Dienstag , 29. November 2022
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Sebastian Fitzek: „Ich werde wohl erst mal nicht mehr bei Lanz sitzen“

Herr Fitzek. Es ist immer so eine Sache, wenn die eigene Fantasie von anderen Menschen in Bilder übersetzt wird. Das ist bei Verfilmungen der Fall, und nun bei der Adaption Ihres Romans „Der Augensammler“ als Graphic Novel. Wie geht es Ihnen mit dieser Umsetzung?

Sebastian Fitzek: Ich bin mit der Umsetzung von Frank Schmolke mehr als glücklich. Ich mag es generell, in die Köpfe von Leserinnen und Lesern zu gucken. Ich habe ja immer meine eigene Vorstellung, wenn ich schreibe, und ich kann mir überhaupt nicht sicher sein, ob das dann auch die Bilder sind, die ich bei den Leserinnen und Lesern hervorrufe. Ich befürchte, dass jeder beim Lesen einen eigenen Film im Kopf hat, und würde immer gern wissen, wie sieht dieser Film im Vergleich zu meinem aus. Künstler wie Frank Schmolke geben mir die Möglichkeit, wenigstens in einen Kopf zu schauen. Ich finde es spannend und freue mich auch, wenn es Abweichungen gibt.

Frank Schmolke hat Ihre Geschichte nicht einfach mit Bildern nacherzählt, sondern nach Ihrer Vorlage ein eigenständiges Werk geschaffen. Ist das okay für Sie?

Fitzek: Das ist sogar notwendig. Sinn und Zweck kann ja nicht sein, eine Geschichte zu nehmen und auf allen möglichen Wegen identisch zu verbreiten, sondern ihre Chancen und Möglichkeiten immer wieder neu auszuloten. Ein Hörspiel etwa lebt ganz anders vom Schauspiel als ein Hörbuch. Also muss es anders sein. Und eine Graphic Novel lebt ganz anders von der Visualität und von der Verdichtung der Sprache als ein Roman. Diese Graphic Novel ist ja kein Merchandisingprodukt zu meinem Buch, das fände ich schlimm. So wie früher „Das Buch zum Film“ – wer hat so etwas denn gelesen?

Herr Schmolke, Sie haben nach Ihrem Vorgängerwerk „Freaks“, das eine Adaption eines Netflix-Films war, jetzt erneut bereits vorhandenen Stoff verarbeitet. Ist das einfacher, weil es quasi ein Geländer gibt, an dem man sich festhalten kann? Oder ist es schwieriger, weil man in seiner eigenen Fantasie und Erzählkunst eingeschränkt ist?

Frank Schmolke: „Freaks“ war eine Drehbuchadaption. Da ist viel detaillierter aufgeschlüsselt, welche Szene wo stattfindet. Andererseits findet sich kaum Stimmung in einem Drehbuch, es besteht eigentlich nur aus Dialogen und ist daher sehr einfach zu adaptieren.

„Sebastian Fitzek hat mir alle Freiheiten gelassen“

Was war da jetzt anders?

Schmolke: In Sebastians Werken passiert sehr viel – vor allem auch in den Leuten, in den Charakteren. Das muss ich in einer Graphic Novel natürlich extrem kürzen und wusste manchmal nicht, ob ich mich auf dem falschen Weg befinde. Aber beim Schreiben des Buchs hat es sich für mich dann letztlich gefügt. Ich habe anfangs allerdings nicht gedacht, dass man so viel in diese Geschichte hereininterpretieren kann, aber auch so viel offenlassen.

Hatten Sie denn irgendwelche Vorgaben?

Schmolke: Nein, sowohl Sebastian als auch der Splitter-Verlag haben mir alle Freiheiten gelassen. Da hatte ich schon ganz andere Projekte, bei denen ich sehr eingeschränkt wurde. Das war hier überhaupt nicht der Fall, das ist toll.

