Anzeige
Zwei, die gut zusammenpassen: Die Rock-'n'-Roll- und Americana-Veteranen Bruce Springsteen (l.) und John Mellencamp machen auf Mellencamps neuem Album dreimal gemeinsame Sache. Quelle: Taryn Weitzman/Republic/Universa

Neue Alben von John Mellencamp, Matthias Reim, Lady Blackbird, Cat Power und anderen

Bevor man sich jetzt mit den Alben dieses Textes beschäftigt – eins vorweg: Natürlich lohnt auch die Beschäftigung mit den Singlecharts. Klar regiert in dessen höheren Rängen meist der (Deutsch-)Rap, weil dessen ohrfleißige Community den Liedern übers Unermüdlichstreamen einfach die entsprechenden Spitzenplätze beschert. Aber es gibt zuweilen auch Überraschungen. In den ersten beiden Wochen des Jahres regierte dort die 17-jährige Texanerin Gayle mit ihrem ersten Welthit (auch im UK, in Finnland, Malaysien, Israel und so weiter)„abcdefu“. Die grobe Abfuhr an einen fiesen Ex hat in der „angrier“-Version richtig Rock ‘n‘ Roll im Sound und ist das, was schon die Fans der Comedian Harmonists einen Ohrwurm nannten. Gleiches gilt für die neue Single „Ur Just Horney“, die seit Mittwoch (19. Januar) im Rennen ist. Das erste Album Gayles kommt bestimmt ... und wir sind schwer gespannt.

Duette der Giganten – Mellencamp hat den Boss zu Gast

John Mellencamp nannte sich erst John(ny) Cougar, dann John Cougar Mellencamp, bis er den prahlerischen Puma ganz fallen ließ. Ab dem Album „American Fool“ (1982) lieferte er mit seiner wohligen Kratzestimme exquisiten Rock ‘n‘ Roll, der sich an die Stones anlehnte und an Bruce Springsteen, mit dem er auch – ob seiner Stimme – immer wieder verglichen wurde. Heartland Rock und Americana sind seit dem folkigeren Album „The Lonesome Jubilee“ (1987) sein Ding. Und so macht es durchaus Sinn, dass er auf seinem ersten Album seit fünf Jahren gleich drei Mal den Boss zur Seite hat – zweimal am Mikrofon, einmal als Gitarrist. Bruce hellt dieses dunkle Album bei den trauten Liedern „Wasted Days“ und „Did You Say Such a Thing“ ein wenig auf. Auch die Twangs und das Schrappen von Gitarrist Andy York auf „Sweet Honey Brown“ trägt ein bisschen Licht ins Betrübliche.

Die Lieder des neuen, seines 25. Albums „Strictly a One-Eyed Jack“ kommen aus den Gefilden von Bitternis und Resignation, sind – wunderschön geratene – musikalische Verzweiflungen für eine Welt, an der man in diesen Jahren tatsächlich problemlos verzweifeln kann. „Die Welt wird von krummeren Hunden regiert, als ich es bin“, schabt Mellencamp respektive sein Protagonist im Opener „I Always Lie to Strangers“ ins Mikrofon und skizziert immer wieder Charaktere, die aus den kaputten Geschichten eines Charles Bukowski stammen könnten. Eindringliche Verlierererzählungen: „Driving in The Rain“, „Streets of Galilee“. Auf „Gone so Soon“ klingt Mellencamp zu Barpiano und smoother Trompete wie ein Jazzer und erinnert vom Sound her an den frühen Tom Waits, mit der verwitterten Stimme her beinahe an den alten. Trauriger, großer Song. Ähnlich – mit Ziehharmonika – ist die beinahe erschütternde Ballade „A Life Full of Rain“, in der er von einem singt, der in die Schatten verschwindet und „keinen trockenen Flecken hat, auf dem er ausruhen kann“.

John Mellencamp – „Strictly a One-Eyed Jack“ (Universal)

Die Lumineers auf der „bright side of life“

Die „Ho Hey“-Gemeinschaft macht mit ihrem charmanten Radiofolk weiter, etwas glänzender und poppiger als zuvor, noch elektrifizierter und ausproduzierter. Einfach so, ohne Konzept und übergeordnetes Thema. Songs werden von den Lumineers einfach aneinandergereiht, der soundbezogen ganz passende Titel „Brightside“ drübergelegt. Denn selbst wenn ein Titel mal spartanisch angeklampft wird wie „A. M. Radio“, machen die Leute um Gitarrist/Sänger Wesley Schultz und Drummer Jeremiah Fraites im Handumdrehen ein hübsches, strahlendes Lied daraus. Ein Refrain wie für all die derzeit unbespielten, der Bands harrenden Stadien der Welt.

