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Ob er noch einen Film dreht? Woody Allen ist sich da nicht sicher. Quelle: picture alliance/dpa/MAXPPP

Woody Allen: „Ich glaube nicht an den Sinn des Lebens“

New York. Herr Allen, wie haben Sie die lange Zeit der Pandemie totgeschlagen?

Ich habe zu Hause meine Gymnastik­übungen gemacht, Klarinette gespielt, fürs Theater geschrieben, und ich habe Anfang Juni das Buch „Zero Gravity“ mit humoristischen Essays herausgebracht.

Aber das muss schrecklich für Sie gewesen sein: Seit ewigen Zeiten drehen Sie jedes Jahr einen Film, und nun sitzen Sie zu Hause fest.

Nein, ich habe es genossen. Das war ein bisschen so wie früher als Schüler: Man war krank und hat sich zu Hause eingeigelt. Hätte ich einen Film gedreht, hätte ich früh aufstehen müssen, draußen wäre es garantiert zu heiß oder zu kalt gewesen. Ich hätte mich mit einer Million Leute herum­geschlagen, überhastet gegessen und jede Menge Entscheidungen treffen müssen. So war ich wunderbar entspannt.

Haben Sie sich Extrasitzungen mit Ihrem Psycho­therapeuten gegönnt?

Nein, keine Extragespräche, das war alles prima so. Mit dem Filmdreh bin ich ja immer nur zwei oder drei Monate beschäftigt. Den Rest des Jahres lebe ich sowieso so, als wäre da draußen eine Pandemie.

Ihren aktuellen Film „Rifkins Festival“ haben Sie in San Sebastian gedreht. Er spielt während des Filmfestivals in der Stadt: Welche Bedeutung haben Festivals in Ihrem Leben?

Der Film hatte dort sogar Premiere! Aber das war damals wirklich Pech: Das Festival fand noch statt, aber die Kinos waren wegen der gerade ausbrechenden Pandemie schon dicht. Ich konnte nicht mehr hinfahren. Dabei weiß ich Festivals zu schätzen. Die Besucher sind geradezu begierig nach Kino. Im normalen Betrieb ist das anders: Da zwingt am Samstagabend die Ehefrau ihren Ehemann in den Film oder der Ehemann umgekehrt die Ehefrau.

Der Protagonist in Ihrem Film heißt Mort Rifkin und wird gespielt vom US‑Schauspieler Wallace Shawn, der 1979 schon in Ihrem Film „Manhattan“ dabei war. Er ist fast 80, nicht so viel jünger als Sie: Warum haben Sie die Rolle nicht selbst gespielt?

Auf die Idee bin ich einfach nicht gekommen. Und ich war froh, dass Wallace verfügbar war. Er ist perfekt, ein Intellektueller, witzig, traurig. In meiner Vorstellung war Rifkin ursprünglich viel jünger. Und dann kam Wallace ins Spiel.

Rifkin verliebt sich in eine viel jüngere Frau. Ist das etwas, was Männern mit zunehmendem Alter passiert?

Ich fand die Idee witzig, dass er sich in einem fremden Land befindet und zum Arzt muss. Er stößt nicht auf einen furcht­einflößenden Doktor, sondern auf eine hübsche Frau. Weiter habe ich nicht gedacht.

Rifkin hat keine Angst vor dem Tod – nicht einmal dann, wenn er wie ein Wiedergänger des Todes in Ingmar Bergmans Film „Das siebente Siegel“ aussieht und von Christoph Waltz gespielt wird. Wie viel Spaß machen Ihnen Witze über den Tod?

Es ist immer klug, sich über Dinge zu amüsieren, die Leuten Angst machen. Da kriegt man gute Lacher. Die Zuschauer sind dann ein bisschen nervös.

Folgen Sie den Gesundheits­empfehlungen des Todes in Ihrem Film: viel Gemüse, viel Obst und auf jeden Fall regelmäßig zur Darmspiegelung?

Ich tue alles, was mir meine sämtlichen Ärzte empfehlen. Ich führe ein Leben voller Angst und Furcht. Da höre ich auf all jene, denen an meiner Gesundheit gelegen ist.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Als ich jünger war, hatte ich Angst. Aber wenn ich mich heute auf der Welt umschaue, frage ich mich: Ist das wirklich der Ort, an dem ich weiterleben möchte? Wenn ich tot bin, werde ich ausgeknipst wie ein Licht, so wie während einer Darmspiegelung oder wenn ich nachts schlafe. Das könnte eine entspannte Alternative sein zu dem Ungeheuer, zu dem sich die Welt entwickelt hat.

Aber dann können Sie keine Filme mehr drehen.