Fitzek: Wichtig ist bei einer solchen Adaption doch, dass man nicht nur für Fans schreibt, sondern auch für Menschen, die das erste Mal eine Geschichte von mir in der Hand haben. Und die brauchen das bestmögliche Werk. Aber auch meine Fans erwarten nicht, dass sich ein Comiczeichner wie Frank oder Filmemacher sklavisch an die Vorlage halten.

Sind Fans da nicht manchmal doch sehr penibel?

Fitzek: Es ist schon wichtig, dass ein paar Grundpfeiler aus der Vorlage stehen bleiben, an denen nicht gerüttelt wird. Aber dazwischen kann man sich alles erlauben. Nur wenn Sie jetzt beispielsweise in den Krimis von Stieg Larsson aus Lisbeth Salander einen 17-jährigen männlichen Punk machen würden, weil Sie glauben, das verkauft sich in irgendeiner Zielgruppe besser, kann es zum Problem werden. Frank hat die Pfeiler komplett bewahrt und trotzdem etwas ganz Eigenes daraus gemacht.

Viele Fans von Sebastian Fitzek haben zum ersten Mal einen Comic gelesen

Schmolke: Es war mir wichtig, dass das Buch etwas für meine Fans, aber auch für deine Fans ist.

Fitzek: Das funktioniert super, ich habe bislang von niemandem gehört: Das war jetzt in der Vorlage aber ganz anders, das geht so nicht.

Schmolke: Viele deiner Fans, das habe ich in den Kommentaren gelesen, haben das erste Mal einen Comic gelesen. Das ist nicht jedermanns Sache, schließlich muss man bestimmte Regeln beachten, wie man einen Comic liest und wie man die Bilder interpretiert. Aber offenbar ist dies den meisten leicht gefallen.

Herr Schmolke, ist es eine besondere Bürde, einen Roman von Sebastian Fitzek zu zeichnen? Er hat sehr viele Fans, und der Verlag verspricht sich von diesem Buch auch einigen Erfolg.

Schmolke: Ich hatte das Glück, dass mir das am Anfang gar nicht so klar war. Ich kannte den Namen Fitzek schon, aber ich hatte noch nichts von dir gelesen, Sebastian.

Fitzek: Ach!?

Schmolke: Ich bin da etwas blauäugig rangegangen. Und dann habe ich von dem Angebot, dein Buch zu zeichnen, beim Abendessen erzählt. Meine Tochter hatte ein Buch von dir gelesen und sagte dann: Weißt du überhaupt, wer das ist? Weißt du überhaupt, wie viele Fans der hat? Das habe ich dann aber etwas von mir weggehalten.

Warum?

Schmolke: Weil es mich schon ein wenig nervös gemacht hat, wenn ich intensiver darüber nachgedacht habe. Weil mir dann schon die Erwartungshaltung klar war. Und ich wusste auch noch nicht, wie du so unterwegs bist, Sebastian. Es hätte ja auch sein können, dass du sagst: „Ich will Kontrolle über mein Werk haben.“ Es hat mich wirklich verblüfft, dass du deinen Stoff so hergegeben hast. Wenn jemand über eines meiner Bücher etwa einen Film machen wollte, würde ich garantiert die Kontrolle darüber haben wollen.

„Was soll ich dir denn über Graphic Novels erzählen?“

Fitzek: Der Impuls war bei mir früher auch da. Aber mittlerweile finde ich es zwar wichtig, dass man im Vorfeld den Verlag und wie in deinem Fall den Comicautor auswählt. Aber wenn man diese Vorauswahl dann getroffen hat, muss man auch das Vertrauen haben, alles laufen zu lassen. Was soll ich dir denn über Graphic Novels erzählen?

Herr Schmolke, bevor Sie als Graphic-Novel-Künstler angefangen haben zu arbeiten, waren Sie Maler. Hatten Sie beim Zeichnen dieses Buchs, das in Berlin spielt, ein Vorbild im Kopf?

