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Tollkühne Leute in fliegenden Kisten: Die Schauspieler Tom Cruise (Captain Pete "Maverick" Mitchell, l-r), Miles Teller, Monica Barbaro und Glen Powell in einer Szene aus dem Film "Top Gun: Maverick". Quelle: Scott Garfield/Paramount Picture

Tollkühn im Cockpit – Tom Cruise fliegt in „Top Gun: Maverick“ wieder für Amerika

Zumindest etwas ist neu beim neuen „Top Gun“-Film, der gerade noch eine protzige Premiere in Cannes feierte und nun schon in die Kinos kommt: Die „Besten der Besten“, wie sich die Piloten der Navy-Eliteeinheit gern nennen, spielen jetzt American Football am Strand. Im alten „Top Gun“-Film spielten sie lieber Volleyball. Und, ach ja, eine Alibifrau hat sich unter das Kampffliegerteam gemischt.

Die Männer posieren nach wie vor mit freien Oberkörpern, tragen vorzugsweise verspiegelte Sonnenbrillen, die der Originalfilm von 1986 erst so richtig populär gemacht hatte. „Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel“ gilt bis heute als einer der erfolgreichsten Militärfilme überhaupt und spielte bei lausigen 15 Millionen Dollar Produktionskosten 350 Millionen ein.

Die Konkurrenz zwischen den gut gebauten Herren wird bis zum Exzess getrieben

Aber sonst? Sonst geht es in der Wiederauflage sinnbildlich noch immer darum, wer – Pardon – den Längsten hat. Hier bekommt der so viel zitierte Begriff „toxische Männlichkeit“ Konturen. Die Konkurrenz zwischen den gut gebauten Herren der Schöpfung wird bis zum Exzess getrieben, damit sie sich später um so ergriffener in die Arme fallen können. So kann das mit einem gedeihlichen Miteinander auf diesem Planeten nichts werden. Zumal die militärische Hierarchie das Sein bestimmt. Es sei denn, man heißt Tom Cruise und spielt Captain Pete „Maverick“ Mitchell.

Der militärische Rufname hat eine originelle Vorgeschichte: Er geht auf den Viehzüchter Samuel A. Maverick (1803–1870) zurück, der seine Rinder im Gegensatz zu allen anderen nicht zu brandmarken pflegte. Seitdem gilt im Englischen ein Maverick als jemand, der sich durch innere Unabhängigkeit und Widerborstigkeit auszeichnet.

Beides verkörpert Cruise vortrefflich mit seiner angestrengten Lässigkeit, wie wir sie auch aus seinen „Mission: Impossible“-Filmen kennen. Wenn Maverick hier einem Kampfjet über die Schnauze streicht, dann erinnert er an einen Cowboy in einem Western, der die Nüstern seines Pferdes tätschelt.

Maverick testet Maschinen, die Batman gefallen dürften

Nur arbeitet Maverick nicht bei der Kavallerie, sondern bei der US-Navy. Das tut er erstaunlicherweise seit nun schon mehr als drei Jahrzehnten. Offenbar wird dort auf die Erfahrung gut gereifter Fachkräfte Wert gelegt. Inzwischen testet Maverick futuristische Hightech-Überschallmaschinen, an denen auch Batman Gefallen finden würde.

Das US-Militär präsentiert Regisseur Joseph Kosinski auch hier wieder vor malerischem Sonnenuntergang. Verlockender könnte kein Navy-Werbefilm daherkommen. Schon in der ersten Szene auf einem Flugzeugträger – inhaltlich ohne jede Funktion – nebeln genau wie 1986 Kerosinschwaden die Tollkühnen ein, die in ihren metallenen Kisten mit höchster Präzision auf Deck starten und landen. Nichtsdestotrotz ist das Flugballett am Himmel grandios choreografiert, bevor gegen Filmende dann doch Assoziationen an Computerballerspiele wach werden.

Verteidigungsministerium meets Hollywood - eine Hand wäscht die andere

Tatsächlich hat das US-Verteidigungsministerium auch nun wieder das Drehbuch abgesegnet – und hatte sogar Zugriff auf den Rohschnitt. Im Gegenzug hatten Cruise und seine Leute Zugang zu modernstem Gerät und durften bei Manövern filmen.

Die Geschichte funktioniert durch den Bezug zum ersten Film ziemlich gut: Der blutjunge Ma­ve­rick verlor bei einem Flugunfall seinen besten Kameraden Nick ­„Goose“ Bradshaw. Daran hat er immer noch schwer zu knabbern. Und nun soll er ausgerechnet dessen Sohn Bradley „Rooster“ Bradshaw (Miles Teller), für den Maverick eine Art Vater war, in ein Himmelfahrtskommando schicken. Emotionale Konflikte sind garantiert.

Überhaupt schwelgt der Film in Erinnerungen, sogar ein ausrangiertes F14-Kampfflugzeug wird reaktiviert. Da merkt man, dass auch Tom Cruise stramm auf die 60 zugeht. Er ist immer noch prächtig in Form und zeigt den Jünglingen, wie‘s geht – ganz anders als sein Ex-Rivale Tom „Iceman“ Kazanski alias Val Kilmer aus dem ersten Film, der hier einen Kurzauftritt als Freund und Vorgesetzter hat. Manchmal reibt man sich die Augen, so genau wird der erste Film kopiert. Ma­ve­ricks Geliebte heißt jetzt Penny (Jennifer Connelly), scheint aber im selben Haus am Ozean zu wohnen wie einst Charlotte.

Mavericks Fliegerjacke wurde an Chinas Wünsche angepasst

Im Originalfilm legte sich Ma­ve­rick mit MiG-Jets an, ohne dass je der Name Sowjetunion gefallen wäre. In der Neuauflage soll eine Nu­kle­aran­lage ausgeschaltet werden – auch ohne jeden greifbaren nationalen Bezug. Wie leicht man sich bei einem globalen Blockbuster Ärger einhandelt, hat Mavericks Fliegerjacke bewiesen: Ursprünglich war die Flagge Taiwans draufgenäht. Nun wurde das Abzeichen digital ausradiert, um nicht vom chinesischen Markt verbannt zu werden.

Letztlich feiert das allen Einwänden zum Trotz kurzweilige „Top Gun“-Abenteuer militärisches Heldentum mit unerträglicher Naivität. Gäbe es da nicht die täglichen Bilder vom Ukraine-Krieg in den Fernsehnachrichten, ließe sich womöglich darüber hinwegsehen.

„Top Gun: Maverick“, Regie: Joseph Kosinski, mit Tom Cruise, Miles Teller, Jennifer Connelly, 130 Minuten, FSK 12

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Von Stefan Stosch/RND