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„Viele Leute sind nicht richtig auf Satire trainiert“: Stefan Sichermann, Gründer der Satirezeitung „Der Postillon“. Quelle: dpa

„Man darf am Ende nicht vergessen, dass das alles fiktiver Blödsinn ist“

Herr Sichermann, die wichtigste Frage vorweg: Wie geht es dem kleinen Timmy (9)?

Dem geht es gewohnt gut oder schlecht. Er kommt nicht mehr ganz so oft zum Einsatz beim „Postillon“ wie früher, weil der Running Gag jetzt schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Im wahren Leben wäre Timmy jetzt 23 Jahre alt. Aber er ist natürlich ein bleibendes Maskottchen für uns.

Sie sagten mal, es gebe kein reales Vorbild für den Jungen, der in „Postillon“-Mel­dungen regelmäßig Schwieriges durchleiden muss. Sie haben aber selber Kinder?

Die hatte ich aber noch nicht, als ich den Timmy erfunden habe. Ich wollte einfach eine kleine Figur schaffen, die viel Pech im Leben hat.

Haust in Ihnen also ein kleiner Kinderquäler?

Nein, das ist einfach eine mentale Übung, Ich verspüre keinerlei Hass auf Neunjährige. Ich bin nett zu Kindern. Timmy ist Satire. Aber es ist schon erstaunlich, wie heftig manche Menschen auf total fiktive Geschichten reagieren. Ich stelle mir dann immer vor, wie jemand beim „Tatort“ anruft und sich beschwert, dass jemand ermordet wurde. Natürlich hat Satire immer einen Bezug zur Realität. Und vielleicht sieht es so aus, als würden wir im Fall von Timmy darüber lachen, wenn einem Kind etwas Schlimmes passiert. Aber man darf am Ende nicht vergessen, dass das alles fiktiver Blödsinn ist.

Den „Postillon“ gibt es seit 2008 – er ist also älter als Whatsapp oder Instagram. Was gab Ihnen damals den Anstoß, ihn zu starten?

Ich war damals noch Werbetexter und ein großer Fan der US-Satireseite „The Onion“. Und in den Nullerjahren galten ja Blogs als das heiße Ding der Stunde. Ein Kollege machte einen Blog und meinte, ich solle es doch auch einmal probieren. Eigentlich war der Hype da schon wieder vorbei.

Was gefiel Ihnen an „The Onion“? Gab es so einen Heureka-Moment „Die denken so wie ich“?

Ich hatte den „Onion“ erst zwei oder drei Wochen vorher entdeckt und fand die Geschichten witzig und nett. Es gab aber nie den festen Plan, ihn quasi nachzubauen. Die Seite war einfach in der Zeit, in der ich online ein paar Dinge ausprobiert habe, gerade sehr populär. Ich fand Blogs zwar als Leser interessant, wollte aber nicht unbedingt direkt meine Meinung oder meinen Privatkram ins Internet schreiben. Das war nicht mein Interesse. Also habe ich, weil ich den „Onion“ so mochte, den Blog als Online-Satirezeitung gestartet. Es war ein Hobby, damals. Ich habe einfach drauflosprobiert. Und ich habe festgestellt, dass witzigerweise fast alle europäischen Online-Satirezeitungen so um 2008 entstanden, mal zwei Jahre früher, mal etwas später. Das ist schon lustig: Fast in jedem Land gab es so einen Idioten – oder auch mal zwei – wie mich, der im richtigen Moment und mit der richtigen Hartnäckigkeit so etwas gestartet hat.

Laut Selbstauskunft besteht die Zeitung schon seit dem 28. Oktober 1845 und wurde von durchreisenden Postillionen mit Nachrichten versorgt. Ich mag die Fallhöhe zwischen dem betulich-anachronistischen Posthorn-Logo und der digitalen Gegenwart.

Das Steckenpferd im Logo steht auch dafür, dass es lange nur ein Hobby war.

Wann hat sich das professionalisiert? War das 2011 nach der extrem populären „Postillon“-Meldung: „Razzia bei kino.to zwingt Millionen User, zwei Minuten nach neuer Streaming-Plattform zu suchen“?

