Donnerstag , 9. Dezember 2021
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In der Heimat der Lektüre: Die Frankfurter Buchmesse eröffnet in wenigen Tagen. Quelle: Getty Images

Frankfurter Buchmesse: Diese Bücher sollten Sie in diesem Herbst lesen

Der Weg zur Engelmacherin

Die Bücher von Annie Ernaux können einem wehtun: So gnadenlos genau seziert die Französin darin ihr Leben und auch, wie ihre Herkunft aus sogenannten kleinen Verhältnissen ihren Werdegang prägte. Das schwingt auch in diesem im Original vor 20 Jahren veröffentlichten Buch der heute 81-Jährigen mit. „Das Ereignis“ – das ist eine illegale Abtreibung, zu der sich die junge Studentin 1963 entschließt. Sie möchte ihre Zukunft nicht durch ein uneheliches Kind aufs Spiel setzen.

Stattdessen setzt sie ihr Leben aufs Spiel, als sie sich einer Engelmacherin anvertraut. Nahezu klinisch nüchtern schildert Ernaux in „Das Ereignis“ – Audrey Diwans Verfilmung hat beim Festival in Venedig den Goldenen Löwen erhalten – Schwangerschaft und Abbruch. Und zudem ein Land, das Frauen viele Rechte verwehrt, und einen Partner, der an ihrer Situation kaum Anteil nimmt.

Annie Ernaux: „Das Ereignis“. Deutsch von Sonja Finck. Suhrkamp. 104 Seiten, 18 Euro.

Zärtlich, traurig, hart, komisch, berührend

Er spielt mit Puppen, verachtet Fußball, und sein Gang ist aus der Sicht der männlichkeitsfixierten Umwelt unmännlich. Shuggie Bain wird im Glasgow der Thatcher-Zeit groß, seine Mutter trinkt, sein Vater will einen Mann aus seinem Sohn formen. Shuggie aber hat vor allem ein Ziel: seine Mutter vor dem (Er-)Trinken zu retten. Er wird merken, wie schwer es ist, der Rettungsring der eigenen Mutter zu sein. Das Debüt des Modedesigners Douglas Stuart ist zärtlich, traurig, hart, komisch, berührend. Manchmal fliegt er fast aus der Kitschkurve, kann sich aber immer wieder der Fliehkraft widersetzen. Danach bleibt Shuggie Bain im Herzen.

Douglas Stuart: „Shuggie Bain“. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Hanser Berlin. 492 Seiten, 26 Euro.

Der grandiose Roman der Preisträgerin

Wenn die Frankfurter Buchmesse in ihren letzten Tag geht, wird traditionell der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. In diesem Jahr erhält ihn Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe. Auf Deutsch ist jüngst ihr Roman „Überleben“ erschienen, der letzte Teil einer Trilogie. Tambudzai Sigauke lebt in einer Welt, in der Männer mehr wert sind als Frauen – doch sie träumt davon, dass dieser Zustand nicht in Stein gemeißelt ist.

Doch sowohl Sexismus als auch Kolonialismus ziehen und zerren an ihrem Selbstwertgefühl. Sie ist gebildet, sie denkt modern, aber sie lebt in alten Strukturen. In diesem dritten Teil wohnt Tambudzai Sigauke in einem heruntergekommenen Wohnheim für Frauen. Immer wieder wird sie gedemütigt, immer wieder steht sie wieder auf. Dieser Roman ist so grandios wie herausfordernd.

Tsitsi Dangarembga: „Überleben“. Aus dem Englischen von Anette Grube. Orlanda. 376 Seiten, 24 Euro.

Immer Meer, immer Meer, immer Meer

Schon das Mittelmeer hatte David Abulafia in einem wundervollen Buch in seiner Geschichte und Gegenwart beschrieben. Nun nimmt er sich die drei Ozeane vor – und es ist ein ebenso hinreißendes Buch. Pazifik, Atlantik, Indischer Ozean werden in „Das unendliche Meer“ zu stolzen Protagonisten. Albufia erzählt von den Inseln, die Orte des Austausches zwischen den Ozeanen sind, von Menschen, die an und auf den Meeren leben, von Entdeckern und Eroberern, von Dampfern und Kriegen, von Sklaven und Zucker. Und somit wird seine Meeresgeschichte auch zur Menschheitsgeschichte. Denn spätestens seit Jules Michelet wissen wir: Auf der Oberfläche des Erdballs ist das Wasser die Regel, die Erde ist die Ausnahme.

