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Hape Kerkeling wird auf neuem Album sehr persönlich. Quelle: Susie Knoll/Sony Music/dpa

Warum mögen Sie Katzen mehr als Hunde, Hape Kerkeling?

Herr Kerkeling, wir kennen Sie vor allem aus Filmen, aus Büchern, aus dem Fernsehen. Jetzt haben Sie nach vielen Jahren wieder ein Album aufgenommen. Was schätzen Sie am Musizieren?

Musik ist eine Urkunst. Sie hat sehr viel mit Menschsein zu tun und geht einem an die Seele. Deswegen ist mir Musik schon sehr nah und sehr wichtig. Nicht zu vergessen: Ein Soundtrack fürs Leben ist lebensnotwendig, nein, er ist überlebensnotwendig.

Was unterscheidet denn das Singen etwa vom Schreiben eines Buches?

Das sind eigentlich zwei völlig unterschiedliche Vorgänge. Aber am Ende ähneln sie sich dann doch sehr. Meine Bücher sind ja quasi ein Zwiegespräch zwischen einem Leser, den ich nicht kenne, und mir. Diesem Leser versuche ich nahezukommen, und der Leser kommt mir in gewisser Weise auch nahe. Dieses Verbindende probiere ich mit den Liedern jetzt auch.

Was sind das für Lieder?

Die Songs, die ich auf dem Album singe, stammen alle aus den Niederlanden. Ich habe ja durch meine Verwandtschaft und durch Freunde eine sehr enge Verbindung in unser Nachbarland. Während der Pandemie ist nun mein Wunsch gewachsen, meine 14 Lieblingssongs aus den Niederlanden zu interpretieren. Schließlich begleiten mich einige dieser Lieder bereits seit 30 Jahren. Mit diesen Songs möchte ich auch ein bisschen aus meinem Leben und über meine Gefühlswelt erzählen – immer in der Hoffnung, dass ein Zuhörer, einer Zuhörerin das verstehen kann. Im besten Fall sogar lieben kann.

Sind das reine Übersetzungen oder Neudichtungen?

Zum Teil bleiben wir sehr nah am Originaltext, und zum Teil geht es völlig vom Original weg.

Gibt es in der Musik etwas typisch Niederländisches?

Wahrscheinlich ist das typisch Niederländische eine Melancholie, die ansteckend ist, während die Songs aber trotzdem eine gewisse Grundfröhlichkeit beherbergen. Das unterscheidet sie auch von deutschen Songs im klassischen Sinne.

Ihr neues Album klingt sehr persönlich. Öffnen Sie mit diesen Songs wirklich ein Fenster zu Ihrer Seele? Oder besingen Sie da doch eher Kunstfiguren, lyrische Ichs?

Ein Lied sollte ja im besten Fall immer Zugang zur Seele finden. Hier habe ich in besonderer Weise meine Seele geöffnet. Das kann man schon sagen.

Im ersten Song singen Sie „Der Weg des Lebens führt nicht geradeaus.“ Sind Sie ein lebendes Beispiel dafür?

Ja. Ich habe ja so viele Haken geschlagen. Ich habe nicht nur oft das Genre gewechselt, sondern zum Teil völlig den Beruf. Ich habe als Regisseur gearbeitet, als Autor, als Schauspieler, als Komiker, als Vorleser, als Synchronsprecher. Genau genommen sind das alles sehr unterschiedliche Berufe. Aber gerade diese Vielfalt ist das, was mich so fasziniert und interessiert. Ich probiere mich halt immer wieder gerne neu aus.

Manche Beobachter und Fans fanden vor sieben Jahren ungewöhnlich, dass Sie sich zurückziehen. Und nun finden es manche ungewöhnlich, dass Sie plötzlich wieder so präsent sind. Ist es vielleicht gar nicht so ungewöhnlich, dass ein Leben über Zickzackwege führt?

Absolut, dieser Rückzug mit 50 war damals sehr schwer zu vermitteln, weil es eigentlich nur einen Rückzug aus der großen Fernsehunterhaltung bedeutete. Von dort habe ich mich verabschiedet, alles andere aber habe ich fortgesetzt. Ich habe weiter geschrieben, weiter gespielt, ich habe Filme gedreht, ich habe synchronisiert. Also insofern ist das, was ich jetzt mache, nur konsequent. Dass es momentan so eine Häufung gibt, ist der Pandemie geschuldet. Ich hatte 16 Monate Zeit, mir Gedanken zu machen, was ich noch so alles gerne auf die Beine stellen möchte.

