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Allzweckmittel: Mit Papier lässt sich (fast) alles machen – auch Kunst. Quelle: Dierk Bullerdieck/dpa

Künstler Thomas Demand: „Wir denken mit unseren Händen“

Herr Demand, Sie arbeiten für Ihre Kunstwerke sehr viel mit Papier. Was bedeutet Papier für Sie und für Ihre Arbeit?

Zunächst einmal ist Papier ein Material, das ich als bekannt voraussetzen kann. Das ist das Schöne daran. Jeder hat heute immer noch mindestens ein- oder zweimal am Tag Papier in der Hand und ich glaube auch, dass es noch eine Zeit lang so bleiben wird. Sei es der Kaffeebecher, mit dem man weggeht, sei es die Zeitung oder die Fahrkarte oder das Taschentuch. Und dadurch kann ich eine gewisse Materialkenntnis voraussetzen.

Warum ist das für Sie von Vorteil?

Wenn Leute etwa per Hand einen Brief schreiben und sie ihn dann wegschmeißen, vielleicht weil sie sich verschrieben haben, wissen sie, wie man das Papier zerknüllt. Man weiß also, wie die Oberflächen sich verhalten, und ich kann voraussetzen, dass jemand anderes ebenfalls weiß, wie die Oberflächen aussehen. Es gibt also ein geteiltes Grundverständnis für dieses Material. Und das gefällt mir deshalb so gut, weil ich für meine Arbeit eigentlich kein Kunsthandwerk anstrebe. Es soll nicht so sein, dass man nicht weiß, wie das funktioniert, was ich da mache. Und das Zweite ist, dass Papier recycelt werden kann und sich so ein Kreislauf ergibt. Papier ist ein sehr temporäres Material. Wenn man Stahl bearbeitet, bleibt er trotzdem so, wie er ist. Aber Papier ist von vornherein ein sich veränderndes Material. Es ist sehr schön und auch sehr offen für unsere Hände.

Wie meinen Sie das?

Das ist ein weiterer Grund, warum ich sehr gerne mit Papier arbeite: weil wir mit den Händen denken – auch wenn wir uns darüber gar nicht so richtig im Klaren sind, wie sehr wir dies tun. Wenn Menschen an Bildschirmen sitzen und arbeiten, werden die Hände kaum mehr eingesetzt. Architekten zum Beispiel erarbeiten ihre Entwürfe nicht ohne Grund nach wie vor oder wieder sehr viel mehr als früher mit ihren Händen.

„Das Arbeiten mit den Händen fördert unser Denken“

Warum gehen die Architekten so vor?

Weil man bessere Ideen hat, weil das Material, mit dem sie für ihre Entwürfe arbeiten, im Gegensatz zu computeranimierten Entwürfen Widerstand erzeugt und Feedback gibt. Man sieht den Entwurf als realen Gegenstand und merkt so leichter, wenn etwa Proportionen nicht stimmen, macht aber auch Entdeckungen, die beim zielgerichteten Arbeiten am Computer gar nicht auffielen.

Also ist das Haptische, worauf vor einigen Jahren beim Widerstreit zwischen E-Books und analogen Büchern immer wieder Bezug genommen wurde, auch für Sie ein wesentliches Argument?

Es ist ein wesentliches Argument, aber nicht unbedingt nur aus nostalgischen Gründen, sondern weil es das Teilen einer Erfahrung vereinfacht. Ich weiß etwa bei gedruckten Büchern immer, auf welcher Seite welche Geschichte steht. Ich wusste schon früher, welche Vokabel im Lateinbuch wo stand. Ich wusste nur leider die Bedeutung der Vokabeln nicht. (lacht) Ich denke, dass Gedrucktes unserem Suchsystem und unserem Lokalitätssinn entgegenkommt. Natürlich kann man im E-Book nach Stichworten suchen. Aber das menschliche Gehirn erkennt Dinge eben nicht unabhängig vom Körper. Das ist auch der Grund, warum das Hantieren, das Arbeiten mit den Händen, aber auch das Gehen, unser Denken fördert.

