Anzeige
Rammstein-Sänger Till Lindemann beim Konzert in Leipzig.

Mit Feuer gegen Wasser: Rammstein melden sich spektakulär zurück

Leipzig. Die Natur kann ein ganz schöner Spielverderber sein. Da wird das Doppelkonzert von Rammstein über zwei Jahre hinweg etliche Male verschoben, und nachdem es – von einigen kleineren Schauern abgesehen – in Leipzig über Wochen hinweg trocken blieb, öffnet sich am Freitagabend um 21.15 Uhr, eine Dreiviertelstunde nach Konzertbeginn, der Himmel und ergießt sich in Strömen über die Zehntausenden Menschen, die drei Jahre nach dem Ansturm auf die Karten nun einen ganz anderen Sturm erleben. Und das im doppelten Sinne: einen über ihren Köpfen und einen vor ihren Augen.

Die Natur gewinnt die Oberhand – wenn auch nur zeitweilig. Das Konzert muss nach einem guten Drittel unterbrochen werden, aus den Lautsprechern heißt es, man hoffe, die Show bald fortsetzen zu können. Es dauert letztlich gut 30 Minuten, bis der Regen aufhört, die Bühne trockengelegt ist und die Veranstaltung fortgesetzt wird.

Rammstein-Songs am Klavier

Die Pyrotechnik jedenfalls hält dem Wasser allen Befürchtungen zum Trotz stand – und macht den Abend zu jenem lang ersehnten und erwarteten Spektakel, auf das die Fans so lange hofften. Aber von vorn.

Der Abend beginnt zunächst unerwartet leise, mit sanften Pianoklängen von den Händen des französischen Duos Jatekok. Naïri Badal und Adélaïde Panaget interpretieren hier Songs der Band, für die sie die Aufwärmer geben, auf ihre ganz eigene Weise neu: „Engel“ und „Sonne“ sind dabei, ebenso „Puppe“ und „Mein Herz brennt“, genau das also, was später in seiner ganzen originalen Wucht zu hören sein wird. Es ist eine Verbeugung vor Rammstein, die ihren Reiz gerade daraus zieht, dass der Kontrast zwischen den zwei Frauen und den sechs Männern, die nach ihnen auf die Bühne schreiten, so groß wie der zwischen Feuer und Wasser ist.

Überwältigung aller Sinne

Pünktlich um 20.30 Uhr knallt es gewaltig, und dann marschieren sie endlich auf, die „Schockrocker“, und präsentieren ihre alte Neue Deutsche Härte in aller Pracht. Es beginnt mit „Armee der Tristen“ und „Zick Zack“ vom neuen Album „Zeit“, gleich darauf schwenkt die Show in Richtung Klassiker mit „Links 2, 3, 4″, „Sehnsucht“ und „Zeig dich“, bei dem dann auch erstmals Flammen in die Luft schlagen. Die Arena bebt, die Menge tobt, der Geruch von Schwarzpulver klettert in die Nase, die Gitarren, das Schlagzeug und die alles durchdringende Stimme von Till Lindemann bohren sich in den Gehörgang, und schon nach 20 Minuten stellt sich die Frage, wie Rammstein das a) zwei Stunden lang durchhalten und b) diese pure Überwältigung aller Sinne überhaupt noch toppen wollen.

Die Antwort auf Ersteres wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben, die auf Zweiteres erfolgt wiederholt im Minutentakt. Für „Puppe“ etwa, diese verstörende Erzählung eines Jungen, der den Freier seiner Schwester brutal ermordet, karrt Lindemann einen drei Meter hohen Kinderwagen auf die Bühne, der letztlich in Flammen aufgeht.

Im Schlauchboot durch die Fans

Nach der Unterbrechung, von der sich die Fans die Stimmung natürlich nicht vermiesen lassen, wird ein Techno-Remix von „Deutschland“ zum LED-Ballett, bevor es mit einer effektvollen Lichtshow – die Sonne ist da endlich untergegangen – zu „Radio“ weitergeht. Keyboarder Christian Lorenz (im glitzernd-goldenen Outfit ein echter Hingucker) landet zu „Mein Teil“ in einem riesigen Kochtopf, während Lindemann in blutbeschmierter Kochmontur auftritt und mit dem Flammenwerfer um sich sprüht. Je länger das Konzert dauert, umso makabrer wird die Horrorshow.

Und als wäre all das noch nicht absurd genug, stehen Rammstein in der ersten Zugabe bei „Engel“ plötzlich auf einer kleinen Bühne inmitten der Menge und lassen sich mit Schlauchbooten von den Fans zurück auf die große Plattform tragen. Wenig später setzt sich Frontmann Lindemann zu „Pussy“ an einen riesigen Metallpenis, um die vorderen Reihen mit weißem Schaum zu besprühen, und stapft bei „Rammstein“ ans Mikrofon, auf dem Rücken einen metallischen Rucksack, aus dem die Flammen in neun Richtungen gleichzeitig schlagen.

Feuer wird immer präsenter

Überhaupt Feuer: Das bestimmende Element des Abends (abgesehen vom Wasser, aber das stand ja nicht im Konzept) wird gen Ende immer präsenter, aggressiver, bis es sich bei „Sonne“ ins geradezu Absurde gesteigert hat. Dieses destruktivste der vier Elemente passt aber eben auch perfekt zur Musik von Rammstein, die sich weder um moralische noch geschmackliche Grenzen schert. Die Kannibalen­geschichte „Mein Teil“, die Sextouris­muskritik „Ausländer“, die Patriotismus­demontage „Deutschland“, die Weltuntergangs­hymne „Sonne“ – alles dabei, auch wenn ein paar ewige Bandklassiker wie etwa „Feuer frei“ in der zwei Dutzend Songs umfassenden Setlist fehlen.

Doch ohnehin hätten sie wahrscheinlich spielen können, was sie wollen, denn der eigentliche Star des Abends, das ist Till Lindemann. Der, der alle Blicke auf sich zieht, und das völlig zu Recht, leitet er doch mit der Präsenz eines apokalyptischen Propheten durch den Abend, mit ausladenden Gesten, grotesker Mimik, verrückten Kostümen – und mit nur einem Dutzend ans Publikum gerichteten Worten. Auch in dieser Unnahbarkeit liegt die Faszination eines Rammstein-Konzerts. Immer mal wieder schlägt er auch leisere, gefühlvolle Töne erfolgreich an, beim Song „Zeit“ zum Beispiel, bei dem auch das Publikum kurz Luft holen darf.

Es ist gleichwohl nur ein Luftholen für den nächsten Moment der Ekstase, für den nächsten Refrain, der von den Fans in schwindelerregende Dezibelbereiche potenziert wird – allem voran bei „Ich will“. Da wird am nächsten Morgen in vielen Haushalten wohl über Halsschmerzen geklagt werden – bis man sich zurückerinnert an diesen in jeder Hinsicht überwältigenden Abend, an die Pyroshow, an eine Band, die alles gibt, an die verrückten Einfälle, an diese berauschende kollektive Erfahrung und ja, auch an die von Regen und Schweiß durchnässte Kleidung. Denn das war es allemal wert. Die Natur mag manchmal ein Spielverderber sein, doch mit ausreichend Gigantomanie, Passion seitens der Fans und durchschlagenden akustischen Argumenten lässt sich das bestens verkraften.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter.

Von Christian Neffe/RND