David Abulafia: „Das unendliche Meer. Die große Weltgeschichte der Ozeane“. Aus dem Englischen von Michael Bischoff und Laura Su Bischoff. S. Fischer. 1132 Seiten, 68 Euro.

Gestrandet in Helsinki

Eigentlich heißt sie Adina, doch manchmal wird sie auch Nina genannt oder Sala. Scheinbar gleichgültig und ohne dagegen zu protestieren nimmt die Frau es hin, wenn man noch nicht mal ihren richtigen Namen kennt. Adina fehlen oft die Worte. Das Trauma eines sexuellen Übergriffs hat sie nahezu verstummen lassen. Erst nach und nach findet die junge Tschechin, die in Helsinki gestrandet ist, den Mut, von ihren Erlebnissen zu berichten.

Antje Rávik Strubels „Blaue Frau“, Gewinnerin des diesjährigen Deutschen Buchpreises, erzählt von dem letzten Teenager eines kleinen Skiorts im tschechischen Riesengebirge. Diese Adina – einsam, aber auch neugierig – macht sich 2006 auf, die Welt zu entdecken. Die Autorin schildert nicht allein die Folgen eines Übergriffs. In dem Roman geht es auch darum, welche Wahrnehmungs- und Erinnerungslücken Menschen und Gesellschaften haben – und dass die Westeuropäerinnen und ‑europäer nicht annähernd so interessiert am Osten sind wie umgekehrt. In Gesprächen mit der mysteriösen blauen Frau reflektiert Rávik Strubel zudem die Entstehung ihres Buches.

Das sind viele Themen und Motive, doch die verschiedenen Erzählstränge greifen gekonnt ineinander – und der Leser, die Leserin lernt Figuren kennen, die einem zu Herzen gehen.

Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“. S. Fischer. 432 Seiten, 24 Euro.

Als der Fußball eine Sternennacht erlebte

Es gibt Sportereignisse, die aufgrund ihrer Dramatik mit einem Synonym versehen werden. Und so wissen nicht nur Boxfans, worum es geht, wenn vom „Rumble in the Jungle“ die Rede ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich bei der Fußball-WM 1982 in Spanien, das als die „Nacht von Sevilla“ in die Sportgeschichte eingegangen ist.

Das deutsche Team gewann am Abend des 8. Juli nach Elfmeterschießen – allein in der Verlängerung fielen vier Tore. Dazu kommt das Drama um das Foul des deutschen Torhüters Toni Schumacher, der den Franzosen Patrick Battiston verletzte – diplomatische Verwerfungen im Anschluss inklusive. Stephan Klemm, Redakteur beim „Kölner Stadt-Anzeiger“, hat die besondere Dimension dieses Spiels erkannt und ein Buch über die „Nacht von Sevilla“ geschrieben. Dafür sprach er mit Spielern und erklärt den Kontext der 120 Minuten plus Elfmeterschießen.

Dabei beeindruckt er mit vielen Details. Besonders klasse für Fußballnerds: Klemm beschreibt den Spielverlauf auf 64 Seiten, lässt die Protagonisten einzelne Szenen kommentieren und baut so fast noch mehr Spannung auf, als damals im Stadion geherrscht haben muss.

Stephan Klemm: „Die Nacht von Sevilla ’82 – ein deutsch-französisches Fußballdrama“. Verlag Eriks Buchregal. 192 Seiten, 24,90 Euro.

Der vergessene Bruder

In den Erzählungen und im autobiografischen Werk Georges-Arthur Goldschmidts findet sich eine Leerstelle. Er, der von seinen jüdischen Eltern in weiser Voraussicht auf das Kommende gemeinsam mit seinem vier Jahre älteren Bruder 1938 in Hamburg in den Zug nach Italien gesetzt wurde, hatte das Leben von Erich, dem Älteren, lange verdrängt.