Schmolke: Anfangs nicht. Aber nach den ersten Seiten hat sich eine bestimmte Richtung, eine Farbe, auch eine Figürlichkeit ergeben, die mich an Max Beckmann erinnert. Beckmann ist einer meiner Lieblingsmaler, der ja auch eine Zeit lang in Berlin gelebt hat. Aber ich hatte mir diese Farbigkeit nicht vorgenommen, sondern das hat sich intuitiv so ergeben. Dieses graue Berlin – ich muss gestehen, ich war erst dreimal in Berlin…

Fitzek: … und es war immer grau da (lacht)…

Frank Schmolke hatte ein graues Berlin im Kopf

Schmolke: Dieses graue Berlin hatte ich im Kopf: diese entsättigte Welt, die Stadt, die kein Ende nimmt, die Masse der Menschen ist total unübersichtlich, weil so viel los ist – und das alles wollte ich in die Bilder transportieren.

Fitzek: Das, was du beschreibst, kann ich gut nachvollziehen. Ich habe auch festgestellt, dass das Unbewusste Co-Autor werden kann. So versuche ich eigentlich, bestimmte Themen zu vermeiden oder bei Menschen aufzupassen, dass sie sich nicht wiedererkennen. Aber dann wird mir doch manchmal ein Spiegel vorgehalten, dass mir etwas durchgerutscht ist, oder ich erkenne selbst etwas in diesem Werk, was ich eigentlich vermeiden wollte. So leitet mich das Unterbewusstsein, und bei dir hat es dazu geführt, dass diese Farbwelt entstanden ist. Das macht im Übrigen auch den kreativen Schaffensprozess deutlich, den viele Menschen, die nicht damit ihr Geld verdienen, gar nicht verstehen.

Was verstehen sie denn nicht?

Fitzek: Ich höre immer mal wieder beispielsweise den Tipp, ich solle mal ein, zwei Jahre Pause machen, um mich „kreativ zu finden“. Diejenigen übersehen dabei aber völlig, dass Kreativität zum großen Teil beim Machen entsteht und nicht so, wie man sich das vielleicht vorstellt: als einsames Genie im Zimmer sitzen und wie Beethoven die gesamte Sinfonie im Kopf zu haben und die dann aufzuschreiben. Bei mir kommt die Kreativität zum größten Teil während des Schreibprozesses.

Schmolke: Ich hatte vor Kurzem ein Gespräch mit einem Bekannten, der in einem Berliner Comicladen arbeitet. Der hat mir erzählt, er habe den „Augensammler“ jetzt als Graphic Novel gelesen. Und bei den Szenen mit Alina Gregoriev habe er sofort an eine sehbehinderte Kundin gedacht, die öfter bei ihm in den Laden kommt und gern mal Comicfiguren anfasst, um deren Haptik zu spüren. Und diese Frau hat ihm auch mal beschrieben, wie sie die Wirklichkeit in ihrer Vorstellung sieht, in welcher Farbigkeit. Ihm ist sofort aufgefallen, dass diese Szenen in meinem Buch von der Farbigkeit her mit ihrer Vorstellung übereinstimmen. Ich fand diese Szene so irre, wie sie in den Laden kommt und die Figuren ertastet, und dachte sofort an den zweiten Teil. Diese Szene, die könnte man wunderbar verwenden.

Fitzek: Ich habe mir für die Recherche für den „Augensammler“ unter anderem das Buch „Ich weiß, wo ich bin“ besorgt. Das entstand aus einem Projekt, bei dem eine Künstlerin blindgeborene Kinder hat zeichnen lassen, wie sie die Welt sehen – also Menschen, die noch nie was gesehen haben. Es ist wahnsinnig, was diese Kinder gezeichnet und gemalt haben, etwa ein Pferd. Das waren blinde Kinder, die haben ja nie ein ganzes Pferd ertasten können. Das finde ich eine faszinierende Frage: Was geht in den Köpfen von Blinden vor, die noch nie gesehen haben? Wie funktioniert das, wenn man die Welt im wahrsten Sinne des Wortes begreifen muss.

Schmolke: Ich hätte Alina in der Graphic Novel noch gern viel mehr Raum gegeben, weil ich sie sehr spannend fand.

