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Reisender und schreibender Europäer: Karl-Markus Gauß erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2022. Quelle: Kurt Kaindl

Leipziger Buchpreis für Karl-Markus Gauß: „Es wird in Zukunft mehr vom Westen abhängen“

Herr Gauß, Sie werden in wenigen Tagen mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Erst einmal herzlichen Glückwunsch!

Danke schön!

Ein Preis zur europäischen Verständigung, das klingt in diesen Tagen auf der einen Seite wie blanker Hohn, aber auf der anderen Seite auch wie eine große Hoffnung. Wie geht es Ihnen in diesen Tagen mit diesem Preis?

Einerseits ist es wirklich nicht leicht, jetzt einen Preis für europäische Verständigung entgegenzunehmen und während der Preisverleihung das Richtige zu sagen. Andererseits: Wann wäre europäische Verständigung wichtiger als jetzt? Wobei diese Verständigung meiner Meinung nach nicht bedeuten kann, dass man zwischen den Angriffsobsessionen des Aggressors und den verständlichen Interessen der Überfallenen einen faulen Kompromiss herstellt.

Kurioser Moment beim Besuch in der Ukraine 2019

Was kann denn überhaupt ein Schriftsteller, ein Intellektueller wie Sie in diesen Tagen tun?

Zuerst ist es die Aufgabe eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin, das zu tun, wofür sie eigentlich ihren Beruf gewählt haben, nämlich mit Worten zu agieren. Das können nicht immer nur mehr oder weniger pathetische Aufrufe sein, die man unterzeichnet. Sondern sie müssen sich in ihrem Bereich, in dem sie Zugang zu größeren oder kleineren Medien haben, zum Krieg äußern und ihre eigenen Gedanken zu formulieren vermessen. Mehr wäre vermessen, von Schriftstellern erwarten zu wollen.

Wann waren Sie das letzte Mal in der Ukraine?

Ich war das letzte Mal im Mai 2019 dort, und zwar an dem Tag, an dem mein jüngstes Buch „Die Jahreszeiten der Ewigkeit“ endet. Ich erlebte da den sehr kuriosen Moment, dass wir in einer kleinen Reisegruppe in einer wunderschönen orthodoxen Waldkapelle im westukrainischen Transkarpatien gestanden haben und auch ich Ungläubiger von einem gewissen spirituellen Gefühl ergriffen war, bis wir dann draußen auf einmal lautes Gelächter gehört haben. Ich bin daraufhin hinausgegangen.

Woher kam das Gelächter?

Da stand der jüngste von unseren österreichischen Reisebegleitern und hat uns sein Smartphone gezeigt. Dort lief gerade tatsächlich in dieser Waldeseinsamkeit der Ukraine das Ibiza-Video, das unsere Welt zumindest im Kleinen verändert hat.

Sie sprechen vom berühmten Video mit Österreichs damaligem Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ), das zum Ende der ÖVP/FPÖ-Regierungskoalition in Wien geführt hat.

Genau. Und die Freude war dann groß, weil eigentlich allen von uns sofort klar war, dass dies das Ende einer Regierung ist, die es gar nicht hätte geben dürfen.

Dieser Moment symbolisiert sehr schön Ihre Arbeitsweise und ihre Art des Erzählens, in der immer die großen Zeitläufte zusammentreffen mit Ihrer eigenen Beziehung zur Welt. Was schätzen Sie an dieser doppelströmigen Erzählweise?

Ich weiß es nicht genau. Sie ist offenbar meinen literarischen und sonstigen Temperamenten angemessen. Ich will in meinen Reisebüchern, die ja teilweise relativ populär wurden, aber auch in den Journalen wie jetzt „Die Jahreszeiten der Ewigkeit“ auf verschiedene Weise immer zweierlei zusammenbringen: Ich möchte ein Bild von der Welt zeigen, für das ich auch auf Reisen gehe, für das ich aber auch vorher schon auf eine Reise durch Bücher und Bibliotheken gegangen bin. Andererseits möchte ich aber auch ein Zeugnis meiner selbst geben und nicht verhehlen, dass das, was ich schreibe und wie ich die Welt sehe, mein ganz subjektiver Blick auf die Dinge ist.

