Dienstag , 29. November 2022
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„Ich habe ja keine Dokumentation gedreht“: Michael Bully Herbig bei der Filmpremiere von „Tausend Zeilen“ in München. Quelle: IMAGO/APress

Bully Herbig: „Haben die Fakten so sehr verdreht, bis am Ende wieder alles stimmt“

Egal, ob die Komödien „Der Schuh des Manitu“ (2001), „Lissi und der wilde Kaiser“ (2007) und „Wickie und die starken Männer“ (2009) oder auch die DDR-Fluchtgeschichte „Ballon“ (2018): Michael Bully Herbig zieht die Zuschauerinnen und Zuschauer ins Kino. Seine Karriere begann der gebürtige Münchner im Radio und im Fernsehen („Bullyparade“).

Nun widmet sich das Multitalent einem der größten Skandale in der deutschen Medienrepublik: In „Tausend Zeilen“ (Kinostart: 29. September) geht er mit satirischen Mitteln dem Fall des lange gefeierten „Spiegel“-Journalisten Claas Relotius nach – bis dessen Kollege Juan Moreno gegen heftige Widerstände aus dem eigenen Haus herausfand, dass der Reporter zumindest einige der Geschichten erfunden hatte.

Herr Herbig, wollen Sie nicht lieber das nächste halbe Stündchen in München-Schwabing einen Kaffee trinken gehen, und ich erfinde derweil unser Interview?

Ja, super, aber dann müssen Sie mir den Text schon noch schicken, damit ich draufschauen kann. Falls Sie zu fantasievoll sind.

Wie oft passiert es Ihnen denn, dass Sie in Medien auf knackige Zitate stoßen, die den kleinen Nachteil haben, dass sie gar nicht von Ihnen stammen?

Diesen Fall hatte ich so konkret noch nicht. Aber es kommt immer wieder vor, dass Zitate leicht verfälscht werden und dann ein anderes Geschmäckle bekommen.

Reagieren Sie darauf?

Nein. Zu Beginn meiner Karriere war das noch anders. Vielleicht lässt sich das einteilen in die Zeit vor dem „Schuh des Manitu“ und danach. Vor 2001 habe ich mich unheimlich darüber geärgert. Manchmal habe ich auch nachgehakt und gefragt: Warum schreibt ihr so etwas? Mittlerweile sage ich: Augen zu und durch. Schwierig wird es, wenn das falsche Zitat auch noch x-fach von anderen abgeschrieben wird.

Ist das ein Phänomen der Onlinewelt?

Früher hieß es immer: Was interessiert mich die Zeitung von gestern? Und bei Fernsehen und Radio: Das versendet sich. Im Internetzeitalter kriegt man so etwas aber nicht mehr aus dem Netz.

Sind Sie auch schon mal juristisch gegen Falschmeldungen vorgegangen?

Es gab mal einen Vorfall vor vielen Jahren. Da habe ich in einem sehr großen und sehr bekannten Boulevardblatt einen Artikel über mich entdeckt. Eine halbe Seite, ein großes Foto, darauf eine Baustelle. Oben stand die Überschrift: „Hier baut Hui Buh sein neues Schloss“. Unten rechts war ein Foto von meiner damaligen Assistentin und mir, mit der ich kurz zuvor bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises war. Die Unterschrift lautete: „Ein seltenes Bild – Bully und seine Frau“. Da kam ein bisschen viel zusammen. Es war nicht meine Baustelle. Es war ein mir unbekannter Ort. Und es war nicht meine Frau. Bei diesem geballten Quatsch stimmte lediglich, dass ich in dem Film „Hui Buh, das Schlossgespenst“ gespielt habe.

Okay, bei solchen Erfahrungen muss Sie eine Geschichte wie die von Claas Relotius angesprochen haben. Über dessen Erfindungsreichtum als „Spiegel“-Reporter haben Sie nun den Kinofilm „Tausend Zeilen“ gedreht. Wollten Sie sich an der Medienbranche rächen?