Fitzek: Deswegen habe ich auch eine Trilogie gemacht. Ich wusste, es gibt noch so viel Material und Potenzial von Alina und damit eine Entwicklung dieser Figur. Im dritten Teil „Playlist“, der gerade erst erschienen ist, kommt eine wirklich fundamentale psychologische Komponente hinzu: Diese Verletzung durch die Verpuffung, die Alina das Augenlicht genommen hat, ist tatsächlich lange Zeit irreversibel gewesen. Aber dank einer neuen Operationstechnik ist es seit Ende der Neunzigerjahre möglich, Patienten das Augenlicht zurückzugeben. Und es gibt da ein Vorbild: Mike May.

Wer ist das?

Fitzek: Von ihm handelt das Sachbuch „Der Blinde, der wieder sehen lernte“. Er hat sich mit dieser neuen Methode operieren lassen und konnte wieder sehen. Aber er ist darüber komplett depressiv geworden, unter anderem weil die Welt, die er sich vorgestellt hat, viel schöner war als das, was er jetzt sehen konnte. Die Welt in seiner Vorstellung war viel makelloser. Zudem kann er Männer und Frauen nicht unterscheiden und hat Probleme mit räumlichem Denken und vieles mehr. Am spannendsten finde ich aber die philosophische Komponente: Ist der Traum viel lebenswerter als die Realität? Das ist das, worauf die Entwicklung von Alina zuläuft.

Schmolke: Ist „Playlist“ der Abschluss der Alina-Trilogie?

Fitzek: Ja, quasi schon. „Der Augensammler“, „Der Augenjäger“ und nun „Playlist“ sind alles drei eigenständige Werke – „Playlist“, so kann man es sagen, ist der eigenständige Abschluss der „Alina-Gregoriev-Trilogie“. Der Teil, in dem Alina ihre Operation hinter sich hat. Sie ist darüber verzweifelt und verfügt dann auch nicht mehr über die Fähigkeiten, die sie in Band 1 und 2 besitzt. Sie muss entscheiden, ob sie wieder in die Dunkelheit zurückkehrt, die sie im Prinzip für heller hält als die Realität. Ein Zitat von Edgar Allan Poe passt da sehr gut: „Ich war einst glücklich, wenn auch nur im Traum, aber ich war glücklich“. Das ist, worauf es hinausläuft.

Wie sieht es denn mit einer Fortsetzung des ersten Bandes als Graphic Novel aus?

Schmolke: Also, wenn ich dich jetzt gerade hier habe, Sebastian, ich hätte Bock, den zweiten Teil zu machen.

Fitzek: Ich habe schon überlegt, ob man gleich den zweiten Teil hinterherschieben soll oder erst einmal was anderes macht. Aber wenn du sagst, du hast Bock, dann ist das ja erst mal das Wesentliche. Ein Künstler muss für etwas brennen, und wenn du das sagst, dann machen wir das.

Schmolke: Ja super! Das dauert dann ja eh noch mal mindestens ein Jahr, bis es fertig ist.

Fitzek: Das muss man ja auch mal sagen, was für eine gewaltige Arbeit in einer solchen Graphic Novel steckt. Viele denken wahrscheinlich, dass eine Graphic Novel schneller entsteht als ein Roman. Das Gegenteil ist der Fall: Ein Satz, auch wenn er gut ist, lässt sich schnell hinschreiben. Auch die Idee eines Bildes lässt sich mal kurz hinzeichnen, aber bis es so eine Qualität hat wie dieses Buch, dauert es eine Weile.

„Deadlines sind für mich wichtig“

Schmolke: Ich brauch eigentlich auch immer ein bisschen Druck beim Arbeiten. Bei diesem Buch herrschte jetzt natürlich sehr viel zeitlicher Druck.

Fitzek: Ja, das ist bei mir auch so. Deadlines sind für mich wichtig, damit ich überhaupt abgebe. Sonst würde ich wie jeder echte Künstler oder jede echte Künstlerin nie fertig werden, weil ich nie zufrieden wäre. Nie gebe ich ein Buch ab mit der Gewissheit, es ist perfekt.