Als sein Verleger Thedel von Wallmoden ihn nach diesem fragte, antwortete Goldschmidt: „Sie erfassen den Hauptschatten meines langen Lebens: Mein Bruder war vier, als ich zur Welt kam, und durch meine Erscheinung in der Welt habe ich sein Leben zerstört.“ Nun hat Goldschmidt doch noch über seinen Bruder geschrieben. Da nach so langer Zeit die Erinnerung bröckelt und die beiden Brüder nach dem Überleben in Frankreich kaum Kontakt miteinander hatten, nennt der Autor sein Werk „Roman eines Bruders“. Er ist ergreifend.

Georges-Arthur Goldschmidt: „Der versperrte Weg. Roman eines Bruders“. Wallstein. 112 Seiten, 20 Euro.

Die Spur des Bernsteins

Mehrere eindrucksvolle Frauen tauchen in diesem Roman auf: Da ist die geheimnisvolle Titelfigur Kazimira, die lieber in der Bernsteingrube arbeiten würde, statt Haus, Mann und Kind zu versorgen. Da ist die Unternehmergattin Henriette, die einen ausgeprägten Sinn für Sozialpolitik hat. Da ist die verheiratete Jadwiga, die ihren Gefühlen für eine Frau nachgibt. Von ihnen und zahlreichen weiteren Figuren erzählt Svenja Leiber („Schipino“, „Das letzte Land“) in ihrem neuen Buch – und davon, wie deren Schicksale mit der Annahütte verbunden sind. Dort, in der Nähe von Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, entsteht Ende des 19. Jahrhunderts ein gewaltiger Untertagebau, um Bernstein zu gewinnen.

Im Hauptstrang schildert die Berliner Autorin die Jahre von 1871 bis 1945 im damaligen Ostpreußen und spiegelt viele Ereignisse und deren Auswirkungen in Erzählpassagen über die junge Russin Nadja, die 2012 den Untergang der Grube beobachtet. Industrialisierung, Antisemitismus, Nationalsozialismus, zwei Weltkriege: Der Roman ist überbordend, und auf manche historische Erläuterung hätte man als Leser oder Leserin getrost verzichten können. Doch so wie im Bernstein Überreste der Vergangenheit eingeschlossen sind, bewahrt dieses Buch Erinnerungen an zerstörte Orte, ermordete Menschen und vergangene Zeiten auf.

Svenja Leiber: „Kazimira“. Suhrkamp. 332 Seiten, 24 Euro.

In der Provinz, aber nicht provinziell

Auch wenn ländliche Gegenden wieder an Attraktivität gewinnen und die Stadt nicht mehr das Nonplusultra ist, würde niemand sagen, er geht in die Provinz. Man zieht „aufs Land“. Der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht streift nun in Gedanken durch die deutsche und die internationale Provinz und rettet ihren Ruf. Weimar und Jena als Geisteshauptstädte der Literatur, das Silicon Valley als Geburtsort der Technikrevolution: Gumbrecht verknüpft Wissenswertes und Historisches mit eigenen Erfahrungen aus seiner intellektuellen Biografie. So wird aus Gumbrechts sieben Essays mehr als deutlich, dass das, was aus der Provinz kommt, nicht automatisch provinziell sein muss.

Hans Ulrich Gumbrecht: „Provinz. Von Orten des Denkens und der Leidenschaft“. Zu Klampen. 224 Seiten, 22 Euro.

Zwei Seiten einer Familiengeschichte

Auf der Rückseite dieses Buchs findet sich keine der sonst üblichen Kurzzusammen­fassungen. Einfach weil dieses Buch keine Rückseite hat. Aleksandar Hemon hat ein Werk mit zwei Titelseiten, ein Buch in zwei ganz unterschiedlichen Teilen geschrieben. Es geht in „Meine Eltern / Alles nicht dein Eigen“ um Hemons Eltern, die während der Jugoslawien-Kriege aus Sarajevo fliehen müssen und in Kanada nicht wirklich heimisch werden. Und es ist ein Buch über den jungen Aleksandar, der ebenfalls ins Exil geht und das Ankommen besser versteht.

