Donnerstag , 9. Dezember 2021
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Rockstar und Aktivist: Michael Stipe nimmt jetzt ohne seine frühere Band R.E.M. Songs auf. Quelle: picture alliance/AP Photo

Ex-R.E.M.-Sänger Michael Stipe: Wir müssen den Greta Thunbergs zuhören, aber auch den älteren Menschen

New York. R.E.M. waren immer anders. 1980 in der Studentenstadt Athens, Georgia, gegründet, galt die Band als Alternative zum Angeberrock der Reagan-Ära. Sänger Michael Stipe murmelte anfangs kaum zu verstehende, aber offenbar intelligente Texte. Die musikalische Kompromisslosigkeit in­spi­rier­te Bands wie Nirvana, die Pixies und Radiohead. Mit dem Wechsel von der kleinen, unabhängigen Plattenfirma IRS zum Branchenriesen Warner Music Ende der Achtzigerjahre veränderte sich das Publikum. Alternative Rock oder Indie, wie man damals sagte, wurde massentauglich. Das Ende im Jahr 2011 kam für viele Fans überraschend, erschien aber konsequent. Die R.E.M.-Geschichte war auserzählt. Danach ließ sich der heute 61-jährige Stipe erst einmal einen Bart wachsen. Neue Songs nahm er nicht auf, er fotografierte lieber. Drei Fotobücher sind bisher erschienen. Inzwischen gibt es auch drei neue Songs. Auf „I‘ll Be Your Mirror“, einer Hommage an Velvet Underground, der wohl allerersten Indieband überhaupt, ist er vertreten. Ende Oktober wird „New Adventures in Hi-Fi“ von 1996 wiederveröffentlicht – Stipes Lieblings-R.E.M.-Album.

Michael Stipe, auf dem letzten R.E.M.-Album sangen Sie „I cannot tell a lie, it‘s not all cherry pie“. Wie schmeckt Ihr Leben heute?

Ich bin sehr gut darin, Kirschkuchen zu backen. (lacht) Es ist inzwischen zehn Jahre her, dass sich die Band aufgelöst hat. Wir sind immer noch gute Freunde, und jeder arbeitet auf seine Art und Weise kreativ. Ich liebe diesen Song („Every day is yours to win“, Anm. d. Red.), aus dem Sie zitieren. Es ist einer meiner Lieblings-R.E.M.-Songs. Mein Leben schmeckt heute wie sehr guter Kirschkuchen.

Die Band gibt es zwar nicht mehr, aber die alten Platten werden nach und nach wiederveröffentlicht – so wie jetzt „New Adventures in Hi-Fi“. Sind Sie stolz auf die alten Songs oder einfach nur nostalgisch? Oder zwingt Sie die Plattenfirma?

(Lacht) Ich bin wirklich stolz auf die alten Lieder. Ich verabscheue Nostalgie. Ich neige nicht dazu, zurückzublicken, höre mir auch keine R.E.M.-Alben an. Aber es ist aufregend, dieses Material mit 25 Jahren Abstand objektiv zu betrachten und darüber nachzudenken, woran wir damals gedacht haben, als wir diese Songs geschaffen haben.

Auf „New Adventures in Hi-Fi“ geht es um die Sehnsucht nach Veränderung, auch um die Angst vor Veränderung. „Nichts könnte mich näher bringen. Wo ist die Straße, der ich folge, um sie zu verlassen?“, heißt es in dem Stück „Leave“. Fiel es Ihnen leicht, R.E.M. loszulassen?

Ja. It‘s easier to leave than to be left behind.

... oh, Sie zitieren aus dem R.E.M.-Song „Leaving New York“ ...

Wir haben ein riesiges, wunderschönes Werk erschaffen. Es war für uns an der Zeit, zur Seite zu treten und das, was wir begonnen haben, zu Ende zu bringen. Ich denke, wir haben uns zum richtigen Zeitpunkt getrennt. Es war ein sehr kluger Schritt.

„Ich führe ein nomadisches Leben“

Fallen Ihnen solche lebensverändernden Abschiede generell leicht?

Nun, ich bin schon mein ganzes Leben lang gereist. Schon in meiner Kindheit ...

... Ihr Vater war Soldat in der US-Armee, Ihre Familie ist häufig umgezogen ...

... und dann bin ich mit der Band gereist. Ich führe ein nomadisches Leben. Ich habe weniger ein Zuhause als vielmehr Stützpunkte, an denen ich mich niederlasse. Das ist in Ordnung so. Genau diese Art Mensch bin ich.

Sie sagen in Interviews immer wieder, dass es ein R.E.M.-Comeback niemals geben wird. Warum eigentlich nicht? Selbst Abba, die sich jahrzehntelang geweigert haben, bringen jetzt ein neues Album heraus.

Ich freue mich für Abba, und ich finde, Abba ist eine großartige Band. Aber das ist nichts für R.E.M.

Sie wollen lieber neue Orte finden, statt an die alten zurückzukehren?

Wir wollen unser Vermächtnis bewahren – und es nicht runterziehen.

