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Im Zwiegespräch: Walter Sittler (links) als Kardinal Jorge Mario Bergoglio und Walter Kreye als Papst Benedikt XVI. Quelle: IMAGO/Martin Müller

Das Duell der Päpste

Was für eine Ausgangslage fürs Theater: Hier ein Papst, der nüchtern, bürokratisch und lebensfremd ist, dort ein Kardinal, der die Menschen kennt, bescheiden lebt und sich auf den Straßen Argentiniens für die Armen einsetzt. Hier ein Papst, der zurücktreten will, dort ein Kardinal, der dringend in Rente gehen will, aber der Nachfolger des Papstes werden soll. Hier die strenge Vernunft, dort das lebensbejahende Gefühl. Hier Benedikt XVI., dort Kardinal Jorge Mario Bergoglio.

Walter Kreye und Walter Sittler spielen die Hauptrollen

Der neuseeländische Schriftsteller Anthony McCarten, der neben vielem anderen die Drehbücher zu den Kinofilmen „Bohemian Rhapsody“ und „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ geschrieben hat, hat die Chance ergriffen, dieses reale Drama in ein Theaterstück zu verwandeln. Das Renaissance Theater in Berlin hat „Die zwei Päpste“ nun in deutscher Erstaufführung auf die Bühne gebracht. Es ist – passend zum Vatikan – eine eher klassische und konservative Inszenierung von Guntbert Warns. Walter Kreye als Benedikt und Walter Sittler als Kardinal Bergoglio spielen ihre Rollen mit großer Würde und Tiefgang.

McCarten hat sein Stück in drei Teile geteilt: Der erste gehört Benedikt, der eigentlich zu seiner Vertrauten, Schwester Brigitta, kommt, um Suppe mit Knödeln zu essen und seine Lieblingsserie „Kommissar Rex“ zu schauen. Dann aber wird das Gespräch zu einer Zustandsbeschreibung der Kirche und seines Oberhirten, der lieber Bücher schreibt, als sich den Problemen der Zeit wie dem innerkirchlichen sexuellen Missbrauch, dem Bankenskandal und den Herausforderungen der Moderne zu stellen.

Im zweiten Teil freut sich der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio – der spätere Papst Franziskus – auf seine Rente. Er ist 75 Jahre alt und wartet nur noch auf die Unterschrift des Papstes, mit der er sich aus dem aktiven Dienst der Kirche verabschieden kann. Schwester Sophia fleht ihn an zu bleiben, die Armen weiter zu betreuen, als Kardinal seine Stimme gegen Ungerechtigkeit zu erheben. Aber Bergoglio bleibt hart, er will endlich „frei sein“. Dann ruft ihn Rom.

Benedikt und Bergoglio im Zwiegespräch

Hier beginnt der dritte Part und damit der Hauptteil des Stückes, in dem Benedikt und Bergoglio im Zwiegespräch – das historisch nicht belegt ist, aber auch nicht ausgeschlossen werden kann – sich zunächst niveauvoll angiften und ihre unterschiedlichen Positionen zu Gott und der Welt deutlich werden lassen. Hier der auf der Tradition beharrende Hardliner Benedikt, dort der als Reformer geltende Fußballfan und Tangotänzer Bergoglio, der sagt: „Die Wahrheit mag unverzichtbar sein, aber ohne Liebe ist sie auch unerträglich“. Der Argentinier bittet immer eindringlicher um seine Demission. Benedikt hingegen wird im Gespräch immer deutlicher, dass der Kardinal trotz aller Unterschiede sein Nachfolger werden muss.

McCarten hat zu diesem Stoff schon ein 400-Seiten-Buch geschrieben, das prominent mit Anthony Hopkins und Jonathan Pryce verfilmt wurde. Nicht erst vor Kurzem, als es um die erneute Frage um eine Schuld des realen Benedikt an Verharmlosung und Vertuschung ging, hat die Öffentlichkeit den Missbrauch in der katholischen Kirche und den kirchlichen Umgang mit dem Thema fassungslos und wütend verfolgt. Das Thema beschäftigt Opfer wie Beobachter schon sehr lange.

Auch an diesem Theaterabend kommt das Thema zur Sprache, etwa als Walter Kreye als Benedikt seine Rolle im Missbrauchsskandal noch als Münchner Erzbischof beichtet und Walter Sittler als Bergoglio schockiert antwortet: „Sie haben ihn versetzt? Von einer Gemeinde zu anderen?“. Aber auch Bergoglio ist alles andere als unfehlbar und beichtet seine damals für etliche Menschen tödlichen oder schmerzhaften Fehler während der argentinischen Militärdiktatur.

Immer wieder brandet Szenenapplaus auf

Der zweieinhalbstündige Abend im Renaissance-Theater mit seinem Alt-West-Berliner Charme lebt von den Schauspielerinnen und Schauspielern, in erster Linie natürlich von Sittler und Kreye. Aber auch Imogen Kogge (als Schwester Brigitta), Ivy Lißack (als Schwester Sophia) und Maximilian Zimmermann (als Kammerdiener) sowie Manfred Gruber (Bühnenbild) und Ariane Warns (Kostüme) lassen diese besondere historische Situation aus der Welt des Vatikans lebendig werden. Szenenapplaus beenden die einzelnen Teile der Inszenierung. Diesen Abend göttlich zu nennen, ginge zu weit, aber man muss ja auch nicht päpstlicher sein als der Papst – oder die Päpste.

Nächste Aufführungen am 5., 6., 7., 8., 9., 10. und 12. April sowie weiteren Abenden im April, Mai und Juni.

Von Kristian Teetz/RND