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Auch fast zwei Jahre nach den Worten „Erst das Leben und dann das Kino“ liegt der Kulturbetrieb coronabedingt noch immer still. Quelle: Georg Wendt/dpa

Erst das Leben, dann das Kino – Kultur in Zeiten des Coronavirus

Dass ein Leben ohne Kultur keinen Sinn hat, stimmt vor allen anderen für die Kulturschaffenden selbst. Die Tatenlosigkeit schmerzt nicht nur finanziell.

Wenn sich später noch einmal jemand an den spanischen Kulturminister José Manuel Rodríguez Uribes erinnern sollte, dann wahrscheinlich wegen dieser Worte vom Frühjahr 2020: „Erst das Leben und dann das Kino.“ Ein paar Wochen zuvor hatte die Regierung wegen der explodierenden Corona-Zahlen eine strenge Ausgangssperre über das Land verhängt. Der Kulturbetrieb lag still, und es war absehbar, dass dessen Macher bald staatliche Hilfe brauchen würden. Aber davon wollte der zuständige Minister an jenem 7. April nichts wissen. „Heute müssen wir an die Kranken denken, ihre Leben retten und das Virus stoppen. Und wenn wir das geschafft haben, machen wir alles, um die Kultur zu reaktivieren. Denn, wie Orson Welles sagte, erst das Leben und dann das Kino – auch wenn das Leben ohne Kino und Kultur wenig Sinn hat.“

Ein paar Leute suchten das Welles-Zitat und fanden es nicht. Alle anderen schimpften auf den Minister, zum Beispiel Carlos Morán vom Bühnenverband Redescena: „Wenn die Ausgangssperre aufgehoben wird, werden wir nicht wieder in Normalbetrieb gehen können wie andere Sektoren. Wann werden wir wieder aufmachen können? Unter welchen Bedingungen? Mit wie vielen Zuschauern? Es ist klar, dass es nicht rentabel sein wird.“

„Bei der ersten Orchesterprobe haben die Musiker geweint“

Fast zwei Jahre sind vergangen. Der Minister ist kein Minister mehr. Das Virus ist noch nicht gestoppt. Die Regierung hat ein 325-Millionen-Euro-Programm aufgelegt, „um die Wertschöpfungskette der spanischen Kulturindustrien zu stärken“. Und diese – „die Kulturindustrien“ – berappeln sich gerade, mühsam. Kultur war noch selten ein rentables Geschäft. In Corona-Zeiten ist es ein ruinöses.

Dass ein Leben ohne Kultur keinen Sinn hat, stimmt vor allen anderen für die Kulturschaffenden selbst. Die Tatenlosigkeit schmerzt nicht nur finanziell. „Bei der ersten Orchesterprobe haben die Musiker geweint“, erzählte Joan Matabosch, der künstlerische Leiter des Teatro Real, im Juli 2020. Das Madrider Opernhaus war nach gut drei Monaten Zwangspause das erste in der westlichen Welt, das sich mit einer „Traviata“-Inszenierung wieder auf die Bretter wagte. Bei der Premiere weinte auch das Publikum, ergriffen von der Geschichte und ergriffen vom Wagemut derer, die ihnen wieder das Erlebnis eines Opernabends ermöglicht hatten. „Irgendjemand musste es tun“, meinte Matabosch.

Die meisten konnten es nicht. Die Gesundheitsbehörden erließen kostspielige Hygienevorschriften und ließen weniger Publikum zu, sodass den meisten Bühnen nichts anderes übrig blieb, als zu schließen und auf bessere Zeiten zu hoffen. Die Statistik zum Desaster kam im vergangenen Oktober heraus. Die spanische Rechteverwertungsgesellschaft SGAE registrierte fürs Jahr 2020 einen Rückgang der Zuschauerzahlen bei Konzerten – Klassik oder Pop – um annähernd 80 Prozent und im Kino und Theater um rund 75 Prozent. Die Opernhäuser traf es, trotz Mataboschs Heldenmütigkeit, besonders hart: ein Minus von 87,8 Prozent. „Und dieses Jahr werden die Zahlen wieder sehr negativ sein“, kündigte der SGAE-Präsident Juan José Solana schon mal an. Aber: „Wir werden tapfer widerstehen.“

Wie hoch der Flurschaden ist, den die Pandemie in der spanischen Kulturlandschaft angerichtet hat, wird sich noch zeigen müssen. Die schlechtesten Nachrichten kamen bisher von den tablaos, den Flamencobühnen. Die berühmteste von allen, der Corral de la Morería in Madrid, blieb 14 Monate lang komplett geschlossen und bietet erst seit diesem Herbst wieder regelmäßige Aufführungen. Andere Lokale gaben auf: die Casa Patas, El Café de Chinitas, das Villa Rosa – und dieser Tage auch noch das Candela. Fast alles Namen, bei denen die Herzen von Flamencokennern höherschlagen.

Dass sich gerade der Flamenco als besonders pandemieanfällig erwiesen hat, liegt an der Art des Spektakels: Das braucht Nähe zwischen Künstlern und Zuschauern. Zudem leben viele Häuser von ausländischen Touristen. Deren Ausbleiben hat auch die großen Museen getroffen, deren Besucherzahlen 2020 um rund 70 Prozent zurückgingen. Immerhin war‘s für die Einheimischen ein besonderes Vergnügen, den „Garten der Lüste“ oder die „Meninas“ einmal ganz für sich zu haben. Jetzt füllen sich die Säle langsam wieder. Der Madrider Prado hat im vergangenen Jahr um ein knappes Drittel im Vergleich zum Vorjahr zugelegt.

Die Gäste sollen gerne wiederkommen. Madrid gehört zu den besonders unerschrockenen Regionen innerhalb Spaniens: Seit Anfang Oktober gelten hier so gut wie keine Corona-Beschränkungen mehr. Das Virus ist aber noch da. Weswegen viele Leute finden: erst das Leben, dann das Kino, und lieber weiter zu Hause bleiben.

Von Martin Dahms/RND