Freitag , 2. Dezember 2022
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Menschen feiern bei einem Konzert. Für Großveranstaltungen gibt es keine Corona-Auflagen mehr. Quelle: picture alliance / Christophe Ga

Nach Tourabsage von Lena Meyer-Landrut: Wie hoch ist das Infektionsrisiko auf Konzerten?

Für ihre Fans war es ein Schock: Die Sängerin Lena Meyer-Landrut (30) hat am Montag ihre Sommer-Tour und alle Open-Air-Auftritte in diesem Jahr abgesagt. „Ich spüre eine Verantwortung euch gegenüber und fühle mich selber noch nicht sicher genug, in Anbetracht der anhaltenden Corona-Pandemie mit einer vollen Produktion in meist ausverkauften, vollen Hallen zu spielen“, erklärte die Musikerin auf Instagram. „Mein Gefühl ist: Die Zeit ist noch nicht reif.“

Dabei hätte die 30-Jährige wieder wie vor der Corona-Pandemie ohne Einschränkungen vor ihrem Publikum auftreten können. Seit dem 2. April gibt es keine Auflagen mehr für Großveranstaltungen. Eine Begrenzung der Teilnehmendenzahl, die Maskenpflicht sowie Abstandsgebote sind weggefallen.

Angesichts der aktuellen Infektionslage in Deutschland sorgte dieser Schritt bereits vor Wochen für Zweifel. Zumal es derzeit durch die hochansteckende Omikron-Variante vermehrt zu Impfdurchbrüchen und Zweitinfektionen kommt. Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko bei einem Konzert?

Lüftungsforscher: „Nicht alle Personen sind gleichmäßig gefährdet“

Prof. Dr. Martin Kriegel von der Technischen Universität Berlin kann die Beweggründe für die Entscheidung der Musikerin nachvollziehen, denn das Risiko einer Corona-Infektion bei einem Konzert ohne Auflagen ist für jeden Besucher und jede Besucherin gegeben. „Wenn sie gar nicht möchte, dass sich Personen bei ihren Konzerten anstecken, dann hat sie die richtige Entscheidung getroffen“, sagte der Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts der TU Berlin, das vornehmlich an der Lüftungstechnik forscht, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) am Donnerstag. Wie hoch das Risiko ist, hänge aber von mehreren Faktoren ab. „Zunächst einmal muss die Wahrscheinlichkeit, dass infektiöse Menschen vor Ort sind, betrachtet werden. Das geht am besten anhand der Inzidenz. Auf Großveranstaltungen mit mehreren Tausend Menschen kann mit annähernd 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit gesagt werden, dass mindestens eine infizierte Person da ist“, erklärte er.

Ein weiterer wichtiger Faktor sei die Größe und die Art des Raumes, in dem die Veranstaltung stattfindet. „Diese Räume sind in der Regel gut belüftet oder finden sogar draußen statt. Das heißt, dass natürlich nicht alle Personen gleichmäßig gefährdet sind. Für die Masse an sich ist das Risiko relativ klein“, führte Kriegel aus und erklärte das an einem Beispiel aus dem Alltag: Wenn man neben einem Raucher steht, riecht man das deutlich. Weiter weg wird das schon weniger. Der Wind kann aber auch mal ungünstig stehen, sodass man trotz einiger Entfernung den Zigarettengeruch wahrnimmt. „Für alle, die um diese Person herumstehen, ist das Risiko hoch – und das unabhängig von der Belüftung und davon, ob das Event drinnen oder draußen stattfindet“, sagte der Institutsleiter.

In anderen öffentlichen Lebensbereichen, wie zum Beispiel in einem Supermarkt, sei das Ansteckungsrisiko wesentlich geringer. „Da laufen tagsüber auch Tausende Menschen durch, von denen einige infiziert sind. Dort hält man sich aber nicht über einen längeren Zeitraum in einer Menschengruppe auf“, erläuterte er.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine infektiöse Person bei einem Konzert im direkten Umfeld befindet, kann nur schwer bestimmt werden. Kriegel betonte erneut die regionale Inzidenz als Anhaltspunkt: „Das Risiko muss dann jeder für sich individuell bewerten.“ Der Experte empfiehlt aber in jedem Fall das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung: „Das ist sehr wirksam, da große Partikel auf- und abgehalten werden.“ Kleinere Partikel würden dadurch zwar nicht vollständig rausgefiltert, aber in jedem Fall umgeleitet werden, sodass sie nicht direkt auf die Menschen im Umfeld treffen.