Was mich da zuerst fasziniert hat, war nicht der Medienskandal. Ich habe darin eine Hochstaplergeschichte gesehen, und das hat mich interessiert – was nicht heißt, dass ich Hochstaplern nacheifern würde. Ich mag Filme wie „Catch Me If You Can“, in dem Leonardo DiCaprio sich als Pilot und Arzt durch die Welt schummelt.

Sind nicht auch Filmemacher professionelle Lügner?

Absolut. Wir dürfen das aber auch im Unterschied zu Journalisten. Allein die Drehorte im aktuellen Film: „Tausend Zeilen“ spielt unter anderem auf Kuba und an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Haben wir aber alles in Spanien gedreht.

Warum haben Sie sich die Mühe gemacht, so viele Details zu verändern? Wollten Sie gefährliches juristisches Terrain vermeiden?

Es war schnell klar, dass wir die Realität verlassen würden. Ich hab‘ ja keine Dokumentation gemacht. Grundlage für diesen Film war das Buch „Tausend Zeilen Lüge“ des Journalisten Juan Moreno, der damals den Skandal aufgedeckt hat. Für den Film brauchten wir aber mehr künstlerische Freiheiten. Deshalb haben wir nicht nur sämtliche Namen geändert, wir haben sogar die Journalistenpreise selbst designt, die im Film auch eine kleine Rolle spielen. Wir haben die Fakten so sehr verdreht, bis am Ende wieder alles stimmt.

Juan Morenos Rechercheergebnisse lesen sich ziemlich verrückt: Was hat Sie an seinem Buch am meisten überrascht?

Das Selbstbewusstsein und die Chuzpe von Relotius. Er hat Preise für Reportagen entgegengenommen, die er teilweise frei erfunden hat. Auch dann noch, als er geahnt haben muss, dass er jeden Moment auffliegen könnte. Im Film bekommt man eine Ahnung davon, wie sich die Leute haben manipulieren lassen.

Trauen Sie Journalisten noch über den Weg?

Als ich etwa zehn Jahre alt war, hat meine Großmutter zu mir gesagt: „Glaub ned ois, was in der Zeitung steht.“ Durch Social Media ist das alles noch komplizierter geworden. Man möchte den seriösen Medien so gern vertrauen. Man möchte, dass alles stimmt, was da geschrieben steht. Ich möchte den Glauben daran nicht verlieren. Es gibt viele gute, seriöse Journalisten da draußen, die einen großartigen Job machen. Es gibt aber auch solche, die mit Fake-Meldungen ihr Geld verdienen. Das ist ein Geschäftsmodell geworden.

In diesem Fall hat das Geschäftsmodell lange funktioniert.

Wenn so etwas bei einem der größten und seriösesten Nachrichtenmagazine Europas passiert, ist das ein Desaster. Ich glaube sogar, dass es eine Zeit vor diesem Medienskandal gibt und eine danach. Ich gehe davon aus, dass die Kontrollmechanismen inzwischen nachjustiert wurden. Es muss Journalisten und Journalistinnen klar sein, dass sie mit der Manipulation von Informationen den falschen Leuten in die Hände spielen. Sie liefern all jenen Argumente, die ohnehin dauernd Lügenpresse schreien.

Was glauben Sie: Wieso ist Claas Relotius damit so lange durchgekommen?

Ich glaube, er war einfach gut. In seinem Erfolg haben sich vermutlich viele gesonnt.

Ist es mehr als nur ein Zufall, dass in dieser glitzernden Medienmaschinerie beinahe nur Männer vertreten sind?

Ob das alles mit einer höheren Frauenquote anders gekommen wäre? Schwer zu sagen. Immerhin gibt es auch Heiratsschwindlerinnen. Oder Hochstaplerinnen. Vielleicht mache ich über die auch mal einen Film.