Gauß will seinen Lesern „etwas geben, was sie auch bewegt und berührt“

Das hat den Vorteil, dass Ihre Bücher nicht abstrakt sind, sondern den Leserinnen und Lesern ermöglicht, sich zu identifizieren und sich persönlich involviert zu fühlen.

Es sind halt keine Sachbücher. Wobei ich gute Sachbücher sehr zu schätzen weiß. Es müssen aber in meinen Reisegeschichten nicht alle Informationen, die nebenbei gegeben werden, immer wissenschaftlich abgesichert sein. Sie sind natürlich wohl recherchiert, aber werden dann doch durch mein subjektives Temperament gedeutet und gesehen. Das führt zu dem gewünschten Effekt, von dem Sie gesprochen haben, dass ich nicht nur Informationen vermittle, sondern den Lesern etwas gebe, was sie auch bewegt und berührt. Das hat im besten Fall zur Folge, dass sich der Leser oder die Leserin über die Lektüre hinaus für diese Länder interessieren und sie vielleicht sogar Partei für die Länder und ihre Menschen ergreifen.

Ist diese Mischung aus Weltgeschehen und subjektiver Sicht auf die Dinge eine mögliche Form, in der Sie auch über die jetzigen Ereignisse schreiben werden?

Jetzt erwischen Sie mich an einem heiklen Punkt. Ich habe eigentlich überlegt, ob ich nicht diese Form des Journals für mich beende, weil es ein enormer Aufwand ist – sowohl geistig als auch körperlich –, die große Geschichte darzustellen und seine eigene dazu in Verbindung zu setzen. Aber natürlich bleibt es ein Thema von mir: die Welt und ich und ich und die Welt.

Das ist momentan ja fast zwangsläufig. Denn es wird in den kommenden Monaten und Jahren ein Autor wie Sie sehr gefragt sein, der für die europäische Verständigung steht. Sie durchleuchten zudem vergessene Gegenden Europas auch dann, wenn der Scheinwerfer der Aktualität nicht auf sie strahlt. Auch das wird in Zukunft in der Ukraine wichtig sein.

Ich werde, solange ich noch außer Haus gehen und schreiben kann, dieses andere Europa und meine Beziehung zu ihm im Auge behalten. Die Geschichte führt immer über die eigenen vier Wände hinaus.

„Ich glaube schon, dass dies eine Epochenwende in Europa war“

Wir sind noch mitten im Kriegsgeschehen. Aber können Sie schon abschätzen, was dieser Krieg mittel- oder langfristig für Europa bedeuten wird?

Wir haben in den vergangenen Jahren gelernt, dass Dinge, die für sehr lange Zeit wie festgefügt gewirkt haben, sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit verändern können. Ganze Reiche sind zusammengebrochen. Bei dem, was jetzt passiert, fühle ich mich ehrlich gesagt fast überfordert zu sagen, was es bedeuten wird. Wir wissen ja nicht, wie sich dieser Krieg weiterentwickeln wird. Ich glaube allerdings schon, dass dies eine Epochenwende in Europa war.

Inwiefern?

Es wird mehr vom Westen abhängen, den wir jetzt gerade bejubeln. Wir sehen in diesen Tagen Europa endlich geeint, was ja auch eine prekäre Sache ist. Ich beobachte etwa mit Freude oder mit Genugtuung, dass in Polen eine große Sympathie für die ukrainischen Flüchtlinge herrscht. Auf einmal werden die Polen, die wir jahrelang als die Boykotteure jeder vernünftigen Flüchtlingspolitik betrachtet haben, so etwas wie Vorbilder, die sich momentan sehr hervortun. Wie weit man das dann in eine künftige Politik Europas hinüberretten kann, ist wiederum eine andere Frage. Ob das die Ukraine-Krise überdauert?