In kleinen, szenenhaften Texten geht es um die erste Liebe, um schmerzlichen Forscherdrang und die ersten Verse. „Meine Eltern“ hingegen sind schon stilistisch anders geschrieben, es sind längere Essays über das Leben und Leiden der Eltern. „Wahre Geschichte vollzieht sich stets auf einer persönlichen Ebene“, heißt es an einer Stelle über die Eltern. Dieser Satz bringt die beiden Teile wieder zusammen.

Aleksandar Hemon: „Meine Eltern / Alles nicht dein Eigen“. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Claassen. 416 Seiten, 24 Euro.

Einer kam durch

Den Pub mit dem außergewöhnlichen Namen in der Grafschaft Kerry gibt es bis heute. Er heißt South Pole Inn. In dieser idyllischen Ecke Irlands startet der britische Autor Michael Smith seine Reise zu den Schrecken des Eises und der Finsternis: Kenntnis- und detailreich erzählt er die Geschichte von Tom Crean, jenes irischen Bauernsohns, der an der Seite von Robert Falcon Scott und Ernest Shackleton Polargeschichte schrieb – und einst das South Pole Inn eröffnete. Doch während die beiden anderen Helden viel besungen sind, kennt den bescheidenen Iren kaum jemand. Bis jetzt.

Crean war bei Scotts erster Antarktis­expedition (1901–1904) dabei und 1911 beinah auf dem gesamten Marsch zum Südpol, von dem Scott nie zurückkehren sollte. Zusammen mit Frank Worsley und Shackleton überstand er auf der gescheiterten „Endurance“-Expedition die legendäre 1300-Kilometer-Überfahrt von Elephant Island nach Südgeorgien im offenen Beiboot und die anschließende Gletschergewalttour.

Alle Leserinnen und Leser, die vom Polvirus befallen sind, können nun der Kälte, den Entbehrungen und vor allem dem Überlebenswillen Creans nachspüren. Der Autor beruft sich auf unveröffentlichte Tagebücher. Im South Pole Inn kann man heute mit einem Crean’s-Bier auf den stillen Helden anstoßen.

Michael Smith: „Der stille Held. Tom Crean. Überlebender der Antarktis“. Deutsch von Rudolf Mast. Mare. 464 Seiten, 26 Euro.

So schön und so bedroht

Aus vielen Fotobänden und Dokumentationen wissen wir, wie gefährdet die Regenwälder sind und was uns verloren geht. Aber wenn sich der Biologe Josef H. Reichholf ein Thema greift, wird es immer noch ein bisschen spannender, informativer, gelehrter. Reichholf vermittelt die Schönheit und die Artenvielfalt, die in den Regenwäldern zu finden sind. Er legt dar, dass vor allem wir Bewohnerinnen und Bewohner der westlichen Welt für die Zerstörung dieser Urwälder verantwortlich sind.

„Mit der Ausbeutung der Tropenwelt durch den europäischen Kolonialismus setzte die Zerstörung im 18. und 19. Jahrhundert ein“, schreibt Reichholf. Aber damit nicht genug: Auch unsere Vorstellungen von grüner Energie und unser Stallvieh verursachen großen Schaden. Dieses Buch, das kongenial von Johann Brandstetter illustriert wurde, zeigt, dass Handeln notwendig, ein Umdenken aber auch noch möglich ist.

Josef H. Reichholf, Johann Brandstetter: „Regenwälder. Ihre bedrohte Schönheit und wie wir sie noch retten können“. Aufbau. 270 Seiten, 32 Euro.

Wenn das Ich abhandenkommt

„Guter Fotograf übrigens, dieser Melis.“ Auf dem Kanal der Beiläufigkeit schippern bekannte Namen der DDR-Kulturszene vorüber in Jenny Erpenbecks Roman, der trotzdem kein DDR-Roman ist. Mit Selbstverständlichkeit, für die es längst Zeit wurde, bilden die letzten Jahre des vergehenden Landes hier die Kulisse für ein Abhandenkommen des Ichs.

