Donnerstag , 6. Oktober 2022
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Szene aus dem russischen Zeichentrickfilm „Sankt Mariuburg“ von Oleg Kuwajew. Es ist die 162. Episode der Serie rund um das frühere Hooliganmädchen Masjanja, ihren Mann und die beiden Kinder. Sie stehen hier vor ihrem zerstörten Haus. Quelle: Oleg Kuwajew/Youtube

Wie Putins Heimatstadt St. Petersburg im chinesischen Raketenhagel untergeht

Berlin. Erst fällt die Kuppel der Isaakskathedrale in sich zusammen, dann erwischt eine Rakete die berühmten Rostra-Säulen zwischen Peter Paul Festung und Eremitage. Gewaltige Explosionen erschüttern Sankt Petersburg, Wohnhäuser sind zerstört, Leichen liegen auf den Straßen, Menschen flüchten voller Panik in unterirdische Metrostationen.

Die animierten Bilder der vorerst letzten von insgesamt 162 Episoden der russischen Kultzeichentrickserie „Masjanja“ um das gleichnamige Hooliganmädchen, ihren Mann Chrjundel und die beiden Kinder erinnern in verstörender Weise an die Fotos aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol, die von russischen Truppen mit Bomben und Raketen dem Erdboden gleichgemacht worden ist.

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Um ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Masjanja-Schöpfer Oleg Kuwajew, der wie Russland Präsident Wladimir Putin selbst aus St. Petersburg stammt, hat diese rund zehnminütige Folge „Sankt Mariuburg“ benannt. Die Angreifer sind Chinesen. Deren Filmpräsident Vyn Su Him verkündet im staatlichen Fernsehen martialisch: „Es ist Chinas Mission, die Welt von russischen Faschisten zu befreien! Außerdem müssen wir ureigenes chinesisches Land zurückholen.“

Ein Dummkopf, wer dabei nicht an Putins Kriegsrhetorik denkt ...

Kuwajews Erfolgsgeheimnis

Seit mehr als 20 Jahren erzielt „Masjanja“ vor allem unter russischen und ukrainischen Jugendlichen im Internet traumhafte Reichweiten. Die letzte Episode wurde bereits mehr als 4,5 Millionen Mal innerhalb weniger Tage auf Youtube abgerufen.

Kuwajews Erfolgsgeheimnis lässt sich eigentlich einfach erklären: Masjanja, die leicht überdrehte Frau mit den sechs Haaren auf dem Kopf, schlägt sich seit Jahren mit Witz, Ungewöhnlichkeit und losem Mundwerk erfolgreich durch den schwierigen russischen Alltag. Die Londoner „Times“ vergleicht die Serie deshalb nicht zu Unrecht mit dem amerikanischen Kultcartoon „South Park“.

Der 55-jährige Kuwajew lebt seit 2006 in Israel. Fünf Jahre zuvor hatte er das Studio Mult.ru in St. Petersburg gegründet, um seine Figur Masjanja zu promoten. Und es gelang: Das Studio erzielte Einnahmen durch Merchandising, mobile Dienste und Urheberrechte. Kuwajew verlor jedoch unter dubiosen Umständen die Kontrolle über sein eigenes Unternehmen an Mitarbeiter und verließ das Land.

Parallelen zu Mariupol

Der Erfolg von Masjanja zog jedoch mit ihm. Die Episoden werden von Russischsprachigen in aller Welt sehr kontrovers im Netz diskutiert. Erst recht, seitdem Kuwajew den russischen Angriffskrieg in der Ukraine ins Zentrum der Serie gestellt hat. Er könne absolut nicht nachvollziehen, „dass so viele Menschen in Russland den Krieg unterstützen“, sagte er dem Sender Deutschlandfunk Kultur. Sein Trickfilm richte sich „genau an diese Leute“.

Dass Kuwajew in der 162. Folge nicht nur Parallelen zu Mariupol zieht, sondern auch zur Belagerung Leningrads, das heutige St. Petersburg, durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, dürfte die realen Machthaber im Kreml ziemlich verärgern. Damals verhungerten mehr als eine Million Menschen. Der Künstler sagt, man solle nicht überbewerten, dass hier Chinesen die Aggressoren seien. Es wäre ihm bei der Darstellung der Angreifer lediglich um ein Land gegangen, das es mit Russland aufnehmen könne.

Darf man aber überhaupt im oder über den Krieg lachen? Kuwajew sagt im Radiointerview, dass Humor in diesen Zeiten eine sensible Sache sei. „Aber als ich mir die ukrainischen Stand-up-Komiker angeschaut habe, die in den Schutzkellern auftreten, habe ich begriffen, dass Humor trotzdem sein muss. Er hilft zu überleben.“

Schwert für Putin

Kuwajew zieht das jetzt seit Episode 160 durch. Darin überreicht Masjanja Putin ein Samuraischwert, damit der Präsident den rituellen Selbstmord Harakiri begehen kann. In Folge 161 erklärten Masjanja und Chrjundel ihren Kindern mit Hilfe von Kasperlepuppen das Konglomerat der früheren Sowjetunion und warum aus einigen Staaten Diktaturen wie unter Putin geworden sind.

Sehr subversiv ist das alles nicht mehr, räumt auch Kuwajew ein. Das sei ihm jedoch egal, denn er wolle sich nicht nur an diejenigen wenden, die diesen Krieg ohnehin ablehnen, sondern vor allem an die „Putinisten“. Masjanja soll dabei seine Youtube-Partisanin gegen den Kreml sein.

Mindestens solange, wie russische Truppen ukrainischen Boden verletzen und Ukrainer dabei sterben.

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Von Thoralf Cleven/RND