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Zog seine Songs von Spotify zurück: Neil Young ist sauer auf den Streamingdienst, weil dort Covid-Lügen zu finden seien. Quelle: imago images/Scherf

„Desinformationen bringen den Tod“ – Neil Young zieht seine Songs von Spotify zurück

Neil Young macht keine halben Sachen. Wem die kanadische Rocklegende grollt, der spürt das auch. Aktuell zieht der Streamingdienst Spotify Youngs Zorn auf sich, speziell der Podcast des US-Comedians Joe Rogan (54). Von diesem würden Covid-Lügen verbreitet. Weil Spotify Menschen die Möglichkeit dazu gebe, Falsches zur Pandemie mitzuteilen, protestierte Young jetzt drastisch. Er schrieb zwei offene Briefe an das Portal, die er auf seiner Website „Neil Young Archives“ postete. Der 76-Jährige gab bekannt, dass er sofort all seine Musik von der Plattform entfernt wissen möchte. Und so waren am Donnerstag (27. Januar) auch nur noch wenige Young-Songs auf Spotify zu finden.

Er tue das, weil Spotify falsche Informationen über Impfstoffe verbreite. Spotify sei „zu einem Ort der potenziell tödlichen Desinformation“ geworden. In dem zweiten Schreiben erwähnt Young Rogan nicht mehr namentlich als Quelle der Covid-Lügen. Im ersten Brief, der indes schnell wieder von Youngs Website verschwand, hatte er explizit auf Rogan und den „gewaltigen Einfluss“ seines Podcasts „JRE“ (The Joe Rogan Experience) Bezug genommen.

Young protestiert gegen Wahrheitsverdreher

Young, Kanadier mit zusätzlicher US-Staatsbürgerschaft, der seit 1963 professionell Musik macht, und dessen Stern in den Sechzigerjahren mit der Band Buffalo Springfield, als vierter Begleiter von David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash, sowie als Solokünstler aufging, hat sich seit jeher zu Wort gemeldet, wenn ihm der Umgang mit der Wahrheit missfiel.

Zuletzt richtet sich sein Zorn gegen Donald Trump. Schon im Juni 2016 hat Neil Young ein „Fuck you, Donald Trump!“ von der Konzertbühne heruntergebollert. Und ihm den Gebrauch von „Rockin’ In The Free World“, seinem Hit von 1989, im Wahlkampf untersagt. Damals rechnete niemand damit, dass Trump schon bald Präsident sein würde.

Noch vor Trumps Inauguration hatte Young dann ein Rockbulletin namens „Peace Trail“ im Kasten – ein Album, das nichts anderes war als eine musikalische Breitseite gegen den Präsidenten und seine Politik. Es waren Lieder für die Indianer, deren Wasser vom Fracking vergiftet wird, und Lieder über einfache Farmer, die sich mit Politikern anlegen und von Polizisten vom Traktor geschossen werden. Dass er trotzdem nicht müde werde, seine Saat zu pflanzen, sang er trotzig im Titelsong. Auf dem Nachfolger „The Visitor“ wurde er 2017 konkreter: „Bewahre die Demokratie! Steh auf für das, woran du glaubst! Widersetze dich den Herrschenden!“

Schon im Januar hatten 270 Kräfte des Gesundheitswesens gegen Rogan protestiert

Youngs aktueller Protest gegen Spotify, das sich Rogans populärer Sendung – wie die BBC schreibt – im Jahr 2020 100 Millionen Dollar habe kosten lassen, folgt dem offenen Brief von 270 Kräften des amerikanischen Gesundheitswesens, die einen Monat zuvor ihrer Besorgnis über dessen Verschwörungstheorien und ihre Auswirkungen Ausdruck verliehen hatten. Rogan und einer seiner Gesprächspartner, der Virologe Robert Malone, wurden darin beispielsweise für eine Behauptung aus ihrem Gespräch kritisiert, es gebe finanzielle Anreize für Krankenhäuser, verstorbenen Patientinnen und Patienten Covid-19 als Todesursache unterzuschieben.

Der aus New Jersey stammende Rogan hatte 1988 als Stand-up-Comedian begonnen. Er wurde als Kommentator von Mixed-Martial-Arts-Veranstaltungen bekannt und trat auch als Schauspieler auf. Seinen Podcast „JRE“ betreibt er seit 2009, hatte dort unter anderem Elon Musk und Whistleblower Edward Snowden als Gesprächspartner, aber auch US-Politiker sowohl des linken als auch des rechten Spektrums. Als er früh im jüngsten US-Wahlkampf äußerte, er könne sich vorstellen, den Demokraten Bernie Sanders zu wählen, wurde das im linken Lager kritisch gesehen.

Und auch Rogan ruderte damals schnell – wie „Men‘s Health“ berichtete – politisch zurück, indem er erklärte, gar nicht zu wissen, „was es braucht, ein guter Präsident zu sein.“ Bezüglich seiner Corona-Haltung hat Rogan sich zuletzt ebenfalls gemäßigter geäußert. Man könne ihn nicht als wissenschaftliche Quelle betrachten: „Ich bin kein Doktor.“

Spotify: „Wir hoffen, ihn bald wieder begrüßen zu dürfen“

Spotify, auch wegen der nicht unbeträchtlichen Investitionen des Besitzers Daniel Ek in das Münchner Start-up Helsing, das künstliche Intelligenz für Militäroperationen entwickelt, wie unter anderem der Wissenschaftsverlag „heise“ im November auf seiner Website berichtete, nicht nur bei Musikern in der Kritik, kümmert die Abkehr Neil Youngs offenbar wenig. „Wir bedauern Neils Entscheidung, seine Musik von Spotify zu entfernen, hoffen aber, ihn bald wieder begrüßen zu können“, hieß es in einer Erklärung, die unter anderem vom „Wall Street Journal“ zitiert wurde.

Vielleicht vertraut man auf die zuvor mit Young gemachte Erfahrung. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass der Kanadier den Schweden grollte. 2015 hatte er dem Portal (und anderen Musikstreamern) schon einmal den Rücken gekehrt, weil ihm deren Soundqualität zu schlecht war. Mit der Firma Pono hatte Young den Ponoplayer entwickelt und einen Streamingdienst gegründet, der digitale Musik in hochwertiger Qualität lieferte. Für den gab es zwar gute Kritiken, der kommerzielle Erfolg indes blieb Pono versagt. Und bald waren Youngs Songs auch wieder bei Spotify zu hören.

Bei Weltanschauungsdingen hat Neil Young aber womöglich einen längeren Atem.

Von Matthias Halbig/RND