Da fing es an. Ich habe im Frühjahr 2011 meinen Job gekündigt. Mein Plan war, von einer Mischung aus „Postillon“-Postings und Aufträgen als freier Journalist zu leben. Ich habe ein bisschen für den „Bild Blog“ geschrieben und mich selbstständig gemacht – inklusive Businessplan und Gründungszuschuss. Das war ganz kurz bevor diese Zuschüsse deutlich gekürzt wurden.

Was für eine Art Unternehmen schwebte Ihnen denn vor?

Eine Mischung aus Satire und freiem Journalismus. Der „Postillon“ hatte damals schon ein paar Hundert Euro Werbeeinnahmen im Monat. Damals gingen die meisten dieser Anträge noch durch. Aber ich habe das auch echt schön präsentiert! Ich bekam für neun Monate so ungefähr ALG I plus 300 Euro. Und danach waren die Einnahmen des „Postillon“ dann schon so stabil, dass es zum Leben gereicht hat.

Das heißt, dass diese „Lügenseite Postillon“, wie manche schimpfen, dieses Instrument der Manipulation staatlich gefördert wurde?

So ist es! Der Staat steckt dahinter. Jetzt ist es raus.

Inzwischen dürften es mehr als ein paar Hundert Euro Umsatz im Monat sein?

Ja. Außer mir leben noch vier feste und noch mal so viele freie Mitarbeiter davon, und wir haben natürlich Kosten, die aber von den Einnahmen gut gedeckt werden. Uns geht es wirtschaftlich gut – gleichzeitig sind wir jetzt aber auch schon seit sechs Jahren nicht mehr gewachsen. Als Letztes ist vor drei Jahren Sascha Gerson als Social-Media-Manager dazugekommen. Ich glaube, wir haben jetzt die Größe, die auch für mich am besten ist, weil ich nicht dafür gemacht bin, einen riesigen Laden zu leiten. Da hätte es in der Vergangenheit bestimmt Absprungmöglichkeiten in diese Richtung gegeben – die habe ich aber nicht genutzt. Und darüber bin ich nicht traurig.

Der Konzern „Postillon Media“ ist also an Ihnen vorbeigezogen.

Genau. Obwohl wir das im Bereich Satire sicher sind. Und unsere Reichweite ist teilweise so hoch wie bei viel größeren Unternehmen. Aber wir sind selbst kein großer Laden. Und das ist auch gut so.

Ist die Reichweite denn auch stabil, oder steigt sie noch weiter?

Die Klickreichweite ist stabil und liegt seit Jahren im Prinzip auf einem Niveau. Das scheint unser Sättigungsgrad zu sein. Es gibt bisher keine Ausreißer nach unten, was ich erstaunlich finde. Denn du rennst ja immer hinterher: Gerade bist du auf Facebook erfolgreich, dann beginnt Facebook zu zerbröseln, die Leute werden älter und die Nutzer weniger. Also fängst du auf Instagram an – dann passiert das Gleiche. Dann musst du Tiktok anschauen, um dranzubleiben. Aber die neueren Plattformen sind nicht gerade die besten Klicktreiber. Du fütterst sie eher mit Bildchen. Das bedeutet: Wir haben zwar 1,4 Millionen Follower bei Instagram, also eine enorme Reichweite. Aber die Leser konsumieren dort eher Schnipsel und landen nicht auf der „Postillon“-Seite.

Wie sieht denn Ihr Arbeitsalltag aus? Sie sind doch wohl eher kein Nine-to-five-Typ?

Doch. Ich bin ziemlich genau der Nine-to-five-Typ. Ich arbeite tatsächlich sehr regelmäßig, plane auch am Wochenende noch mal zwei Stunden morgens ein. Dafür mache ich am Mittwochnachmittag frei. Ich kriege es ganz gut hin, dass meine Woche 40 Arbeitsstunden hat und ich wirklich Freizeit habe, wenn ich frei habe. Ich mache allerdings leider nur wenig Urlaub – das Schicksal des Selbstständigen. Aber ich will mich nicht beschweren, ich habe eine ganz gute Work-Life-Balance.