Hübsch sind sie alle neune, das schunkelnde „Birthday“, das klaviermurmelnde „Rollercoaster“, das sich zu einer Walze steigernde „Not Really Mine“, das auch einen prima Uptempo-Rock-‘n‘-Roll-Track abgäbe. „Where We Are“ handelt von einem Autounfall von Schultz und seiner Freundin Brandy in Arizona. Das Auto überschlug sich, „die Leute dachten, wir wären tot“. Schultz schließt mit den erleichterten Worten eines Überlebenden: „Ich weiß nicht, wo wir stehen, aber es wird schon in Ordnung gehen“. Nach nicht mal 30 Minuten ist dann alles vorbei, aber man steht auf der „hellen Seite des Lebens“, die man – so wussten das schon die Monty Pythons in „Das Leben des Brian“ – immer in Augenschein nehmen sollte.

The Lumineers – „Brightside“ (Decca)

Cat Power singt fremde Lieder auf eigene Weise

Das dem Mainstream nächste Lied auf Chan Marshalls (alias Cat Powers) drittem Album mit Fremdmaterial nach „The Covers Record“ (2000) und „Jukebox“ (2008) war wohl Bob Segers „Against the Wind“ von 1980. Erkannt hat man es in Marshalls Bearbeitung nicht mal auf den zweiten Horch. Das Bekenntnis von Detroits Old Time Rock-‘n‘-Roller Seger, dass man sich auch noch als älterer Rebell am wohlsten mit ein wenig Gegenwind fühlt, wird von der Frau aus Georgia ummelodisiert und vernuschelt. Marshall mochte noch nie anbiedernden Hommagen, die bloß wie das Original mit anderer Stimme klingen.

Die Bandbreite ist groß. Im Angebot sind Nick Cave („I Had a Dream, Joe“), Lana Del Rey („White Mustang“), die Pogues („A Pair of Brown Eyes“) und der Song „Bad Religion“, mit dem der Kalifornier Frank Ocean vor zehn Jahren über das Leben eines schwarzen Schwulen sang. Der Vierzigerjahre-Countrystar Kitty Wells kommt mit einer fingerschnippenden Bluesversion von „It Wasn‘t God Who Made Honky Tonk Angels“ zu Ehren, einem Lieblingslied aus Marshalls Kindheit und der ersten weiblichen Nummer eins einer einzelnen Sängerin in den offiziellen US-Country-Charts. Und Billie Holidays „I‘ll Be Seeing You“ war ein Favorit ihrer Großmutter und erfährt vielleicht auch deshalb keine Dekonstruktion. „Here Comes a Regular“ von den Replacements bekommt seinen Platz auf „Covers“, weil Cat Power sich daran erinnerte, dafür einst ihre letzte Münze in die Jukebox gesteckt zu haben. Würde man für manchen Song durchaus auch tun.

Cat Power – „Covers“ (Domino)

Jason Isbell und seine Musikgrüße ans „blaue“ Georgia

„Falls Biden gewinnt ...!“ Mit 11.779 Stimmen und einem Vorsprung von 0,23 Prozent fiel der US-Bundesstaat Georgia bei den Präsidentschaftswahlen 2020 an den Kandidaten der Demokraten. Georgia wurde nach 28 Jahren „blau“ – die Farbe der Demokratischen Partei, wonach der Musiker Jason Isbell – gebürtig in Alabama, aber seit 2001 aus der Musikszene des Peach States nicht mehr wegzudenken – der Welt das Album „Georgia Blue“ schuldig war. Es entstand ein Paket Coversongs, die sich samt und sonders auf Georgia beziehen und die von Gastsängerinnen und -sängern interpretiert werden, die ebenfalls eine Zuneigung zu „politisch blau“ hegen. Mit einer filigranen Version von REMs „Nightswimming“ (mit Nickel-Creek-Mann Chris Thile und Bluegrass-Banjomeister Béla Fleck) beginnt die von Isbell als „labor of love“ klassifizierte Scheibe.