Sie wollen das Bild, das man von Ihnen hat, nicht zerstören?

Ganz genau.

Einerseits finde ich diese konsequente Haltung gut. Andererseits würde ich als Fan gerne erfahren, was Sie jetzt, mit Anfang 60, zum Thema „Life and how to live it“ zu sagen haben. Und ob die „Hey Kids“ aus dem Song „Drive“ inzwischen ihren eigenen Weg gefunden haben.

Es sind mehrere Generationen von kreativen Menschen dazugekommen, seit dieser Song geschrieben wurde. Ich hoffe, dass sie ihre eigene Stimme gefunden haben ... ich bin überzeugt, dass sie das haben.

Noch eine Fanfrage. Ihr andersartiger, ganz eigener Sound und Ihre besorgte, sensible Art haben mich selbst dazu ermutigt, in schwierigen Zeiten einen eigenen Weg zu suchen. Ich denke, viele Fans wünschen sich ein Comeback, weil sie Ihnen vertrauen. Hören Sie solche Geschichten oft?

Ja, solche Geschichten höre ich oft. Und sie lassen mich jedes Mal lächeln. Es ist schön, so etwas zu hören.

Gab es einen Moment, in dem Sie bedauert haben, dass es die Band nicht mehr gibt?

Oh ja, na klar. Ich vermisse die Auftritte. Ich vermisse es, zusammen mit den Jungs Songs zu schreiben. Aber wie ich schon sagte: Wir haben die richtige Entscheidung getroffen. Das bedauere ich nicht.

2003 hatten R.E.M. in Hamburg und Wiesbaden eine deutsche Vorband: Blumfeld. Nicht wenige Konzertbesucher haben versucht, Blumfeld von der Bühne zu buhen, obwohl diese doch eigentlich R.E.M.-Seelenverwandte waren. Können Sie sich daran erinnern?

Ja.

Mein Eindruck ist: Bis dahin konnten Sie die Ansprüche eines Stadionpublikums und Ihrer sensiblen Indie-Fans gleichzeitig befriedigen. Danach schien dieser Spagat immer schwieriger zu werden. Sie waren Teil des Mainstreams geworden. Fünf Ihrer Songs landeten sogar auf „Kuschelrock“-Samplern. Haben Sie sich seinerzeit darüber Gedanken gemacht?

Von Zeit zu Zeit gibt es einfach schwierige Abende. Aus welchen Gründen auch immer ist das Publikum launisch, und es trifft die falsche Entscheidung. Aber damit muss man einfach rechnen. Es tat mir leid für Blumfeld. Ich denke, am Abend davor und am Abend danach wäre das nicht passiert.

Werden die Außenseiter, die Typen mit den komischen Frisuren oder die, die nie auf, sondern immer neben der Tanzfläche stehen, irgendwann erleben, dass Sie „that‘s me in the corner, that‘s me in the spotlight“, diese berühmte Zeile aus „Losing my Religion“, wieder singen?

Ich weiß es nicht. Ich kann diese Frage jetzt nicht beantworten.

Ich dachte, Sie schmieden vielleicht Pläne, Solokonzerte zu geben.

Nein, zurzeit nicht.

Es gibt schließlich drei neue Songs – und der lange Bart, den Sie sich nach dem R.E.M.-Ende wachsen ließen, ist seit einiger Zeit wieder ab. Bedeutet das, dass Sie zumindest ein Soloalbum aufnehmen?

Es gibt noch viele weitere Songs, die fertig sind. Und es gibt Songs, an denen ich gerade arbeite. Es wird also neue Musik von mir erscheinen. Sie klingt ganz anders als R.E.M. Es ist ein ganz anderer Sound, eine ganz andere Art von Musik.

„Drive to the Ocean“ erinnert mich an Leonard Cohen.

Oh ... also ...: danke sehr. Ich habe nicht an Leonard Cohen gedacht, als ich den Song schrieb.

Ich meine die Atmosphäre, den Klang Ihrer Stimme.

Okay ... hm ... danke.

„Ich werde wie die Wale singen, bevor der Mensch eine Plage war“, heißt es in dem Lied. Sie stehen also weiter auf der Seite der verwundeten, sich verloren fühlenden Eckensteher, auf der Seite derer, die sich nach Aufrichtigkeit sehnen. Empfinde ich das richtig?

Ja, das kann man wohl so sagen.

„Ich glaube, dass es in jeder Generation Menschen wie Greta Thunberg gibt“

R.E.M.-Gitarrist Peter Buck schrieb zum Abschied, er sei sich sicher, dass er viele Fans wiedersehen werde. möglicherweise bei einem Konzert, hinten am Tresen, während eine Gruppe 19-Jähriger auf der Bühne versucht, die Welt zu verändern. Greta Thunberg wird bald 19 Jahre alt und versucht, mit ihrer Fridays-for-Future-Bewegung die Welt zu verändern. Wird es dieser Generation junger Menschen gelingen, sich gegen ihre Eltern und Großeltern zu behaupten, die es sich vielleicht zu bequem gemacht haben?