Das macht nichts. Ich war nie ein engagierter Filmemacher. Wenn ich keine Filme mehr drehen würde, würde ich daran keinen Gedanken verschwenden. Wenn mir jemand das Geld für einen Film gibt, und ich habe eine Idee, mache ich den Film. Aber dahinter steht bei mir keine brennende Leidenschaft.

Haben Sie noch immer die Schublade in Ihrem Schlafzimmer, in der Sie Ihre Ideen sammeln?

Natürlich! Jedes Mal, wenn mir etwas durch den Kopf schießt, schreibe ich es auf und werfe es in die Schublade. Bei den meisten Ideen stellt sich später heraus, dass sie nicht gut sind. Ich frage mich dann, wie ich auf so lächerliches Zeugs kommen konnte. Aber ab und an bringen mich die Notizen auf eine brauchbare Fährte.

Der Tod in Ihrem Film sagt, das Leben sei sinnlos: Stimmen Sie dem zu?

Wir erfinden uns Szenarien, wie wir leben möchten. Tief in unserem Herzen wissen wir aber genau, ob das wirklich Bedeutung für uns hat, was wir da tun oder nicht tun.

Und wie sehen Sie das?

Ich persönlich glaube nicht an den Sinn im Leben. Und dem würden wohl viele zustimmen, wenn sie ehrlich zu sich sind. Aber das ist eine unangenehme Überlegung. Jeder verdreht für sich diese Wahrheit, um weiterleben zu können.

Sie haben so viele Liebes­komödien gedreht: Könnte die Liebe etwas sein, das dem Leben Bedeutung verleiht?

Liebe ist eine nette Ablenkung, so wie Baseball. Sie kann eine kleine, aufregende Oase sein in all den Schrecken und Sorgen.

Für Woody Allen ist klar: Die Demokraten müssen gewinnen

Apropos Schrecken: Wie wichtig ist es für Sie bei all Ihren Ablenkungs­versuchen von der Sinnlosigkeit des Lebens, ob die Demokraten oder die Republikaner die nächste Wahl gewinnen?

Das ist eine entscheidende Frage für die Demokratie und das Wohlergehen der Vereinigten Staaten, sogar für die Welt. Die Demokraten müssen gewinnen, die Republikaner müssen geschlagen werden. Es hat sich herausgestellt, dass sie ein Feind der Demokratie sind. Nun gut, die Republikaner könnten sich ändern und plötzlich zu freundlichen Menschen werden. Aber ich zweifle, ob das passieren wird.

Warum ist heute überall so viel Aggression und Hass – nicht nur, aber besonders in der amerikanischen Gesellschaft?

Für ein paar Hundert Jahre haben wir die Balance in unserem riesigen Land ganz gut hingekriegt. Aber Gesetze funktionieren nur, wenn sie auf der Anständigkeit der Menschen gründen. Und eine der beiden großen Parteien in unserem Land verhält sich schädlich für das Funktionieren der Demokratie.

Ist es unter solchen Voraussetzungen überhaupt möglich, diesen Planeten zu retten? Lässt sich zum Beispiel der Klimawandel noch stoppen?

Die Chance besteht auf jeden Fall. Skeptisch bin ich allerdings, ob die Menschheit dieser Heraus­forderung gewachsen ist. Ich glaube nicht, dass unsere Art Bestand haben wird. Wir sind eine gescheiterte Spezies. Aber in einer gemein­schaftlichen Anstrengung könnten wir es schaffen. Es ist machbar.

Haben Sie einen Rat für die nach­folgenden Generationen?

Macht euch auf in eine andere Richtung! So wie wir uns jetzt entwickeln, ist das weder für die Menschheit noch für den Planeten gesund.

Zuletzt haben wir vor drei Jahren in Paris miteinander gesprochen. Damals sagten Sie, dass eine Zeit kommen werde, in der die Anschuldigung wegen sexuellen Missbrauchs gegen Sie aufhören und der gesunde Menschen­verstand sich durchsetzen würde. Wann ist es so weit?

Ich habe schon damals gesagt, dass die Möglichkeit besteht. Sicher war ich mir nicht. Ich hoffe, es passiert. Aber wenn nicht, dann nicht. Bislang ist jedenfalls meines Wissens nichts passiert. Ich verschwende nicht so viele Gedanken daran. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit, mein Schreiben, meine Filme.

Hat ein Prominenter heute überhaupt noch die Chance, der Verurteilung durch die Öffentlichkeit etwas entgegenzusetzen?

