Anzeige
Schickt den Brenner wieder auf die Reise: Wolf Haas. Quelle: imago/VIADATA/Holger John

Neuer Brenner-Krimi von Wolf Haas – „Nach jedem Brenner denke ich: nie wieder“

Herr Haas, immer wenn sich in Ihrem Roman „Verteidigung der Missionarsstellung“ von 2012 der Protagonist Benjamin Lee Baumgartner verliebt, bricht eine Seuche aus: Rinderseuche, Vogelgrippe, Schweinegrippe. Was hat denn Baumgartner die vergangenen zwei Jahre gemacht?

Ja, ich muss zugeben, diese Frage hat mich auch gestreift. Es muss wohl eine bombastische Liebesgeschichte gewesen sein. Ich hoffe, er entliebt sich bald.

Bleiben Sie denn mit Ihren Protagonisten in Verbindung, auch wenn ein Buch beendet ist?

Eher nicht, aber es gibt aufdringliche Situationen, wo man sich nicht ganz entziehen kann.

Das heißt, die Protagonisten „erscheinen“ Ihnen in passenden oder unpassenden Situationen?

Unlängst hab ich mir mal in der U-Bahn von einem Passagier gedacht: Das wäre ein super Brenner. Und den aktuellen Müllplatz-Roman hatte ich ursprünglich begonnen als eine Geschichte über Leute, die Sachen wegwerfen. Das wäre gar kein Brenner gewesen, und auch kein Krimi. Aber nach und nach wurde mir klar, dass das ein Ambiente ist, wo man den Brenner nicht ungestraft aussperren kann.

Der neunte Krimi mit Simon Brenner

Jetzt erscheint mit „Müll“ der neunte Krimi mit Simon Brenner als Hauptfigur. Sie wollten Ihren Brenner schon verabschieden und keinen neuen mehr schreiben. Warum kehren Sie immer wieder zu ihm zurück?

Nach den ersten sechs Bänden gab es einen ziemlichen Brenner-Hype. Es wäre ein bisschen öde gewesen, diesem Hype hinterherzuschreiben. Ursprünglich war der Brenner ja ein lustvoller Verstoß gegen die literarischen Regularien, und jetzt sollte ich plötzlich die Brenner-Sprache reproduzieren. Darum wollte ich keinen mehr schreiben. Aber als dann keiner mehr einen Brenner von mir erwartet hat, ist der Spaß zurückgekommen. Es war sogar der Sonderspaß: Einen verbotenen Brenner zu schreiben, weil ich die Serie ja beendet hatte. Seither denke ich nach jedem Brenner: nie wieder.

Sie schreiben oft über ein Umfeld, das Ihnen vertraut ist, etwa über ein katholisches Internat oder über Rettungssanitäter. Was ist Ihre Beziehung zum Müllplatz und zum Wertstoffhof?

Wenn ich was wegzuwerfen habe, fahr ich eben manchmal zu so einem städtischen Müllplatz. Dabei ist mir aufgefallen, dass es mir dort sehr gut gefällt. Ich glaube, es spricht den Dreijährigen in einem an. Die eisernen Wannen und die Bagger und die Leuchtkleidung der Arbeiter.

Sie haben auch als Werbetexter und Lehrer gearbeitet. Heute sind Sie erfolgreicher Schriftsteller und müssen bei der Berufswahl nicht mehr flexibel sein. Gibt es trotzdem einen Beruf, den Sie gern ausüben würden?

Das kann ich Ihnen fast nicht sagen, denn Sie werden es mir nicht glauben. Ich wäre gern Jurist.

Unterschiedliche Gesetze bei Spenderorganen

Das ist wirklich überraschend. Wären Sie am liebsten Richter, Staatsanwalt oder Rechtsanwalt?