Ich will die Eltern und Großeltern nicht verurteilen. Ich glaube, dass es in jeder Generation Menschen wie Greta Thunberg gibt, die sehr hart daran arbeiten, progressive Veränderungen herbeizuführen. Aber manchmal klappt es nicht. Es ist nicht sinnvoll, den Älteren die Schuld für die Probleme zu geben, die wir heute haben. Ich denke, es ist besser, jeden zu umarmen, der mit uns zusammensteht und mit uns marschiert und versucht, eine bessere Zukunft für alle zu schaffen.

Was können wir konkret tun?

Den jungen Leuten zuhören, den Greta Thunbergs, aber auch den älteren Menschen. Ich habe viele inspirierende ältere Menschen in meinem Leben getroffen. Ich denke also, das Beste, was wir tun können, ist zuzuhören. Und dann, nachdem wir zugehört haben, mit Taten zu reagieren.

Bob Dylan formulierte in den Sechzigern den frommen Wunsch „The Times they are a-changin‘“. Weggefährte Neil Young urteilte viele Jahre später in einem seiner Songs: „Ich und einige meiner Freunde, wir wollten die Welt retten, wir wollten sie besser machen, wir waren bereit, die Welt zu retten, aber dann änderte sich das Wetter“. Sie dagegen scheinen weiterhin zuversichtlich zu sein.

Ja, ich bin ein Optimist. Aber der Punkt ist wirklich: Wir müssen einander zuhören. Wir müssen diese Fähigkeit ein wenig besser nutzen als in der Vergangenheit und optimistisch bleiben. Es gibt so viele positive Dinge, die in der Welt geschehen, es gibt so viele Menschen, die versuchen, positive Veränderungen herbeizuführen. Wir leben in einer sehr schwierigen Zeit. Aber ich denke, wenn wir zuhören und lernen und schließlich auch handeln, dann gibt es keinen Grund, warum es keinen Wandel geben sollte.

„In all der Traurigkeit steckt auch viel Optimismus“

Wer inspiriert Sie?

Ich bin neugierig auf alles und jeden, egal wie alt die Person ist. Ich habe zum Beispiel gerade einen faszinierenden Artikel über lösungsorientierten Journalismus gelesen. Mich inspirieren Menschen wie Rebecca Foon und Jesse Paris Smith und ihr Projekt „Pathway to Paris“, die beiden sind Musikerinnen und Aktivistinnen. Mich inspiriert der Umweltschützer und Autor Bill McKibben. Er hat viele Bücher geschrieben und hält Vorträge über die globale Erwärmung. Und mich inspirieren die Eltern von Jonathan, einem Freund von mir, die schon seit den Sechzigerjahren Aktivisten sind. Sie sind inzwischen älter als 80, und sie haben nie aufgegeben. Es gibt also viel Gutes, und es gibt viele Menschen, die für das Gute kämpfen. In all der Traurigkeit steckt auch viel Optimismus.

Es ist schwierig, diese oft leisen Stimmen der Vernunft in all dem Lärm der Vereinfacher zu hören, die es ja nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland gibt.

Ja, ich weiß. Ich denke, dieser Lärm ist ein globales Problem. Ich beobachte zurzeit wie viele andere auch, wer Nachfolger von Angela Merkel wird und was das für das Land und für Europa bedeutet. Denn in die Richtung, die Deutschland einschlägt, folgen viele andere. Trotz all der Dinge, mit denen ich nicht einverstanden bin, ist Merkel eine großartige Führungspersönlichkeit und eine großartige Politikerin, finde ich.

Vielen Deutschen ist nicht unbedingt bewusst, welch hohes Ansehen Frau Merkel im Ausland genießt.

Politiker vertreten einerseits sehr starke Standpunkte, müssen andererseits aber Kompromisse finden. Ich denke, das ist kein leichter Job. Je dichter man dran ist, umso schwerer fällt es, die gesamte Arbeit, die ein Politiker geleistet hat, zu überblicken – noch dazu, wenn man vielleicht mit der einen oder anderen Entscheidung nicht einverstanden ist.

R.E.M. waren immer eine politische Band. Sie unterstützten 1988 den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Michael Dukakis. 2004 spielten Sie auf der „Vote for Change“-Tour für John Kerry. Der Erlös Ihrer ersten Solosingle „Your Capricious Soul“ fließt an die Klimaschutzaktivisten von Extinction Rebellion. Sie mischen sich weiter ein?

Ja. Ich bin in den politischen Prozess hier in Amerika involviert. Ich versuche überall, wo ich hinkomme, progressive Ideen zu fördern. Manchmal tue ich das mit meiner Arbeit und manchmal, indem ich einfach nur mit Leuten spreche. Aber wie ich schon sagte, im Moment ist es sehr wichtig, einander zuzuhören, um die Geschichten anderer Menschen zu erfahren, um ihre Perspektive und ihren Standpunkt verstehen zu können. Und man sollte versuchen, sich nicht an diesem Lärm, den Sie angesprochen haben, zu beteiligen.

Von Mathias Begalke/RND