Noch mal einen Schritt zurück: Bei dem offenen Ende im „Augensammler“ muss es doch zwangsläufig eine Fortsetzung geben, oder?

Fitzek: Ich finde die Enden der Bücher sind gar nicht so offen, denn irgendetwas geht ja in einer Geschichte immer weiter. Ich habe hier auch die Fortsetzung nicht geschrieben um der Fortsetzung willen. Normalerweise haben sich meine Hauptfiguren, das ist das Wesen des psychologischen Thrillers, am Ende entzaubert. Ich kenne ihre innere Welt, ich kenne auch das äußere Problem. Anders gesagt: Die Figuren sind überhaupt nicht mehr interessant für eine Fortsetzung. Wohingegen mir bei Alina von Anfang an klar war, dass sie eine Entwicklung nimmt, die ich gar nicht in einem Band unterbringen kann. Dass der dritte Band dann erst Jahre später erschienen ist, lag daran, dass mir einfach eine gute Idee gefehlt hat.

Schmolke: Du schreibst ja jedes Buch so, dass es für sich funktioniert. Man muss ja den „Augensammler“ nicht unbedingt gelesen haben, um den „Augenjäger“ zu verstehen. Das stelle ich mir nicht so einfach vor.

Fitzek: Viele Leserinnen und Leser haben jetzt mit „Playlist“ angefangen und müssen den „Augensammler“ und den „Augenjäger“ nicht mehr unbedingt lesen, weil natürlich im dritten Band viel aus den ersten beiden Bänden gespoilert wird. Das geht ja gar nicht anders, wenn man auf etwas rekurriert.

Ein Beispiel für das Eigenständige in Ihrer Version des „Augensammlers“, Herr Schmolke, ist eine sehr lustige Szene: Da sitzt Sebastian Fitzek bei Markus Lanz. War das als ein kleiner Seitenhieb auf Talkshows und Medienpräsenz oder einfach ein Gruß an den Autor?

Schmolke: Beides. Es war ein kleines Gimmick, bei dem ich mir dachte, die Fans von Sebastian finden das sicherlich gut. Sebastian war ja schon mehrmals bei „Lanz“ dabei, und ich fand für meine Graphic Novel die Idee gut, dass ihn Lanz fragt: Wie sehen Sie denn das? Wissen Sie, wer der Augensammler ist? Daran habe ich einfach Spaß, das ist Comic pur.

Fitzek: Das fand ich sehr lustig.

„Das ist so ähnlich wie Hitchcock“

Schmolke: Das ist so ähnlich wie Hitchcock, der dann immer wieder mal in seinen Filmen auftaucht. Wenn es also einen zweiten Teil gibt, dann lasse ich Sebastian vielleicht noch mal auftauchen.

Fitzek: Das war keine Profilneurose von mir, nach dem Motto: Mal mich mal in den Comic rein! Aber ich habe mich sehr gefreut und sehr gelacht. Ich muss sagen, mittlerweile hat sich die Sendung von Markus Lanz ja seit Corona sehr verändert. Ich verstehe mich sehr gut mit ihm. Aber es wird nach der neuen, sehr politischen Ausrichtung der Sendung auf absehbare Zeit eher selten sein, dass ich da mit einem neuen Buch sitzen werde.

Kommen wir noch mal zu einem sehr ernsten Thema: Fast jeden Tag erreichen uns absurde, schlimme, kaum denkbare Nachrichten von Gewalt, Wut und Hass. Denken Sie manchmal, Herr Fitzek, die Wirklichkeit ist schlimm genug, da muss ich gar keinen Thriller mehr schreiben?