Zu der John Paul White von The Civil Wars ebenso beiträgt wie die Newcomerin Brittney Spencer (sie singen zusammen Gladys Knights „Midnight Train to Georgia“) oder die jüngst der Countrynische entfleuchte Brandi Carlile (mit „Kid Fears“ von den Indigo Girls). Cool ist der Dialog, den Isbells Ehefrau Amanda Shires zu Cat Powers „Cross Bones Style“ mit ihrer Violine führt. Der musikalische Schwerpunkt liegt freilich auf den klassischen Sounds des Südens: Blues, Soul und natürlich Southern Rock. „In Memory of Elizabeth Reed“ von der Allman Brothers Band ist bei Isbell ein zwölfminütiger Jam, den Allman-Keyboarder Peter Levin zur aufregenden Reise macht. Gegenstück zu dieser Ekstase ist „I‘m Through“, ein Juwel des Todunglücklichseins aus der Feder des viel zu früh verstorbenen Vic Chesnutt, dem Isbell selbst seine Stimme gibt. Apropos: Man hofft auf „Georgia Blue II“ in drei Jahren.

Jason Isbell And The 400 Unit – „Georgia Blue“ (Southeastern Records/Thirty Tigers)

Die Pictures halten dem Rock‘n‘Roll die Stange

„It‘s ok“ heißt die dritte Platte der Pictures, die sozusagen die wiederauferstandenen Union Youth sind. Bad-Bentheim-Grunge spielten sie Anfang der Nullerjahre: Zorn und Lärm (und Drogen) – bis zum Untergang. Schon der Pictures-Vorgänger „Hysteria“ war kraftvoll – indes näher am Britpop der Mittneunziger als am einstigen Seattle-Sound. Ihre Neue haben die Ex-UY-Mitglieder Maze Exler (Gesang) und Michael Borwitzky (Schlagzeug), sowie Ole Fries (Gitarre) und Markus Krieg (Bass) live eingespielt – so schnell wie möglich sollte alles im Kasten sein. Klingt denn auch ungefähr wie gehabt, nur sind Songs wie „Mobile“ oder „Who Took the Soul“ noch ein wenig rauer, ungeschliffener, lebendiger als zuvor. Dem psychedelisch gebogenen „Happy Afterlife“ ist die Liebe zu Oasis deutlich anzumerken, „Good Day“ geht zurück zu den Britpopwurzeln der Sechzigerjahre. Und im krachenden „Purple Walls“ singt Exler von der Furcht und dass es noch schlimmer ist, keine zu haben. Verrätselter Song eines offenbar von der Liebe Verlassenen.

„Wie fühlt es sich an, wieder glücklich aufzuwachen?“, fragt Exler betrübt in „Drifting“, und bleibt die Antwort bewusst schuldig. Und in „Secret And The Lost Empathy“ beklagt er das Schwinden der Zugewandtheit, den Triumph von Konsum und Gier und fordert folgerichtig: „Kiss Me like a Robot“. Schlusspunkt eines Albums, das mit der ersten Zeile des Titelsongs – „Ich brauche kein Geld, um zu atmen“ so hoffnungsvoll begann. Und das bei aller Melancholie doch auch Hoffnung trägt: Rock ‘n‘ Roll, der Totgeglaubte, lebt.

Pictures – „It‘s ok“ (Clouds Hill/ADA-Warner Music)

Nina Simone - klassisch und in neuen Deutungen

Nina Simones dunkles Timbre fasziniert bis heute. Die Lieder der Jazz-, R&B- und Blues-Chanteuse aus North Carolina werden vorzugsweise für die Soundtracks von Filmen, Serien und Computerspielen genutzt, mit besonderer Vorliebe „My Baby Just Cares For Me“ mit lässigem Simone-Gesang und schlenderndem Beat (das erst 1987 dank einer Parfümwerbung zum Hit wurde) und Simones fiebriger Gospel zum nervösen Rhythmus von „Sinnerman“ (hier in einer jazzigen, zehnminütigen Liveversion). Die Compilation „Feeling Good – Her Greatest Hits & Remixes“ ist ein empfehlenswerter Einstieg in das Werk der als „Hohepriesterin des Soul“ apostrophierten Künstlerin, die 2003 in Frankreich verstarb. Hier finden sich Musicalinterpretationen von „I Loves You Porgy“ (aus „Porgy and Bess“) und ihr Medley „Aint Got Go – I Got Life“ (aus „Hair“). Sie singt Brels „Ne Me Quitte Pas“, Billie Holidays „Strange Fruit“ (über die Lynchmorde an Schwarzen in den USA) und sie leidet schmerzvoll an vergeblicher Liebe in ihrer Version von Screaming Jay Hawkins‘ „I Put a Spell on You“.

