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Sie kamen, sangen und siegten: Die äußerst handfest wirkenden Abbatare von (v. l.) Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad und Benny Andersson wurden vom Publikum in der Abba-Arena gefeiert. Quelle: Johan Persson

Abba beeindruckt mit virtueller Premiere: Ist das die Zukunft der Popshow?

London. Ob man denn auch hier sei wegen Abba, fragt die Rezeptionistin am Hoteltresen. Nur noch ein Thema gebe es in London-Stratford dieser Tage: „Abba-Voyage“. Sie selbst sei bei Proben gewesen und man könne sich darauf gefasst machen, auf die „irrste Zeitreise überhaupt“ zu gehen. So etwas habe man noch nicht gesehen. „Fantastisch“, „sensationell“, „magisch“ – das Vokabular der Euphorie fliegt durchs Foyer. Nur beim Klatschen sei ihr dann bewusst geworden, dass sie gar keinen Künstlerinnen und Künstlern applaudiert habe. „Sondern Phantomen – dem Geist aus der Maschine.“

Als könne man mit Abba durch die Nacht tanzen

Um es gleich vorwegzunehmen: „Abba Voyage“ ist so unglaublich, als würde man der ersten Begegnung mit Außerirdischen beiwohnen, glücklich machenden, guten und friedfertigen Außerirdischen wohlgemerkt. Da stehen vier digital verjüngte Ebenbilder von Agnetha, Anni-Frid, Björn und Benny auf der Bühne und sie sehen so handfest aus, als könne man sie anfassen und mit ihnen durch die Nacht tanzen. Kein Geisterschimmer, keine Transparenz.

Und wenn die Kunstwesen per Digitalzauber (wie das seit Ewigkeiten bei allen großen Popshows üblich ist) auf riesige Leinwände projiziert werden und die Bewegungen des Bühnenavatars traumhaft mit denen seiner Großbildprojektion harmonieren, ist die Illusion perfekt. Abba sind zurück. Anfangs hat man noch etwas Sorge um die „Polarexpress“-Augen – dass humanoide CGI-Figuren nie fokussieren, sondern immer einen leeren, ziellosen Blick haben, der ihre Künstlichkeit ausstellt.

Das erübrigt sich. Und als die Abbatare mit dem beatlesk-psychedelisch angehauchten „The Visitors“ beginnen – einer Hommage an London – und Agnetha und Anni-Frid als blauer und roter Paradiesvogel ihre Kostümärmel spreizen, jubelt, johlt und brüllt das Publikum begeistert und applaudiert heftig – ja, auch den Machern und der zehnköpfigen Begleitband – aber ganz zweifellos zuvörderst den Abbataren.

Und immer wieder den Songs. Abba-Lieder ziehen die Babyboomer, weil diese Generation „privaten“ Bezug zum Liederkatalog der Schweden hat: Erster Bussi zu „Honey Honey“. Erster richtiger Kuss zu „Fernando“. Erster Schluss (heulendes Elend) zu „Super Trouper“. So zeitlos und stilbunt ist das Material, dass sich ihnen selbst der sonst Oldie-resistenteste Digital Native nicht entziehen kann. „Die sahen so jung aus wie ich mich innerlich fühle“, sagt ein älterer Herr später beim Hinausgehen. Zu Hause wolle er jetzt erst mal alle Spiegel zerschlagen. Er grinst dabei.

„To be or not to be – that‘s no longer the question“, flachst der Benny-Avatar und gibt vor, „halt bloß sehr gut für sein Alter auszusehen.“ Später wird Agnetha noch mal in Ankündigung der neuen Songs „Don‘t Shut Me Down“ und „I Still Have Faith in You“ die Gegenwärtigkeit der Shows betonen („Wer hätte geglaubt, dass wir nach 40 Jahren noch mal ins Studio gehen“), was durch zahllose atemraubende Licht- und Projektionswunder verstärkt wird. Am lebendigsten und gegenwärtigsten fühlt sich allerdings die Interaktionen der Abbatare untereinander an. Und mit den Fans. Wenn etwa der Björn-Abbatar durch einen kleinen Wink mit dem Finger die mit 3000 Besuchern und Besucherinnen rappelvolle Arena zum Mitsingen bringt: „They were shining there for you and me, for liberty, Fernando.“

