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Lonely Cowgirl: Angela Merkel reitet wie Lucky Luke dem Sonnenuntergang entgegen. Quelle: Klaus Stuttmann

Karikaturist Stuttmann: „Von der Figur Merkel verabschiede ich mich nur ungern“

Herr Stuttmann, die Amtszeit von Angela Merkel ist zu Ende. Am Mittwoch soll Olaf Scholz zum neuen Bundeskanzler gewählt werden. Sie haben Angela Merkel drei Jahrzehnte lang als Karikaturist gezeichnet. Haben Sie eine Vorstellung, wie oft sie sie gezeichnet haben?

Es sind mehr als 800-mal in 30 Jahren.

Welche Merkmale sind denn aus karikaturistischer Sicht typisch für sie?

Das hat sich natürlich innerhalb von 30 Jahren geändert. Am Anfang war sie eine junge Frau, und jetzt ist sie eben eine etwas ältere Frau. Und so haben sich natürlich auch die Merkmale verändert. Bei einer jungen Frau fällt es immer sehr schwer, eine Karikatur zu zeichnen. Denn da fehlen meistens noch die harten Linien, an denen man sich zeichnerisch orientieren kann. Annalena Baerbock fällt mir deshalb auch noch schwer im Moment, Manuela Schwesig auch. Aber auch die beiden werden mir mit der Zeit immer leichter fallen. Was Merkel allerdings schon relativ früh hatte, war dieser leichte Schlafzimmerblick. Und sie hatte auch schon ziemlich früh diese speziellen Mundwinkel, die ein bisschen nach unten hängen. Ein weiteres Merkmal, mit dem ich sie oft gezeichnet habe, war das Jackett mit drei Knöpfen.

Was ist mit der Raute?

Die kam erst später, so um das Jahr 2005. Vorher gab es die gar nicht. Irgendjemand muss das damals entdeckt haben. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie das dann als PR-Gag aufgenommen und sogar noch ein bisschen gepflegt hat. Aber die Raute ist natürlich ein Zeichen der vergangenen Jahre, das sie für sich allein hatte.

„Kohl war die Birne. Bei Merkel ist es inzwischen die Raute“

Heute reicht es letztendlich ja, einfach die Hände als Raute zu zeichnen, und jeder weiß, um wen es sich handelt.

Ja, es gibt solche markanten Fälle. Früher hatten wir Theo Waigel, bei dem hat man zwei dicke schwarze Augenbrauen gezeichnet und jeder wusste, das ist der Bundesfinanzminister. Oder Helmut Kohl war halt die Birne. Und bei Merkel ist es inzwischen die Raute.

Und Donald Trump ist für Sie eine Ente.

Ja, der war für mich die Ente. Das war natürlich ein spezieller Gag von mir. Und Boris Johnson zeichne ich immer als Clown.

Zum Ende der Ära Merkel haben Sie nun ein Buch mit vielen Karikaturen von ihr aus den vergangenen 30 Jahren zusammengestellt. Aber diese Karikaturen sind – anders als die meisten Originale – komplett ohne Worte. Warum?

Das war ein Experiment, ich habe es einfach ausprobiert. Ich glaube, so etwas gibt es bislang überhaupt noch nicht. Ich habe einen Überblick über ihre Zeit machen wollen und dabei festgestellt, dass man unmöglich diese ganzen Zeichnungen von früher mit Text abbilden kann, ohne sie noch mal inhaltlich zu kommentieren. Denn vieles ist ja bereits vergessen, nicht mehr so präsent. Mit meinem Buch habe ich jetzt eher danach gesucht, wie oft ich sie als welchen Typ oder in welchem Zusammenhang gezeichnet habe. Und ich habe gemerkt, das funktioniert, das wird nicht langweilig. Dadurch, dass auch andere Figuren – Zeitgenossen, Gegner – in den Zeichnungen vorkommen, entsteht trotzdem ein historischer Rückblick.

Sind Sie denn jetzt aus karikaturistischer Sicht froh, dass Angela Merkel geht und jemand Neues ins Bundeskanzleramt zieht?