Wer nichts als die klassische Simone gelten lässt, der stoppt die Doppeldisc nach der ersten Hälfte der zweiten Scheibe. Danach übernehmen die Remixer und holen „Feeling Good“, „Take Care of Business“ und „See-Line Woman“ in die Gegenwart und in die Clubs – durchaus mit Liebe und Respekt.

Nina Simone – „Feeling Good – Her Greatest Hits & Remixes“ (Verve)

Die Kapelle Petra weckt die Cabrios in den Winterschlafgaragen

Hamm schrammelt schöner. Die Indierocker der Kapelle Petra haben ihr Album „Die Vier Jahreszeiten“ aus vier EPs zusammengeschraubt, und rollen gleich mit dem ersten Song den grünen Frühlingsteppich aus. „Ab jetzt beginnt das Jahr“ singt Guido „Opa“ Scholz die Losung in „Reißt die Fenster auf“ und „in den Winterschlafgaragen werden Cabrios geweckt“. Wer Schwung braucht für das dritte und hoffentlich letzte Corona-Jahr, hier kommt er in selbigen. Und mit „Ameland“ geht‘s hemmungslos mitgrölbar auf den Jugendcampingplatz – zurück zur ersten Liebe, zu der Frau mit dem Patrick-Swayze-T-Shirt und zum unzweifelhaft Mut erfordernden „Handstand freihändig“. Das Gefühl, dass einem die Welt gehört, hier ist es in melodiösen Indierock gegossen. Ob man sommers zum Bluesmarsch in der Ventilatorströmung halluzinierend in der „Dachgeschosswohnung“ schwitzt („die Luft ist fast schon Qualm“) oder gitarrenpoppig und humorig das Idyll des „Eisenbahnromantikers“ beschwört („Glück ist einfach“) – die Petras sind wohltuend positiv.

Freilich können sie auch mal anders – wenn sie den Egomanen der Republik einen ganz speziellen, nicht gesellschaftsfähigen „Bunten Strauß“ überreichen, oder in „Wirtschaftsflüchtling“ die Vorurteile neubrauner Wutbürger aufs Korn nehmen. Dem Major Tom der Trendverpasser wird abschließend in der Ballade „Milliarden Kubikmeter Vakuum“ ein Denkmal gesetzt. „Und wenn du mit Moorhuhn und fünf Freunden ganz glücklich bist“, singt Scholz, „dann ist es doch egal, wer Capital Bra ist“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Kapelle Petra – „Die vier Jahreszeiten“ (Gute Laune Entertainment)

Lucinda Williams rockt Rolling-Stones-Songs der klassischen Phase

Hauptsache, man weiß, wer Lucinda Williams ist. Die Americana-Frau mit der brüchigen Schluckaufstimme schließt jetzt im Januar ihr Corona-Projekt ab, liefert innerhalb eines Jahres bereits ihr sechstes Album mit live eingespielten Coverversionen ab. „You Are Cordially Invited“ ist eine Hommage ans Werk der Rolling Stones. Das Cover ist dem von „Beggar‘s Banquet“ nachempfunden, los geht‘s mit „Street Fighting Men“, dem Song für das Revolutionsjahr 1968, den man auch lyrisch neu gedreht genommen hätte – auf die verstörenden Kapitolsstürmer des vorigen Januars.

