Donnerstag , 9. Dezember 2021
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Helene Fischer hat ihr neues Album „Rausch“ veröffentlicht. Quelle: Sandra Ludewig/Universal Music/d

Ist das noch Schlager? Die neuen Songs von Helene Fischer im Schnellcheck

Berlin. Eine komplette Neuorientierung, wie im Vorfeld vielfach spekuliert wurde? Weg vom Schlager? Hier erfahren Sie, wo Helene Fischer im Jahr 2021 steht: die 18 Songs vom neuen Album „Rausch“ im Schnellcheck.

„Volle Kraft voraus“

Den ersten Song des Albums widmet Helene Fischer einem ganz besonderen Menschen: ihrem Ex. „Hielten uns im Arm und jede Strömung miteinander aus“, singt die Schlagerkönigin zu Piano und Geigen, „doch jede Reise hat ein Ende“. In einem Youtube-Video verriet sie bereits, was beim Hören sowieso klar ist: Sie meint Florian Silbereisen. „Es gab wunderschöne Zeiten, und das ist meine Art, ‚danke‘ zu sagen.“ Ein bemerkenswerter und wahnsinnig persönlicher Einstieg. „Die Erinnerung wird ewig leben / Pass gut auf dich auf!“

„Wenn alles durchdreht“

„Wenn alles durchdreht, blick ich zu dir / Mein Ruhepunkt, wenn ich auch noch so rotier‘“ – damit meint sie wohl nicht mehr Silbereisen, sondern eher ihren neuen Partner Thomas Seitel, mit dem Helene Fischer seit 2018 zusammen ist und nun ein Kind erwartet. „Wenn alles durchdreht“ singt sie mit leicht angerauter Stimme, ein bisschen wie Kim Carnes damals in „Bette Davis Eyes“, und dazu pumpt ein kräftiger Beat – die erste richtige Schlagernummer des Albums.

„Vamos a Marte“ (featuring Luis Fonsi)

„Vamos a Marte“, den Song kannte man schon vorher. Die Comeback-Single, der erste Vorbote des Albums. Elektro, Dance und dank Duettpartner Luis Fonsi („Despacito“) viel Latin-Pop-Feeling. Keine klassische Schlagernummer, sondern ein hochmoderner, clubtauglicher Popknaller mit allem Pipapo. Vamos a marteeee!

Null auf 100

Ein ruhiges 15-sekündiges Piano-Intro, dann gibt Helene Fischer Vollgas: „Null auf 100″, der Titel passt, der Song macht Spaß. Immer wieder Tempo- und Stimmungswechsel, viel Dynamik, viel Power. Helene Fischer feiert das Leben und liefert den Fans eine neue Hymne zum Mittanzen und -singen. „Und die Wolken leuchten für uns beide hell in Neonfarben!“

„Engel ohne Flügel“

Die Schlagerkönigin in ihrem Elfenbeinturm? Nein, auch eine Helene Fischer bekommt mit, was draußen in der Welt los ist, und besingt „Engel ohne Flügel“ – Krankenpfleger, Kindergärtnerinnen, eben die Menschen, ohne die am Ende gar nichts läuft. „Engel ohne Flügel sind da, wenn du sie brauchst / Engel ohne Flügel steh‘n schon vor der Sonne auf“. Ein bisschen klischeehaft, ein bisschen kitschig, aber trotzdem: eine nette Würdigung.

„Danke für dich“

„Wenn du bei mir bist, schweigt die Welt einen Augenblick / Das, was du mir gibst, bringt mich wieder ins Gleichgewicht“: Wieder ein musikalisches Dankeschön, diesmal als Piano-Ballade im Dreivierteltakt. Viel Gefühl, viel Stimme, aber unterm Strich ist „Danke für dich“: relativ austauschbar und unspektakulär.

„Rausch“

Der Titelsong, das Kernstück des Albums: Helene Fischer fühlt sich „wie im Rausch“ und lässt sich davontragen in ungewohnte, beinahe exotische Klangwelten. Duduk, Oud und Percussion erzeugen ein wenig orientalisches Flair, Fischer füllt den sommerlich-leichten „Rausch“-Song mit Leidenschaft und Superlativen. „Ich seh‘ die Lust in deinen Augen und spüre hunderttausend Explosionen.“

„Die Erste deiner Art“

Schlager trifft Soul trifft Power-Pop, und irgendwo ist da auch eine Message. „Ich hoff‘ du spürst, was in dir steckt / Du bist nicht falsch, du bist perfekt“: Ein bisschen denkt man bei „Die Erste deiner Art“ an Michelles letztes Album „Anders ist gut“, das ein starkes Plädoyer für Toleranz und Offenheit war – aber teilweise wirkt dieses Lied auch, als singe Fischer für sich selbst. Helene Fischer, eine heimliche Außenseiterin? So richtig schlau wird man daraus nicht. Sicher ist nur: Hier ist definitiv kein Er, sondern eine Sie gemeint.

„Blitz“

Gitarren, zum ersten Mal auf dem Album etwas lauter. Und dann: klassischer Bumm-bumm-bumm-Schlager, ohne Kompromisse, ohne Fragezeichen, dafür aber wieder mit leicht kratziger Stimme. In „Blitz“ werden viele Anhänger wieder die Helene Fischer von früher hören, manchmal klingt der etwas altbackene Titel aber auch nach Schlager von ganz früher. Egal, hier geht‘s sicher auch um Fan-Service.

