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Schau mal, das bist du: Der Student des One-Night-Stands (Vincent Lacoste) zeigt Marie (Blanche Gardin) das Sextape. Quelle: X-Verleih

Komödie „Online für Anfänger“: digitales Leben kann so bitter sein

Wer kennt das nicht? Um sich auf einer Website einzuloggen, muss man dem System beweisen, dass man ein Kunde aus Fleisch und Blut und kein Computer ist. Auf verschwommenen Captcha-Feldern soll man jene Kacheln anklicken, auf denen sich wahlweise eine Ampel, ein Zebrastreifen oder ein Bus befindet. Als erwachsener Mensch mittleren Alters fühlt man sich an den Einschulungstest erinnert und gerät selbst mit der neuen Gleitsichtbrille an seine Grenzen.

Marie tröstet sich mit Alkohol und einem One-Night-Stand

Es sind diese kleinen und großen Hürden des digitalen Alltags, die sich für die drei Hauptfiguren in der französischen Komödie „Online für Anfänger“ von Benoît Delépine und Gustave Kervern zu einem Nerven zerrüttenden Lebensgefühl summieren. Seit Mann und Sohn vor zwei Monaten ausgezogen sind, lebt Marie (Blanche Gardin) davon, dass sie die Möbel des ehemals gemeinsamen Haushalts über eBay verkauft. Das Smartphone hat sie immer griffbereit, um potenzielle Käufer vom Verkaufswert ihres Angebots zu überzeugen, sich durch die Warteschleife einer Hotline zu arbeiten oder die Sendung einer Ersatzlatte für ihr Bett zu verfolgen, die aus China angeliefert wird.

Neben dem Mobiltelefon ist der Alkohol ihr Trost. Und so entpuppt sich der junge Student, mit dem sie betrunken die Nacht verbracht hat, als Erpresser, der damit droht, das aufgenommene Sextape online zu stellen.

Ein paar Häuser weiter lebt der Witwer Bertrand (Denis Podalydès) mit seiner Tochter, die nicht mehr zur Schule gehen will, seit ein Mobbing-Video von ihr auf Facebook hochgeladen wurde. Alle Versuche, das Video löschen zu lassen, sind an den verschlossenen Portalen des Social-Media-Konzerns gescheitert. Bertrand flüchtet sich ins Onlineshopping und ist hoch verschuldet. Vor allem die Stimme von Miranda, die in einem Callcenter auf Mauritius arbeitet, hat es ihm angetan.

Die Dritte im Bunde ist Christine (Corinne Masiero), die ihren Job im Atomkraftwerk wegen ihrer Seriensucht verloren hat. Nun arbeitet sie als Uber-Fahrerin und bekommt bei der Kundenbewertung immer nur einen Stern. Die drei Nachbarn wollen dem Übel auf den Grund gehen. Und so reist Marie nach Kalifornien, wo das Sextape auf einer riesigen Serverfarm gespeichert ist.

Wie schon in ihren früheren Filmen „Mammuth“ (2010) oder „Saint Amour“ (2016) nehmen Delépine und Kervern auch in „Online für Anfänger“ die Position der kleinen Leute ein, die sich gegen strukturelle Mächte zur Wehr setzen. Mit hoher Pointendichte wird der ganz normale digitale Wahnsinn aufs Korn genommen. Aber hinter der komödiantischen Oberfläche verbirgt sich die bittere Wahrheit, dass die Menschen auf Shopping-Portalen und vermeintlich sozialen Medien ihre Einsamkeit zu bekämpfen suchen, die in den Weiten des kommerziellen Internets nur verstärkt wird.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass man mit einem selbst gebastelten Dosentelefon sehr viel mehr Spaß haben kann als auf allen Social-Media-Accounts der Welt.

„Online für Anfänger“, Regie: Benoît Delépine und Gustave Kervern, mit Blanche Gardin, Denis Podalydès, 112 Minuten, FSK 12

Von Martin Schwickert/RND