Williams klebt freilich an „ihren“ Stones, denen der klassischen Phase der Sechziger- und frühen Siebzigerjahre. Die von ihr gewählten Songs reichen von „The Last Time“ (1965) bis zu „Time Waits for No One“ (1974) und sind ganz offenkundig Ehrerbietungen, deren Klangbild nicht allzu stark von dem der Originale abweicht. Ganz anders als bei ihrem Dylan-Tribut stammen die meisten der hier gecoverten Stücke („Satisfaction“, „Get off of My Cloud“, „Paint It Black“ usw.) aus dem „Greatest Hits“-Pool der Briten. Nur zwei Überraschungen stehen zu vermelden: Mit „You Gotta Move“ hat Williams das knochigste Stück gewählt, das die Stones je dem klassischen amerikanischen Blues-Songbook entnahmen, und mit „Moonlight Mile“ ihre mit Abstand schönste Ballade.

Lucinda Williams – „You Are Cordially Invited … A Tribute to The Rolling Stones“ (Highway 20)

Was für eine Stimme! - Lady Blackbirds hochfliegender Jazzpop

„You ain‘t ever gonna fly, blackbird“, singt Marley Munroe alias Lady Blackbird zu Bass, rollendem Cello und verlorenem Klavier. Sie singt Nina Simones Lied von einer einsamen Mutter, einem spielsüchtigen Vater, einer Welt, die sie herunterzieht, niedermacht: „Du wirst nie fliegen können“, wird ihr gesagt. Und wie sie fliegt mit dem zu Herzen gehenden Jazz des Albums „Black Acid Soul“, dieser perfekt angeeigneten Kollektion weitgehend unbekannter Stücke von beispielsweise Tim Hardin oder der James Gang. Gesungen wird das mit mal einer Stimme, die so mächtig klingt wie die einer Gospelgöttin, mal dunkel und warm wie die von (siehe weiter oben) Nina Simone – und das in einem einzigen gewaltigen Song wie „It‘s Not That Easy“. Heiser, flüsternd, umarmend singt sie zu den Eistropfenklängen des Klaviers ihr Angebot: „I‘ll fix it for you“.

Was sie elfmal tut und was wir gern annehmen. Die musikalische Seite dieses seelenreparierenden Debüts ist bewusst reduziert, denn es braucht keine Überwältigungsmusiken, wenn die Stimme allein schon so überwältigend ist. Mal wehen ein paar Streicher, mal zirpt eine Gitarre, mal schmurgelt eine alte Orgel, und im todtraurigen „Nobody‘s Sweetheart“ liebkost eine wattierte Trompete den Song. Ansonsten: Piano, Bass – rudimentärer (und besser) geht‘s nicht.

Nach christlichem Pop, Alternative Rock und klassischem Rhythm and Blues hat diese Künstlerin ihre perfekte Ausdrucksform gefunden. Das „Acid“ im Albumtitel hat uns Lärmiges erwarten lassen, stattdessen war wieder mal leise das wahre intensiv, und so haben sich uns diese Lieder unmerklich eingebrannt.

Lady Blackbird – „Black Acid Soul“ (BMG) – ab 28. Januar

Schlager mit Rock-Flair: Matthias Reims Liebe zur elektrischen Gitarre

Matthias Reim erzählt von denen, die sich trennen, aber einander nicht loslassen können und sich dann um „4.30 Uhr“ nachts in einer Nighthawks-Kneipe wiedertreffen, wo ihnen Wichtiges übers Wesen der Liebe dämmert. In „Bon Voyage“ schickt er die Liebste zu Ziehharmonika und dem stampfenden Discofoxrhythmus des Schlagergenres hinaus in die Welt, ist sich aber ziemlich sicher, dass sie eines Tages wiederkommt. Italowesternglocken und Polizeisirenen werden eingesetzt, damit es ein bisschen eigenwilliger klingt als das, was sonst so los ist im Schlager. Vor allem die elektrische Gitarre kommt immer wieder zum Einsatz – und das nicht nur pseudo, sondern absolut ernst gemeint.

„Matthias“ heißt schlicht das Album, und Reim bedeutet hier außer rockig, dass es sich auch wirklich reimt und nicht so verschlufft durch die Nase genuschelt werden muss, um einen reimesken Eindruck zu erwecken. „Matthias“ ist vornehmlich ein Fest der Liebe, wobei das optimistische „Verdammt, ich lieb dich“ schon mal einem „(Ich dachte), du liebst mich auch“ weicht. Die „Reise um die Welt“ ist ein optimistischer Polkakracher für die Schlagerparty, in „8 Milliarden Träumer“ stellt der Popveteran seinen Glauben an den Menschheitsfortschritt aus – ein Unerschütterlicher gegen all die gegenläufigen Entwicklungen unserer Tage.

