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Shirin und Henriette sind aus Hannover zum Festival nach Frankfurt gereist. „Run for your Dream“ ist ein Song der K‑Pop-Girlgroup MOA. Quelle: Matthias Schwarzer/RND

Ein Wochenende unter K‑Pop-Fans: Woher kommt der Hype?

Frankfurt. Wenn Shirin und Henriette über Kai reden, steht Henrike daneben und rollt mit den Augen. „Das ist wie mit den Boybands, damals in den Neunzigerjahren“, erinnert sich die Mutter. „Aber irgendwie kann ich’s verstehen.“

Shirin und Henriette sind K‑Pop-Fans. Und Kai eines ihrer größten Idole. Heute Abend sehen sie ihren Star zum ersten Mal live: Der südkoreanische Sänger steht bei Europas erstem großen K‑Pop-Festival K‑Pop Flex auf der Bühne und ist sogar der Host des Abends. Dafür sind die Schülerinnen extra in Begleitung von Mutter Henrike von Hannover nach Frankfurt gereist.

Erstes K‑Pop-Festival Europas

Sie sind nicht allein. Rund 70.000 Tickets wurden verkauft, an Fans aus 84 Ländern. Sie kommen aus den Niederlanden, Großbritannien, Griechenland, der Schweiz – aus ganz Europa. Sogar eine kanadische Flagge ist im Publikum zu sehen.

Am Frankfurter Waldstadion, wo sonst auf dem Fußballplatz pure Männlichkeit zelebriert wird, laufen an diesem Wochenende junge Menschen in bunten Kostümen herum. Sie haben pinke, hellblaue oder griftgrüne Haare, tragen Luftballons und Regen­bogen­fahnen, tanzen und können jeden Song mitsingen, der durch die Musikboxen dröhnt.

Mal liegen sie sich weinend in den Armen – mal erschöpft auf der Trage eines Rettungs­sanitäters, weil der Kreislauf nicht mehr mitspielt. Vor der Konzertbühne halten junge Menschen Schals und Plakate mit den Namen und Fotos ihrer Idole in die Höhe. Auf besonders vielen steht der Name Jake. Henrike hat recht: Die Parallelen zum Boygrouphype der Neunzigerjahre sind unübersehbar.

„Teil meiner Identität“

Und doch ist irgendwie alles ganz anders. Shirin, Henriette und die vielen Tausend Fans feiern an diesem Wochenende keine weißen, westlichen Popstars, wie es die Backstreet Boys oder NSYNC einst waren. Sie feiern Stars, die eine andere Sprache sprechen, anders aussehen, eine andere Kultur zelebrieren und nicht ausschließlich von Liebe singen. Stars, die zwar längst im Mainstream angekommen sind, hinter denen eine Multimilliardenindustrie steht – die sich aber irgendwie nicht nach Mainstream anfühlen. Weil sie anders sind, weil diese Fanszene anders ist, weil man gemeinsam anders ist. Ist das etwa das große Geheimnis dieses Erfolgs?

Gespräche mit Fans legen nahe, dass an der Theorie etwas dran ist. Rama J Gusti ist zusammen mit seinen Freunden aus der Schweiz nach Frankfurt gereist. Auf dem Festivalgelände sind er und sein Freund Gaël Pfister zwei von nur wenigen männlichen Besuchern – der Großteil des Publikums besteht aus jungen Frauen.

Für Rama, der asiatische Wurzeln hat, ist K‑Pop ein wichtiger Teil der eigenen Identität. „Seit die Musikrichtung so groß ist, fühle ich mich endlich in der Popkultur repräsentiert“, sagt er dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). In der Schweiz seien vor allem Bands aus den USA oder Europa erfolgreich – das ändere sich mit dem K‑Pop-Hype nun gewaltig.

Freundschaften in aller Welt

Zusammen mit seinen Freunden tanzt Rama die Choreografien seiner Lieblingsbands nach – am liebsten die der Boygroup Enhypen. Die Band ist noch sehr jung, wurde erst 2020 gegründet. Am Abend in Frankfurt hat sie ihren ersten großen Auftritt in Europa. Star der Band: Frontsänger Jake.