Sie singen im letzten Lied des Albums vom Fallen des Vorhangs nach einem Auftritt, und darin heißt es: „Es ist jedes Mal wie‘n kleiner Tod / Von dem die Seele sich / Nur schwer erholt / Es wieder zu tun, wird fast zur Not.“ Sind Auftritte vor Publikum für Sie wie eine Sucht?

Das ist natürlich Poesie. Aber wenn solch ein Abend vor Publikum zu Ende geht, dann ist das endgültig, nicht zu wiederholen, unwiederbringlich. Daher stimmt der Vergleich mit dem kleinen Tod tatsächlich. Ich habe in der Vergangenheit manchmal gedacht, dass ich den Applaus vielleicht gar nicht so sehr brauche. Aber während der Pandemie habe ich doch deutlich gespürt, wie sehr ich ihn vermisse. Sei es bei Lesungen, sei es bei kleinen Konzerten: Dass ein Publikum begeistert dem lauscht und das verfolgt, was ich da auf der Bühne präsentiere, macht mich glücklich. Das erleben zu dürfen ist schon etwas sehr Besonderes.

Hat Sie die Pandemie auch ein wenig – ich weiß nicht, ob das der richtige Ausdruck ist – demütig gemacht?

Doch, das ist das einzig richtige Wort, ohne dass es schwülstig klingt. Ich bin wirklich demütiger geworden. Ein Restaurantbesuch ist jetzt wirklich ein Highlight, in einem Hotel sein zu können, mal irgendwohin fliegen zu dürfen, da fühle ich mich mittlerweile wie ein Kind auf der Kirmes, wenn ich das erlebe. Nein, nein, demütig ist schon das treffende Wort.

Ich möchte noch mal zu dem Lied „Der Weg nach Hause“ kommen. Wenn man Zeilen wie „Es war nur ein einziger Schritt und mein Weg begann / Ich fing einfach mitten im Leben noch einmal an / Mit Staub an den Füßen und nur diesem Weg als Ziel / Ich bleib nur – wo ich bleiben will“ hört, denkt man unweigerlich an den Jakobsweg. Ist das so eine Art Soundtrack zu Ihren Erlebnissen dort?

Ja, so kann man den Text lesen und das Lied verstehen. Ich bin auch nicht böse drum, wenn es so interpretiert wird. Aber eigentlich meine ich den Lebensweg – der am Ende aber auch wie ein Pilgerweg ist. Dass ich nun eine Essenz meines bisherigen Pilgerwegs in ein Lied habe gießen dürfen, ist etwas Schönes.

Nicht nur in diesem Song entsteht der Eindruck, dass Sie sehr intensiv über ihr Leben nachdenken und nun darüber singen. Sind Sie ein selbstreflexiver Mensch, der sehr viel übers Leben nachdenkt?

Ich weiß gar nicht, ob ich das als Nachdenken bezeichnen würde. Ich bin tendenziell ein kontemplativer Mensch und meditativ. Vielleicht trifft es das eher.

Dieses Nachdenkliche steht ein wenig im Widerspruch zum Genre der Schlagermusik, die auf dem Album zu hören ist. Vielleicht ist das auch ein Klischee, aber Schlager stehen doch eher für gute Laune und oberflächlich vorgetragenen Herzschmerz. Warum singen Sie trotzdem Schlagersongs?

Na ja, es sind zwar einige Schlager auf dem Album zu finden. Aber ich würde das Genre meiner Lieder eher als Chansons bezeichnen. Doch habe ich auch kein Problem damit, wenn man sie dem Schlager zurechnet. Das ist ein Genre, das ich sehr liebe und das ich sehr schätze. Und da sind wir dann auch schon wieder bei den Holländern.

Was ist dort denn anders?

Die Niederländer schätzen Schlager genauso wie ich. Und sie haben nicht so einen Standesdünkel, wie wir das in Deutschland kennen. Hierzulande beobachten wir doch sehr häufig, dass der Schlager und die Interpreten, die für ihn stehen, ein bisschen abschätzig betrachtet werden. In den Niederlanden hingegen befinden sie sich gleichberechtigt neben den großen Klassik-, Rock- und Popinterpreten oder neben den großen Liedermachern. Mit all diesen Musikern interagieren Schlagersänger vollkommen selbstverständlich, sie spielen in derselben Liga. In Deutschland ist das leider nicht möglich. Deswegen versuche ich mit meinem Album und meiner Musik die Grenzen zwischen den Genres auch in Deutschland ein bisschen zu verwischen.