Das ist für Humorarbeiter ungewöhnlich. Viele Satirekollegen arbeiten eher unregelmäßig.

Es ist auch nicht einfach. Aber ich schaffe das ganz gut. Mein Arbeitsalltag beginnt mit dem Lesen der Nachrichten und der Themen des Tages. Wir haben eine Facebook-Gruppe, in der sich alle unsere Schreiber austauschen, Vorschläge machen und Ideen sammeln. Und dann schreibe ich meistens gemeinsam mit meinem Stellvertreter Dan Eckert in einem Google Document. Wir sprechen sowieso kaum miteinander, sondern chatten fast nur. Wir sitzen ja auch nicht zusammen in einer Redaktion. Zwei Freie sind in Bremen, Dan Eckert in Heidel­berg, Sascha Gerson in Dortmund, ich in Fürth.

Am Ende aber entscheiden Sie als Chefredakteur, was der „Postillon“ veröffentlicht.

Ja. Ich bin auch fast immer der Schreiber oder Mitschreiber. Aber natürlich gibt es viel Mitsprache. Ich orientiere mich am Team – es ist immer gut, wenn andere aus dem gleichen Metier ein Thema einschätzen können. Wir entwickeln viele Ideen, die wir gar nicht umsetzen. Umgekehrt gibt es auch Gelegenheiten, die wir leider verpassen. Der „Postillon“ ist keine One-Man-Show, das ist mir wichtig. Es ist ein Teamprojekt, an dem viele beteiligt sind.

Kommen wir mal zu den großen Erfolgen des „Postillon“. Am 2. Januar 2014 zum Beispiel berichteten zahlreiche Medien über einen Wechsel von Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla in den Vorstand der Deutschen Bahn. Und der „Postillon“ schloss sich an, datierte die Sache jedoch auf den 1. Januar zurück. Dadurch entstand der Eindruck, die Meldung sei ursprünglich eine Satire gewesen. Ein genialer Coup. Wie kam es dazu?

Sascha Lobo hatte mir mal bei einem anderen Thema vorgeschlagen, mit so einer „wahren“ Veröffentlichung alle zu trollen. Damals passte das nicht so richtig, aber dann kam ein paar Monate später diese Pofalla-Geschichte. Ich habe Sascha sogar noch gefragt, ob das für ihn okay sei – schließlich war es seine Idee. Er fand’s prima. Dann haben wir die Story eins zu eins gebracht, und dann hieß es bei Twitter und Facebook schnell: Ist das vom „Postillon“? Jemand schlug vor, das zurückzudatieren. Und das habe ich dann getan – und gleichzeitig habe ich Posts retweetet, die fragten, ob der „Postillon“ dahintersteckt. Rückdatieren ist ja kein technisches Hexenwerk. Das wirkte auf einige damals wie ein genial eingefädelter technischer Trick. Es war aber ganz einfach. Und schon herrschte maximale Verwirrung.

Sie haben damals gesagt: „Pofalla geht immer noch zur Bahn. Das ist der eigentliche Wahnsinn.“

Inzwischen hat er den ja Job aufgegeben. Aber das lag nicht an uns.

Bei der Fußball-WM 2014 schrieb der „Postillon“ nach dem 7:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien über einen Kneipenwirt, der für jedes deutsche Tor einen Schnaps gratis versprochen hatte und deshalb pleitegegangen sei. Russische Medien übernahmen die Meldung ungeprüft. Ist so etwas eigentlich Anlass zur Erheiterung?

Das ist schon cool. Das macht schon Freude und Spaß. Gerade ausländische Medien sind natürlich immer ein bisschen gefährdeter, weil die halt die letzte Ironie leichter übersehen können, gerade wenn sie nur die Übersetzung kennen. Es ist ja auch nicht gerade der Gipfel des Journalismus, wenn man von ausländischen Medien etwas abschreibt. Da kann so etwas schnell passieren. Das ist schon immer schön. Aber so etwas kannst du natürlich nicht kalkulieren. Uns überrascht auch oft, was uns geglaubt wird. Es gab mal einen Irrtum eines Radiosenders, der eine Meldung ernsthaft übernahm – die haben damals irgendeine Praktikantin vor den Bus geworfen und gesagt, sie sei schuld daran gewesen. Das habe ich auch angeprangert. Das fand ich ziemlich schwach.

