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Bringt ein neues Album heraus: Marius Müller-Westernhagen. Quelle: IMAGO/Future Image

„Gerhard Schröders Handeln kann ich nicht nachvollziehen“

Berlin. Herr Müller-Westernhagen, Sie sind im friedlichen Nachkriegsdeutschland aufgewachsen. Haben Sie Angst vor einem dritten Weltkrieg?

Ich glaube nicht, dass der Russe bald bei uns auf der Matte steht. Viele Deutsche reagieren jetzt auch deshalb so stark, weil die Ukraine so nah ist. Ich finde es ganz schrecklich, was dort passiert, es berührt mich sehr. Und natürlich verachte ich Putin, verachte ich seinen Angriffskrieg. Ich finde aber auch die Kriege im Jemen oder in Syrien fürchterlich. Nur sind diese Länder für uns Deutsche weit weg. Das schauen wir uns im Fernsehen mit einem gewissen Abstand an und haben Mitleid. Bei der Ukraine haben wir das Gefühl, wir sind mittendrin.

„Jedem, dem ein Hirn geblieben, kann sich nur besaufen und alle Menschen lieben“, singen Sie in „Schnee von gestern“. Ist Flucht in den Alkohol eine Lösung in diesen Zeiten?

Für Menschen, die sich intellektuell nicht erklären können oder wollen, was im Augenblick in der Gesellschaft los ist, mag das so sein. Aber für mich ist der Alkohol keine Alternative dazu, sich mit dem Weltgeschehen auseinanderzusetzen, was ich intensiv tue. Mir fällt dabei auf, dass immer mehr Ereignisse stattfinden, die ich selbst beim allerbesten Willen nicht mehr nachvollziehen kann. Die Wahl von Donald Trump etwa. Auch Putins Entscheidung, die Ukraine zu überfallen und die Leute zu massakrieren, ist für mich rational nicht erklärlich.

Haben Sie trotzdem eine Theorie, warum die Welt immer konfuser und bedrohlicher wirkt?

Die Mitmenschlichkeit geht uns mehr und mehr verloren. Wir dreschen lieber aufeinander ein, anstatt gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Die sozialen Medien, von denen ich mich fernhalte, sind ein echter Brandbeschleuniger. Jeder Trottel kann dort jeden manipulativen Unsinn verbreiten, und was einmal im Internet steht, das bleibt auch dort. Die Leute haben außerdem eine immer kürzere Lunte. Die Fähigkeit und der Wille zur Vergebung gehen uns abhanden. Auf jede Kleinigkeit wird heutzutage heftig und nicht selten überzogen reagiert. Die Gelassenheit, die so wichtig ist, wenn man vernünftig nebeneinander existieren will, ist auf dem Rückmarsch. So kann man auf Dauer als Gesellschaft nicht funktionieren.

Aber die Politik ist doch nicht an allem schuld, oder?

Nein, natürlich nicht. Aber sie hechelt ständig hinterher. Wann hat denn die Politik das letzte Mal etwas gestaltet? Es wird immer nur reagiert, sei es bei dem Flüchtlingsstrom von 2015, sei es bei der Pandemie, sei es jetzt beim Krieg Russlands in der Ukraine. Und immer wieder macht die Politik den Eindruck, überrumpelt worden zu sein.

War es auch der geballte Irrsinn in der Welt, der Sie motiviert hat, zum ersten Mal seit „Alphatier“ 2014 wieder ein Album mit neuen Liedern aufzunehmen?

Als ich anfing, diese Lieder zu schreiben, saß ich in Kapstadt fest und kam intensiv ins Nachdenken. Ich reflektierte die Situation und die Zeit, in der wir uns befinden, ich reflektierte im Grunde auch mein ganzes Leben. Diese Gedanken führten dazu, dass ich gar nicht mehr anders konnte, als Stellung zu beziehen.

Wie war es, den Anfang der Pandemie in Kapstadt zu erleben?

Gespenstisch. Meine Frau und ich überwintern gern in Südafrika, doch plötzlich kamen wir nicht mehr weg. Der Lockdown in Cape Town war viel, viel härter, als er es in Deutschland jemals war. Du konntest nichts mehr machen, an jeder Ecke stand das Militär und passte auf.

Das Album klingt zumindest sehr energisch.

Absolut. Das ist der Frust, der rausmusste. Die Platte ist sehr wuchtig geworden und sehr laut. Ich bin unglaublich glücklich mit der Kraft dieser Songs. Ich habe immer den Ehrgeiz, am Ende sagen zu können: „Diese Platte ist wieder ein Schritt nach vorne.“ Meine Arbeit ist getan, wenn ich mich selbst in den Liedern wiederkenne, wenn ich sagen kann: „Das bin ich.“

Ihre Säulenheiligen wie The Doors, Bob Dylan oder Led Zeppelin scheinen auf jeden Fall ziemlich deutlich durch.