„Wunden“

„Liegt auf meinem Herz ein Stein, so schwer wie Blei / Machst du ihn leicht, du heilst meine Wunden“: Okay, das ist nicht Rilke, aber worum es geht, ist klar. Vertrautheit, Tiefe, eine innige Beziehung, in der man sich auch mal „ungeschminkt“ zeigen kann, viel Du und Ich. Dazu gibt es – schon wieder! – Gitarren und Latin-Pop-Rhythmen.

„Liebe ist ein Tanz“

„Liebe ist ein Tanz, komm tanz mit mir!“: In Song Nummer neun geht es beschwingt zu, eine zackig ziselierende Violine trifft auf einen flotten, stetig pulsierenden Pop-Beat und eine ausgelassene Helene Fischer, die natürlich auch in einem so liebes- und lebenshungrigen Moment jeden Ton perfekt trifft. Ein grundsolider Schlagerpopstampfer im klassischen Fischer-Stil.

„Wann wachen wir auf“

Schlagerkünstlern und insbesondere Helene Fischer wird gerne vorgeworfen, sich bei gesellschaftlichen Themen wegzuducken. Jetzt spricht Fischer mal Klartext! Ein bisschen zumindest. „Wenn sich jeder selbst nur wichtig ist, egal wie hart es andere trifft / Sag mir, wie soll das nur funktionieren?!“ Klar, das ist letztlich nur ein kleinster gemeinsamer Nenner, aber es lässt sich nicht wegdiskutieren: „Wann wachen wir auf“ zeigt, dass es Gesellschaftskritik auch im Schlager geben kann. Aufwachen, Leute!

„Luftballon“

Hoppla, ein Song jenseits der Vierminutengrenze? Ja, und noch dazu ein sehr schöner! In der reduzierten Piano-Ballade „Luftballon“ nimmt Helene Fischer sich Zeit, es geht ums Abschiednehmen. „Und ich lasse los, schick‘ einen Luftballon zu dir / Siehst du von da oben manchmal auch nach mir?“ Null Schlagerschmalz, viel Gänsehaut – ein berührender Song, den man Helene Fischer zu hundert Prozent abnimmt.

„Genau dieses Gefühl“

„Genau dieses Gefühl“, ein Song für die Fans. „Sind auf der Reise zusammen, schon seit so vielen Jahren / Und was auch war, ihr wart da, so wie mein roter Faden“, singt Helene Fischer. Schlager ohne Schnörkel oder großes Spektakel – nicht unbedingt ein Highlight dieses Albums, aber eine sehr anständige Geste, über die sich viele Hörer freuen werden.

„Jetzt oder nie“

„Die Zeit ist jetzt, wir woll‘n aufs Ganze gehen / Niemand kann uns den Moment hier nehmen“: Carpe diem, Aufbruchstimmung, Energie, wieder eine etwas andere inhaltliche Note. Und musikalisch variantenreich: Auch in „Jetzt oder nie“ spielt Helene Fischer mit Tempowechseln und pumpt sich so durch einen Titel, der den Hörer mächtig antreibt – aber dann auch wieder schnell aus dem Ohr ist.

„Zuhaus“

„Zuhaus“, das klingt zunächst vielleicht nach innerer Einkehr, aber stattdessen schlüpft Helene Fischer in die Rolle von Mutter Erde: „Der Mond bewegt die Meere, die Sonne weckt uns auf / Schlafende Vulkane, der Fluss nimmt seinen Lauf / Oasen in der Wüste, Wolken schwimmen in Blau“. Ein Hauch von Weltmusik und Waldorfschule, und am Ende singt der Kinderchor: „Hallo liebe Welt, du bist mein Zuhaus, ich pass gut auf dich auf.“ Eigenwillig, aber irgendwie doch ganz schön.

„Hand in Hand“

Das Album fast am Ende, aber jetzt wird es noch einmal richtig packend. In „Hand in Hand“ zeigt sich Helene Fischer ungewohnt verletzlich, nahbar und nachdenklich. „Wie oft hab‘ ich mir eingeredet, ich fühl‘ mich besser als gestern / Meine Lippen waren still, doch die innere Stimme laut / Hab gewartet, doch gewartet worauf?“ Dann wird es laut und pompös, Helene Fischer löst auf: „Jetzt steh ich hier und du siehst mich an / Ich bin bereit, dir blind zu folgen ohne Angst.“ Der Song ist ihrem Partner Thomas Seitel gewidmet, wie sie vorab verriet. Eine große Liebeserklärung, ein echter Höhepunkt auf dieser Platte.

„Nichts auf der Welt“

Der letzte Song des regulären Albums, „Nichts auf der Welt“ - und wieder ein großformatiges Dankeschön, diesmal für ihre Eltern. „Du erklärtest mir die Welt und die Schatten an der Wand, damit ich gut schlafen kann“. Piano, Streicher, ein programmierter Beat, alles sehr emotional und mitreißend. Schlager oder Pop? Hier wie überall auf „Rausch“: eine Menge von beidem.

Fazit

Auf „Rausch“ bringt sich Helene Fischer erstmals verstärkt in den kreativen Prozess ein, das hört man dem Ergebnis immer wieder an. Ihr achtes Studioalbum ist das mit Abstand persönlichste ihrer Karriere. Und immer noch Schlager? Ja, aber darüber hinaus gibt es viel mehr zu entdecken. Besonders stark: „Volle Kraft voraus“, „Vamos a Marte“, „Null auf 100″, „Luftballon“ und „Hand in Hand“.

RND/Teleschau