Das war aber nicht der MDR, der 2016 Ihre Meldung zur angeblichen Vereinigung der oft verwechselten Wörter „seit“ und „seid“ für bare Münze nahm?

Nein, das war ein anderer Fall. Aber das war auch lustig.

Wie kann man so etwas Absurdes glauben, wenn man in einer seriösen Nachrichten­redaktion arbeitet?

Bei so vielen Millionen Überlegungen und Entscheidungen, die Menschen jeden Tag anstellen und treffen müssen, wirst du nach den Regeln der Stochastik irgendwann jemanden erwischen, der das glaubt. Und ich kann von mir nicht sagen, dass ich noch nie auf irgendetwas hereingefallen wäre. Das passiert. Manchmal ist man halt ein bisschen umnachtet.

Die Story nach dem Tod von Steve Jobs kam bei manchen Apple-Fans nicht so gut an: „Technikjournalisten und Fanboys spekulieren über Design und Features von Steve Jobs’ Sarg “. Im Impressum steht: „Bevor Sie uns verklagen, würden wir uns über einen Hinweis per E-Mail freuen.“ Wie oft melden sich Protagonisten Ihrer „Nach­richten“ – oder klagen?

Eigentlich nie. Auch das ist erstaunlich. Am Anfang hatte ich davor noch Angst. Aber diese Fälle kannst du an einer Hand abzählen. Einmal hat eine Anwältin von Beate Zschäpe eine Nuance in einem Text kritisiert und um eine Umformulierung gebeten. Und einmal hat Panini uns angeschrieben, weil wir ein „Nikotini“-Zigaretten-Sammelalbum angekündigt haben.

Und?

In 90 Prozent der Fälle genügt es, zu erklären, dass wir ein Satiremagazin sind. Und dass es vielleicht nicht die beste PR für ein Unternehmen wäre, sich mit einem Satiremagazin anzulegen. Die „Titanic“ wird öfter verklagt als wir. Uns passiert das selten, worüber ich froh bin. Auch wenn es lustig ist, wenn es passiert.

Carsten Maschmeyer hat neulich beklagt, russische Oligarchen hätten ihr Vermögen auf unredliche Art und Weise erworben. Und mein Reflex war: Das klingt wie eine „Postillon“-Meldung. Das ist schon fast eine deutsche Redensart wie „Das ist wie bei Loriot“, oder?

Manche echte Meldung kannst du wirklich eins zu eins bei uns veröffentlichen, und sie klingt wie Satire. Wir hatten neulich die Meldung über Uli Hoeneß und Boris Becker („,Peinlich, wenn jemand so tief fällt und in den Knast muss – Uli Hoeneß zeigt sich enttäuscht von Boris Becker“). Das entspricht exakt der Mechanik der Maschmeyer-Nachricht. Da ist es doch kein Wunder, wenn manche Menschen nicht merken, dass es Satire ist.

Sie haben „The Onion“ schon als Vorbild genannt. Gibt es weitere? Sie haben mal die unvergessene Rubrik „Welt im Spiegel“ aus „Pardon“ erwähnt. Welche Rolle spielt die Neue Frankfurter Schule?

Ich habe gar nicht so viel Berührung mit Satire gehabt. Ich habe zwar „Titanic“ gelesen, aber erst relativ spät. Groß geworden bin ich eher mit „Mad“. Oder mit „Clever & Smart“. Das war Humor, der mich definitiv mitgeprägt hat. Dass ich anfangs immer mal als der „Red“ oder der „ChefRed“ beim „Postillon“ auftauchte, ist von „Mad“ inspiriert. Das habe ich von Herbert Feuerstein geklaut.

Sie haben dann auch selbst für die Rubrik „Vom Fachmann für Kenner“ in der „Titanic“ geschrieben.

Das sollte man nicht zu hoch hängen. Das war nur ein paarmal. Aber irgendwann dachte ich halt: Ich verwende die Ideen lieber für mein eigenes Projekt.

