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Prunk des 18. Jahrhunderts: das Hôtel de la Marine in Paris. Quelle: Benjamin Gavaudo

Reise ins 18. Jahrhundert: ein kleines Versailles mitten in Paris

Paris. Man kann es sich vorstellen, das Pariser Volk im 18. Jahrhundert, wie es neugierig oder auch eingeschüchtert von all der Pracht diese ganz andere Welt betrat und durch die Galerien dieses eleganten Stadtpalais wandelte. Hinter Vitrinen im damaligen „Hôtel de Garde-Meuble“, in dem die royalen Sammlungen aufbewahrt wurden, befanden sich Vasen, Stoffe und Teppiche, Waffen und Rüstungen. An einem Dienstag im Monat zwischen April und November öffnete man ab 1777 einen Teil des Prunkgebäudes für die Öffentlichkeit. So wurde dies zum ersten Museum von Paris. Es war umso bedeutsamer, als der Königshof auch nach der Ära des Sonnenkönigs Ludwig XIV. in Sachen Dekoration, Eleganz und Mode weiterhin tonangebend in Europa war.

Heute zählt Frankreichs Metropole mehr als 130 Museen, und ausgerechnet das erste in der Geschichte der Stadt, das ab 1798 die französische Marine beherbergte und seitdem den Namen Hôtel de la Marine trägt, gehört nicht mehr dazu. Öffentlich zugänglich ist es aber seit Juni wieder.

Reise ins 18. Jahrhundert

„Man wollte nicht noch ein Museum für Paris schaffen“, erklärt Nathalie, die Besucher durch das Gebäude führt. „Stattdessen handelt es sich um ein echtes Pariser Stadtpalais, in dem es aussieht, als wohne hier eine aristokratische Familie des 18. Jahrhunderts, die nur gerade ausgeflogen ist.“ Im Esszimmer liegen nach einer üppigen Mahlzeit noch die Austernschalen auf dem Boden und ein paar Brotlaibe in Körben. Im Büro ist ein Buch neben Schreibutensilien aufgeschlagen. Auf einem Tischchen warten die Figuren eines Schachspiels darauf, dass sich die Spieler wieder in die davor stehenden Sessel fallen lassen.

Eine umfassende Archivarbeit sorgte dafür, dass die Räumlichkeiten wieder im Stil von damals eingerichtet werden konnten. Sie wirken überfrachtet durch die vielen Gemälde an den Wänden, die schweren Vorhänge und Tapeten, etliche Möbelstücke und Gebrauchsgegenstände. Besonders die Schlafzimmer mit den üppigen Himmelbetten – getrennt für Madame und Monsieur – erinnern an jene in französischen Schlössern. „Es ist eine Art Miniatur vom Schloss Versailles mitten in Paris“, sagt Führerin Nathalie. Und hat der Ballsaal des Hôtel de la Marine als Äquivalent zum Spiegelsaal von Versailles auch nicht dieselben Dimensionen, so steht er diesem in Sachen Prunk wenig nach. Von der Terrasse aus bietet sich ein spektakulärer Blick auf den zentralen Place de la Concorde mit dem Obelisken und einem riesigen Verkehrsknoten aus Autos und Bussen, die sich hier ständig stauen. Im Hintergrund ragt der Eiffelturm in den Himmel.

Umbau kostete 130 Millionen Euro

Die Geschichte des Palais erzählt jene von Paris mit. Während der Französischen Revolution wurden Teile des Mobiliars geraubt oder verkauft. 1793 wurde die Sterbeurkunde der enthaupteten Königin Marie-Antoinette unterzeichnet und im Jahr 1848 das Dekret zur Abschaffung des Sklavenhandels durch den Unterstaatssekretär für Marine, Victor Schoelcher. Während des Dritten Reichs logierte hier die deutsche Kriegsmarine, um die Résistance auszuspionieren. Unter dem Ehrenhof befand sich ein Bunker.

„Als vor wenigen Jahren beschlossen wurde, dass die Marine in das neue Verteidigungsministerium im Südwesten von Paris umsiedelt, eröffnete dies viele Möglichkeiten für das Bauwerk“, sagt David Kolin, Generalsekretär des Hôtel de la Marine. Eine 2011 von Präsident François Hollande beauftragte Kommission aus Experten und Sachverständigen entschied, das historische Gebäude für das Publikum zu öffnen.

Die Umbauarbeiten, die 130 Millionen Euro gekostet haben, zahlte nicht der Staat, sondern wurden überwiegend aus Partnerschaften finanziert, unter anderem mit einem Coworking-Unternehmen, das einen Teil der Räume gemietet hat. Zwei Restaurants ziehen ein, und in der ersten Etage werden ab November wechselnde Kunstausstellungen gezeigt, angefangen mit der katarischen Al Thani Foundation. Und somit knüpft das Gebäude letztlich doch an seine frühe museumshafte Bestimmung an.

Infos: Hôtel de la Marine, 2 Place de la Concorde; geöffnet täglich von 10.30 bis 19 Uhr, freitags bis 21.30 Uhr; Eintritt für Salon und Loggia 13 Euro, komplette Tour 17 Euro, gratis für alle unter 18-Jährigen bzw. alle Europäer unter 25, für Menschen mit Behinderung und eine Begleitperson. Besuch nur mit „Gesundheitspass“ (Nachweis einer vollständigen Impfung, einer überstandenen Infektion oder ein negativer Corona-Test)

Von Birgit Holzer/RND