Vielleicht am liebsten Jurist auf der Uni, also eher juristisch-philosophischer Prinzipienreiter. Aber ich schätze, in der Realität würde mir der Spaß schnell vergehen, ich hab wohl eine romantische Vorstellung, wie meist bei Sachen, von denen man keine Ahnung hat. Deshalb hat mich beim aktuellen Roman ja auch diese unterschiedliche Gesetzgebung in Deutschland und Österreich für die Spenderorgane interessiert.

Die eigentliche Hauptperson in Ihren Brenner-Romanen ist in meinen Augen nicht Simon Brenner, sondern der Erzähler. Ein Erzähler, der den Sound in die Geschichte bringt, der immer wieder eine ganz eigene Sicht auf das Geschehen, die Welt, die literarischen Figuren hat – und der mit Sätzen wie „Und jetzt pass auf“ den Leser und die Leserin direkt anspricht.

Ja, das sehe ich genauso. Doch eigentlich funktionieren sie nur als Gespann, jeder von den beiden allein würde nicht viel hergeben. Aber dieser begeisterte Blick des Erzählers auf den Brenner, seine beflissenen Kommentare und seine ganze Wichtigtuerei bringen den Brenner erst in Schwung.

Warum duzt er uns eigentlich?

Ich meine diese direkte Ansprache der Lesenden fast übertrieben wörtlich, gar nicht so als Schilderung eines Mannes, der am Biertisch seinem besten Freund eine Geschichte erzählt. Eher so, dass das Buch die lesenden Augen kontrolliert, sie sollen nicht abschweifen, sondern sich gefälligst konzentrieren: „Here’s looking at you, kid!“

Der Erzähler in den Brenner-Krimis verzichtet gern auf Verben

Was ist Ihnen persönlich denn lieber, das Du oder das Sie?

Als Jurist bin ich Anwalt des Sie.

Der Erzähler spricht öfter mal in unvollständigen Sätzen, vor allem Verben scheint er für überschätzt zu halten. Hält er damit Distanz zu den Mordfällen, die er uns erzählt?

Es ist eigentlich aus der Sprechsprache entliehen, wo man auch nicht immer Zeit hat, alle Verben unterzubringen, so in die Richtung: „Ich nichts wie hinterher.“

Auf der anderen Seite ist der Erzähler ein genauer Beobachter der deutschen Sprache, der logische Ungenauigkeiten und unsinnigen Sprachgebrauch anspricht. Steckt in diesem Punkt Wolf Haas in dem Erzähler?

Das ist vielleicht so, wie es Eltern kleiner Kinder manchmal passieren kann: Man sollte sich nicht zu viel einmischen, aber hin und wieder passiert es einem doch.

Wenn ich Ihren Brenner lese, fange ich nach kurzer Zeit an, im Stil Ihres Erzählers zu denken. Haben Sie beim Schreiben auch permanent diesen Brenner-Duktus im Kopf? Wobei man eigentlich „Brenner-Sound“ sagen muss. Weil Ohrwurm nichts dagegen.

Das ist das, was mich am meisten freut, wenn es mir wer erzählt. In Zeiten der Pandemie, kann ich mir ans Revers heften: Meine Sprache ist auch ansteckend! Beim Schreiben bin ich natürlich ganz in diesem Duktus drinnen – er treibt die Geschichte voran, so wie vielleicht ein Reimschema ein Gedicht erzeugt.

Typischer Brenner-Sound geht ins Ohr

Jetzt habe ich den typischen Brenner-Sound mit dem Satz „Weil Ohrwurm nichts dagegen“ versucht zu imitieren. Werden Sie von Menschen auf der Straße häufiger in diesem Stil angesprochen?

Ja, die Leute konfrontieren mich schon öfter mit Brenner-Imitationen. Ich tu dann aber recht steif und rede korrektest zurück.

Ich verspreche Ihnen, es bleibt mein einziger Imitationsversuch. Wissen Sie eigentlich, dass es ein Quarzsandunternehmen namens Brenner & Haas in Mittelfranken gibt? Wäre das nicht mal ein Ort für eine Lesung?