Wer gehört für Sie denn zu den ganz Großen der deutschen Satire? Über wen können Sie lachen?

Die gibt es. Ich weiß zum Beispiel Cornelius Oettle bei der „Titanic“ sehr zu schätzen, der hat aber auch schon ein paarmal für uns geschrieben. Es gibt einige deutsche Satiriker, die ich mag. Andererseits konsumiere ich davon gar nicht so krass viel. Ich verfolge eher, was die anderen europäischen Satirezeitungen schreiben, die eigentlich dasselbe machen wie wir. Ich verfolge auch immer noch jeden einzelnen „Onion“-Artikel, weil das einfach hilft, die Denk­möglichkeiten zu erkennen. Deutsches Kabarett sehe ich nicht viel, ich lese aber zum Beispiel Heinz Strunk gern.

Der „Postillon“ kooperiert ja mit einer ganzen Reihe von Satirenachrichtenseiten wie „De Speld“ aus den Niederlanden, „Le Gorafi“ aus Frankreich, „Lercio“ aus Italien, „El Mundo Today“ aus Spanien, „Die Tagespresse“ aus Österreich, „Waterford Whispers News“ aus Irland oder „News Thumb“ in England. Gibt es nationale Besonderheiten? Der deutsche Ableger des französischen Magazins „Charlie Hebdo“ zum Beispiel hat nicht funktioniert.

Ich glaube, das liegt aber speziell an „Charlie Hebdo“. Das ist schon ein sehr kruder Humor – und auch nicht unbedingt meiner. Ich habe mir die deutsche Ausgabe mal angeguckt. Das war nichts für mich. Ich würde aber deswegen nicht mit Maschinengewehren bei denen in der Redaktion auftauchen. Dagegen tauschen wir mit unserem französischen Partner „Le Gorafi“ immer wieder Artikel aus und stellen fest: Der Humor ähnelt dem „Postillon“ schon stark. Ich habe auch engen Kontakt zur „Tagespresse“ in Österreich, die ich sehr schätze. Der Initiator unserer europäischen Zusammenarbeit war aber der Chefredakteur von „De Speld“ in den Niederlanden, Jochem van den Berg. Die haben die professionellste Redaktion unter uns – da sind eher Businesstypen die Chefs. Aber sie schaffen es trotzdem, sehr lustig zu sein. Die anderen sind deutlich chaotischer. Wir sehen auch alle ungefähr gleich aus – die tragen alle Kapuzenpullis wie ich. Das ist schon fast peinlich.

Lassen Sie uns über die „Leserbriefe“ sprechen – eine der schönsten und zugleich verstörendsten „Postillon“-Rubriken. Lässt das Staunen darüber, wie viele Menschen „Postillon“-Artikel für bare Münze nehmen, eigentlich irgendwann nach?

Na ja. Wir suchen natürlich unter allen Reaktionen die verständnislosesten Kommentare und die wüstesten Beschimpfungen heraus. Das ist aber nur ein ganz kleiner Bruchteil. Ich würde sagen: 99 Prozent unserer Leser raffen, was wir da tun – und finden es lustig. Die Rubrik „Leserbriefe“ verfälscht dieses Bild natürlich. Gleichzeitig ist das Internet fast unendlich – und es wachsen jeden Tag neue Leute nach, die den „Postillon“ eben noch nicht kennen. Und so lange nicht alle Menschen auf der Welt plötzlich gleichzeitig sehr klug werden, wird es Leute geben, die auf uns hereinfallen oder sich auf unterhaltsame Weise über uns aufregen. Man darf deswegen nicht vom Glauben abfallen. Es ist eine sehr beliebte Rubrik, und wir finden das auch lustig. Aber manchmal hasse ich den Satz „Eure Leserbriefe sind fast noch lustiger als eure Geschichten“ – Alter, wir reißen uns hier den Arsch auf, und dann hören wir, dass alles andere viel lustiger ist!

Es gibt ja kaum einen formalen Unterschied zwischen Satire und Fake News. Nur die Absicht dahinter ist eine andere, oder?

