Donnerstag , 1. Dezember 2022
Anzeige
Ohne Pointe: Kurt Krömer litt jahrzehntelang unter Depressionen. Quelle: Fabian Sommer/dpa

Kurt Krömer über seine Depression: „Nach der Klinik habe ich mich gefühlt wie im Drogenrausch“

Wie darf ich Sie denn in diesem Interview ansprechen? Mit Kurt Krömer oder mit Ihrem bürgerlichen Namen Alexander Bojcan?

Was würden Sie denn denken, wer jetzt mit Ihnen spricht?

Nach der Lektüre Ihres Buches, in dem Sie über Ihre Depression schreiben, denke ich, mit Alexander Bojcan zu reden und nicht mit einer Kunstfigur.

Da muss ich etwas ausholen: Ich war 2012 in Afghanistan, und als ich zurückgekommen bin, habe ich einen Bericht über diese Reise geschrieben. Seitdem hat eine Metamorphose stattgefunden. Das Paradebeispiel einer Kunstfigur ist Horst Schlämmer von Hape Kerkeling. Dort weiß jeder zu 100 Prozent, Hape hat eine Perücke auf, er trägt falsche schiefe Zähne im Mund und zieht immer diesen einen Trenchcoat an. Wir wissen alle, dass Kerkeling nicht Journalist ist und dass er nicht beim „Grevenbroicher Tagblatt“ arbeitet. Das ist eine komplett fiktive Person. Bei mir ist mittlerweile alles deckungsgleich: wo ich geboren bin, wo ich aufgewachsen bin, wer da auf der Bühne steht und alles andere auch. Aber der Unterschied ist, in der Öffentlichkeit bleibe ich Kurt Krömer, das ist mein Künstlername.

Welche Vorteile hat überhaupt so eine Kunstfigur? Kann man sich verstecken?

Na ja, eigentlich nicht. Ich möchte mich zumindest nicht verstecken. Wenn ich mit dem Zug von, sagen wir, Berlin nach Osnabrück fahre und die Reise war schlecht, dann gehe ich auf die Bühne und rede darüber. Ich rede dann über meine echten Gefühle. Schon im letzten Programm habe ich Themen behandelt, die mich persönlich beschäftigen. Im nächsten Programm wird es daher auch eine längere Strecke über Depressionen geben. Und meine Depression ist natürlich eine echte Geschichte. Auch wenn ich sie zugespitzter erzählen werde, sodass die Leute darüber lachen.

„Du musst dich zusammenreißen, da musst du jetzt funktionieren“

2020 wurde bei Ihnen nach vielen Jahren diagnostiziert, dass Sie unter Depressionen leiden. Trotzdem haben Sie weitergearbeitet. Unter anderem haben Sie die erste Staffel von „LOL“ gedreht und sind an vier Abenden live in Berlin aufgetreten. Haben Sie da einfach nur noch funktioniert?

Das war sicherlich so. Aber „funktionieren“ ist ein extrem blödes Wort, das uns in der Klinik, in der ich meine Therapie gemacht habe, sofort abtrainiert wurde. Was soll das bei einem Menschen bedeuten, zu funktionieren? Ich bin ja kein Roboter. Ich laufe ja nicht auf Batterien. Aber zu dem von Ihnen angesprochenen Zeitpunkt kurz vor dem Klinikaufenthalt habe ich sicherlich noch mit den Stimmen meiner Eltern im Kopf gedacht: „Du musst dich zusammenreißen, da musst du jetzt funktionieren.“ Das war nicht schön.

Haben Sie selbst in der Klinik, wo Sie sich ja eigentlich von allem Druck befreien sollten, Leistungsdruck verspürt?

Auf jeden Fall! Ich weiß noch, wir haben uns am ersten Tag um 9 Uhr zu einer Achtsamkeitsübung getroffen, die wir dann jeden Tag gemacht haben. Nach den 20 Minuten hatten wir zwei Stunden Pause, bevor es mit Einzel- oder Gruppentherapie weiterging. Am ersten Tag war ich völlig schockiert und habe gesagt: „Was ist das denn hier mit den Pausen?“ Ich habe gedacht, wenn ich morgens mit Einzeltherapie anfange und mich acht Stunden lang hintereinander weg therapieren lasse, kann ich vielleicht in zwei Wochen wieder raus.

Sie wollten die Therapie also möglichst schnell und kompakt abarbeiten?