Täuschende Ebenbilder, originale Stimmen

Gibt „Voyage“ mit seinen Abbataren den Weg vor, wie man die Populärmusik womöglich über Jahrhunderte tragen kann, wie es die Musik von Bach und Beethoven geschafft hat? Popmusik ist Star-affin, sie will gesehen werden. Konzertvideos sind langweilig. Tributebands sind – zugegeben – oft virtuose Imitationen des Originals, aber man muss ein bis zwei Augen zudrücken, um im Schlagzeuger der neuesten Beatles-Bewahrer – abgesehen von der Pilzkopfperücke – Ringo Starr zu erahnen. Die Abbatare dagegen sind täuschend echt, man hat ihnen zudem die echten Stimmen unterlegt.

Man kann ihnen als Publikum halt nur nicht „Spielt ‚Take a Chance on Me‘!“ oder „Spielt ‚Super Trouper‘“ (beide Songs fehlen überraschend bei der Premiere) zurufen. Das Programm ist programmiert. Wer zweimal kommt, erlebt höchstwahrscheinlich zweimal dasselbe. Wie wenn er sich zweimal den Film „Mamma Mia!“ anschaut. Auch beim zweiten Mal aber bereitet „Voyage“ zweifelsohne ein Riesenvergnügen.

Es gibt Illusionsbrüche – das Publikum feiert trotzdem

Auch wenn die Show nicht über die volle Distanz überzeugt. Sie schwächelt ausgerechnet bei „Mamma Mia“ (und einer Handvoll weiterer Songs), bei denen allein Großprojektionen zu sehen sind, während die Bühne plötzlich verwaist ist. Sie schwächelt, wenn Abbas Rockballade „Eagle“ mit einem durchaus unterhaltsamen Fantasyvideo unterlegt wird statt mit den Abbataren. Oder wenn „Waterloo“ nur aus historischen Abba-TV-Auftritten zusammengeschnitten ist. Das Publikum – darunter auch das schwedische Königspaar und Australiens Popkönigin Kylie Minogue – ist da allerdings schon lange nicht mehr willens, Illusionsbrüche zu bekritteln. Man ist längst zu stehenden Ovationen übergegangen. Und zum Tanzen.

Künftig Chuck-Berry-Avatare, Prince-Avatare, Bowie jung und schön? Die „Voyage“-Produzenten Ludvig Andersson (Bennys Sohn) und Svana Gisla fänden‘s nicht gut, weil bei den Poptoten deren künstlerische Vision nicht einbezogen werden kann. Schlussendlich, soviel weiß man aus fast 70 Jahren Rock-‘n‘-Roll-Biz seit Elvis, wird die finanzielle Vision siegen. Avatare, das ist der Vorteil, kann man nicht physisch ausbeuten. Sie fühlen die Tristesse des Tourlebens nicht, sie sind verlässlich, haben nichts mit Drogen und Alkohol am Hut, sind nie krank und spielen locker und ohne Murren und Verschleiß zwei Shows am Tag. Leute – kann man das so sagen? – wie die Abbatare sind ein Veranstaltertraum.

„Dancing Queen“ noch – und die Halle steht Kopf. Der Beifall will nicht enden. Am Ende kommen die Originale auf die Bühne. Selbst Agnetha, die unter Flugangst leidet, ist in London. Man lässt sie hochleben: „Thank You for the Music“. Wirkungsmäßig ist „Abba Voyage“ ein voller Erfolg.

Der Gedanke an einen jungen Doppelgänger muss gruselig sein

Die Sache ging auch nicht anders als virtuell. Benny Andersson sagte in einem Interview vor vier Jahren, er gehe lieber mit dem Hund spazieren statt einen Hotel-Bühne-Lebensabend zu leben. Vielleicht denkt er auf diesen abendlichen Spaziergängen ab jetzt manchmal daran, dass es ihn zweimal gibt, in zwei Lebensaltern, und dass der jüngere Benny sich gerade in London den Hintern aufreißt – wenn man so etwas überhaupt über einen Avatar sagen kann. „The Winner Takes It All“ singen die Abbatare. Ein bisschen unheimlich ist das schon, oder?

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Von Matthias Halbig/RND