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Das Kino bleibt zu: Die Mitarbeiter vom "Ariana" haben wenig Hoffnung. Quelle: AP Photo/Bram Janssen

Der Vorhang bleibt zu: Der Niedergang eines Kinos unter den Taliban

Kabul. Mit seinem coolen Stil der 1960er-Jahre fällt das „Ariana“ auf an dem vielbefahrenen Kreisverkehr in Kabul. Jahrzehntelang hat das historische Kino Besucher unterhalten und die Kriege, Hoffnungen und kulturellen Umbrüche Afghanistans begleitet. Doch heute stehen die Schaukästen, in denen einst Plakate von Bollywood-Filmen und US-Actionstreifen hingen, leer. Die Eingangstüren sind verschlossen.

Nach ihrer Machtübernahme vor drei Monaten ordneten die radikalislamischen Taliban die Schließung des „Ariana“ und anderer Kinos an. Ob in Afghanistan künftig Filme erlaubt sein sollen, wollen sie nach eigenen Angaben noch entscheiden. Wie der Rest des Landes befindet sich auch das „Ariana“ in einem merkwürdigen Schwebezustand.

Kino gehört der Stadt Kabul

Die fast 20 männlichen Beschäftigten des Filmtheaters kommen nach wie vor zur Arbeit und hoffen, irgendwann dafür bezahlt zu werden. Das Kino gehört der Stadt Kabul, seine Mitarbeiter sind Beamte und stehen weiter auf der Gehaltsliste der Regierung.

Die Männer vertreiben sich die Stunden am verlassenen Ticketschalter oder streifen durch die gewundenen Flure des „Ariana“. Die Reihen von roten Plüschsitzen im Kinosaal ruhen in der Dunkelheit. Direktorin Asita Ferdus, die erste Frau auf dem Posten, darf das Gebäude wegen eines Verbots der Taliban nicht einmal betreten. Ob Frauen wie sie an ihre Arbeitsplätze zurückkehren dürfen, ist noch unklar.

Post-2001-Generation junger Afghaninnen

Die 26-jährige Ferdus gehört der Post-2001-Generation junger Afghaninnen an, die gewisse Freiheiten gewohnt waren. Der Machtantritt der Taliban hat ihre Hoffnungen für die Zukunft zerstört. Ferdus, die auch als Malerin und Bildhauerin arbeitet, bleibt jetzt zu Hause. „Ich mache Skizzen, Zeichnungen, nur um in Übung zu bleiben“, sagt sie. „Ausstellungen sind für mich nicht mehr möglich.“

Während der Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 durften Frauen nicht arbeiten und Mädchen nicht die Schule besuchen, in vielen Fällen durften sie nicht einmal das Haus verlassen. Musik sowie andere Kunst- und Kulturformen waren verboten, darunter auch Filme und Kinos.

Existenzgrundlagen vieler Afghaninnen und Afghanen liegt auf Eis

Unter internationalem Druck betonen die Taliban nun, sich gewandelt zu haben. Zur Frage, was künftig erlaubt sein wird und was nicht, äußern sie sich aber nur vage. Entsprechend liegen das Leben und die Existenzgrundlagen vieler Afghaninnen und Afghanen auf Eis.

Für das „Ariana“ ist es ein weiteres Kapitel in einer turbulenten 60-jährigen Geschichte. Bei der Eröffnung 1963 spiegelte die schlanke Architektur des Kinos den Geist der Modernisierung wider, den die damals herrschende Monarchie dem tief gespaltenen Land vermitteln wollte.

„Damals hatten wir keinen Hidschab“

Die Kabulerin Siba Niazai erinnert sich an ihre Besuche im „Ariana“ in den späten 80er-Jahren, als der von der Sowjetunion unterstützte Präsident Mohammed Nadschibullah an der Macht war. Damals gab es mehr als 30 Kinos im Land. Niazai war zwar tagsüber alleine zuhause, während ihr Mann im Finanzministerium arbeitete, wie sie erzählt. Doch nach seiner Rückkehr ging das Paar oft zusammen ins „Ariana“, um sich einen Bollywood-Film anzuschauen.

Nach Jahren kommunistischer Herrschaft war es eine säkularere Ära als in den Jahrzehnten zuvor, zumeist für eine kleine städtische Elite. „Damals hatten wir keinen Hidschab“, erinnert sich Niazai, die heute Ende 50 ist. Viele Paare seien ins Kino gegangen, „und es gab nicht einmal getrennte Bereiche (für Frauen), man konnte sitzen, wo man wollte“.

Tausende Menschen getötet und Kabul zerstört

Zu dieser Zeit tobte im Land ein Krieg zwischen Nadschibullahs Regierungstruppen und einer von den USA gestützten Koalition aus Warlords und islamischen Kämpfern. Die Mudschahedin stürzten den Präsidenten 1992. Anschließend kämpften sie gegeneinander um die Macht, bei den Gefechten wurden Tausende Menschen getötet und Kabul zerstört.

Das „Ariana“ wurde bei zahlreichen Bombardierungen und Schusswechseln schwer beschädigt, ebenso wie der Großteil des umliegenden Viertels. Jahrelang lag das Kino in Trümmern, während die Taliban die Mudschahedin vertrieben und 1996 Kabul einnahmen. Alle Kinos, die in der Hauptstadt überlebt hatten, wurden geschlossen.

Kino-Revival nach dem Sturz der Taliban

Sein Revival erlebte das „Ariana“ nach dem Sturz der Taliban infolge der US-geführten Invasion 2001. Die französische Regierung unterstützte 2004 den Wiederaufbau des Filmtheaters, das dann eine riesige neue Popularität erfuhr. Am besten liefen stets indische Produktionen und Actionfilme, vor allem mit Jean-Claude Van Damme, wie Ticketchef Abdul Malik Wahidi erzählt.

Es gab täglich drei Vorstellungen bis zum späten Nachmittag, eine Karte kostete umgerechnet knapp 50 Cent. In der konservativen afghanischen Gesellschaften galten Kinos als Orte für Männer, entsprechend kamen nur wenige Zuschauerinnen. Die Mitarbeiter mussten alle ausländischen Filme vorab prüfen, um solche mit freizügigen Szenen auszusortieren, wie sich Wahidi erinnert.

Kino hat eine weibliche Direktorin

Ferdus wurde erst vor gut einem Jahr zur Direktorin des „Ariana“ ernannt. Zuvor hatte sie das Gleichstellungsbüro der Stadt Kabul geleitet. Als sie ins Kino gekommen sei, seien die männlichen Beschäftigten überrascht gewesen, erzählt sie, „aber sie waren sehr kooperativ und haben gut mit mir zusammenarbeitet“.

Im März 2021 war das Kino noch Gastgeber eines afghanischen Filmfestivals, das großen Zuspruch fand. Das alles wurde nun gestoppt, und die Mitarbeiter fragen sich, wie es weitergehen soll. Hoffnung, dass das Kino wieder öffnen darf, haben sie kaum. Eine dauerhafte Schließung wäre ein großer Verlust, sagt der leitende Filmvorführer Rahmatullah Esati: „Wenn ein Land keine Kinos hat, gibt es keine Kultur.“

RND/AP