Im Augenblick des Zufalls – mit dem Titel „Kairos“ fragt die 1967 in Berlin geborene Schriftstellerin nach Gunst und Glück dieses Augenblicks – begegnet die 19-jährige Katharina dem Schriftsteller Hans, der 34 Jahre älter ist und verheiratet. Grenzenlose Leidenschaft entwickelt sich zu einer Beziehung, wie man sie heute gern „toxisch“ nennt. Katharina geht für ein Theaterpraktikum nach Frankfurt (Oder). Hans bleibt bei seinen Stammkellnern gefangen zwischen klassischer Musik, Literatur, Theater, Vergangenheit und Eifersucht. Die beiden spiegeln und brauchen einander gegen die Welt. „Hat er sich ihr ausgeliefert oder sie sich ihm?“, fragt sie. Er protokolliert im Kalender: „abends bratkartoffeln und mozart.“ Liebe weicht der Angst, Behauptung der Enttäuschung. Und alles steht in einem großen Zusammenhang in dieser virtuosen Komposition aus Sprache, Psychologie und Geschichte.

Jenny Erpenbeck: „Kairos“. Penguin. 384 Seiten, 22 Euro.

Ökonomie während der Pandemie

Vielleicht konnten wir noch nie so deutlich sehen, was Globalisierung bedeutet, wie in der Corona-Pandemie. Der US-Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat nun eine umfassende Geschichte der Zeit zwischen Januar 2020 und Januar 2021 verfasst. Zum einen blickt er darauf – jeweils mit dem Schwerpunkt Wirtschaft, aber auch darüber hinaus –, wie unterschiedlich einzelne Staaten mit der Krise umgegangen sind.

Zum anderen schaut er aber auch auf die Auswirkungen auf Warenverkehr, Lieferketten und den ganzen internationalen Austausch. Und schließlich bettet Tooze in seiner überaus lehrreichen und spannenden Studie die Corona-Krise in Betrachtungen über andere globale Krisen wie die Finanzkrise und den Klimawandel ein. Ein Buch, das gleichzeitig erinnert und produktiv in die Zukunft gerichtet ist.

Adam Tooze: „Welt im Lockdown. Die globale Krise und ihre Folgen“. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. C. H. Beck. 408 Seiten, 26,95 Euro.

Gipfel der Politik, Geschichte im Fluss

Der Engländer Tim Marshall hat vor sechs Jahren das Interesse für Geopolitik auch außerhalb von Thinktanks und Außenministerien geweckt. In seinem Werk „Die Macht der Geographie“ brachte er uns die Rolle von Gebirgen und Flüssen, von Häfen und Rohstoffen für die politische Lage und Rolle eines Landes näher. Nun schreibt er diese Geschichte fort, indem er die zu erwartenden Konflikte des 21. Jahrhunderts unter seine geopolitische Lupe nimmt: Griechenland, Spanien, Saudi-Arabien, Äthiopien, die Sahelzone und nicht zuletzt der Weltraum finden sich in seinen Betrachtungen wieder.

„Wir betreten ein neues Zeitalter der Rivalität zwischen diversen Großmächten, in dem verschiedene Akteure, darunter auch kleinere Mitspieler, heftig ins Rampenlicht drängen“, schreibt Marschall in seinem Vorwort. Wir können nicht wissen, was die Zukunft weltpolitisch bringt, aber dank dieses Buches können wir schon einmal Möglichkeiten betrachten.

Tim Marshall: „Die Macht der Geographie im 21. Jahrhundert. 10 Karten erklären die Politik von heute und die Krisen der Zukunft“. Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff. DTV. 412 Seiten, 24 Euro.

Kopenhagener Verstrickungen

Die vom Krieg übrig gebliebenen Forts im Öresund vor Kopenhagen sind seltsame Orte voller unheimlicher Ecken und unterirdischer Gänge. Als ein Junge verschwindet, führt die Spur ebendort hin. Und dann wird in der nahe gelegenen Müllverbrennungs­anlage eine Leiche entdeckt.

