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König Heinrich VIII. hat die anglikanische Kirche gegründet. Quelle: picture-alliance / Leemage

Heinrich VIII.: Die Kirche bin ich

Viele kennen ihn heute vor allem als denjenigen, der zwei seiner Ehefrauen hinrichten ließ. Und als denjenigen, der die Klöster in England enteignete, deren Ruinen etwa in Glastonbury, Lindisfarne oder Furness bis heute ein schauriges Bild jener Zeit zeichnen. Heinrich VIII. (1491–1547) war einer der schillerndsten Könige in der englischen Geschichte. Vor allem aber war er aus historischer Sicht eines: der Gründer der anglikanischen Kirche.

Es gibt in England zwei ganz gute Wege, sich dem Leben Heinrichs VIII. zu nähern: Hampton Court Palace ist der eine – in dem herrschaftlichen Tudor-Palast am Rande Londons verbrachte Heinrich mit Vorliebe seine Zeit. Er ließ das Gebäude mehrfach umbauen, und auch seine Ehefrauen hinterließen immer wieder ihre Spuren. Das Anwesen ist heute ein beliebtes Sightseeingziel für London-Besucher, die mit den zentralen Highlights durch sind.

Die Mutter aller anglikanischen Kirchen

Die zweite, naheliegendere Möglichkeit, in das Leben Heinrichs VIII. einzutauchen, sind die meisten Kirchen und Kathedralen in England. Denn die von ihm gegründete anglikanische Kirche steht nach wie vor im religiösen Mittelpunkt der angelsächsischen Welt. Die Church of England übernimmt dabei weiterhin die Rolle der Mutter der aus eigenständigen Kirchen in insgesamt 41 Ländern bestehenden anglikanischen Gemeinschaft. Schottland, Nordirland und Wales haben eigene Kirchen.

„Die Church of England hat sich im 20. Jahrhundert einige Jahrzehnte lang als erstaunlich robust erwiesen“, sagt Peter Itzen, Historiker und Autor unter anderem des Buches „Streitbare Kirche. Die Church of England vor den Herausforderungen des Wandels“. Ihre traditionelle politische Rolle und ihre Verbindungen zum gesellschaftlichen und politischen Establishment seien durch einen Prozess der politischen Professionalisierung und die latente Demokratisierung der Debattenkultur innerhalb die Kirche selbst verstärkt worden.

Bis in die Fünfzigerjahre hinein sei Großbritannien noch sehr christlich geprägt gewesen, erläutert Itzen. „In den Sechzigerjahren trat die Church of England oft sehr progressiv auf, beeinflusste die Politik durchaus mit.“ Diese Situation habe sich längst geändert: „Die Kirche in England spielt nicht mehr die gesellschaftliche Rolle wie früher“, sagt Itzen.

Dabei ist die Church of England bis heute eine Staatskirche. Ein Konstrukt, das vor allem in den vergangenen Jahren immer wieder kontrovers diskutiert wurde, weil die Verästelung zwischen Kirche und Politik trotz einzelner Reformen noch immer deutlich sichtbar ist.

Die Queen als weltliches Oberhaupt

Queen Elizabeth II. als Monarchin steht nach wie vor in der Rolle des weltlichen Oberhaupts an der Spitze der Church of England. Sie selbst wiederum wurde 1952 traditionell vom Bischof von Canterbury gekrönt, dem geistlichen Oberhaupt. Im Oberhaus des britischen Parlaments sitzen noch heute qua Amt die Erzbischöfe von Canterbury und York sowie 24 weitere Bischöfe als Vertreter der Kirche. Für ihr eigentliches Amt wurden sie noch bis in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts vom Premierminister vorgeschlagen. Inzwischen erarbeitet eine unabhängige Kommission primär aus Kirchenvertretern die Neubesetzung von Bischofsposten. Ernannt aber werden diese kirchlichen Würdenträger noch heute offiziell von der Königin.