Ja, da war dieses effektive Denken: Wenn du eine Pause hast, nutze sie. Aber ich habe schnell kapiert, wenn du in der Therapie eine Stunde lang über deine Probleme und deine verkorkste Vergangenheit sprichst, dann brauchst du danach eine Pause. Spätestens am dritten Tag habe ich verstanden, du kommst hier nur ans Ziel, wenn du Gelassenheit lernst und Ruhe bewahrst.

„Wie geht es dir heute?“

Wir sind es ja gar nicht mehr gewohnt, nichts zu tun. Und plötzlich soll man während einer Therapie in sich hineinhören. Ist das etwas, was Sie als etwas Positives in Ihren jetzigen Alltag mitgenommen haben?

Ich würde lügen, wenn ich sage, ich mache täglich 20 Minuten lang Achtsamkeitsübungen. Aber wenn ich morgens wach werde, bleibe ich noch fünf Minuten im Bett liegen, höre in mich hinein und frage mich: Wie geht es dir heute? Ich habe gelernt, die Tage einzuteilen: Heute wird ein schöner Tag oder heute wird ein schlechter Tag, etwa weil ich unheimlich viel zu tun habe. Aber das hat nichts mit Depressionen zu tun. Sondern ganz einfach: Ein Teil meiner Tage ist schön und ein Teil meiner Tage ist schlecht. Viele andere gute Sachen habe ich leider nicht aufrechterhalten.

Was zum Beispiel?

Etwa, dass man sein Handy nicht auf den Nachttisch legen oder vor dem Schlafengehen auf dem Laptop nicht noch eine Netflix-Serie schauen sollte. Da bin ich schon ein bisschen nachlässig geworden.

Nach einer behandelten Depression herrscht oft das Problem, dass den Betroffenen die Maßstäbe verloren gegangen sind, mit denen sie ihr eigenes Wohlbefinden beurteilen. Also: Bin ich jetzt nur einfach traurig und schlecht drauf, oder kommt da schon wieder eine Depressionswelle hoch? Wie ist das bei Ihnen?

Mittlerweile stehe ich mit festen Füßen auf dem Boden und kann mich selbst realistisch beurteilen. Direkt nach der Klinik hingegen habe ich mich gefühlt wie im Drogenrausch – so, als hätte ich Ecstasy geschluckt, ich war total euphorisch. Ich war der Meinung, ich werde in meinem Leben nie wieder schlechte Laune bekommen, und mir geht’s bis zu meinem Lebensende immer gut.

Aber?

Dass da draußen ein paar Blödmänner sind, die einem das Leben zur Hölle machen können oder dich richtig ärgern können, das war mir nicht bewusst. Jetzt weiß ich, es ist nicht immer alles rosig. Und ich weiß: Das Gegenteil von Depression ist nicht, immer gute Laune zu haben. Das Gegenteil von Depression kann auch sein, schlechte Laune zu haben. Schlechte Laune gehört zum Leben dazu, aber sie ist nicht gleichbedeutend mit einer Depression.

„Nicht mehr lügen zu müssen ist eine große Befreiung“

Im vergangenen Frühjahr haben Sie erstmals öffentlich über Ihre Depression gesprochen. Jetzt folgt das Buch. Wie befreiend ist das alles?

Es ist vergleichbar mit einem Outing. Es war eine riesige Erleichterung, zu meiner Mutter zu gehen und zu sagen, ich bin schwer depressiv. Es war auch ein gutes Gefühl, Freunden zu sagen: Dass ich die vergangenen Jahre so und so drauf war, das lag daran, dass ich depressiv war. Ich musste ja auch immer wieder lügen. Etwa wenn ich gefragt wurde, wie mein Urlaub war. Ich war nicht im Urlaub, weil ich wegen meiner Depression einfach nicht dazu in der Lage war. Aber das gibt man nicht zu, also lügt man. Das jetzt nicht mehr tun zu müssen ist eine große Befreiung.

Warum muss man denn immer noch lügen, wenn man depressiv ist? Warum ist die Krankheit immer noch solch ein Tabu?

Das liegt vor allem an den Nachteilen, die den Betroffenen drohen. Eine Journalistin, die mich interviewt hat, sagte mir vor dem Interview: „Herr Krömer, ich komme gerade von meinem Therapeuten, ich bin alleinerziehend und habe Depressionen.“ Ich habe ihr vorgeschlagen, dass wir doch offen darüber sprechen können. Sie spricht über ihre Depression und ich über meine. Aber sie sagte: „Ich weiß nicht, was mein Chef darüber denkt.“ Man weiß es ja nicht, vielleicht bekommt dann so jemand nicht die nächste große Story, weil er oder sie als Wackelkandidat gilt.