Physiker vom Max-Planck-Institut empfiehlt das Maskentragen

Dieselbe Empfehlung gibt auch der Physiker Prof. Dr. Eberhard Bodenschatz, Leiter des Göttinger Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation, mit Blick auf die aktuell weiterhin hohe Inzidenz ab: „Bei einem kleinen Konzert in einem engen Raum mit vielen Menschen, die keinen Abstand halten, würde ich definitiv Maske tragen. Insbesondere solange wir so eine hohe Inzidenz haben“, sagte er gegenüber dem RND. Auch in großen Konzerthallen sollte ihm zufolge nicht auf das Tragen einer Maske verzichtet werden. „Bei Konzerten, auf denen jeder getestet wäre, hätte ich persönlich keine so großen Bedenken, die Maske abzulegen, wenn man Abstand einhält“, so Bodenschatz. Die Vorführenden auf der Bühne, die viel sprechen und viel agieren würden, sollten sich auf jeden Fall testen lassen, wenn man das Risiko einer Ansteckung minimieren wolle.

Er fasste zusammen: „Wenn ich auf einem Konzert war und hinterher springt die Corona-Warn-App auf Rot, dann sollte ich mir keine allzu großen Sorgen machen, wenn ich auf dem Konzert eine Maske getragen habe – und viele oder alle anderen auch.“ Anders ist das, wenn keine Maske getragen wurde und die Warn-App ein hohes Risiko anzeigt: „Dann kann es durchaus passieren, dass ich mir Sorgen machen sollte.“

Studienleiter des Testkonzerts in Leipzig: „Konzerte sind nur ein Baustein“

Wissenschaftlich betrachtet wurden Konzerte als mögliche Ansteckungsorte bereits im ersten Pandemiejahr. Die Universitätsmedizin Halle (Saale) hatte unter der Leitung von Dr. Stefan Moritz das Projekt „Restart 19″ ins Leben gerufen. Tim Bendzko gab im August 2020 in Leipzig ein Konzert vor 1600 freiwilligen – und negativ getesteten – Teilnehmenden. Alles unter wissenschaftlicher Beobachtung. Simuliert wurden drei Szenarien: der Normalzustand wie vor der Pandemie, mit Hygienekonzept und 50 Prozent Auslastung sowie mit Hygienekonzept und 25 Prozent Auslastung. Mit einem Tracer wurden dann die Abstände zwischen den Probanden gemessen. Auch die Aerosolverbreitung hatte in der Untersuchung eine Rolle gespielt.

Nach den verschiedenen Versuchsläufen mit unterschiedlichem Abstand und weiteren Parametern kam das Team um den Studienleiter damals zu dem Schluss, dass das A und O eine gute Belüftungstechnik in den Veranstaltungshäusern sei. Diese müsse einen regelmäßigen Austausch der Raumluft mit frischer Luft ermöglichen. Dies sei für das Ansteckungsrisiko eine entscheidende Schlüsselkomponente, erklärte Moritz die Ergebnisse.

Er berichtete weiter, dass man mit entsprechenden Hygienemaßnahmen eine Anzahl von nur neun Langzeitkontakten gemessen habe. Konkret bedeutet das: Jede Person habe sich im Schnitt neun anderen Gästen für eine Dauer von mindestens 15 Minuten auf weniger als 1,5 Meter genähert. Die Forscher rieten daher damals von klassischen Veranstaltungen ab.

Heute sei die Situation eine andere, wie er am Mittwoch gegenüber dem RND klarstellte. „Das Infektionsgeschehen ist jetzt ein ganz anderes. Subjektiv gesehen klingt es viel, wenn sich 50 oder 100 Menschen bei einer Veranstaltung mit Corona angesteckt haben. Im Vergleich zum Alltagsleben ist das aber nur ein ganz geringer Teil des Ganzen“, erklärte Moritz. Der Großteil der Infektionen würden in privaten Räumen passieren. Außerdem betonte er, dass die Impfquote nun deutlich höher ist als noch zum Zeitpunkt des Testkonzerts.

Die damalige Entscheidung, auf Großveranstaltungen und Konzerte zu verzichten, verteidigt der Studienleiter. Während überall Kontakte reduziert worden sind, wären Großveranstaltungen deutlicher mehr ins Gewicht gefallen. „Jetzt hat jeder wieder nahezu die Kontakte wie vor der Pandemie – beispielsweise im Privatbereich, bei der Arbeit oder beim Sport. Statistisch gesehen fallen Großveranstaltungen nur mit einem Prozent der Kontakte eines Menschen ins Gewicht“, veranschaulicht Moritz das Verhältnis.

Mit Blick auf die bevorstehenden Konzerte ohne Corona-Auflagen sagte Moritz: „Natürlich können sich Leute bei Konzerten anstecken. Aber eine Ansteckung kann auch an vielen anderen Orten geschehen. Ich glaube, dass das jetzt unser normales Risiko ist.“ Großveranstaltungen wie Konzerte würden nur einer der Bausteine sein, die zum Infektionsgeschehen beitragen werden.

RND/nis und vv mit dpa

Von Nico Schwieger/RND