Aber zunächst einmal wirkt der Westen einig wie selten zuvor.

Erst einmal ist es Putin zweifelsohne gelungen, die EU von ihrer Zerstrittenheit zu befreien und sie zu einem vergleichsweise einheitlichen Vorgehen zu bewegen. Das ist ein historisches Verdienst, das er sich gutschreiben kann, auch wenn er das natürlich ganz anders beabsichtigt hat. Und die Dinge wandeln sich zurzeit so schnell. Wir erleben momentan, und das sage ich völlig ohne Kritik, dass gestandene Pazifisten, die 30 Jahre lang jede Form von Aufrüstung oder auch nur Nachrüstung kritisiert haben, auf einmal umgeschwenkt sind und sagen: Wir investieren ab sofort sehr viel mehr in unsere militärische Kraft.

Wie beurteilen Sie dies?

Diese Beschleunigung und das Wegräumen festgefügter Wegmarken, die man sich politisch gesetzt hat, und das Aufbauen neuer Wegmarken ist ein faszinierendes, manchmal besorgniserregendes und manchmal auch ermutigendes Phänomen.

„Es gibt verschiedene Osten“

Wenn Sie an Europa denken, an was für ein Europa denken Sie: an das geografische Europa, an das politische Europa, an ein geschichtlich geprägtes Europa?

Ich bin da vielleicht konservativ und denke zunächst sehr stark an ein geschichtlich geprägtes Europa, dann aber bin ich wieder ein über die normalen Politiken aller Länder hinausgehender Europäer, der sehr stark auch jene Regionen Europas ins Auge fasst, die wir in Westeuropa nicht bemerken. Denn wenn wir von Europa sprechen, sprechen wir eigentlich immer nur von einem Teil Europas – was sich jetzt vielleicht ändern wird. Wenn wir von Europa gesprochen haben, meinten wir bislang oft die Europäische Union. Und wenn wir vom Osten gesprochen haben, dann haben wir eigentlich verschiedene Osten gemeint.

Welche verschiedenen Osten meinen Sie?

Wir haben zum einen den Osten der Europäischen Union, wo uns zuletzt Länder wie Polen oder Ungarn ziemlich genervt haben, wenn man das so sagen darf. Dann haben wir zweitens jene Länder im Osten, wie zum Beispiel die Republik Moldau, die außerhalb der EU stehen – übrigens ist die Republik Moldau eines meiner Lieblingsländer. Jenem Osten konnten oder wollten wir von der EU her sehr lange keine guten Perspektiven anbieten. Das gilt auch zum Beispiel für Mazedonien.

Warum fiel uns das bislang so schwer?

Wir wussten nicht, was wir mit diesen Ländern machen sollen. Ob die EU sie besser soll, damit sie nicht wirtschaftlich und politisch unter russischen, teilweise sogar unter chinesischen Einfluss geraten. Oder ob eine solche Aufnahme das ganze Gefüge der EU nicht noch komplizierter macht und bei einer weiteren Ausweitung der vetofähigen Länder die EU strukturell fast lahmgelegt wird.

„Heute extrem heikel, das zu sagen. Aber: Russland gehört zu Europa“

Was wäre der dritte Osten?

Das ist der bereits im Osten der Ukraine beginnende ferne Osten Europas, der mit Russland identifiziert wurde und wird. Da müssen wir darauf achten, dass man nicht mit einer gewissen Furcht, aber auch nicht mit einer gewissen Herablassung von diesem Osten spricht. Niemand würde doch vom Westen in dem Sinne sprechen, dass ein portugiesischer Gewerkschafter, ein französischer Banker und ein deutscher Unternehmensvorstand den gleichen Typus Mensch repräsentieren. Diese Leute sind zwar dem Westen zugehörig, aber sie haben ganz unterschiedliche Interessen, ganz unterschiedliche Ziele und vermutlich auch unterschiedliche Charaktere.

Gehört Russland zu Ihrem Bild von Europa dazu?