Die Hamburger Medienwelt zeigen Sie als unsympathische Schickimickiszene. Wie gut haben Sie recherchiert?

Es hat mir Spaß gemacht, mit Klischees zu spielen. Diese Charaktere gibt es aber nicht nur in Medien- oder Verlagshäusern, es gibt sie überall. In der Wirtschaft, im Sport, in der Politik treffen Sie ebenso immer wieder auf ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein.

Gibt es diese Typen auch in der Kinoindustrie?

Ja auch, wobei ich sagen muss, breitbeinige Platzhirschproduzenten kann ich irgendwie nicht mehr ernst nehmen. Ich persönlich habe das große Glück, dass ich mir aussuchen kann, mit wem ich gerne zusammenarbeite möchte. Ich bin extrem demütig und dankbar, dass ich unangenehmen Nasen aus dem Weg gehen kann.

Wie gefällt Ihr Film denn dem „Spiegel“?

Ich hatte tatsächlich erst kürzlich ein Interview mit dem „Spiegel“. Das fand ich ziemlich souverän, dass die das gemacht haben. Richtig lustig finden die den Film natürlich nicht, obwohl er ja durchaus amüsante Momente hat. Da kann ich schon wieder meine Großmutter zitieren. Die hat gesagt: „Wennst einen Mist baut hast, muasst auch dafür g‘radestehn!“ Meine Großmutter war eine kluge Frau.

Haben Sie Kontakt zu Claas Relotius gesucht?

Nein. Das war nie der Plan. Wir wollten aus der Perspektive von Moreno – im Film Romero – erzählen. Das wäre sonst ein anderer Film geworden. Wir wollten, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen mit Romeros Augen den Hochstapler Stück für Stück entlarven.

Fallen Fake News in der heutigen beschleunigten Medienwelt überhaupt noch auf?

Wenn Sie schauen, was Typen wie Donald Trump so raushauen, wird einem schon schwindelig. Da fragt man sich: Wie kommt der Mann über Jahre mit solchen Äußerungen durch? Wir haben in unserem Film ja wenigstens einen Hochstapler, der sich noch Mühe gibt. Das tut so jemand wie Trump nicht. Der stellt sich hin wie ein sturer Bock und sagt: Ne, das ist so. Alles, was ihm nicht passt, erklärt er kurzerhand zum Fake. Wenn du das lange genug tust, glaubst du es auch irgendwann. Man spricht ja inzwischen gern von der gefühlten Wahrheit. Aber wenn am Ende alle nur noch Wahrheiten fühlen, worüber soll man dann noch faktenbasiert diskutieren?

Wollen Leser und Leserinnen womöglich belogen werden?

Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die sich eine Zeitung oder ein Magazin kaufen, nur um sich bei der Lektüre ihre Meinung bestätigen zu lassen. Manche wollen keine zu komplizierten Texte oder Wahrheiten, die ihnen nicht gefallen.

Und was heißt das für Journalistinnen und Journalisten?

Die müssen sich am Ende des Tages fragen: Wollen wir Qualität liefern oder sollen die Leute nur auf unsere Schlagzeilen klicken? Es geht auch um die Auswahl der Nachrichten: Offensichtlich lässt sich mit schlechten mehr Geld verdienen als mit guten. Bei mir führt das dazu, dass ich das gar nicht mehr lese. Ich habe auch festgestellt, dass es mir besser geht, wenn ich für zwei Wochen keinen Boulevard lese. Und dann stelle ich fest: Ich habe überhaupt nichts verpasst.

Wie wäre es denn, wenn Sie Ihre nächste Mediensatire über Massagesitze in Dienstlimousinen, Teakholzbelege in großräumigen Intendantinnenbüros und die geschäftliche Bevorzugung von Familienangehörigen drehen?

Meinen Sie den RBB? Auch ein schöner Stoff, allerdings wohl eher für eine Soap-Serie am Nachmittag.

Von Stefan Stosch/RND