Nein, das kann ich nicht sagen. Es ist ein bisschen so, wie jemanden aus der Familie zu verabschieden. Das macht man auch ungern. Man hat sie mit der Zeit irgendwie doch lieb gewonnen. Ich meine nicht Merkel als Person, sondern die Figur. Die Figuren bekommen für mich mit der Zeit immer ein eigenes Leben und leben neben dem realen Menschen quasi nebenher. Die haben natürlich beide etwas miteinander zu tun. Aber die Figur, das ist eben meine Figur. Und von der verabschiede ich mich ungern. Aber das ist eigentlich immer so gewesen, auch mit Kohl oder Schröder. Die waren mir persönlich nicht sonderlich sympathisch, aber trotzdem habe ich ihnen ein bisschen hinterhergeheult.

„Arnim Laschet war deftiger, barocker“

Jetzt wird Olaf Scholz ihr Nachfolger. Sind Sie – wiederum natürlich als Karikaturist – froh darüber?

In dieser Beziehung mochte ich Armin Laschet lieber. Der war deftiger, barocker, Olaf Scholz ist halt sehr zurückhaltend. Den kann ich eigentlich auch erst mal nur zurückhaltend zeichnen, quasi minimalistisch. Aber das entwickelt sich sicher auch noch.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Ich zeichne seit 20 Jahren nur noch digital, nicht mehr auf Papier. Dadurch bin ich viel variabler. Ich kann viel leichter Sachen verändern, umstrukturieren, verformen – und dadurch meine Arbeiten auch viel schneller verschicken. Und nur durch das Internet und das digitale Zeichnen ist es möglich geworden, mit Farbe zu arbeiten. Vor den Mails habe ich meine Zeichnungen per Fax an die Redaktionen verschickt – und beim Fax gab es eben keine Farbe. Erst seitdem wir mit Mails arbeiten können, ist es möglich, in Farbe zu arbeiten.

Was hat sich jenseits der Digitalisierung in Ihrer Arbeit verändert?

Die heutigen Genderdebatten spielen natürlich auch eine Rolle. Man überlegt sich mehr als früher: Unterliegst du in deinen Gedanken jetzt einem Klischee, ist es übertrieben? Oder auch: Sind Männer und Frauen auf der Zeichnung richtig verteilt?

„Aufgabe der Karikaturisten ist, alles Herrschaftliche durch den Kakao zu ziehen“

Was haben Karikaturen in der Presselandschaft, in der Gesellschaft für eine Aufgabe?

Das ist eine sehr abstrakte Frage. Aber ich versuche es mal so: Wir haben die Aufgabe, alles Autoritäre oder Herrschaftliche durch den Kakao zu ziehen. Also alles wieder vom Himmel auf die Erde zu holen. Wir äußern Kritik nach oben und niemals Kritik nach unten. Wir machen uns nicht über Opfer lustig. Das ist das Gegenteil von karikaturistischer Arbeit, das macht man nicht. Die Hauptaufgabe ist es aber, sich über Leute, die sich zu ernst nehmen, lustig zu machen und den Leuten die Gelegenheit zu geben, darüber auch lachen zu können.

Kennen Sie Angela Merkel persönlich?

Nein, ich lege Wert darauf, die aktiven Politiker nicht persönlich kennenzulernen.

Warum das nicht?

Ich habe immer Angst, einen dieser Menschen dann als Person sympathisch zu finden. Dann würde mir plötzlich der Biss fehlen, wenn ich eine Karikatur über sie machen möchte, befürchte ich. Deshalb bin ich dem persönlichen Kennenlernen immer aus dem Weg gegangen.

Klaus Stuttmann ist einer der bekanntesten und profiltiertesten deutschen Karikaturisten. Seine Arbeiten erscheinen unter anderem in den Partnerzeitungen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) wie die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ und die „Leipziger Volkszeitung“ sowie im „Tagesspiegel“, im „Freitag“ und im Satiremagazin „Eulenspiegel“. Der 72-Jährige wurde in Frankfurt/Main geboren und wuchs in der Umgebung von Stuttgart auf. Heute lebt er in Berlin. Zum Ende der Ära Merkel ist sein „Merkelbilderbuch“ (Schaltzeit-Verlag, 200 Seiten, 24,90 Euro) erschienen. Darüber hinaus gibt es zum Jahresende wie immer seinen Jahresrückblick in politischen Karikaturen. Dieses Jahr heißt er „Jetzt geht´s los“ und erscheint ebenfalls im Schaltzeit-Verlag. Er hat 228 Seiten mit 200 Karikaturen und kostet 22 Euro.

Von Kristian Teetz/RND