Kimberly, Nini und Tascha sind eher wegen Monsta X hier. Und wegen Dreamcatcher. Und wegen NCT Dream. Asiatische Wurzeln haben sie keine – und dennoch bedeutet ihnen K‑Pop enorm viel. Als Fans der ersten Stunde bezeichnen sie sich selbst. „Schon Anfang der 2010er-Jahre haben wir die Szene für uns entdeckt“, berichtet Nini.

Kimberly kommt aus den Niederlanden, Nini und Tascha sind aus Münster. „Die Fanszene ist international, wir haben Freunde auf der ganzen Welt“, erklärt sie. „Egal, an welchen Ort der Welt ich reisen würde – ich hätte immer irgendwo einen Schlafplatz.“

Popmusik mit Gesellschafts­kritik

Diese Freundschaft, dieser Zusammenhalt ist es, der K‑Pop für die drei Freundinnen zu etwas ganz Besonderem macht. Und befeuert werde all das auch durch die Songtexte der Bands.

„Es geht oft um Zusammenhalt, um Selbstliebe“, sagt Aimée Kwan, Autorin beim Londoner Magazin „& Asian“, das sich auf asiatische Kultur spezialisiert hat. „Die Musik macht Mut und animiert Fans zu mehr Selbstbewusstsein – etwa beim Tanzen der Choreografien“, weiß die Expertin. Und: Viele Songtexte thematisierten inzwischen auch gesellschaftliche Themen, wie etwa mentale Gesundheit. „Das hört man in der Popmusik ansonsten nicht oft.“

Auch Shirin und Henriette verweisen auf die Lyrics der K‑Pop-Songs. „Sie geben Hoffnung, auch in schwierigen Zeiten“, sagt Shirin. Und eine Botschaft sei ganz besonders wichtig: „Jeder darf so sein, wie er will.“

Eine diverse Fanszene

Diese Lebenseinstellung ist auf dem Festival­gelände deutlich spürbar und deutlich sichtbar. Das junge Publikum ist bunt, queer und divers. Als am Abend beim Konzert eine Stadionkamera die Regen­bogen­fahne eines Fans einfängt und einige Sekunden groß auf der Leinwand zeigt, tobt der gesamte Saal in atemberaubender Lautstärke – da hat Jake von Enhypen noch gar nicht mal angefangen zu singen.

Die K‑Pop-Fanszene macht seit Beginn des großen Hypes immer wieder mit Aktionen für Toleranz auf sich aufmerksam. Mal engagieren sich Fans für LGBTQ*-Personen, mal sammelt man Geld für die Black-Lives-Matter-Bewegung. Mal kauft man Tickets einer Trump-Show auf, um dessen Auftritt zu verhindern. Und auch auf dem Konzert in Frankfurt wird deutlich: Hier ist jeder willkommen, egal, wen er liebt, wer er ist, wie er aussieht.

Auch Henrike findet das schön – wenngleich sie den Hype auch kritisch sieht. „All das ist natürlich auch ein wahnsinnig gutes Verkaufs­argument“, sagt sie. Ein Verkaufs­argument, das die Boybands der Neunzigerjahre in der Form nicht hatten. Das Problem: Viele der Stars hielten ihre eigenen Versprechen gar nicht ein.

Selbstliebe mit perfektem Aussehen

Ein valider Punkt: Auf der Bühne im Frankfurter Stadion stehen an diesem Abend vor allem perfekt aussehende Menschen. Die Choreografien und Gesangs­einlagen der Stars sitzen, hier ist alles aufeinander abgestimmt, kein Platz für Fehler oder Anders­artigkeit. Die Idols, wie sie von Fans genannt werden, haben perfekte Frisuren, perfekte Gesichter, perfekte Haut und perfekte Körper, kein Gramm zu viel. Da ist es mit der Selbstliebe auch nicht so schwer.