Das kann man so sehen. Es ist schwierig, eine präzise Grenze zu ziehen. Es gibt immer mal „Postillon“-Meldungen, bei denen ich sage: Das könnte auch in der Rubrik „Fake News“ stehen. Die Trennschärfe ist nicht immer klar. Aber der Begriff kam erst auf, nachdem wir schon vier Jahre aktiv waren. Natürlich ist die Sensibilität gewachsen. Das verstehe ich auch, denn es ist definitiv problematisch, wenn man Unfug erzählt. Es gibt ja auch politische Fake-News-Seiten, die sich gern darauf zurückziehen, ja „nur“ Satire zu machen. Aber unser Konzept ist das nicht. Unser Ziel ist es nicht, möglichst viele Leute zu verarschen. 99 Prozent unserer Leser wissen Bescheid, was wir tun.

Gucken wir mal auf das eine andere Prozent. Da frage ich mich, ob es dem rechten politischen Spektrum grundsätzlich schwerer fällt, Ironie zu entschlüsseln, als dem linken. Wie sehen Sie das?

Dem würde ich definitiv zustimmen. Vielleicht nehme ich das aber auch nur so wahr, weil wir keine rechte Satire machen. Vielleicht würden auf eine clevere rechte Satire genau so viele Linke hereinfallen.

Clevere rechte Satire – ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Schon, ja. In den USA gibt es „The Babylon Bee“, eine rechtskonservative, evangelikale News-Satire-Website, die Satire im Sinne von Donald Trump machen. Die sind erstaunlicherweise sehr erfolgreich. Ich glaube schon, dass die es auch schaffen, linke Leser zu triggern.

Aber rechte Satire ist doch die Ausnahme, oder?

Das ist ganz sicher so. Ich kenne sonst auch kaum Beispiele. Es gab in Deutschland ein paar Versuche wie den „Berliner Express“. Das war am Anfang nicht unwitzig – aber meistens gleiten die Rechten ziemlich schnell in Plumpheit und Zorn ab. Sie sind meistens schon auf dem Weg dahin, wenn sie anfangen.

Gibt es so etwas wie Selbsthass von Lesern auf ihre eigene Unfähigkeit, Satire zu erkennen? Oder woher kommt die Wut?

Das ist eine schwierige Frage. Woher kommt die Wut? Die Wütenden sind ja meistens wütend aus zwei Gründen: Entweder sie checken die Satire und mögen die Botschaft nicht. Oder sie checken die Satire nicht und sind aus ganz anderen Gründen sauer. Es gibt ja auch Leute, die lesen nicht mal die Meldung richtig und spulen schon ihr Zornschema ab. Die können sich aus dem Nichts zu einem völlig banalen Thema plötzlich über die vermeintliche Corona-Diktatur aufregen.

Ein Klassiker der Empörung ist auch der Satz: „Eigentlich mag ich Satire – aber das ist keine Satire mehr!“

Bei Artikeln, die Empörung auslösen, ist ja auch die Reichweite meist höher. Ich glaube, diese Wut hat viel damit zu tun, dass viele Leute nicht so richtig auf Satire trainiert sind. Wenn du wenig Satire konsumierst, dann trifft sie dich besser. Das war bei mir nicht anders. Anfang der Nullerjahre habe ich mich noch sehr über ein paar Sachen in der „Titanic“ aufgeregt – aber dann stumpft man ab. Das ist kein schlechtes Abstumpfen. Man wird einfach ein bisschen ruhiger und reflektierter – und lernt, sich nicht mehr so leicht gehen zu lassen. Ich hoffe auch immer ein bisschen, die Leute mit dem „Postillon“ in diese Richtung zu „erziehen“.

Sie wollten ganz früher mal Lehrer werden.

Im besten Fall hat jetzt eben der „Postillon“ einen Bildungsauftrag.

Hat die menschliche Dummheit in den letzten Jahren zu- oder abgenommen?

Ich sehe da keine Richtung. Man neigt schnell zu der Annahme, dass alles bergab geht. Aber das sehe ich gar nicht so. Ich bin eigentlich optimistisch, dass es auf lange Sicht eher besser wird.

