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Menschen im Mond: K.C. (John Bradley) und Nasa-Offizierin Jo (Halle Berry) in einer Szene des Films „Moonfall“. Quelle: Reiner Bajo/-/Reiner Bajo

Roland Emmerich lässt es mal wieder krachen: der Katastrophenfilm „Moonfall“

Wo stecken bloß die vom Weltraum besessenen US-Milliardäre, wenn man sie mal wirklich braucht? Im Ernstfall muss dann doch wieder die Nasa ran und ihre schon 2011 eingemottete Raumfähre Endeavour aus dem Museum ziehen.

„Fuck the moon“ hat irgendjemand auf die Metallhülle der verbeulten Endeavour gesprüht. Da konnte der Sprüher oder die Sprüherin aber noch nicht wissen, dass es tatsächlich der aus seiner Umlaufbahn katapultierte Erdtrabant ist, der massive Probleme bereitet. Jedenfalls ist das so in Roland Emmerichs Katastrophenfilm „Moonfall“.

Oder könnte die Wiederinbetriebnahme des veralteten Fluggeräts damit zusammenhängen, dass der Regisseur längst vergangenen Zeiten nachhängt? Passen die privaten Weltraumplayer mit ihren für Superreiche reservierten Raketen nicht in Emmerichs Wunschbild von Amerika? Passen sie vielleicht auch nicht in das von Emmerich entworfene Szenario, das sich an der schon x-fach erprobten Formel für Weltuntergangsfilme klammert?

Der gebürtige Stuttgarter dreht seit den Achtzigerjahren Science-Fiction-Filme, erst in Deutschland („Das Arche Noah Prinzip“, „Moon 44″) und seit geraumer Zeit in Hollywood („Independence Day“, „The Day after Tomorrow“). Sein Spitzname: Master of Disaster. Und immer noch glaubt Emmerich daran, dass ein Häuflein opferbereiter Erdbewohnerinnen und -bewohner sich selbst und den Rest der Welt gleich mit retten wird. Bevorzugt sind es US-Amerikanerinnen und -Amerikaner, die zu heroischen Großtaten schreiten. Wieso ist er sich da bloß so sicher?

Unverdrossen hoffen

In der hellsichtigen Kinosatire „Don‘t Look Up“ haben wir doch gerade erlebt, was so eine heraufziehende Katastrophe in den USA bewirken könnte: In dem Netflix-Film von Regisseur Adam McKay rast ein Komet auf die Erde zu, und was passiert? Die US-Präsidentin beschäftigt sich lieber mit den nächsten Zwischenwahlen, die auf ihre Quoten fixierten Medien kapieren gar nichts, die Weltraummilliardäre wollen die seltenen Metalle in dem Brocken ausbeuten, und die wachsende Fraktion der Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker glaubt sowieso keinem Wissenschaftler und keiner Wissenschaftlerin (nicht einmal dann, wenn er so aussieht wie Leonardo DiCaprio).

Emmerich dagegen setzt unverdrossen auf die Integrationskräfte Amerikas, die es zu aktivieren gilt, wenn es drauf ankommt. Das macht seinen hoffnungsvollen, aber hoffnungslos antiquierten Film schon wieder sympathisch. Er rekrutiert ein unwahrscheinliches Trio mit der Nasa-Vizechefin Jo (Halle Berry), dem ausrangierten Endeavour-Piloten Brian (Patrick Wilson) und den nerdigen Verschwörungstheoretiker K. C. (John Bradley-West).

Spielen mit Nuklearbomben

Während die drei da oben ihre Reise ins Innere des Mondes antreten (ja, genau: mitten hinein), spielen die Militärs am Boden mit den Aktivierungscodes ihrer Nuklearbomben und könnten jeden Moment noch Schlimmeres anrichten. Die Restfamilien der Raumfahrer flüchten derweil vor anbrandenden Tsunamis und heftigen Erdbeben. Tränen der Rührung und kleinere Verluste von Nebenpersonal passen ins Kalkül.

Es sieht aus, als wollte Emmerich mit „Moonfall“ noch einmal ein Best-of seiner versammelten Katastrophenwerke drehen – so lange die Produzenten noch bereit sind, ihm die nötigen Dollarmillionen für ein solches Disastermovie in die Hand zu drücken.

Die Schauwerte in „Moonfall“ sind ordentlich, aber lassen einen doch kalt. Zu oft hat man schön ähnliche Verwüstungen gesehen. New York als Trümmerstadt gehört längst zum kollektiven Bilderarsenal des Kinos.

Originell, wenn auch abstrus ist die Erklärung, was den Mond zu seinem Schleudertrauma veranlasst. Verraten werden darf hier nur so viel: Die Mondfahrer von 1969 haben uns etwas verheimlicht.

Deshalb raunt hier ein zotteliger Untergangsprophet (Donald Sutherland), der in düsteren Nasa-Archiven hockt: „Man hat euch beigebracht, dass ‚Apollo 11′ zwei Minuten lang den Kontakt zur Erde verloren hat. Das entspricht jedoch nicht der Wahrheit. An jenem Tag im Jahr 1969 wurde etwas Unheimliches entdeckt, das 50 Jahre lang geheim gehalten wurde. Und jetzt ist es zu spät, um es noch aufzuhalten.“

Immerhin: Die Amerikaner waren also damals tatsächlich auf dem Mond. Wenigstens daran lässt Emmerich keinen Zweifel, auch wenn er hier neuerliche Verschwörungstheorien schürt. Damit zumindest ist er im 21. Jahrhundert angekommen.

Die Motivation des Rettungstrios dürfte vielleicht die Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future erfreuen: Mehrfach beteuern die Mondfahrer, dass sie für die nachkommenden Generationen aktiv werden.

Letztlich feiert der Film jedoch trotz des Horrorszenarios den Eskapismus: Wer sich nicht mit den Problemen auf Erden befassen will, schafft sich welche auf dem Mond. Ein großer Schritt für Roland Emmerich ist diese Mondfahrt nicht, eher ein Trippelschritt in seinem Gesamtwerk.

„Moonfall“, Regie: Roland Emmerich, mit Halle Berry, Patrick Wilson, John Bradley-West, Donald Sutherland, 121 Minuten, FSK 12

Von Stefan Stosch/RND