Kopenhagen spielt die heimliche Hauptrolle in den Krimis von Katrine Engberg, und es lohnt sich, die Wege von Kommissar Jeppe Körner und Kommissarin Anette Werner durch die Stadt zu verfolgen – vom Neubauviertel am Fährhafen, wo die Familie des vermissten Jungen lebt, zum Künstleratelier der Tante in Christiania und zum Fort, wo ein eigenbrötlerischer Hausmeister tote Vögel präpariert. Dazwischen entrollt sich ein verzwickter Fall, in dem es um Kindesmissbrauch geht, um verkannte Künstler und um Müllwirtschaftsbetrug.

Katrine Engberg: „Das Nest“. Deutsch von Ulrich Sonnenberg. Diogenes. 416 Seiten, 20 Euro.

„Achte auf gefährliche Wörter“

2017 schrieb der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder unter dem frischen Eindruck der Präsidentschaft Donald Trumps sein Buch „Über Tyrannei“. In 20 kurzen Lektionen, die Titel wie „Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam“, „Verteidige Institutionen“ und „Achte auf gefährliche Wörter“ führen, setzt er Zeichen gegen Populismus und Totalitarismus. Die Illustratorin Nora Krug, Autorin von „Heimat. Ein deutsches Familienalbum“, hat Snyders Gebrauchsanweisung für Anstand und Demokratieerhalt nun in ein grafisches Kunstwerk verwandelt. Dank ihrer Bildsprache, mit der das Buch zeitweilig fast schon zu einer Graphic Novel wird, liest sich „Über Tyrannei“ ganz neu und findet hoffentlich noch einmal mehr Leserinnen und Leser als die Ursprungsfassung.

Timothy Snyder, Nora Krug: „Über Tyrannei. Illustrierte Ausgabe. Zwanzig Lektionen für den Widerstand“. Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Wirthensohn. C. H. Beck. 128 Seiten, durchgehend farbig illustriert, 20 Euro.

Die Mädchen aus dem Poesiealbum

Ihr Poesiealbum und ein altes Klassenfoto waren Ausgangspunkt für Pascale Hugues, sich auf die Suche zu machen nach den Mädchen, mit denen sie in den Sechzigern in Straßburg in einer Grundschulklasse saß. Zwölf davon hat sie ausfindig gemacht und sie von ihrem Leben erzählen lassen. Darunter sind Frauen, die von Liebe, Familiengründung und Hausbau berichtet haben. Und Giacomina, die vom Gastarbeiterkind zur Unternehmerin geworden ist. Oder Myriam, die vor einer Zwangsheirat davonlief.

Hugues, die in Berlin lebt, gibt allen eine Stimme, legt vor dem Hintergrund von Nachkrieg, 68er-Revolte und Gegenwart Armut und Enge bloß, aber auch Geborgenheit und das Gefühl, angekommen zu sein. Nicht ohne damit auch den eigenen Weg abzugleichen. Und aus den privaten Freuden und Nöten das Porträt einer Frauengeneration zu destillieren.

Pascale Hugues: „Mädchenschule. Porträt einer Frauengeneration“. Deutsch von Lis Künzli. Rowohlt. 302 Seiten, 20 Euro.

Dieses Buch ist ein Segen

Städte faszinieren als eigene Gebilde, als Speicher von Geschichten und Geschichte. Und sie sind Systeme, Netze. „Es gibt keinen Ort in Berlin, in Santiago oder New York, von dem man nicht an jeden anderen Ort der Stadt und darüber hinaus gelangen könnte“, schreibt der Schriftsteller und Publizist Gregor Hens in „Die Stadt und der Erdkreis“. Hens begleitet den Leser und die Leserin auf einer assoziationsreichen Reise auf Straßen, zu Gebäuden, in die Architektur und die Literatur.