Bereits 2015 empfahl eine Kommission für Religion und Glauben im öffentlichen Leben, dass die Kirche zumindest einen Teil ihrer Sitze im Oberhaus abgeben solle. Seitdem flammt diese Debatte immer wieder auf. Auch Kritiker müssen allerdings einräumen: Aus heutiger Sicht sind die Bischöfe von ihrer Anzahl her kaum mehr wahrnehmbar – dem House of Lords gehören inzwischen insgesamt rund 800 Vertreter an. In früheren Zeiten verfügten die sogenannten Lords Spiritual über die Mehrzahl der Sitze.

Die Briten sind religionsmüde

Die Briten sehen die Verquickung von Staat und Religion nicht unkritisch. Laut einer YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2018 finden 62 Prozent der Befragten, dass es sich bei den für die Kirche festgelegten Sitzen im Oberhaus um eine nicht akzeptable Bevorzugung religiöser Amtsinhaber handele. Nur 8 Prozent befürworteten die derzeitige Praxis. Dass die persönliche religiöse Überzeugung eines Politikers keinen Einfluss auf seine politischen Entscheidungen haben dürfe, fanden 65 Prozent.

Dies könnte jedoch auch an einer zunehmenden Religionsermüdung im Land liegen: Bereits 2017 hatte eine Umfrage des National Centre for Social Research festgestellt, dass 53 Prozent der Briten keinerlei religiöse Bindung mehr haben. Unter den 18- bis 24-Jährigen waren es sogar 71 Prozent. Entsprechend sank vor allem bei den christlichen Glaubensgemeinschaften die Zahl der Mitglieder: Während 2011 noch 63 Prozent der Menschen in Großbritannien einem christlichen Glauben angehörten, waren es 2019 nur noch 50,8 Prozent. Die Zahl der Konfessionslosen stieg entsprechend von 28,5 Prozent (2011) auf 39,5 (2018). Enthalten sind in diesen Werten nicht nur die Mitglieder der Church of England – die selbst keine Zahlen veröffentlicht –, sondern auch jene der katholischen und anderer christlicher Kirchen.

Auch Kirchenexperte Itzen sieht die Briten heute als säkularisierte Gesellschaft. Noch in den Achtzigerjahren habe die Church of England ihre Rolle als Vertreterin der Regionen gegenüber der konservativen Regierung Margaret Thatchers gefunden und Einfluss auf sie ausgeübt. Die Kirche sah sich nicht nur als Vertreterin der Regionen, sondern auch von benachteiligten Gruppen und Verlierern einer kapitalistisch orientierten Politik.

Phasen der Erneuerung in der Kirche

Seitdem befindet sich die anglikanische Kirche immer wieder in Phasen der Erneuerung. So gibt es dort etwa keinen Zwang zum Zölibat. Frauen dürfen seit 30 Jahren das Priesteramt bekleiden, seit 2014 sind sie auch als Bischöfin erlaubt. Die Frage gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in diesen Reihen wird hingegen seit Jahren heiß diskutiert.

Eine eher offenere Auffassung der Ehe hatte schon Kirchengründer Heinrich VIII. Er sagte sich mit der Church of England 1534 vom Papst in Rom los – vor allem, um sich von seiner ersten Frau Katharina von Aragon scheiden lassen zu können. Der Papst hatte dies zuvor untersagt. Im Laufe seines Lebens heiratete der König nicht weniger als sechsmal.

Insgesamt folgten die Anglikaner trotz ihrer Eigenständigkeit lange den Glaubensgrundsätzen und Riten der katholischen Kirche; später kamen zunehmend protestantische Einflüsse hinzu. Bis heute ist die Lehre immer wieder Anlass für Debatten – es gibt selbst innerhalb der Church of England sowohl eher katholische als auch eher protestantische Lager. Im vergangenen Herbst erst trat der Bischof von Ebbsfleet, Jonathan Goodall, zur katholischen Kirche über. Er war nicht der Erste, der diesen Schritt ging.

Von Michael Pohl/RND