Sonntag , 25. September 2022
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Singen gemeinsam: Jacqueline Boulanger und Uschi Brüning. Rechts steht zur Erinnerung an Brünings Ehemann Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky, der nicht dabei sein konnte, ein Fotoaufsteller. Quelle: Kristian Teetz

Uschi Brüning feiert ihren 75. Geburtstag: Ein Abend für den Jazz

Nach fast drei Stunden ihres Geburtstagskonzerts singt Uschi Brüning den Song „Zeit vergeht“. Hugo Laartz sitzt am Keyboard, Ferry Grott spielt die Trompete. Wenn es schön ist, rast die Zeit bekanntlich. An diesem Abend in der Berliner Kulturbrauerei verging die Zeit sehr schnell.

Die Jazzlegende Uschi Brüning hatte am Donnerstagabend anlässlich ihres 75. Geburtstags am 4. März Musiker und Sängerinnen eingeladen, um ihren runden Ehrentag mit Songs und Instrumentals zu feiern. Günther Fischer, der schon vor 50 Jahren Lieder für Uschi Brüning schrieb, war mit seiner Band gekommen. Als Wolfgang „Zicke“ Schneider am Schlagzeug angekündigt wurde, ging ein freudvolles Raunen durch die Zuschauer. Es saßen viele Jazzkenner im Publikum.

Friedensgrüße nach Moskau

Andreas Bicking füllte den Raum mit seinem warmen Saxofonspiel, Christian von der Goltz begleitete unprätentiös mit seinem Pianospiel, Rüdiger Krause kitzelte die hohen Töne seiner E‑Gitarre in mehreren Soli und schickte noch nach dem offiziellen Ende des Konzerts mit „Give Peace a Chance“ Friedensgrüße nach Moskau.

Im Mittelpunkt des Abends stand aber natürlich Uschi Brüning. Die Leipzigerin war Mitte der Sechzigerjahre von Klaus Lenz, den Günther Fischer am Donnerstag eine „inoffizielle Musikschule der DDR“ nannte, entdeckt und in seine Band aufgenommen worden. Sie begeisterte zu DDR- wie auch zu Nachwendezeiten mit ihrer unverkennbaren und herausragenden Stimme. Bis zu dessen Tod stand sie mit Manfred Krug auf der Bühne, heute tritt sie in verschiedenen Konstellationen auf, unter anderem in jeweils eigenen Programmen mit der Rostockerin Jacqueline Boulanger oder mit Susanne „Die Popette“ Betancor. Beide waren an diesem Abend gekommen, um für und gemeinsam mit Uschi Brüning zu singen. Auch Angelika „Die Lütte“ Mann stand auf der Berliner Bühne, um für ihre Lebensfreundin zu singen. Uschi Brünings Mann und langjähriger musikalischer Partner, Jazzsaxofonist Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky, konnte mit seinen fast 90 Jahren nicht mit auftreten. Er war aber den ganzen Abend als lebensgroßer Aufsteller am vorderen Rand der Bühne zumindest fotografisch präsent. Auch die heute 90-jährige Ruth Hohmann musste absagen.

Auch Björn Engholm schickt Videogrüße

Uschi Brüning prägte den Abend mit ihrer Stimme. Sie sang Jazz- und Gospelklassiker wie „Never Make Your Move Too Soon“, „God Shall Wipe Away All Tears“ und „Sophisticated Lady“ sowie deutsche Stücke wie „Auserwählt“ und „Hochzeitsnacht“. Sie freute sich sichtlich über Videobotschaften zu ihrem Geburtstag unter anderem von Klaus Lenz, von Ex-„Tatort“-Kommissar und Musiker Charles Brauer, von ihrer Freundin Krista Maria Schädlich, mit der Brüning gemeinsam ihre Autobiografie „So wie ich“ geschrieben hat, sowie dem ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Björn Engholm. Ernst-Ludwig Petrowsky und Uschi Brüning waren 1999 an Engholms 60. Geburtstag aufgetreten, der SPD-Politiker hatte an dem Abend auch einen spontanen Scatgesang mit den beiden hingelegt.

Nach rund drei Stunden endete die Geburtstagsgala mit dem großen Finale und dem Song „Stormy Monday“. Der Abend war eine kleine Reise zurück in die Geschichte der Sängerin Uschi Brüning und des Jazz, er war eine Demonstration, wie gegenwärtig diese Künstlerin auch mit 75 Jahren ist, und er war eine Vorfreude auf weitere Konzerte in dieser oder ähnlichen Konstellationen. Vor allem aber haben alle Musikerinnen und Musiker in den drei Stunden eines bewiesen: Jazz lebt.

Ein zweites Geburtstagskonzert ist am Samstag, 12. März, in Halle zu sehen. Karten sind noch erhältlich. Vor wenigen Tagen ist zudem Uschi Brünings Doppel-CD „Tagesträume 1971–2021“ erschienen.

Von Kristian Teetz/RND