Sehr lustig! You made my day!

Sie haben für den Brenner eher Krimipreise bekommen, Literaturpreise hingegen für Ihre Non-Brenners. Sind Krimis noch immer unter dem „richtigen“ Roman angesiedelt?

Es scheint, dass es schon noch immer ein Bedürfnis gibt, die richtige Literatur von der Genreliteratur abzuheben. Für mich persönlich ist das gar nicht so schlecht, denn ursprünglich hab ich genau deshalb Krimis geschrieben, um mich vor literarischen Über-Ichs ein bisschen in Sicherheit zu bringen.

Dabei sind Ihre Krimis viel mehr als nur Mordgeschichten. Sie haben es schon gesagt: Im neuen Brenner geht es um Organhandel und um absurde juristische Feinheiten an der deutsch-österreichischen Grenze. Wollen Sie mit Ihrem Schreiben etwas bewirken, in dem Fall vielleicht sogar eine Gesetzesänderung?

Nein, eine Gesetzesänderung hatte ich gar nicht im Visier. Mir gefällt einfach, wenn ernste Sachen auch eine ungewollt komische Note haben. Zum Beispiel die Frage, welches Organgesetz gilt für einen Österreicher, der in Deutschland stirbt. Unterliegt seine Niere österreichischem oder deutschem Gesetz?

„Die Leser sind klüger als der Verfasser“

Ihre Romane sind immer auch sozialkritische Bücher, ohne dass Sie mit dem Holzhammer kommen und alles genau ausführen oder extensiv anklagen. Setzen Sie auf den Leser als mitdenkendes Wesen?

Bei Lichtenberg heißt es so schön: Die Metapher ist klüger als ihr Verfasser. In diesem Sinn gehe ich auch davon aus, dass die Leser klüger sind als der Verfasser.

Im neuen Brenner geht es auch um sogenannte Bettgeher – Mietnomaden, die mal hier, mal dort einbrechen, um in Wohnungen zu schlafen, deren Bewohner zurzeit nicht da sind. In reichen Ländern wie Deutschland und Österreich ein beschämendes Phänomen. Sind Sie da ein wenig der Anwalt der „kleinen Leute“?

Anwalt der kleinen Leute wäre vielleicht ein bisschen anmaßend, aber ich denke, dass aus den Brenner-Romanen schon ablesbar ist, wo meine Sympathien liegen. Und klar, es ist wirklich unerträglich, wenn die Leute kaum mehr eine durchschnittliche Miete zahlen können.

Muss der Staat in der Wohnfrage wieder stärker eingreifen?

Unbedingt. In Wien, wo ich lebe, gibt es einen großen Bestand von kommunalen Wohnungen, das hält die Mietpreise zum Glück etwas in Schach.

Erscheinungstag kollidiert mit Krieg in der Ukraine

Ihr Roman erscheint in diesen Tagen, die vom Krieg in der Ukraine geprägt sind. Sie konnten diesen zeitlichen Zusammenprall von fiktivem Mord und realem Sterben nicht vorhersehen. Aber empfinden Sie Krimis gerade als eine unangebrachte Lektüre?

Es ist schon verdammt blöd, dass das jetzt so zusammenfällt. Aber andererseits macht man sich auch lächerlich, wenn man sein Buch überhaupt in so einen Zusammenhang stellt. Mit dem Brenner ist es schon einmal ähnlich schräg gelaufen. Der Film „Komm, süßer Tod“ hatte seinen Filmstart in Deutschland zwei Tage nach dem World-Trade-Attentat. Ein Film über mordende Rettungskräfte kam damals manchen in die falsche Kehle. Sogar die Formel-1-Fahrer wollten an diesem Sonntag keinen Unfall riskieren und beschlossen, in der besonders gefährlichen ersten Kurve keine Überholmanöver zu machen. Josef Hader sagte daraufhin bei der Filmpremiere in Berlin zum Publikum, er schließe sich daran an und bitte darum, beim ersten Witz nicht zu lachen. Das war ein für alle erlösender Witz.