Bei aller Energie ist die Platte auch sehr erwachsen geworden. Die Musiker müssen sich nichts mehr beweisen. Wenn du gut bist, kannst du es dir leisten, relaxt zu sein. Wir alle sind mit großer Freude der Magie gefolgt, die sich einstellt, wenn du an etwas arbeitest, von dem du wirklich begeistert bist.

Sie haben „Das eine Leben“ mit dem Produzenten Larry Campbell in New Jersey eingespielt. Wann genau?

Das war im letzten Sommer. Ich dachte, ich könnte wegen der Pandemie nicht nach Amerika. Dann fanden wir heraus, dass es doch möglich ist, weil meine Frau Lindiwe Amerikanerin ist. Gerade die ersten gemeinsamen Sessions mit den Musikern waren ex­trem euphorisch, fast überwältigend. Meinen Gesang habe ich später in Berlin aufgenommen.

Die Ballade „Die Wahrheit“, die ein bisschen an „Stairway To Heaven“ erinnert, ist sehr üppig produziert. Andere Stücke, wie „Wenn wir über den Berg sind“, klingen eher karg.

Auf „Die Wahrheit“ bin ich besonders stolz. Das wäre vor 20 Jahren eine Single gewesen. Ich hatte beim Schreiben sehr viel Zeit und beschäftigte mich mit Fragen wie „Wer bist du?“, „Was willst du?“, „Was macht dich glücklich, und was macht dich unglücklich?“ Eine der Erkenntnisse daraus ist die, dass ich für mein Handeln und meine Situation selbst verantwortlich bin. Bei „Wenn wir über den Berg sind“ sollte das Klavier mit einer gewissen Naivität gespielt werden, ehrlich und minimalistisch. Ich hatte dabei John Lennon im Kopf, oder Randy Newman mit seinem fast schon pubartigen Pianostil.

Werden wir denn irgendwann über den Berg sein?

Auch wenn es schwer zu glauben ist, bin ich im Kern ein zuversichtlicher Mensch. Wir müssen uns anstrengen, denn was wäre die Alternative? Wer bis jetzt immer noch nicht auf die Idee gekommen ist, dass wir als Menschheit nicht so weitermachen können, dem ist jedoch nicht zu helfen.

„Auf die Barrikaden, das kann keinem schaden“, singen Sie in „Zeitgeist“. Brauchen wir die Revolution?

Wir brauchen ein neues gesellschaftliches Bewusstsein. Wir müssen uns stärker dafür interessieren, wo es drastische Ungerechtigkeiten gibt. Nicht in dem Sinne, dass wir nach dem Kommunismus rufen, aber auch in Demokratien muss die Politik dafür Sorge tragen, dass die Gesellschaft ein moralisches Fundament hat. Entscheidungen sollten nicht einzelnen zugutekommen, sondern allen. Wenn jeder Bundestagsabgeordnete mit Lobbyisten dealt, kommen wir genauso ins Schleudern wie bei der Parteienfinanzierung durch irgendwelche Multimillionäre. Denn da geht sie los, die Manipulation.

Was muss getan werden?

Wir verlangen sehr viel von unseren Politikerinnen und Politikern. Und sie werden beschissen bezahlt für die Aufgaben, die sie zu erledigen haben. Gerhard Schröder wollte damals einen Spitzenmanager von Mercedes in die Politik holen, Helmut Werner. Aber der hat ihm abgesagt, weil er in seinem Unternehmen zehnmal so viel verdienen konnte.

Das tut Putin-Freund und Ex-Kanzler Schröder jetzt vermutlich auch.

Zu meinem Entsetzen, ja. Gerhard hat als Kanzler eine Menge erreicht. Ich habe großen Respekt vor seiner Leistung, und natürlich macht in dieser Position jeder Mensch auch Fehler. Aber ich kann sein heutiges Handeln nicht nachvollziehen.

Sie waren befreundet. Haben Sie Schröder ins Gewissen zu reden versucht?

Nein. Wir haben schon lange keinen Kontakt mehr. Er lässt niemanden mehr an sich ran.

Das Konterfei Gerhard Schröders taucht im Video zu Ihrem Song „Zeitgeist“ auf. Neben anderen Prominenten ist dort auch Heidi Klum zu sehen, ausgerechnet in dem Moment, in dem Sie das Wort „Botoxfresse“ singen. Ist das Stück eine Art Generalabrechnung?

