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Carolin Kebekus und Florian Schroeder Quelle: IMAGO/Andreas Weihs/Rolf Vennenbernd/dpa/Montage/RND

Carolin Kebekus und Florian Schroeder: Humor muss auch in Zeiten des Krieges möglich sein

Darf man in Zeiten des Krieges Kabarett und Comedy machen? sagen beide unabhängig voneinander: Ja, eindeutig. Man muss. Schroeder sagt sogar: „Ohne Witze über den Krieg macht man sich zum Handlanger des Krieges.“

Was ist in diesen Tagen noch lustig? Was darf man als Comedian sagen? Hilft Lachen angesichts des Ernstes dieser Zeit? Oder ist Humor unangebracht angesichts der Situation vieler Ukrainerinnen und Ukrainer? Mehr als einen Monat dauert der Krieg Russlands gegen die Ukraine nun schon. Kabarettisten, Comedians und Satiriker müssen sich seit Kriegsbeginn die Frage stellen, wie viel und welcher Humor in diesen Tagen möglich ist.

Olli Dittrich hatte kurz vor seiner Deutschlandtournee als Dittsche vor wenigen Tagen dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) im Interview gesagt: „Den aktuellen Krieg zum Bestandteil irgendwelcher Gags zu machen, wäre zutiefst unangemessen, gedankenlos, beschämend, einfach unsäglich. Ich bin in jedem Fall nicht der Richtige dafür. Das unermessliche Leid der Menschen in der Ukraine lässt für mich überhaupt keinen Spielraum zu, irgendwie einen komischen Dreh für die Bühne daraus zu generieren.“ Dittrich tritt momentan als Dittsche auf, aber der Bademantelträger thematisiert die Ukraine nicht.

„Man sagt ja auch, Humor kann ‚entwaffnend‘ sein“

Carolin Kebekus antwortet gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) auf die Frage, ob man in Kriegszeiten Comedy, Kabarett, Satire machen darf: „Man muss sogar! Das komische Talent ist vielleicht im ersten Moment in so einer Krisensituation nicht wirklich von Nutzen, aber man kann und muss es doch dazu einsetzen, die unbegreifbaren Dinge begreifbar zu machen. Situationen und Meldungen einzuordnen. Man sagt ja auch, Humor kann ‚entwaffnend‘ sein. Nicht wörtlich, aber doch im Sinne von: sich nicht von der Angst gefangen nehmen lassen.“

Auch ihr Kollege Florian Schroeder vertritt eine klare Meinung zu der Frage, ob man in Zeiten des Krieges Humor machen darf. „Selbstverständlich – gerade dann. Wer glaubt, Humor sei nur etwas für Tages des Sonnenscheins und der guten Laune, muss Karneval machen“, sagte Schroeder dem RND. „Jeder ernsthafte Humorhandwerker weiß: In den Krisenmomenten zeigt sich das wahre Können. Außerdem überantwortet man sich im Verzicht auf Komik der Logik derer, die sie abschaffen wollen: den Putins dieser Welt. Ohne Witze über den Krieg macht man sich zum Handlanger des Krieges.“

„Lachen kann helfen, der eigenen Ohnmacht zu entkommen“

„Lachen heißt, die scheinbar Großen und Mächtigen dem Spott preiszugeben – es ist eine Machtumkehr“, sagte Schroeder weiter. „Lachen kann also helfen, der eigenen Ohnmacht zu entkommen. Gelingt es mir als Komiker, die richtigen Worte zu finden, hat das Publikum die Chance, die Welt neu und anders zu sehen – vielleicht optimistischer, vielleicht auch einfach nur befreit von den alten Einbahnstraßen, in die man sich sonst manchmal gerade im Angesicht der Angst verrennt.“

Auch Kebekus, die ab Juli mit ihrem Programm „PussyNation“ auf Tournee geht, glaubt, dass Lachen in diesen schwierigen Tagen helfen kann. „Gerade in diesen Zeiten, in denen wir mitfühlen und mithelfen, Hilfsgüter und Unterbringungen organisieren, auf die Straße gehen und Spendenaktionen starten, brauchen wir kurze Momente, in denen wir Kraft sammeln, wo wir durchatmen und auch lachen dürfen.“

Beide, , gehen in ihren Auftritten auf den Krieg in der Ukraine ein oder planen, es zu tun. „Selbstverständlich, das habe ich sowohl in meiner ‚Florian Schroeder Satireshow‘ im Ersten wenige Tage nach Kriegsbeginn ausführlich gleich zu Beginn getan und tue es jeden Abend auf der Bühne auf Tour“, sagte Schroeder weiter. „Es geht in diesen Momenten auch darum, dem Publikum eine Art Formulierungshilfe in der Verzweiflung zu geben. Das geht dann weit über die Frage hinaus, ob man noch lachen darf und ob ein Gag gut gesetzt ist.“

Auch Kebekus wird auf den Krieg eingehen. „Auf jeden Fall. Man kann dieses Ereignis ja nicht verschweigen und einfach den größten Elefanten im Raum ignorieren. Es geht ja auch nicht darum, Augenwischerei zu betreiben. Das ist nun mal gerade unsere Realität und daraus mache ich etwas.“

„Man kann in normaleren Zeiten sicher viele Gags über die Ukraine machen“

Unangemessen finden Florian Schroeder Humor in dieser speziellen Kriegssituation allerdings, „wann immer es auf Kosten von Menschen geht, die es nicht verdient haben: Opfer des Krieges oder anderweitig Betroffene. Man kann in normaleren Zeiten sicher viele Gags über die Ukraine machen – das war ja vor dem Krieg fast ein failed state, der in Korruption versank“, sagte der 42-Jährige, der im April und Mai mit seinem Programm „Neustart“ auf Tour sein wird. „Auch Präsident Selenskyj kann man sehr kritisch sehen. Aber dafür ist jetzt kein Raum da, denn im Moment ist die Ukraine Opfer eines Krieges, an dem Putin ein Exempel statuieren will – das Ende des westlichen Liberalismus, wie wir ihn kannten. Das muss man in seiner Bedeutung und Gefährlichkeit immer wieder betonen. Und Selenskyj hält mitten im Krieg die Reden, die man sich in ihrer Kraft seit Jahren von demokratischen Politikern wünschen würde – und zwar ohne den Krieg als Anlass.“

Von Kristian Teetz/RND