Haben Sie sich als ein Mensch mit viel Fantasie und viel schreibender Erfahrung mit den menschlichen Abgründen einen solchen Krieg in Europa noch einmal vorstellen können?

Als sich in den letzten Jahren alle vor dem „Islamischen Staat“ gefürchtet haben, erzählte ich jüngeren Leuten manchmal, in meiner Jugend hätte man sich vor der Atombombe gefürchtet. Da kam ich mir sehr alt vor, wie jemand der von einer längst vergangenen Zeit erzählt. Und schon ist es wieder so weit.

Wie können Sie sich als Schriftsteller und Intellektueller zu diesem Krieg verhalten? Oder bleibt nur hilfloses Zuschauen?

Als Schriftsteller kann ich mich dazu nicht anders verhalten als jeder andere auch.

Sie kündigen Ihre Bücher nie an, auch nicht beim Verlag. Können Sie uns wenigstens verraten, ob das nächste Buch ein Brenner oder Non-Brenner sein wird?

Das weiß ich wirklich nicht. Ich bin diesbezüglich eher so, dass ich mir selbst erzähle, ich schreib nie mehr was. Und dann schreib ich halt doch wieder was.

Sie haben auch schon vor 3000 Menschen gelesen. Ihre neuen Romane werden von Ihren Leserinnen und Lesern geradezu herbeigesehnt. Fühlen Sie sich wie ein Popstar der Literatur?

Nein, die Literatur wirkt immer ein bisschen wie die arme Verwandte, wenn man sie mit dem Begriff „Pop“ in Verbindung bringt. Ich freue mich einfach, wenn viele Leute zu meiner Lesung kommen.

Guuuut, dann wären das meine Fragen. Wobei der Erzähler aus Ihrem Buch dieses neuerdings immer wieder zu hörende „Guuuuut“, das Sätzen vorangestellt wird, gar nicht gut findet. Sie auch nicht?

Sie haben mich erwischt: Ich hasse dieses „Guuut!“.

Wolf Haas ist mit und ohne Brenner erfolgreich

So wie man die Red Hot Chili Peppers sofort an Fleas Bass oder Zaz sekundenschnell an ihrer Stimme erkennt, so haben auch die Brenner-Krimis von Wolf Haas einen unverkennbaren Stil. „,Das Fenster ist eigentlich für das Freundinnenfoto‘, hat der Brenner ihn aufgezogen, weil seit der letzten Novak-Freundin auch schon wieder ein paar Tierarten ausgestorben.“ Ein solcher Satz aus dem neunten Brenner-Buch „Müll“ (Hoffmann und Campe, 288 Seiten, 24 Euro) zeigt exemplarisch die besondere Grammatik wie auch den herrlich beiläufigen Humor in diesen außergewöhnlichen Mordgeschichten.

In „Müll“ wird auf dem Mistplatz – wie in Wien ein städtischer Wertstoffhof heißt – eine zerstückelte Leiche gefunden. Brenner, der mittlerweile auf eben jenem Mistplatz arbeitet, hat eigentlich mit Ermittlungsarbeit nichts mehr zu tun. Aber er kann nicht still sitzen, jetzt, wo schon wieder was passiert ist, und geht der Frage nach, ob Organhandel im Spiel ist oder eine Beziehungstat oder etwas ganz anderes.

Wolf Haas, geboren 1960, hat neben seinen Brenner-Geschichten weitere preisgekrönte Romane geschrieben. Nach dem als Interview erzählten Roman „Das Wetter vor 15 Jahren“ (2006) und der romantheoretisch wie philosophisch hochinteressanten „Verteidigung der Missionars­stellung“ (2012) folgte 2018 der autobiografisch geprägte Roman „Junger Mann“.

Von Kristian Teetz/RND