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Das unwahrscheinlichste Album des Jahres: Björn (von links), Agnetha, Annifrid und Benny brachten 2021 – nach 40 Jahren Pause – „Voyage“ heraus. Quelle: Baillie Walsh/Universal Music In

Die Alben von 2021: Abba, Adele, Elbow und der Rest vom Popfest

Verkehrte Welt. Die vierte Platte von Abba hieß 1976 „Arrival“ – Ankunft. Die neunte – erschienen 40 Jahre nach der achten – heißt „Voyage“ – Reise. Dass die Popgruppe 2021, was Aufnahmen betrifft, „angekommen“ und die Abba-Reise mit „Voyage“ zu Ende ist, haben Björn Ulvaeus und Benny Andersson im November unmissverständlich klargemacht. Zugleich brechen im kommenden Mai vier Abbatare auf, virtuelle Ebenbilder der jungen Abba, um in London das Wort „live“ mit digitaler Bedeutung zu erfüllen.

Mit Abba war es so: Als sie da waren, glaubte man, sie nicht mögen zu dürfen, liebte sie heimlich und versteckte seine Abba-Platten hinter denen von Beatles, Pink Floyd und Clash. Und als sie dann weg waren, fehlten sie allen ganz furchtbar. Nach und nach outeten sich selbst härter gesottene Rock-’n’-Roller wie Gene Simmons von Kiss oder jüngst Dave Grohl von den Foo Fighters als Abba-Fans. Sie alle dürften inzwischen im Besitz von „Voyage“ sein. Es ist gewissermaßen das Album des Jahres 2021 in der Kategorie „unverhofft“. Ja, wir glauben immer noch an Agnetha, Björn, Benny und Annifrid, auch wenn ihnen das Weihnachts­lied „Little Things“ ärschlings in den Kitschekitsch­topf geplumpst ist.

2021 war auch das Jahr von Olivia Rodrigo

2021 war auch das Jahr von Olivia Rodrigo. Der Teenager aus Los Angeles kam im Januar mit dem folkpoppigen Beziehungs­entzugs­stück „Drivers Licence“ an die Spitzen diverser Charts und bewies mit dem angepunkten „Good 4 U“, dass der gute alte Rock ’n’ Roll noch lebt (das Gleiche behaupteten ja die italienischen ESC-Gewinner Måneskin). Das Album „Sour“ versüßte den Freunden seriöseren Teenierocks das Frühjahr, und Billie Eilish hätte dann den Sommer mit „Happier than Ever“ übernehmen können. Aber das wunderbar ruhig dahin­fließende Album mit seinen ernsten Themen von Beziehungs­schäden bis Bodyshaming schlug nicht ganz so tief ein wie das düstere Debüt „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ zwei Jahre davor.

An Adele kommt keiner vorbei

Vielleicht hat man sich vom „happy“ (glücklich) im Titel abschrecken und täuschen lassen. Sollte man nicht tun. Das Erstlingswerk von Billies Bruder Finneas heißt ja auch „Optimist“, obwohl Endlichkeit und Zukunfts­sorgen beinahe auf Albumlänge vorherrschen. Trotz gelegentlicher Stimmeffekte fehlt Finneas’ dunklen Popsongs jede Gegenwärtigkeit. Die Liebe und das Danach thematisierte Adele auf ihrem pompösen Album „30“. Schon an ihrer Single „Easy on Me“ kam keiner vorbei.

Wie auch nicht an Lea und den nachdenklichen Liedern ihres Albums „Fluss“, mit denen die Endzwanzigerin (in Deutschland) noch erfolgreicher war als die Kolleginnen Rodrigo und Eilish. Rapper Danger Dan von der Antilopen-Gang lieferte mit „Das ist alles von der Kunst­freiheit gedeckt“ einen anti­antilopischen wirklich großen Wurf mit messer­scharfer Zeitkritik.

Weitere Deutschtipps für Tieferschürfer:„Pop“ von Fynn Kliemann, „Die Bar zur guten Hoffnung“ von Philip Bradatsch, „Die Nacht ist vorbei“ von Wolfgang Müller und „Neon“ vom immer noch so herrlich traurig nuschelnden Wuschel Philipp Poisel. Mit E-Gitarre und Klavier sind Gisbert zu Knyphausen und Kai Schumacher bei „Lass irre Hunde heulen“ dem Liedgut aus Franz Schuberts Feder zu Leibe gerückt. Einen Knaller lieferten die punkigen Antiheld aus Stuttgart. Die von Sänger Luca Opifanti „auf Weißwein in der Isolation einer Pandemie“ geschriebenen Lieder von „Disturbia“ sind gesättigt mit „Wir sind zu alt, um jung zu sterben“-Rock-’n’-Roll-Pathos – zu Herzen gehende, ehrlich empfunden wirkende Songs über Abschied, Trauer, Aufbruch.

Peter Maffays Americana-Album „So weit“

Selig thematisierten auf „Myriaden“ Klimawandel und braunen Morgen­dämmer, rockten und waren funky zu richtig tollen Songs. Und Peter Maffay hätte schon längst mal Homeoffice probieren sollen: Zu diesem Schluss kommt, wer sein überraschend ungeschliffenes Americana-Album „So weit“ hört.