Er weiß, dass Städte erzählen können, dass Gebäude leben, dass Parks atmen. Hens hat hin- und zugehört. In einer Mischung aus Essay, autobiografischer Erinnerung und Traumreisebericht nimmt der gebürtige Kölner in seinem reich bebilderten Buch aus der wie immer bestechend schönen Anderen Bibliothek uns mit in all diese spannenden Speicher von Geschichten und Geschichte.

Gregor Hens: „Die Stadt und der Erdkreis“. Die Andere Bibliothek. 310 Seiten, 44 Euro.

Walzer, Wasser und ein Wettlauf

Die Corona-Pandemie hat die Beschäftigung mit Krankheit und Gesundheit in der Geschichte neu belebt. In seinem Buch „Walzer in Zeiten der Cholera“ beschreibt Alexander Bartl einen Wettlauf. Zwei Österreicher haben die Idee, per Hochquellen­wasserleitung Wien mit frischem Quellwasser aus den Bergen zu versorgen. Wie nötig das ist, zeigt der 25. Juni 1873. Die Weltausstellung hat gerade begonnen, Wien tanzt Johann Strauß’ Walzer, da stirbt Maria Brewster, nachdem sie Wasser im Hotel getrunken hat. Die Cholera ist zurück, die beiden Hoch­quellen­­wasser­­initiatoren haben das Rennen verloren. Allerdings nur kurz, denn die Wasserleitung kommt – die Krankheit kehrt danach nie wieder nach Wien zurück. Alexander Bartls Buch zeigt, wie viel Widerstand es gegen dieses Projekt gab, welche Parallelen zur Gegenwart zu ziehen sind – und all das ist heiter geschrieben, auch in ernster Zeit.

Alexander Bartl: „Walzer in Zeiten der Cholera. Eine Seuche verändert die Welt“. Harper Collins. 351 Seiten, 24 Euro.

Drei Männer, ein Jahrhundert

Drei Männer, die zwar voneinander wussten, die einander aber kaum bis gar nicht persönlich kannten: Karl Marx, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche. Der Politikwissenschaftler und Historiker Herfried Münkler hat nun diese drei Geistesgrößen der deutschen Kultur, so unterschiedlich sie und ihre jeweilige Weltsicht auch sind, in die Pflicht genommen, um ein Buch über die Umbrüche des 19. Jahrhunderts zu schreiben. Dabei findet Münkler spannende Parallelen und Vergleichsansätze, etwa zum Antisemitismus oder wenn er die Kapitalismuskritik bei Marx und in Wagners „Ring der Nibelungen“ in Beziehung zueinander setzt. Die ruhige und stilistisch klare Prosa des Autors hilft dabei, in diesem Buch neue Zusammenhänge zu sehen und Anknüpfungspunkte zu finden, um in den Biografien der drei Protagonisten weiterzuwandern.

Herfried Münkler: „Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch“. Rowohlt Berlin. 720 Seiten, 34 Euro.

Der geschniegelte Kater

Wie praktisch: Katzen haben ja sieben Leben. Und bei Matou, dem Kater, reichen die Lebensjahre von der Französischen Revolution bis heute. „Du wirst keinen beleseneren Kater, keine belesenere Katze, keinen beleseneren Affen finden als mich. Wenigstens zwei meiner sieben Leben habe ich in Bibliotheken zugebracht.“ Ein wenig elitär ist er schon, sozusagen ein geschniegelter Kater, und dass er sich für etwas Besseres, ja sogar für eine ganz und gar unmoralische Type hält, macht er mehr als deutlich. Michael Köhlmeier lässt seinen schnurrenden Protagonisten durch die Zeitläufte und durch berühmte Ereignisse springen. Mit der Guillotine macht er ebenso Bekanntschaft wie mit dem Popkunstpapst Andy Warhol. Begegnen möchte man Matou im wahren Leben lieber nicht, aber in der Literatur ist der Kater ein richtig guter arroganter Hund.

Michael Köhlmeier: „Matou“. Hanser. 960 Seiten, 34 Euro.

Von Martina Sulner, Ruth Bender, Janina Fleischer, Sebastian Harfst, Stefan Stosch, Kristian Teetz/RND