber bei der aktuellen Darstellerin der „Buhlschaft“ ist es dann doch etwas Erwähnenswertes. Wegen der Haare.

Wegen der Haare? Ja, wirklich. Wegen der Haare. Man sollte ja nicht denken, dass die Frisur einer Schauspielerin im Jahr 2021 noch ein Thema für ausschweifende Debatten sein kann. Doch anlässlich der traditionsreichen Salzburger „Jedermann“-Inszenierung ist dieses Jahr tatsächlich einer der wichtigsten Diskussionsstoffe, dass Verena Altenberger als „Buhlschaft“ ihren „Jedermann“ mit Kurzhaarfrisur bezirzt.

Altenberger hat sich auf Twitter und all den anderen Beschimpfungsplattformen zahllose Beleidigungen und Schmähungen anhören müssen. Auch das Argument, dass sie die kurzen Haare wegen eines Films trägt, in dem sie eine Krebskranke spielt, konnte die Langhaarfraktion nicht besänftigen. „Ich habe überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass das bedeutet, dass ich dann mit zwei Zentimeter langen Haaren die Buhlschaft spiele, weil ich dachte, es sei völlig egal“, sagte Altenberger kürzlich im Deutschlandfunk. „Und hätte man mich gefragt, ob ich mir für die Buhlschaft die Haare abrasiere, hätte ich gesagt: Come on! Damit kann man doch 2021 niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken! Lassen wir das! Insofern bin ich höchst, höchst überrascht.“ Sie fühle sich auf der Bühne als Buhlschaft „so wahnsinnig voll in meinem Frausein. Ich fühle mich extrem weiblich, ich fühle mich extrem schön, ich fühle mich verführerisch, ich fühle mich auch verführt.“

Ein überragender Lars Eidinger spielt die Hauptrolle

Bei all der Diskussion gerät ein wenig in den Hintergrund, wie grandios das Spiel von Altenbergers Bühnenkolleginnen und -kollegen ist, allen voran Lars Eidinger, der den „Jedermann“ in diesem Jahr zum ersten Mal gibt. Seine Interpretation stellt das herkömmliche Männlichkeitsideal in Frage. Gleich zu Beginn sitzt er halbbedeckt vom langen Kleid der „Buhlschaft“, nicht mehr als der Unterbau der Frau. Eidinger stolziert in seiner Rolle in Frauenklamotten und Stöckelschuhen herum, männliche Stereotypen zertrippelnd und zertrampelnd.

Aber egal, ob Mann oder Frau, einer wartet immer auf uns. Oder eine? Hier ist der Tod eine Frau. Die überwältigende Grand Dame Edith Clever redet mit klarer, durchdringender Stimme als Tod dem „Jedermann“ ins Gewissen und holt ihn zu sich. Auch wenn der egoistische, reiche, mitleidlose Kerl noch eine Ehrenrunde drehen darf, um durch die Rückkehr zum Glauben und die Abkehr vom Bösen einen angenehmeren Gang ins Himmelreich antreten zu können: Seinen Anspruch auf ein irdisches Leben hat er verwirkt.

Abgesang auf die traditionelle Rolle des Mannes

Oder ist das alles anders zu verstehen? Holt der gesellschaftliche Tod bald nicht nur „Jedermann“, sondern auch jeden Mann zu sich? Zumindest jeden Mann, der von der Überlegenheit des eigenen Geschlechts träumt und es noch immer ablehnt, die eigene Rolle zu überdenken? Lars Eidinger spielt seinen „Jedermann“ als einen, der sich sichtbar unwohl in seiner überlieferten und überholten gesellschaftlichen Position fühlt. Jedenfalls hat es der aktuelle Protagonist der Salzburger Festspiele mit vielen Frauen in ehemals traditionellen Männerrollen zu tun. Mavie Hörbiger spielt Gott und Teufel, Edith Clever den Tod und Kathleen Morgeneyer den Glaube.

In seiner Neuinszenierung hat Michael Sturminger eine moderne, aktuelle und tiefgehende Bühnenwelt geschaffen, ohne den Zauber des alten Stücks zu zerstören. Und bilderreich ist sie auch: Da Vincis „Abendmahl“ wird ebenso zitiert wie Michelangelos „Pietà“. Die Inszenierung wird in Erinnerung bleiben als ein Abgesang auf den Mann und als gesellschaftskritische Götterdämmerung. Nicht zuletzt deshalb hat Eidinger Brechtzitate als Fremdtexte Hugo von Hofmannsthals Originaltext beigemischt. Dass die Diskussion um die Frisur der „Buhlschaft“ so wunderbar die Kernaussagen der Inszenierung widerspiegeln, hätte sich kein Mensch besser ausdenken können.

Der beste Kommentar zur Diskussion um Verena Altenbergers fehlende Haarpracht war allerdings aus dem Publikum zu hören. Vor dem Beginn des Schauspiels erklärte ein offenbar erfahrener Salzburggänger einem offenbar weniger erfahrenen Begleiter, dass es in diesem Jahr eine heftige Diskussion um die aktuelle „Buhlschaft“ gebe. Schließlich trage sie kurze Haare.

Die Antwort des augenscheinlich welt- und lebensoffenen Begleiters war kurz und entwaffnend: „Na und?“

Von Kristian Teetz/RND