Sie möchten der Ungerechtigkeit, der Schlagermusiker und -musikerinnen bei uns oft begegnen, etwas entgegensetzen?

Ja! Schauen Sie, bei meinem Katzenbuch ist es etwas Vergleichbares passiert: Viele meiner männlichen Bekannten und Freunde meinten, Katzen und die Liebe zu Katzen sei doch ein Mädchenthema, dem ich mich besser nicht widmen sollte. Ich habe das Buch am Ende tatsächlich auch genau deshalb geschrieben – weil ich mir sagte: Jetzt erst recht!

Wo wir gerade bei Katzen sind: Was mögen Sie denn an Katzen lieber als an Hunden?

Katzen sind freiheitsliebend, sie sind ungebunden, sie sind selbstbestimmt.

Und Hunde?

... sind das alles nicht.

In Ihrem Song „Amsterdam“ besingen Sie eine homosexuelle Liebe. Denken Sie noch darüber nach, ob Sie einen solchen Song auf dem Album haben sollten? Ist das mittlerweile selbstverständlich oder immer noch ein Statement?

Die Frage, ob ich das Lied singen sollte oder nicht, habe ich mir nicht gestellt. Im Gegenteil, ich war mir sicher, dass ich es auf jeden Fall tun will. Ich weiß auch nicht, ob ich es als Statement verstanden wissen will, aber die Tatsache, dass Sie nachfragen, zeigt, das es wohl doch immer noch ein Statement ist.

Es wäre natürlich schöner, wenn Homosexualität in unserer Gesellschaft selbstverständlich wäre und ich die Frage nicht stellen müsste.

Ist sie aber nicht, und deswegen ist es auch völlig okay und berechtigt, dass Sie diese Frage stellen.

Auch Ihrer Kunstfigur Gudrun haben Sie ein Lied gewidmet. Gudrun ist aus Ihrem jüngsten Buch „Pfoten vom Tisch!“ bekannt, aber auch aus anderen Werken. Warum kommt diese Frau immer wieder vor?

Gudrun beschäftigt mich einfach. Gudrun liegt mir am Herzen, und Gudrun verzahnt die Dinge in meinem Oeuvre. Deswegen muss Gu­drun natürlich auch ein Schlager gewidmet werden.

Wenn sie Gudrun beschreiben: Wie viele und welche realen Personen stecken in dieser Kunstfigur?

Insgesamt verbergen sich hinter Gudrun fünf meiner besten Freundinnen. Ich habe mir deren schlimmste Macken rausgesucht, diese verwurstet und daraus Gu­drun geschaffen.

Was sagen Ihre Freundinnen?

Die sind alle ziemlich sauer (lacht).

Nachhaltig?

Nein, nein.

Was sagen Sie eigentlich zum Comeback von Abba?

Sen-sa-tio-nell!!! Das Beste, was in den letzten 40 Jahren passiert ist, ist das Comeback von Abba. Ich bin seit Langem ein großer Fan, und „Don‘t Shut me Down“ ist genau der Song, den sie mir noch geschuldet haben. Ich könnte ihnen die Füße küssen dafür. Ich finde den Song grandios.

Was gefällt Ihnen daran so sehr?

Der Text ist der beste Text, den Abba je geschrieben haben. Er ist genial, er ist doppelbödig. Ich finde, er hat – und das meine ich jetzt ganz ernst – die Qualität eines Bibeltextes. Er ist wie ein Gebet. Fantastisch, welche Bilder da gezeichnet werden.

Werden Sie nach London fahren und sich die Show und die Hologramme anschauen?

Ich werde alles machen, was angeboten wird, und es mir für teuer Geld angucken.

Was kommt als Nächstes von Ihnen?

Eine Serie bei Vox, die ich schon angefangen habe zu drehen. Die ersten vier Folgen sind schon fertig. Sie heißt „Hape und die sieben Zwergstaaten“ und läuft ab dem 21. November auf Vox.

Was ist das genau?

Das sind Reise- oder besser Dokutainmentreiseberichte. Ach, ich kann es gar nicht genau benennen, es ist genreübergreifend. Aber es wird sehr unterhaltsam, das verspreche ich.

Von Kristian Teetz/RND