Anzeige
Mit dem Mut der Verzweiflung: Jesse Eisenberg als Marcel Marceau in „Résistance“. Quelle: picture alliance / Everett Collection

Ansichten eines Clowns: das Historiendrama „Résistance“ mit Jesse Eisenberg

Ob es wirklich so war, wie es sich dieser Film im Rückblick ersehnt? Hat der später weltberühmte Pantomime Marcel Marceau tatsächlich traumatisierten jüdischen Kindern ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, indem er mit ihnen zusammen das Auspusten einer gar nicht vorhandenen Kerze imaginierte? Hat Marceau die Kinder zu Überlebenszwecken in der Kunst der Stille trainiert?

Das Märchen vom Unsichtbarmachen

Und hockte er tatsächlich mit seinen Schützlingen in Baumkronen nahe der Schweizer Grenze und machte sich mit ihnen sinnbildlich unsichtbar, als die Nazi-Häscher ihnen unten auf dem Boden schon dicht auf den Fersen waren?

Fakt ist: Der Künstler, der nach 1945 als Clown Bip mit weiß geschminktem Gesicht das Publikum mit seinen Auftritten weltweit faszinierte, rettete im Zweiten Weltkrieg annähernd 100 jüdischen Kindern das Leben. Als Pfadfinder verkleidet lotste er sie in mehreren Gruppen über die Alpen in die Schweiz.

Marceau riskierte alles für die Waisenkinder

Marceau, aufgewachsen als orthodoxer Jude namens Marcel Mangel und Sohn eines Schlachters in Straßburg, hatte sich der französischen Résistance angeschlossen. Er riskierte alles für die Waisenkinder, um sie vor der Vernichtungswut der Deutschen zu retten.

Was für eine tröstliche Vorstellung: Der Künstler Marcel Marceau (gespielt vom Amerikaner Jesse Eisenberg, bekannt aus „Social Network“) übt mit seinen ganz eigenen Mitteln Widerstand gegen die barbarischen Besatzer.

Dem Film ist die historische Wahrheit egal

Verwunderlich, dass nicht längst schon jemand diese Geschichte fürs Kino entdeckt hat. Schön, dass der venezolanische Regisseur Jonathan Jakubowicz in „Résistance“ diesen besonderen Widerstandskämpfer nun ausgiebig würdigt. Und schade, dass dem Film die historische Wahrheit grundsätzlich schnuppe ist.

Als wäre das Leben Marcel Marceaus nicht reich genug für einen Film, fabuliert der Regisseur und Drehbuchautor Jakubowicz eine Art Duell mit dem gefürchteten Gestapochef von Lyon herbei. SS-Obersturmführer Klaus Barbie war bekannt als der „Schlächter von Lyon“. Marceau hatte es nach Limoges verschlagen. Die Entfernung dazwischen beträgt knapp 400 Kilometer.

Immerhin bietet diese Rolle Matthias Schweighöfer die Gelegenheit, einen sadistischen Nazi par excellence zu verkörpern. Schweighöfer – auch als Produzent dabei – legt seinen Barbie wie einen psychopathischen Serienkiller an, von denen sich seit „Hannibal Lecter“ einige im Kino tummeln.

Die Nachfahren Marceaus haben sich von dem Film distanziert

Der Regisseur erfindet auch noch eine Liebesgeschichte (mit Clémence Poésy), und Ed Harris hat in einer sinnstiftenden Rahmenhandlung einen Auftritt als wortmächtiger US-General George S. Patton. Regisseur Jakubowicz scheut nicht davor zurück, die Historie zu instrumentalisieren, wie es ihm gefällt. Überzeugend besetzt ist immerhin Jesse Eisenberg als beinahe zerbrechlich wirkender Pantomime.

Marcel Marceaus Nachkommen haben sich von dem Film „Résistance“ distanziert. Das kann man nachvollziehen.

„Résistance – Widerstand“, Regie: Jonathan Jakubowicz, mit Jesse Eisenberg, Matthias Schweighöfer, 122 Minuten, FSK 12

Von Stefan Stosch/RND