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Weihnachtsjazz: Till Brönners sanfte Trompetenbrise macht sogar „O Tannenbaum“ zum Soundtrack für einen Heiligabendrotwein. Quelle: Henning Kaiser/dpa

Neuer Weihnachtspop: Bei Justin Bieber, Till Brönner und Howard Carpendale klingeln die Glöckchen

„Ja, in England möchte man als Popstar unbedingt eine Weihnachts-Nummer-eins haben, und dieser Song hat das für mich erreicht“, sagte Shakin’ Stevens 2018 im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Und weil sein Song „Merry Christmas Everybody“ in der jüngeren Vergangenheit wieder in die Britcharts Einzug hielt und jedes Jahr ein bisschen höher kletterte, ist der Sänger guter Dinge. „Vielleicht schafft er es am Ende ja noch ein zweites Mal auf den Spitzenplatz.“

„Tatsächlich … Liebe“ zeigt die Bedeutung des Weihnachtshits in England

Wie wichtig vor allem die Briten die „Christmas Number One“ finden, zeigte uns Deutschen die Filmkomödie „Tatsächlich … Liebe“ (2003). Dort versprach der alternde Rocksänger Billy Mack (Bill Nighy), im Fernsehen nackt zu singen, sollte sein kitschtriefendes „Christmas Is All Around Me“ (die Verweihnachtlichung eines Popklassikers der Troggs) an all den Boygroups vorbeiziehen. Und dann tritt er auf – textilfrei, die Gitarre vorm Gemächt.

Deutschlands Musikliste am Freitagmorgen vor dem ersten Advent: In allen Chartswipfeln ist noch Ruh. Die Weihnachtssongs sind noch unter „ferner liefen“. Mariah Carey mit „All I Want for Christmas“ auf Platz 58, Wham! Mit „Last Christmas“ auf 65. Noch sind auch die britischen Top Ten adventsfrei. An der Spitze strahlt Adele mit „Easy on Me“ und Ed Sheeran ist mit „Shivers“, „Bad Habits“ und „Overpass Graffiti“ gleich dreimal vertreten. Aber schon nähert sich auch hier Weihnachten: Auf Platz 44 – Tendenz steigend – steht Mariah Carey, Platz 54 gehört Wham!, auf der 87 stehen die Pogues und Kirsty MacColl mit „Fairytale of New York“, auf 99 ist Michael Bublé aufgetaucht – mit „It’s Beginning to Look a Lot Like Christmas“. Nur von Shakin’ Stevens weit und breit keine Spur.

In den USA ist Mariah Carey schon auf Platz 36

In den USA ist Mariah Carey schon auf 36, ansonsten gibt es in den Billboard Hot 100 noch keine Jingle Bells zu hören. Kommt aber noch. Vielleicht gesellt sich diesmal auch Neues dazu. Mariah Carey hat mit den Kollegen Kirk Franklin und Khalid Nachschub geliefert – eine Akustikgitarrenballade „Fall in Love at Christmas“. Ein weiteres Trio läutet die Saison ein: Der Rapper Bryson Tiller hat sich mit Poo Bear und Justin Bieber für „Lonely Christmas“ zusammengetan. Noch eine folksoulige Akustikgitarren­ballade – mit hübscher Melodie und gruseligem Nahtodvideo.

Kitsch der Extraklasse bringen Abba – am 3. Dezember erscheint „Little Things“ mit der Aufforderung, sich am Alles-haben-Fest Weihnachten an den kleinen Dingen zu erfreuen. Mit zuckersüßen Harmonien und einem Kinderchor zum Showdown hat das Lied das Zeug zum Weihnachtspop­klassiker.

Bei den Alben tut sich einiges. Norah Jones, neunfach grammygekürte Sängerin von Jazz und Americana, hat mit „I Dream of Christmas“ (Blue Note) eigene Songs und Evergreens nebeneinandergestellt. Eine gewisse Lamettalaszivität ist durchaus festzustellen, vor allem die deutlich entschleunigte Coverversion des durch Chuck Berry bekannten „Run, Rudolph, Run“ hat es in sich. Auch Lucinda Williams drosselt beim selben Song das Tempo und lässt Santas altes Rentier auf ihrem Album „Have Yourself a Rockin’ Little Christmas“ (Highway 20) klingen, als säße James Bond auf dem Schlitten. Der Blues ist Lucindas Ding, mal schleppend bei „Merry Christmas, Baby“, mal funky wie auf „Santa Claus Wants Some Lovin’“, und dann bei „Merry Christmas“ von den Ramones auch mal punkig schnell und scheppernd.