Es ist heute extrem heikel, das zu sagen. Aber: Ja, es gehört dazu. Wir werden in Europa keine dauerhaft gute Entwicklung nehmen können, wenn Russland nicht seinen Platz in Europa findet – es sei denn eine, die nur wieder auf einem militärischen Gleichgewicht des Schreckens beruht. Natürlich ist Russland mit dieser riesigen Landmasse auch ein asiatisches Land. Aber dennoch gehört Russland zu Europa, und es wäre wichtig, wenn das nicht so bliebe, sondern wenn es erst einmal so werden könnte. Doch die Veränderung muss jetzt stärker als früher von Russland ausgehen, das ist ganz klar.

Sie sind in so vielen Ländern Europas unterwegs gewesen. Wie viele Sprachen sprechen Sie eigentlich?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich bin nämlich überhaupt nicht sonderlich sprachbegabt. Ich bin zwar ein großer Anhänger von Muttersprachen, auch von den allerkleinsten. Die müssen erhalten bleiben. Aber ich bin nicht sonderlich sprachbegabt, außer in einem bestimmten Sinne. Wenn ich weiß, ich fahre zu den Arbëreshe, also zur albanischen Volksgruppe in Süditalien, oder ich fahre nach Litauen, dann lerne ich innerhalb von etwa sechs Wochen als Vorbereitung rund 150 Wörter, die ich dann parat habe. Dazu kommen vielleicht 30 oder 40 Phrasen, mit denen ich zunächst einmal den Kontakt zu den Einheimischen herstellen kann. Ich erlebe dann – egal, wohin ich dort an den Rändern Europas unterwegs bin, wo niemand damit rechnet, dass überhaupt irgendjemand zu ihnen kommt, der ihre Sprache kann – sofort eine große Zuneigung und Bereitschaft, sich mit mir zu unterhalten.

„Kann mich mit Menschen unterhalten, deren Sprache ich nicht spreche“

Erweitern Sie dann nach den Reisen Ihre Sprachkenntnisse?

Genau im Gegenteil, ich vergesse später, sobald ich darüber geschrieben habe, diese rasch gelernten Wörter und Phrasen wieder. Das ist also mehr eine kurzfristige und in diesem Sinne fast schon berufsbegleitende Sprachfähigkeit. Ich muss aber auch sagen, dass ich mich tatsächlich innig mit Menschen unterhalten kann, deren Sprache ich kaum beherrsche. Auf der anderen Seite steigt die Zahl derer in unseren Ländern, die zwar meine Muttersprache, das Deutsche, sprechen, mit denen ich mich aber überhaupt nicht mehr unterhalten kann.

Wie meinen Sie das?

Ich denke da beispielsweise an die Pandemie zurück, als es auch in meinem Bekanntenkreis Leute gegeben hat, die die Sache auf geradezu fanatische Weise ganz anders gesehen haben als ich und mit denen ein Gespräch überhaupt nicht mehr möglich war. Also man kann mit Fremden sprechen, ohne dass man die gleiche Sprache hat, und man kann mit denen das Gespräch verlieren, die eigentlich in der gleichen Sprache leben.

Ein Reisender durch Europa

Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß hat Europa bereist und beschrieben wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor. Dabei nähert er sich in seinen Texten und Büchern immer wieder auch nationalen Minderheiten und Ethnien wie den Aromunen, den Roma oder den Gottscheer-Deutschen an. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeiten liegt auf Mittel- und Osteuropa. Der 67-Jährige erhält am kommenden Mittwoch, 16. März, anlässlich der (größtenteils abgesagten) Leipziger Buchmesse den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Ausgezeichnet wird er für sein 2020 erschienenes Buch „Die unaufhörliche Wanderung: Reportagen“ (Zsolnay, 23 Euro). Sein im Februar veröffentlichtes neues Buch „Die Jahreszeiten der Ewigkeit“, ein Journal der Jahre 2014 bis 2019, ist ebenfalls bei Zsolnay erschienen und kostet 25 Euro.

Von Kristian Teetz/RND