Wenn alle Menschen, die jemals angekündigt haben, den „Postillon“ ab sofort auf gar keinen Fall mehr lesen zu wollen, das tatsächlich getan hätten, hätte er wohl keine Leser mehr.

Wenn bei 80 Millionen Menschen in Deutschland 10.000 ankündigen, uns nicht mehr zu lesen, dann macht das nicht so viel. So lange wir es schaffen, gleich viele Leser zu holen, wie wir verlieren, geht es weiter.

Mir scheint, dass hinter praktisch allem, was der „Postillon“ tut, der Kampf gegen Blödigkeit und blindes Beharren steht. Sind Sie ein Moralist?

Das kann ich nicht einschätzen. Ich denke nicht. Das würde ja bedeuten, dass ich den Leuten meine Moral aufzwingen wollte. Wir mögen es zwar, mal ein bisschen genauer hinzusehen, aber wir sind am Ende auch nur Menschen und können irren. Es sagt keiner, dass wir immer recht haben. Im Idealfall glaubt man auch uns besser nicht alles und frisst die Meinung, die wir subtil ins Gehirn reinwürgen, nicht bedenkenlos, sondern hinterfragt sie. Wir haben die Moral nicht gepachtet. Wir können auch falsch liegen. Wir haben auch schon Mist gebaut. Man darf sich nicht einbilden, dass man über allem steht.

Im Wort Unterhaltung steckt aber auch Haltung. Glauben Sie, dass Entertainment auch einen regulativen Wert hat, also Überzeugungen verändern kann?

Na klar. Das tun wir ja auch. Ich sage nur, dass man auch uns nicht blind folgen sollte. Wir haben schon ein politisches Mitteilungsbedürfnis und einen Hang zur Erziehung. Im Idealfall werden die Leute ein bisschen schlauer.

„Was man ernst meint, sagt man am besten im Spaß“, hat Wilhelm Busch gesagt. Können Sie etwas mit dem Satz anfangen?

Er sagt nur gute Sachen. Genauso ist es. Aber es hat auch nicht alles Sinn, was wir machen. Ich mache manchmal auch einfach Blödsinn, und zwar total gern. Ich find‘s witzig, wenn Menschen in irgendeinem Thema einen moralischen Sinn erkennen – und in Wahrheit wollten wir einfach nur Quatsch machen, weil wir Lust darauf hatten.

Otto Waalkes hat neulich dem alten Verdacht widersprochen, man müsse eine traumatische Kindheit durchlitten haben, um lustig zu sein. Wie war das bei Ihnen?

Ich habe keine traumatische Kindheit durchlitten. Jedenfalls bestimmt keine traumatischere als andere Kinder. Ich habe auch früher schon gern Blödsinn gemacht, aber ich war als Kind deutlich extrovertierter als heute. Heute bin ich lieber hinter den Kulissen. Früher war ich der Klassenclown – heute nicht mehr. Ich halte mich von Bühnen fern. Nicht, weil ich Angst hätte, sondern weil es mich einfach nicht nach vorne zieht.

Es gibt keinen Wikipedia-Eintrag zu Ihnen. Steckt auch ein bisschen der Wunsch nach Schutz dahinter, nach Anonymität?

Ich werde gerne nicht erkannt. Ich habe keine große Lust darauf, dass mich dauernd Leute anquatschen. Ich sehe keinerlei Gewinn darin, prominent zu sein und erkannt zu werden, wirklich nicht. Niemand tut mir mehr leid als Prinz Harry, der gehört zu den ärmsten Schweinen der Welt. Diese Leute können überhaupt kein normales Leben führen. Ich gönne den Ruhm jedem, der diesen Drang verspürt. Aber ich habe ihn nicht. Thieß Neubert zum Beispiel, der unsere „Postillon24″-Videonachrichten spricht, ist eine Rampensau. Und das ist auch gut so. Ich bin es nicht.

Sie haben alte Geschichte, mittlere Geschichte und englische Linguistik in Erlangen und Dublin studiert und per Magister abgeschlossen. Was war das Ziel?