Der Song ist eine Kritik am System, nicht an einzelnen Individuen. Ich wundere mich darüber, wie viele Menschen sich bereitwillig zum Clown machen, um erfolgreich zu sein oder um überhaupt stattzufinden in der öffentlichen Wahrnehmung. Der eine tritt in komischen Quizshows auf, der nächste zieht komische Hüte an. Warum? Wenn du deine Seele und dein Innerstes zu Markte trägst, verlierst du dich am Ende nur selbst.

Liefen Sie je Gefahr, sich zu verlieren?

Ich bin den Menschen, die mir einflüstern wollten, wie großartig ich bin, immer mit Skepsis begegnet. Wenn du anfängst, dich selbst an dir zu berauschen, bedeutet das nicht zuletzt auch den Stillstand für deine Kreativität. Ich habe es irgendwann nicht mehr ertragen, von allen hofiert zu werden. Deshalb entschied ich mich Ende der Neunziger zum Beispiel dagegen, weiter in Stadien zu spielen, und zog mich für eine Weile ziemlich zurück. Ich wäre sonst nicht mehr glücklich geworden.

„Spieglein, Spieglein an der Wand“ ist ein Lied über Machtfantasien. Wie ist es Ihnen gelungen, nicht zu einem Menschen zu werden, den Sie selbst verabscheuen?

Indem ich mir meinen kritischen Blick auf die Welt, aber auch auf mich selbst, immer bewahrt habe. Macht ist eine gefährliche Droge, die dich auch verschlingen kann. Ich habe immer versucht, nicht die Kontrolle über mein Leben zu verlieren und immer ein Stück weit geerdet zu bleiben. Und mein Privatleben habe ich nie nach außen getragen.

Sie sind seit 2017 in zweiter Ehe mit der US-amerikanischen Musikerin Lindiwe Suttle verheiratet. Halten Sie sich für einen angenehmen Ehemann?

Mit mir verheiratet zu sein ist eine ziemliche Leistung. Ich bin nicht unkompliziert. In meinen Ehen war ich allerdings immer treu. Wenn du ein Versprechen gegeben hast, dann solltest du es nicht brechen.

Inwiefern halten Sie sich für kompliziert?

Ich bin jemand, der jedem Problem und jeder Geschichte auf den Grund geht. Ich bin wie eine Nadel, die du irgendwo reinsteckst. Ich will immer die Wahrheit herausfinden. Das kann auf andere Menschen anstrengend wirken. Das Schlimmste überhaupt für mich ist, wenn gelogen wird. Eine Lüge produziert die nächste Lüge. Irgendwann ist der Haufen so groß, dass er sich nicht mehr verbergen lässt.

Um Lügen und Falschinformationen ging es auch häufig in der Corona-Debatte. Haben Sie auch deshalb mit einem Plakat für die Corona-Impfung geworben, weil Impfgegner Ihren Song „Freiheit“ für ihre Zwecke besudelten?

Ich konnte und wollte das nicht unwidersprochen so stehen lassen. Also habe ich Fakten geschaffen und den „Querdenkern“ das Stück wieder entrissen.

„Freiheit“ ist Ihr berühmtester Song. Liegt er Ihnen besonders am Herzen?

Ich halte „Freiheit“ längst nicht für den besten Song, den ich je geschrieben habe. Aber vielen Menschen bedeutet er eine Menge. Ich setze das Lied nur wohldosiert ein, zuletzt beim Solidaritätskonzert für die Ukraine vor dem Brandenburger Tor.

Ist Freiheit tatsächlich das Einzige, was zählt?

Freiheit ist eine Illusion. Genau wie Sicherheit eine Illusion ist. Wahrscheinlich ist man nur frei, wenn man nichts mehr will, wenn man keine Wünsche und Ansprüche mehr hat. Sondern einfach nur zufrieden ist.

Haben Sie diesen Zustand erreicht?

Na ja, in guten Momenten schon. Ich weiß, ich muss gar nichts – außer sterben und Steuern zahlen. (lacht) Diese Erkenntnis ist wirklich befreiend.

Marius Müller-Westernhagen veröffentlichte vor 47 Jahren seine erste Platte. 1978 erschien dann das Album, das ihm den Durchbruch brachte: „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“. Neben seiner musikalischen Karriere war der am 6. Dezember 1948 geborene Düsseldorfer lange auch als Schauspieler zu erleben. Sein Vater war Ensemblemitglied des Düsseldorfer Schauspielhauses. Auch für seine Musik erhielt er mehrere Auszeichnungen, und 2001 wurde er für sein gesellschaftspolitisches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Gerade ist Müller-Westernhagens neues Studioalbum „Das eine Leben“ erschienen.

Von Steffen Rüth/RND