Internationale Anwärter auf den Titel „Album des Jahres“: „Fever Dreams“ von Conor O’Brien aka Villagers – eine fiebrige Schönheit, ein Sound­amalgam aus Soul, Jazz und Psychedelik. Halluzinogene Musik zwischen Beatles und Flaming Lips, zwischen Marvin Gaye und den frühen Pink Floyd – experimentell und hoch­melodisch zugleich. Die Band Hiss Golden Messenger aus North Carolina lieferte mit „Quietly Blowing It“ ein tiefen­entspanntes Rockalbum, dessen Roots bis in den Blues hinabreichen, das einen Stamm aus Soul hat und dessen höchste Zweige sich zum Jazz hin strecken.

Auch ein Traum von Album: Elbows „Flying Dream 1″, das im altehrwürdigen Brighton Theatre Royal eingespielt wurde und das im Ohr des Hörers und der Hörerin wächst und wächst. Es ist ein Fest des Flüsterns und Raschelns, der stimmungs­vollen Background­chöre und der barmenden Leadstimme, die ihre Worte regelrecht zu verkosten scheint. Das kalifornische Duo Midnight Sister verwebt auf „Painting the Roses“ endlos viele Sounds zu seinem. Klingt wie Musik, die aus den Träumen von Musik­liebenden aufgenommen wurde, als hätte es jemand geschafft, ihnen ein Mikrofon in den Schlaf zu halten. Und dann ist da noch Parker Millsaps exquisiter Popstoff auf „Be Here Instead“ – Pandemiesongs über schwere Zeiten, in denen man früher verhasste Dinge neu bewertet. Exquisite Songs, Stimme à la Paul McCartney – Elton John ist ein großer Fan.

Lorde ist hippiesk geworden

Lorde ist auf „Solar Power“ hippiesk geworden, Lady Gaga hat auf „Love for Sale“ noch einmal gemeinsame Swing-Sache mit Tony Bennett gemacht. Welchen Frauen man 2021 noch zuhören musste: Celeste, der Popprinzessin aus England, die auf „Not Your Muse“ mit leicht kreidiger Stimme und einer Melange aus Soul, Blues und Jazz überzeugte. Oder Joanna Connor, der Gitarren­virtuosin aus Chicago, die auf „4801 South Indiana Avenue“ klingt, als sei der Geist von Janis Joplin in sie gefahren. Oder Alison Russell, die auf „Outside Child“ mit volltönender Stimme und heiserem Hinter­schwingen ihre von Missbrauch geprägte Kindheit in anrührenden Roots-Songs verarbeitet.

Und natürlich Annie Clark alias St. Vincent, die mit „Daddy’s Home“ aus dem Plattenschrank ihres Vaters ein entspanntes Album voller grandioser, zeitloser Songs destilliert hat. Pretenders-Chefin Chrissie Hynde geht auf „Standing in the Doorway“ auf Dylan-Patrouille, gefolgt von Lucinda Williams mit „Bob’s Back Pages“ – beide greifen an Dylans größten Hits vorbei in die Schachtel mit den wahren Preziosen. Gut so!

Von den ganz Großen kam 2021 Kleineres

Von den ganz Großen kam 2021 Kleineres: Bei „Music of the Spheres“ war so gar nichts mehr von der einstigen Coldplay-Magie vorhanden. Die Anmut, das Anrührende, der erhabene Pop, für den die vier Briten lange Jahre standen, ist 2021 weitgehend perdu. Ob des Sängers hörbaren Dranges, dem Vorgängeralbum in nichts nachzustehen, fehlte auch den neuen Erzählungen aus dem Leben und Denken Ed Sheerans, des knuffigsten und erfolgreichsten Songwriters der Popgegenwart, dessen Unbekümmertheit und Experimentier­freude. „=“ (Equals) war entsprechend der perfekte Titel für Sheerans neues Album, das einfach nur mehr vom Gleichen ist.

Helene Fischers neues Album „Rausch“

Die Songs würden auch von ihr selbst erzählen, verriet Helene Fischer vor dem Erscheinen von „Rausch“. Und so sucht man seine Helene seither in den Liedern – etwa in der souligen Orchester­hymne „Hand in Hand“, wo die Protagonistin vom Glück eines Neubeginns kündet, oder in „Wunden“, wo sie von Chaos, Sorgen, Tränen erzählt – ganz allgemein freilich, ohne Details preiszugeben. Schlager halt – der hält stets zurück, was er verspricht.

Geheimtipp: Alexandra Shungudzo Govere, eine Künstlerin aus Kalifornien, die als Zehnjährige von Simbabwe nach Amerika kam und die auf ihrem Debütalbum „I’m Not a Mother, But I Have Children“ ihre Botschaften mit einem unwiderstehlichen Genremix aus Dance-Folk, Weltmusik und – gelegentlich – Rock ’n’ Roll versieht. Die Stimme – wechselnd zwischen kindlich und soulful, kraftvoll und verletzlich – liefert eine Selbstverortung in der gierig-kalten Welt des Kapitalismus. „Take a chance on her“, wie Agnetha und Annifrid sagen würden.

Apropos: Die Manic Street Preachers haben es gewusst. Die klassen­bewussten Linksrocker aus Wales hatten auf dem Album „The Ultra Vivid Lament“ ihre zeitkritische Lyrik mit einem abbaartigen Sound vermählt und diese Hommage am 3. September auf den Markt gebracht – nur einen Tag nach Ankündigung des Abba-Comebacks. Wir wünschen uns Manic-Street-Preachers-Avatare aus der Zeit von „If You Tolerate this, You’re Children Will Be Next“ – wäre ein prima Support für Abbas „Voyage“-Show.

Von Matthias Halbig/RND