Brian Fallon huldigt mit seinem ersten Weihnachtsalbum „Night Divine“ (Lesser Known) seinen musikalischen Anfängen. „Das waren die ersten Lieder, die ich je gehört und gelernt habe“, sagt der Chef von The Gaslight Anthem, der aus „Amazing Grace“ einen andächtigen Pianogospel macht, eine kongeniale Version von Odettas „Virgin Mary Had One Son“ liefert, ein schwer walzerndes „First Noel“ und eine brüchige Version des meistgecoverten „Silent Night“. Die schrägste „Stille Nacht“-Version singt Countrysängerin und ‑violinistin Amanda Shires auf „For Christmas“ (Thirty Tigers) zum mollenden Klavier. Neuer Text, Weihnachten alles andere als ein frohes Fest – diese Ambivalenz zieht sich durch das gesamte Album. Lieder wie „Let’s Get Away“ oder „A Real Tree this Year“ sind zu wahr, um neben Wham! und Carey in den Singlecharts zu stehen.

Der frühere Journey-Sänger Steve Perry bekommt für das Album „The Season“ (Concord) den Preis fürs süßlichste Cover, aber wenn er für seine souljazzige Version von „Winter Wonderland“ ins Falsett steigt, steckt so viel Traurigkeit in dem Song, als wolle er sich für immer von den klimawandelbedrohten Schneelandschaften verabschieden.

„A Sentimental Christmas“: Duette mit einer der berührendsten Stimmen des Jazz

Dass man dem großen Nat King Cole Duette unterjubelt, geschieht nicht zum ersten Mal – Tochter Natalie hatte einst damit angefangen. Auf dem Album „A Sentimental Christmas“ (Capitol) duettieren sich mit einer der berührendsten Stimmen des Jazz unter anderem Gloria Estefan („A Nightingale Sang in Berkeley Square“) und John Legend („The Christmas Song“). Stimme aufpoliert, neue Arrangements – aber trotz des musikhistorischen Frevels ein stimmiges, hörenswertes Ergebnis.

Für einen einsamen Rotwein, wenn sich alle aufgekratzten Familienmitglieder jüngeren Datums für den Weihnachtstraum ins Bett verabschiedet haben, ist „Till Christmas“ (Masterworks) der rechte Begleiter – Till Brönner „malt“ Weihnachtsmelodien mit seiner wattigen, flüsternden Trompete. Die Spannbreite reicht von „Maria durch ein’ Dornwald ging“ bis zu George Michaels „Jesus to a Child“. Brönners „Stille Nacht“ zappt man nicht weiter, und die Brise seines Instruments erfasst sogar das Kinderlied „O Tannenbaum“.

Ein „Happy Christmas“ verspricht Howard Carpendale

Ein „Happy Christmas“ (Electrola) verspricht Howard Carpendale, das Album ist schon das dritte, das der 75-Jährige mit dem britischen Royal Philharmonic Orchestra eingespielt hat. Auch hier wird der Hörer oder die Hörerin von festlicher Stimmung erfasst, wenn „Komm wir geh’n noch runter in die Stadt“ (Nat King Coles „Christmas Song“) erklingt. Und wenn er zu Brenda Lees „Rockin’ round the Christmas Tree“ anhebt, muss die Weihnachtsfichte um ihre Nadeln bangen. Schlagermann Roland Kaiser weihnachtet auch sehr – von „Süßer die Glocken nie klingen“ bis zu John Lennons und Yoko Onos „Happy X-Mas“ (im Trio mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl) reicht die Auswahl auf „Weihnachtszeit“ (RCA), auf dem auch Elvis’ „In the Ghetto“ irgendwie nach Weihnachten eingemeindet wird. Keine Überraschungen – die 15 Lieder hier singen die Engel schon gefühlt seit Christi Geburt auf den Feldern, pfeifen die Spatzen von den Dächern.

Wie das Weihnachtspopgeschäft (in England) so läuft, kann man übrigens ab 12. Dezember im Sky-Film „A Christmas Number One“ sehen, wo „Game of Thrones“-Star Iwan Rheon als Metalsänger seiner todkranken Nichte („Systemsprenger“-Star Helena Zengel) einen Weihnachtssong schreibt. Er kommt mit einer US-Managerin (Freida Pinto) zusammen, die eigentlich einer englischen Boygroup zum Adventsruhm verhelfen sollte. Romanze garantiert.

Und Shakin’ Stevens? Vielleicht sollte er Billy Macks „Christmas Is All Around Me“ covern. Und dessen Ankündigung wiederholen. Die Nummer eins wäre ihm sicher.

Von Matthias Halbig/RND