Haben Sie diese Ängste auch verspürt?

Ich habe den großen Vorteil, dass ich freiberuflich und mein eigener Chef bin. Ich muss keine Angst davor haben, dass ich meine Fernsehsendung verliere oder mir jemand verbietet, auf Tournee zu gehen. Aber für viele andere Menschen ist das große Problem: Wenn du den Schritt wagst, dich als depressiv zu outen, bist du immer noch auf Leute angewiesen, die dieses Outing akzeptieren und gut damit umgehen.

Buch ist auch ein Lobgesang auf das Weinen

Ihr Buch ist auch ein Lobgesang auf das Weinen. Stimmt der Spruch, dass weinen die Seele reinigt?

Ich weine immer noch sehr gern. Für mich ist mittlerweile weinen nicht mehr negativ besetzt. Wenn ich weine, weine ich vor Glück, weil ich mir denke: Schau mal, wie gut es dir jetzt geht und wie schlecht es dir noch vor Kurzem ging. Wenn dann noch ein sentimentales Lied gespielt wird … Ich höre manchmal ganz bewusst traurige Musik und lass mich gern von der Stimmung tragen. Ich freue mich dann an meinen Gefühlen, weil es echte Gefühle sind.

Ist Ihr Buch eher eine Selbstvergewisserung für Sie selbst oder eher ein Mutmacher für andere Leute?

Beides. Eine therapeutische Maßnahme, weil viele Therapeuten sagen, man solle seine Probleme aufschreiben, weil sie dann den Körper verlassen und über die Hand auf ein Blatt Papier gehen. Und dieses Papier können Sie dann wunderbar im Schrank einschließen und damit von sich wegräumen. Aber ich habe nach der „Chez Krömer“-Sendung, in der ich mit Torsten Sträter zusammen erstmals über meine Krankheit gesprochen habe, Tausende von Nachrichten bekommen. Da dachte ich, wenn du helfen willst, dann lass einmal komplett die Hose runter.

Denken Sie manchmal: Verdammt, die Depression hat mir so viel geraubt? Oder gehört Sie zu Ihnen?

Ich hätte jetzt beinahe gesagt, ich bin froh, dass ich auch noch trockener Alkoholiker bin und deswegen schon gelernt habe, dass man die Vergangenheit nicht verurteilt. Manchmal bin ich froh, dass mein Klinikaufenthalt nicht mit 80 stattgefunden hat, da wäre das Leben dann fast schon zu Ende. Jetzt bin ich 47 Jahre alt und habe noch sehr viel Schönes vor mir. Ich habe momentan das Gefühl, das gerade ist die schönste Zeit in meinem Leben, ich bin fit, und die Lebensfreude ist wirklich sehr groß.

Seit Jahrzehnten depressiv

Der Komiker Kurt Krömer hat mit Bühnenprogrammen, Auftritten in Comedyshows und seinen eigenen TV-Sendungen wie der „Kurt Krömer Show“ und „Chez Krömer“ eine große Fangemeinde um sich versammelt. Mit trockenem Humor und Berliner Schnauze hat der heute 47-Jährige eine sehr eigene Note in die deutsche Comedylandschaft gebracht.

Geboren wurde Krömer, der eigentlich Alexander Bojcan heißt, 1974 in West-Berlin. Seine Ausbildung führte ihn unter anderem 1996/1997 an die Clownschule TuT in Hannover. Im vergangenen Herbst machte er in seiner Sendung „Chez Krömer“ erstmals seine Depression öffentlich. Als Gesprächspartner hatte er sich seinen Kollegen Torsten Sträter ausgesucht, der ebenfalls eigene Erfahrungen mit Depressionen hat.

In seinem vor wenigen Tagen erschienenen Buch „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst“ (Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 20 Euro) schreibt er, wie er jahrzehntelang unter der Krankheit gelitten hat, ohne es zu wissen. Sehr offen und persönlich spricht der alleinerziehende Vater von vier Kindern und trockene Alkoholiker über die Zeit des Leidens, die heilenden Wochen in einer psychiatrischen Klinik und sein Leben danach.

Hier bekommen Sie Hilfe: In diesem Artikel geht es um Depressionen. Wenn Sie in einer psychischen Krise sind und Hilfe brauchen, können Sie sich an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 (kostenfrei) wenden. Das Infotelefon Depression ist unter der Rufnummer 0800 33 44 5 33 (kostenfrei) zu erreichen.

Von Kristian Teetz/RND