Es gab keines. Ich war komplett planlos. Ich hatte eigentlich nie einen Berufswunsch. Ich war ziemlich faul noch zu Schulzeiten und habe dann auch nur studiert, weil ich nicht arbeiten wollte und dachte, man könnte auch im Studium prima faul sein. Ich habe mit einem Semester Philosophie, Psychologie und Soziologie angefangen – in der Zeit habe ich aber gar nichts für die Uni gemacht. Dann habe ich auf Lehramt Gymnasium gewechselt, weil ich dachte: Geschichte und Englisch klingt ganz lustig. Nach vier Semestern habe ich aber gemerkt, dass ich ja eigentlich gar keinen Bock habe, irgendwo auf einer Bühne zu stehen – und das hätte ich als Lehrer ja quasi gemusst. Also wechselte ich auf Magister. Ich hatte nur das Gefühl, irgendwie kreativ sein zu wollen oder zu schreiben. Alles, was sich danach ergeben hat, war Zufall. Ich war wirklich völlig ohne Ziel und ohne Plan und dachte nur: Wenn du keinen Plan hast und kreativ sein willst, dann gehst du in Richtung Journalismus. Aber damit habe ich viel zu spät angefangen. Ich habe mich bei der „Zeit“ um ein Volontariat beworben, bei den „Lübecker Nachrichten“, bei den „Nürnberger Nachrichten“, aber niemand wollte mich.

Und dann?

Ich habe das Geschichtsstudium erstaunlich gut abgeschlossen und hatte schon eine Promotionsstelle in Kiel – aber dann bin ich lieber zu einer Werbeagentur gegangen. Dann habe ich, immer noch planlos, mit dem „Postillon“ angefangen. Und dann hatte ich auf einmal ein Ziel.

Was sind Sie jetzt von Beruf: Künstler? Dienstleister? Unterhalter? Satiriker?

Künstler vielleicht schon – aber ich wüsste nicht mal, welche Sorte.

Jerry Seinfeld definiert Kunst als „alles, was man aus dem Nichts erschafft und anderen Menschen gefällt“.

Ja, damit kann ich gut leben. Das passt. Ich musste mich daran gewöhnen, aber inzwischen kann ich mich als Satiriker bezeichnen. Es ist aber immer noch anstrengend, wenn Leute mich fragen: „Was machst du eigentlich?“ Ich sage dann immer: „Kennst du den ‚Postillon‘?“

Wie oft hören Sie dann „Ja, kenne ich“?

Das kommt darauf an. Es ist auch oft eine Altersfrage. Wenn du Lehrer kennenlernst, liegt die Trefferquote bei fast 100 Prozent.

Wie schützen Sie sich vor Zynismus?

Durch einen gewissen Grundoptimismus. Ich habe Kollegen, die definitiv zynischer sind als ich. Es hat auch viel mit Willen zu tun. Ich muss auch sagen, jetzt gerade befinden wir uns in einer der schwierigsten Phasen bisher, was die Gefahr von Zynismus angeht. Ich finde, der Krieg in der Ukraine übersteigt noch einmal das Thema Corona – wir sind von der einen Krise direkt in die nächste geschlittert. Aber ich habe immer noch einen guten Optimismus. Ich bin immer der, der sagt: Das wird schon. Ich glaube weiterhin daran, dass sich die Menschheit doch noch in eine gute Richtung bewegt. Das ist ein Gefühl, das ich mitgebracht habe. Und das ist noch nicht zerbrochen.

Stefan Sichermann, geboren 1980 in Mittelfranken, ist ein deutscher Blogger und Satiriker. Er studierte unter anderem Geschichte und englische Linguistik in Erlangen und Dublin und arbeitete in einer Werbeagentur und als freier Journalist. 2008 gründete er die Online-Satirezeitung „Der Postillon“, die heute die erfolgreichste Satireseite im deutschsprachigen Internet ist. 2013 erhielt der „Postillon“ den Grimme Online Award in der Kategorie Information sowie als Publikumspreis. Im März 2022 würde die Website www.der-postillon.com rund 11,6 Millionen Mal aufgerufen. Sichermann lebt mit seiner Lebensgefährtin und einer gemeinsamen Tochter in Fürth.

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Von Imre Grimm/RND