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Schlimme Nachrichten: Maryam Moghadam als Mina und Pouria Rahimi Sam als Babaks Bruder in einer Szene des Films „Ballade von der weißen Kuh“. Quelle: Armin Jafari/Weltkino Filmverlei

Mehltau über dem Iran: der Kinofilm „Die Ballade von der weißen Kuh“

Eine weiße Kuh steht mitten in einem riesigen Gefängnishof. Am Rand des Platzes sind schwarz gekleidete Gestalten zu entdecken. Die Regisseure erzählen von einer Frau, die sich der religiösen Kontrolle widersetzt.

Das surreale Tableau im Film „Die Ballade von der weißen Kuh“ dient als Metapher für einen zum Tode verurteilten Unschuldigen. Titel und Bild beziehen sich auf eine Sure im Koran. Die Gesetze im Iran basieren auf der islamischen Scharia. Nach deren Gesetzen wurde Minas Ehemann Babak vor einem Jahr hingerichtet – ein Fehlurteil, wie sich herausstellt.

Die Witwe – gespielt von Regisseurin Maryam Moghaddam – traut sich was. Sie will mehr als den ihr angebotenen Blutzoll und eine lahme Entschuldigung. Sie will die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Doch die stellen sich stur und reden sich damit heraus, dass es trotz allem Gottes Wille war.

Die Mutter einer kleinen gehörlosen Tochter arbeitet in einer Milchfabrik. Ohne männliche Begleitung kann sie im Land nichts bewirken. Eines Tages steht Reza (Alireza Sanifar) vor ihrer Tür. Er gibt sich als Freund ihres Mannes aus. Reza beginnt, sich im Alltag um Mina zu kümmern. Sie glaubt an eine Wende zum Guten. Dann erfährt sie, wer er wirklich ist: einer der vom schlechten Gewissen getriebenen Richter.

Metaphern gehören zur persischen Kultur, insbesondere in Literatur und Poesie. Das Regieduo Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam weiß damit umzugehen. Subtil erzählen sie von einem Land in Angst, in dem fundamentale Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen getreten werden, Frauen Gewalt und Missachtung ausgeliefert sind. Alleinstehenden droht der soziale Abstieg.

So verliert Mina nach Rezas Besuch aus „moralischen“ Gründen ihre Wohnung. Nur die Anwesenheit des Schwagers im Haus ist erlaubt. Ihr Wunsch, eine sogenannte Unschuldsanzeige zu veröffentlichen, wird rüde abgeschmettert. Und ein Richter behauptet lapidar: „Es gibt keinen Fehler im Heiligen Koran“. Die Floskel soll alle Zweifel am Rechtssystem ausräumen – und hemmt jeglichen gesellschaftlichen Fortschritt.

Regimekritische iranische Regisseure wie Mohammad Rasoulof („Doch das Böse gibt es nicht“) oder Jafar Panahi („Taxi Teheran“) haben Ausreise- und Berufsverbot oder stehen unter Hausarrest. Umso mutiger ist es von den Filmemachern, die religiöse Kontrolle zu attackieren, die wie Mehltau über dem Land liegt. Die beiden erzählen von einer Frau, die nicht dem weiblichen Stereotyp von Unterwerfung und Schwäche entspricht. Als Inspiration für das stille, psychologisch packende und eindringliche Drama diente das Schicksal von Moghaddams Mutter.

Im Iran werden mehr Menschen hingerichtet als in China oder Saudi-Arabien. Laut Amnesty International waren es allein 2020 mehr als 246 vollstreckte Todesurteile, dazu kommt noch eine hohe Dunkelziffer.

„Die Ballade von der weißen Kuh“, Regie: Behtash Sanaeeha, Maryam Moghaddam, mit Maryam Maghaddam, Alireza Sanifar, 105 Minuten, FSK 12

Von Margret Köhler/RND