In den vergangenen Jahren waren K‑Pop-Größen auch immer wieder wegen Schönheits­operationen in die Kritik geraten. Dass sich viele Stars unters Messer legen, ist in der Branche ein offenes Geheimnis. Manche Bands propagieren dies sogar ganz offen, etwa in Songs und Musikvideos.

Henrike verweist zudem auf die brutale südkoreanische Unter­haltungs­industrie, die hinter den Idols steckt. Junge angehende K‑Pop-Stars würden tagtäglich stundenlang gedrillt, es gibt Berichte über Knebelverträge. Ein harter Kontrast zu dem, was oft nach außen transportiert wird.

Heterosexuell und Single

Und so divers die K‑Pop-Fanszene selbst auch sein mag: Auf der Bühne ist davon nur wenig zu spüren. Zwar geben sich die Idols betont androgyn – andererseits wird von der Industrie die Illusion gewahrt, die meisten Stars seien heterosexuell und natürlich Single. Nur die wenigsten K‑Pop-Stars leben offen schwul oder lesbisch oder trans. Zu riskant offenbar für die großen Labels hinter den Stars in einem konservativen Südkorea.

Und dann wäre da auch noch die Fanszene selbst, die die Sache mit der Toleranz nicht immer ganz genau nimmt. „Fandoms können schnell toxisch werden“, weiß Nini. Der Anlass könne alles mögliche sein. Etwa, wenn sich jemand kritisch über die eigene Lieblingsband äußere, aber auch wegen ganz anderer Themen. Dann stürze man sich im Netz zu Tausenden auf den vermeintlichen Antagonisten und lasse nicht mehr locker. Von radikalen Fan­gruppierungen halten sich die drei Freundinnen daher lieber fern.

Journalistin Aimée Kwan beschreibt all das mit dem Wort Doppelmoral. Und insbesondere die Sache mit der Selbstliebe sei in ihrer Erzählung nicht wirklich stringent. Die Fanszene allerdings reflektiere das durchaus. „Wichtig ist vielen eher die Message der Musik – weniger, ob das eigene Idol dies auch verkörpert.“

„Die Botschaften sind echt“

Fans bestätigen das. „Uns ist schon klar, dass hinter K‑Pop eine Industrie steckt“, sagt Schülerin Shirin. Fans wie sie würden ihren Idolen auch nicht blind hinterherlaufen, vieles würde auch in der Fanszene kritisch hinterfragt. Das schmälere aber nicht die Musik der Idole und das, was sie vermittelt.

Auch Rama weiß über die Probleme in der Industrie Bescheid. Der Einfluss der Fans darauf sei allerdings begrenzt. Und letztendlich sei auch für ihn vor allem die Musik entscheidend. „Die Songs wurden von jemandem geschrieben, der das ernst meint. Darauf kommt es an. Musik kann nicht lügen, die Botschaften sind echt.“

„Love yourself“

Fast scheint es so, als gäbe es beim K‑Pop-Hype zwei Ebenen. Die bedingungslose Liebe zu einzelnen Idolen – und die Liebe zur Lebens­einstellung, die von ihren Fans zelebriert wird. Beides muss nicht zwangsläufig miteinander harmonieren – wird aber bei Konzerten, wie dem in Frankfurt, zu einem großen Gemeinschafts­gefühl zusammengeworfen.

Kurz nach dem Auftritt von Enhypen steht an diesem Abend die Girlgroup (G)I-DLE auf der Bühne. Die Band singt und tanzt genauso perfekt, sieht genauso perfekt aus wie ihre Vorgänger im Rampenlicht.

Neben ihren eigenen Songs ist im Repertoire der Band diesmal auch ein Coversong, der die zehntausenden Fans vor der Bühne zum Jubeln, Mitsingen und Weinen bringt. Es ist der Song „Love yourself“ von Justin Bieber. „Liebe dich selbst“. Klar, was sonst.

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Von Matthias Schwarzer/RND