Matthias Reim – „Matthias“ (Sony)

Greensky Bluegrass lassen das Banjo tanzen

Bluegrass ist spröde, musikalisches Stroh? Von wegen. Der Tanz von Banjo, Mandoline, Fiedel und Gitarre, der vor gut 80 Jahren in den amerikanischen Nachbarstaaten Tennessee und Kentucky entstand, ist nicht selten so spannend wie das ausgelassene Jammen von Jazzern. Seit den Zeiten von Bill Monroe und Earl Scruggs hat sich überdies viel getan. Der Sound hat den Pop erobert. Und Greensky Bluegrass, fünfköpfige „Bruderschaft“ aus Michigan, benutzen das Instrumentarium der Country-Spielart virtuos, um ihre eigene Variante von Rock ‘n‘ Roll zu etablieren (nein, nicht auf die lustige Weise wie Hayseed Dixie, ernsthafter und eigenständig).

„Stress Dreams“ heißt das achte Album, das unter den schwierigen Bedingungen der Pandemie durch Verschicken von Instrumental- und Gesangsdateien seinen Anfang nahm, am Ende aber doch von Mandolinist Paul Hoffman, Dobrospieler Anders Beck, Banjomann Michael Arlen Bont, Gitarrist Dave Bruzza und Stehbassist Mike Devol gemeinsam eingespielt wurde. Inhaltlich wird die Zeit von Corona, Lockdown, Quarantäne in den Texten als bedrohlich und dunkel konnotiert, im melodisch zauberhaften „Until I Sing“ des Künstlers Gefühl, in ein Nichts zu rutschen, verdeutlicht: „Ich fühle mich wertlos, ohne Zweck / bis ich (wieder) für euch singen kann“, bekennt Hoffman seinen Fans.

Die Bandbreite der Texte ist weit. Da ist der dezente Rassismusprotest von „Cut a Tooth“, das Beschwören der Zweisamkeit („Grow Together“) und der achtminütige Titelsong erzählt dann vom Vordringen des Lockdown-Stresses in den Schlaf: „Ich bin müde aufgewacht.“ Das heißt nicht, dass das Tempo ob der Themen jetzt melancholisch gedrosselt wird. Die Greenskys bauen in ihre Songs reihenweise erbauliche Soli ein. Und so lassen sie ihren Bluegrass fliegen.

Greensky Bluegrass – „Stress Dreams“ (Big Blue Zoo)

Der Georgier Nash Albert - mal dylanesk, mal bowiesk

Ein Hardrockstück, dass sich in einen Chanson verwandelt und dann zwischen den Genres hin- und herswitcht? „Kill The Fear“, Auftaktsong von „Yet“, des neuen Soloalbums des georgischen Rockers Nash Albert ist genau das. Überhaupt ist dieses mit seinen früheren Weggefährten der Band Salamandra eingespielte Liederbuch so stilwild, dass einem zum Vergleich nur das 33 Jahre alte (West-)Solodebüt „Radio Silence“ des russischen Aquarium-Sängers Boris Grebenschtschikow einfällt. Der schon seit Jahrzehnten musizierende Nash verarbeitet viele Einflüsse, was sich sogar im Gesang niederschlägt – er klingt auf dem gothiclastigen „Lost in Jerusalem“ reichlich bowiesk, um im darauffolgenden, eher folkigen „Monkey Blues“ zu näseln wie Dylan. Und in der pianodominierten Ballade „I Won‘t Look Back“ erinnert er dann an Nick Cave.

Gerockt wird öfter mal – in „Cocaine Hangover“ etwa oder in „Love to Reset“, dagegen stehen dann Balladen wie das anfänglich in Leonard-Cohen-Manier geflüsterte „Autumn Rain“ oder die zur Akustikgitarre gesungene Träumerei „Marabella“, in der Albert romantisch-melancholisch vom Mondlicht und Fußabdrücken im Sand erzählt. Die meisten Lieder hier sind reizvoll ... und dennoch macht „Yet“ als Ganzes nicht den Eindruck eines geschlossenen Albums, sondern wirkt eher uneinheitlich. Eine Leistungsschau.

Nash Albert – „Yet“ (M.I.G.) – erscheint am 28. Januar

Von Matthias Halbig/RND