„Papier ist ein wunderschönes Material“

Nun kann man mit Papier alles Mögliche fabrizieren: Man kann es schneiden, es falten, etwas damit bauen oder nachbauen. Man kann darauf schreiben. Man kann unglaublich viele Dinge mit Papier anstellen, aber am Anfang ist das Blatt Papier immer leer. Ist Papier an sich schön?

Ja, es ist wunderschön, ein wunderschönes Material, vor allem die Oberfläche von Papier. Die wird ja zum Teil noch sehr intensiv mit Kaschierungen oder Lacken und Ähnlichem verändert. Aber die eigentliche Oberfläche von Papier ist fabelhaft. Fabelhaft ist auch die Tiefe der Farbe. Es ist ein wunderbares Material. Das erlebt man zum Beispiel auch in Japan beim Geschenkeeinpacken.

Was passiert dort?

Dort packt man zum Teil Geschenke ein, in denen gar nichts drin ist. Es geht da nur um das Einpacken, das Verhüllen und dann wieder um das Enthüllen. Dort geht es also auch um das Haptische, das sind alles Tätigkeiten, die unmittelbar mit Papier zu tun haben. Es ist eine Kulturtechnik.

Für Ihre Kunstwerke bauen Sie Fotos aus Papier nach, fotografieren das Ergebnis und zerstören anschließend das Papierwerk wieder. Übrig bleibt das Foto. Spiegelt sich darin auch die Vergänglichkeit von Papier wider?

Durchaus, sie spiegelt sich darin, auch wenn ich nicht sagen würde es ist die Bedeutung meiner Arbeit. Im Grunde sind wir Menschen genau der gleichen Fragilität, den gleichen Einflüssen ausgesetzt. Nur können wir es nicht so eindeutig erkennen. Aber diesen Verweis auf die Vergänglichkeit des Papiers und die Unvermeidlichkeit des Zerfalls finde ich elegant. Dieser Hinweis auf die Fragilität ist wichtig, denn Sie sehen den Dingen an, dass sie vor der Kamera einmal so waren, wie sie dort zu sehen sind. Aber schon am Tag danach sind sie nicht mehr so. Diese Schönheit, die Sie hoffentlich ausstrahlen, haben sie nur sehr kurz. Wie eine Blüte.

Hat die Papierkrise Auswirkungen auf ihre Kunst und ihre Arbeit?

Noch nicht direkt. Aber mittelbar: Wenn ein Papierhändler schließt, kann ich bestimmte Ideen, die ich habe, vergessen. Das ist, als wenn Sie einem Maler das Ultramarin von der Palette nehmen. Es gibt zwar für mich Auswege aus dieser Situation, aber die sind natürlich nicht besonders klimafreundlich. Papier ist ja eigentlich ein sehr klimafreundliches Material. Aber wenn ich jetzt Bögen aus Japan einfliegen lassen muss, ist das überhaupt nicht mehr nachhaltig. Das ist ein bisschen bedenklich. Aber noch komme ich mit meinen Vorräten zurecht. Übrigens: Schreibwarenläden, die jetzt schließen müssen, sollen sich doch bitte an mich wenden. Ich kaufe gern deren Papierbestände auf.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, Papier ist auch deshalb so gut für Ihre Arbeit, weil Sie so oft scheitern können und sich neu versuchen können, da das Material Papier einfach preisgünstig ist. Ändert sich das jetzt mit der Papierkrise?

Na ja, ich bin ja inzwischen auch besser geworden. (lacht) Aber im Ernst: Ein wichtiger Teil des Scheiterns ist ja zu merken, dass man auf dem falschen Weg unterwegs war, und dies dann zu ändern und anzupassen. Das Problem am Computer ist, dass immer alles sehr gut aussieht und alles immer so scheint, als würde es gelingen.

Aber?

Wenn Sie dann vor der Wirklichkeit stehen, kann es passieren, dass bestimmte Dinge nicht Ihrem Erfahrungsschatz entsprechen oder sie falsch wirken. Ich sehe sofort, wenn die Proportion oder etwas anderes nicht stimmt. Dann kann ich es mit Papier und Pappe sehr, sehr schnell ändern und so lange daran arbeiten, bis ich es als richtig empfinde. Das könnte ich am Computer zwar auch. Aber der Computer verleitet zur Perfektion, und ich glaube, dass die Perfektion ein trügerischer Glanz ist.

Von Kristian Teetz/RND