Donnerstag , 20. Januar 2022
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Mit dieser Frau ist nicht zu spaßen: Carey Mulligan in „Promising Young Woman“. Quelle: Merie Weismiller Wallace; SMPSP

„Promising Young Woman“: Carey Mulligan als feministischer Rache­engel

Die junge Frau im Nacht­club hängt mehr auf ihrem Platz, als dass sie sitzt. Sie kann sich kaum mehr aufrecht halten, die Augen fallen ihr beinahe zu. Ihr Körper droht jeden Moment zur Seite zu sacken. Cassie (Carey Mulligan) legt alle Anzeichen einer Sturz­betrunkenen an den Tag.

An der Theke lauern schon die Geier: Eine Männer­gruppe, Typ: liberales Büro­bürgertum, hat sie in den Blick genommen. Die Beute liegt zum Greifen nahe. Jeden­falls sieht alles danach aus.

Schein­heilig macht sich ein gewisser Jerry an die junge Frau heran: „Geht es Ihnen gut?“ Kurz darauf schleppt er die vermeintlich wehr­lose Cassie ab in sein Apartment. Eine Art zustimmendes Gemurmel hat sie ja schließlich von sich gegeben. Ein leichtes Opfer glaubt er vor sich zu haben.

Doch als der Mann zudringlich wird, sich über die schon auf dem Bett Liegende beugt und sich an ihrem Slip zu schaffen macht, lässt Cassie die Maske fallen: „Was tust du da?“ Glas­klar und eis­kalt dringt ihre Stimme durch den Raum. Plötzlich sitzt sie aufrecht. Kein Zweifel: Diese Frau ist stock­nüchtern. Der Typ erschrickt, als sei eine Tote zum Leben erwacht.

In dieser Nacht macht Cassie einen weiteren Strich in ihr kleines Notiz­heft, so wie früher Skalp­jäger Kerben in den Kolben ihres Gewehrs ritzten. Viele Seiten in dem Heft hat Cassey schon mit bunten Strichen gefüllt.

„Promising Young Woman“ ist alles andere als eine harmlose Angelegenheit, auch wenn die Farben quietsch­bunt sind und der Film zwischen­zeitlich an eine Collegekomödie erinnert – bloß dass die Figuren allesamt mindestens ein Jahr­zehnt zu alt für dieses Genre sind.

Bei dem Regie­debüt der Britin Emerald Fennell, die auch das Dreh­buch schrieb, handelt es sich um eine bitter­böse Satire und gegen Ende auch um einen Thriller, getarnt als heitere Komödie. Die Filme­macherin spielt mit Genre­versatzstücken und reißt die Zuschauer immer wieder überraschend aus ihren Erwartungen heraus. Nie weiß man hier, woran man ist.

Cassie ist ein Rache­engel

Seit der Oscar­verleihung im April trägt der Film noch ein anderes Qualitäts­label. Da wurde Fennell – bis dahin kannte man sie als Schau­spielerin durch ihre Rolle als Camilla Parker Bowles in dem Netflix-Ereignis „The Crown“ und als Drehbuch­autorin der Fernseh­serie „Killing Eve“ – mit dem Preis fürs beste Original­drehbuch ausgezeichnet. Seitdem gilt „Promising Young Woman“ als erster Revenge-Film zur Me-Too-Debatte, geradezu als ein Manifest.

Cassie ist ein Rache­engel – und erinnert in ihrer Haltung mit den ausgebreiteten Armen in der anfangs beschriebenen Club­szene durchaus an eine Gekreuzigte. Genauso kommen aber auch Assoziationen an Quentin Tarantinos Rache­film „Kill Bill“ hoch – auch wenn es hier, zumindest körperlich, weniger gewalt­tätig zugeht. Und schon bei Tarantino galt der immer wieder gern zitierte Spruch: „Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.“

Aus Not­wehr geborene Bösartigkeit

Cassie war mal eine hoffnungs­volle Medizin­studentin, eben eine „Promising Young Woman“. Jetzt jobbt sie in einem Café und wohnt wieder bei ihren Eltern. Ihr Studium hatte sie abgebrochen, nachdem sich ihre beste Freundin Nina das Leben genommen hatte. Nina war an der Hoch­schule Opfer einer Vergewaltigung geworden. Über den Tod der Freundin ist Cassie nie hinweg­gekommen. Deshalb ist sie jetzt auf ihrem Rache­feldzug – und wird zu einer ambivalenten Figur.

Für Carey Mulligan ist diese Carey eine belebende Erweiterung ihres Repertoires: Oft war sie die Unschuldige, Süße, gern im Rüschen­kostüm, egal wie differenziert sie in „Alles, was wir geben mussten“ (2010) oder „Die Ausgrabung“ (2020) agierte. Hier strahlt sie eine aus Not­wehr geborene Boshaftigkeit aus.

Manche haben „Promising Young Woman“ als Männerhasser­film bezeichnet: In jedem Mann stecke ein potenzieller Vergewaltiger. Tatsächlich attackiert die Regisseurin eine von Männern dominierte Gesellschaft. Aber die Frauen, die sich ihrem Schicksal ergeben, bekommen ebenso ihr Fett weg. Cassie kümmert sich schon darum mit ihren perfiden Schach­zügen.

Da ist die Universitäts­dekanin, die ihre übergriffigen Studenten in Schutz nimmt – bis sie die Gefahr erkennen muss, in der ihre eigene Tochter dank Cassies Zutun gerade steckt. Und da ist Cassies ehemalige Mitstudentin, die geneigt ist, Frauen die Schuld zu geben für alles, was danach passiert, wenn sie zu viel getrunken haben. So etwas wird sie wohl nie wieder behaupten, nachdem sie in die von Cassie gestellte Falle getappt ist.

Die Vergangenheit wird Cassie nicht mehr los. Im Gegenteil: Sie steckt wieder mittendrin, als sie einen sympathischen ehemaligen Kommilitonen von ihrer Universität trifft. Und so viel darf verraten werden: Die Regisseurin Fennell lässt den Kino­zuschauer bis zum Schluss nicht mehr vom Haken. Erleichtert geht hier niemand nach Hause.

„Promising Young Woman“, Regie: Emerald Fennell, mit Carey Mulligan, Bo Burnham, Alison Brie, Adam Brody, Jennifer Coolidge, 108 Minuten, FSK 16.

Von Stefan Stosch/RND