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Zwei fahren Schlitten. Sebastian Blomberg (l.) und Dar Salim in einer Szene des Films „Curveball“. Quelle: Verleih

Wahre Lügen – Politsatire „Curveball“ erzählt, wie die US-Armee in den Irak-Krieg zog

Es war die verhängnisvollste Rede seines Lebens: Am 5. Februar 2003 tat US-Außenminister Colin Powell vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen alles, um einen Krieg gegen den Irak zu rechtfertigen. Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen, er müsse gestoppt werden, forderte Powell. Seine Worte illustrierte er mit Skizzen von gigantischen Lastwagen, auf denen der raffinierte Diktator die tödlichen Substanzen kreuz und quer durchs Land chauffieren lasse. Die UN-Kontrolleure hätten die rollenden Biowaffenlabore gar nicht finden können.

Schon damals sahen die Zeichnungen wie aus einer Legostein-Bauanleitung fotokopiert aus. Wer nun den Spielfilm „Curveball“ schaut, in den sich die Archivszene mit Powell organisch einfügt, wird dessen Illustrationen künftig unvermeidlich mit jenen Stricheleien verbinden, die ein irakischer Asylbewerber in Sekundenschnelle auf eine Papierserviette gekritzelt hat.

Regisseur Naber betont: eine wahre Geschichte – leider

„Eine wahre Geschichte“ lautet die Einblendung zu Beginn der situationskomischen Politsatire von Regisseur Johannes Naber. Und dann folgt noch ein einziges weiteres Wort: „Leider.“

Filmemacher rufen die Wirklichkeit gern als Zeugen auf, so als würde ihre Geschichte dadurch automatisch an Relevanz gewinnen. In diesem Fall aber funktioniert die Verbindung. Die Story dahinter ist unglaublich.

Wir blenden hinein in die mit dunklen Schrankwänden zugestellte Abteilung 1 des Bundesnachrichtendienstes in München-Pullach. Soeben glauben die verbeamteten Agenten, einen Coup zu landen. Ein irakischer Chemieingenieur ist ihnen „vor die Flinte gelaufen“, wie es der joviale Abteilungsleiter Schatz (Thorsten Merten) ausdrückt. BND-Biowaffenexperte Wolf (Sebastian Blomberg), scherzhaft „Wüstenfuchs“ genannt und gerade gegen seinen Willen zurück aus Bagdad, soll die Glaubwürdigkeit des Mannes überprüfen.

Keiner will Fußabtreter der CIA sein

Die Versammlung ist mit bissigem Witz in Szene gesetzt: Männer unter sich in der unverbrüchlichen Überzeugung, die Welt im Griff zu haben. Karrierehickhack inklusive: „Alle wollen hier James Bond spielen“, sagt der eine wütend, der mit Pfeife im Mund Sherlock Holmes spielt und dem der Fall entzogen wird. Alle zusammen triumphieren, dass sie endlich nicht mehr der „Fußabtreter der CIA“ sind.

Wolf trifft bei seinen Befragungen im Flüchtlingsaufnahmelager Zirndorf auf einen nach Cola süchtigen Asylbewerber, der vor allem eines will: in Deutschland bleiben. Rafid Alwan (Dar Salim) versteht es, Wolf immer wieder Knöchelchen hinzuwerfen, nach denen dieser wie ein Hund schnappt.

Mit diesem Bild wird es später die CIA-Kollegin Leslie (Virginia Kull) beschreiben, die in einer der schönsten Filmszenen in einem sexy Skitarnanzug wie ein Bond-Girl durch die bayerischen Alpen stapft. Es kommt zu einer Schlittenverfolgungsjagd, an der ein humorbegabter 007 seinen Spaß gehabt hätte (also nicht unbedingt Daniel Craig). Ebenso gelungen ist die Szene, in der Abteilungsleiter Schatz imaginiert, wie das Häppchengelage im BND-Garten zur Feier der eigenen Großartigkeit in einem Anthrax-Anschlag endet.

„Curveball“ weckt Erinnerungen an „Wag the Dog“

Regisseur Naber versteht sich darauf, seine Figuren vorzuführen, ohne ihnen letzte Sympathien zu rauben. Ähnlich ging er schon in seiner fiktiven, aber ebenfalls einer zynischen Wirklichkeit abgeschauten Kapitalismussatire „Zeit der Kannibalen“ (2014) vor. Da brachte er ein Grüpplein raffgieriger Unternehmensberater im Hotel eines Bürgerkriegslandes zusammen.

Bei „Curveball“ werden Erinnerungen an Hollywoodsatiren wie „Wag the Dog“ (1997) mit Dustin Hoffman wach. Ein US-Präsident ließ mal eben von Hollywood einen Krieg in einem fernen Land erfinden, um seine Wahlniederlage doch noch abzuwenden.

„Curveball“ aber ist nahe dran an der Wirklichkeit: Der BND hielt seinem Informanten – benannt nach einem mit Effet angeschnittenen Baseballwurf – auch dann noch die Treue, als dieser schon als Lügner enttarnt worden war. Alwan wurde mit 3000 Euro monatlich alimentiert. Den befreundeten Geheimdiensten teilte man besser nichts von der peinlichen Entlarvung mit – und auch denen war es nach den Terroranschlägen vom 11. September lieber, die Informationen nicht zu hinterfragen. All das kann man nachlesen oder in Dokumentarfilmen nachschauen. Auch Alwan hat sich später in Interviews geäußert.

Die deutsche Regierung wusste von Powells Lügenmärchen

Die deutsche Bundesregierung wusste von dem Lügenmärchen, als Powell seine Rede vor dem UN-Sicherheitsrat hielt. Außenminister Joschka Fischer saß dem Gremium als Präsident vor – und schwieg. Der damalige Chef des Kanzleramtes sei übrigens heute der Bundespräsident, heißt es süffisant im Abspann.

Am Ende von „Curveball“ sehen wir die Bilder vom brennenden Bagdad, die sich aus dem Krieg 2003 in unser Gedächtnis eingebrannt haben. Jahre später hat Powell die Rede reumütig als „Schandfleck seiner Karriere“ bezeichnet.

„Curveball – Wir machen die Wahrheit“, Regie: Johannes Naber, mit Sebastian Blomberg, Thorsten Merten, Dar Salim, Virginia Kull