Fitzek: Im Gegenteil, es ist so: Weil ich mit all diesen schrecklichen Schlagzeilen oft allein gelassen werde, kann ein Thriller mir helfen. Ein Thriller oder ein Krimi kann sich viel stärker mit dem Warum beschäftigt. Autoren wie ich probieren ja nicht nur, das Böse zu verstehen, sondern auch, wie die Opfer mit solchen Taten klarkommen, auch Angehörige, ganze Familien, Freunde. Insofern ist jeder gute Krimi, jeder gute Thriller eigentlich immer die Beschäftigung mit dem Leben, weil sie fragen: Wofür lohnt es sich eigentlich zu leben, wenn es derart angegriffen wird? Und ich schätze beim Schreiben noch eine andere Sache, die gerade mir als Familienvater sehr wichtig ist: Ich kann die Wirklichkeit in meinen Romanen beeinflussen, ich kann die Geschichten zu einem Happy End führen.

Gilt das für ihre Arbeiten auch, Herr Schmolke? Hilft Kunst, die Realität zu verarbeiten?

Schmolke: Auf jeden Fall! Ich möchte schon länger ein Buch über die Altenpflege machen. Meine Frau ist Altenpflegerin und hat viel mit dem Tod zu tun und in den vergangenen beiden Jahren natürlich auch viel mit Corona. Diese Branche ist gänzlich unterbezahlt. Sie wurde zwischendurch mal kurz beklatscht, und das war‘s dann aber auch wieder. Dies ist ein Thema aus dem Leben, das mich total interessieren würde. Die Geschichte würde dann wieder eher in die Arbeitswelt wie in meinem Buch „Nachts im Paradies“ eintauchen, wo es ja um einen Taxifahrer geht. Das sind Themen, die mich als Comic-Autor interessieren und umtreiben.

Fitzek: Das finde ich hochinteressant. Und auch hier stellt sich die Frage: Was macht das mit diesen unterbezahlten Menschen, die mit einem wahnsinnigen Enthusiasmus in diese Arbeit gestartet sind? Ohne diese Begeisterung hätten sie diesen Beruf ja nicht ergriffen. Und dann sehen sie sich auf einmal mit den Schwierigkeiten und den Herausforderungen, die dieser wichtige Beruf mit sich bringt, konfrontiert.

Das geht jetzt natürlich in eine ganz andere Richtung als Thriller und Krimis.

Fitzek: Natürlich. Aber es sucht sich ja jede Geschichte ihre Form. Wichtig ist doch, dass man das behandelt, was man selbst für relevant hält. Ohne das können ein Roman oder eine Graphic Novel nicht gut werden. Denn der Leser, die Leserin spüren, ob da jemand ein bisschen was zusammengewürfelt hat oder ob man gut recherchiert oder sogar einen persönlichen Zugang zu dem Thema hat.

Beide wollen wieder miteinander arbeiten

Schmolke: Ich muss ehrlich sagen, Sebastian: Ich könnte das, was du machst, überhaupt nicht. Als Autor erzähle ich immer gern von Sachen, von denen ich wirklich Ahnung habe, also vom Taxifahren oder von Altenpflegern und so weiter. Aber sich eine Geschichte auszudenken mit vollkommen fiktiven Figuren in einer vollkommen fiktiven Welt mit einem ausgedachten Plot, der dann auch noch gut funktioniert, vielleicht sogar über mehrere Bücher, das übersteigt meine Fähigkeiten.

Fitzek: Gut, aber ich kann das nur zurückgeben: Ich könnte, was du machst und wie du Geschichten umsetzt, ja auch nicht.

Deswegen ist es ja gut, dass Sie zwei sich gefunden haben. Also halten wir fest, Herr Fitzek, Sie würden wieder etwas mit Frank Schmolke zusammen machen?

Fitzek: Sofort! Das passt!

Und andersherum Sie auch, Herr Schmolke?

Schmolke: Ja, auf jeden Fall. Ich bin jetzt in die Welt von Sebastian Fitzeks Romanen eingetaucht, und es ist schwer, wieder herauszufinden.

Sebastian Fitzek/Frank Schmolke: „Der Augensammler“. Graphic Novel. Splitter Verlag. 200 Seiten, 35 Euro.

Von Kristian Teetz/RND