Das war schon immer so. Die Leute interessieren sich nun mal für solche Dramen. Die meisten Scheidungs­geschichten passieren hinter verschlossenen Türen und betreffen Menschen, die niemand kennt. Wenn diese Dinge Prominenten passieren, lesen die Leute lieber darüber als über politische Spannungen mit China.

Haben die sozialen Medien das Aufregungs­potenzial nicht verschärft?

Mit sozialen Medien können Sie ganz wundervolle oder ganz hässliche Dinge anstellen. Das ist wie mit der Atomkraft. Die kann auch als Zerstörungs­waffe missbraucht werden. Allerdings: Ich selbst nutze keine sozialen Medien. Ich habe auch keinen Computer. Wenn der Fernseher nicht funktioniert, weil ich den falschen Knopf gedrückt habe, rufe ich meine Frau.

Wenn Sie zurück in die Vergangenheit reisen könnten: Welchen Lebens­abschnitt würden Sie ansteuern?

Die bei Weitem beste Zeit meines Lebens ist die mit meiner Frau Soon Yi Previn. Wir sind 25 Jahre verheiratet. Wir haben zwei Töchter großgezogen, die gerade die Uni verlassen haben. Die Zeit mit meiner Frau ist die einzige in meinem Leben, die ich wirklich genossen habe.

Planen Sie schon den nächsten Film?

Wir sind bereits in der Vorproduktion. Gerade schicken wir das Drehbuch an Schauspieler und Schauspielerinnen, die wir gern dabeihätten – vornehmlich französische.

Es gab Zeiten, da standen Hollywoodstars Schlange, um bei Ihnen mitzuspielen. Ist das vorbei seit den Anschuldigungen Ihrer Adoptivtochter Dylan Farrow, Sie hätten Sie als Sieben­jährige sexuell missbraucht?

Manche boykottieren meine Filme. Aber das macht nichts. Es gibt immer noch genügend Künstler, die gern mit mir zusammenarbeiten.

Mit Scarlett Johansson haben Sie gleich drei Filme – „Match Point“, „Scoop“, „Vicky Cristina Barcelona“ – gedreht: Haben Sie noch Ihre Telefonnummer?

Oh ja. Scarlett ist viel unterwegs in der Welt. Aber ab und an treffen wir uns und essen gemeinsam zu Mittag. Wir sind gute Freunde geblieben. Wenn ich eine Rolle für sie hätte, würde ich ihr die auch anbieten.

Wie schwierig ist es für Sie geworden, die Finanzierung für einen Film zusammen­zu­bekommen?

Das war immer schon schwierig – sogar in den Zeiten, in denen ein Hollywood­studio hinter mir stand. Manches Mal musste ich meine Gage in den Film hineinbuttern. Die Finanzierung ist das härteste Stück Arbeit – seit nunmehr 50 Filmen. Aber es gab auch immer Leute, die mich unterstützt haben.

Wenn es so anstrengend ist: Warum bleiben Sie nicht in Ihrem gemütlichen Apartment?

Den geplanten Film wollte ich schon vor der Pandemie produzieren. Ich habe zwei Jahre mit dem fertigen Skript in meinem Schlafzimmer gesessen. Und jetzt drehe ich ihn. Kann aber gut sein, dass es mein letzter ist. Keine Ahnung.

Der Melancholiker: Das ist Woody Allen

Mit der Zuverlässigkeit eines Uhrwerks dreht der bekennende New Yorker Woody Allen seit mehr als einem halben Jahrhundert Filme, mal in den USA und mal in Europa. Das hängt ganz davon ab, wer ihm das Geld gibt. Ob „Woody, der Unglücksrabe“ (1969), „Manhattan“ (1979), „Hannah und ihre Schwestern“ (1986), „Match Point“ (2005). „Vicky Cristina Barcelona“ (2008) oder „Wonder Wheel“ (2017): Nichts scheint den 86‑jährigen Komiker mit starkem Hang zum Melancholischen von der Arbeit abhalten zu können.

Allen drehte auch dann noch unverdrossen weiter, als er in die #MeToo-Debatte geriet. Die schon lange zuvor erhobenen Missbrauchs­vorwürfe von Mia Farrows Adoptivtochter Dylan bekamen ein ganz neues Gewicht. In Hollywood gingen viele jener Stars auf Distanz zu dem Regisseur, die zuvor unbedingt mit ihm hatten arbeiten wollen.

In der Pandemie musste dann sogar Allen pausieren. Sein bereits 2019 abgedrehter Film „Rifkins Festival“ kommt nun am 7. Juli in die deutschen Kinos. Die Beziehungs­komödie spielt vor dem Hintergrund des Film­festivals von San Sebastian – wo sie 2020 auch Premiere hatte.

Von Stefan Stosch/RND