Donnerstag , 22. Oktober 2020
Immer noch beseelt von ihren großen Themen: Alanis Morissette veröffentlicht heute (31. Juli) ihr neuntes Studioalbum. Quelle: imago/ZUMA Press

Pop 2020: Neues von Alanis Morissette, Deep Purple und Apache 207

Deutschrapper Apache 207 präsentiert sein Debütalbum voller Hip-Pop. Das Hardrock-Urgestein Deep Purple hat nach längerer Endzeitstimmung doch noch ein Album am Start. Und die Songwriterinnen Alanis Morissette und Mary Chapin Carpenter (wie auch Taylor Swift) beweisen Kraft durch Ruhe.

Die Woche bringt wieder einige spannende Neuveröffentlichungen – unter anderem von Alanis Morissette, Deep Purple und Apache 207:

Alanis Morissette: Berückende, tief melancholische Schönheiten

Ein langsamer Gitarrentwang, die unverwechselbare Kippstimme, eine Melodie, die entfernt an ihren Klassiker “Uninvited” erinnert: “Ich mach weiter mit dem Lächeln, ich geh weiter, ich kann nicht stillstehen”, singt Alanis Morissette in “Smiling”. Es ist aber kein Lied über Freundlichkeit, sondern eines über das Lächeln trotz allem, über ein Leben zwischen den Stühlen, über das erste Wehen der weißen Fahne, über den Aufschlag auf den Boden. “Such Pretty Forks in the Road” handelt von Weggabelungen des Lebens, und die Sängerin, die mit gerade mal 21 Jahren das zornige Debüt “Jagged Little Pill” vorlegte, ist 25 Jahre später noch immer auf der Straße mit ihren noch immer drängenden Themen wie männlicher Dominanz, Unterdrückung der Frau, den Leiden der Liebe.

Dabei ist jedes Lied überaus persönlich, die Erzählerin allzeit verletzlich. Im hymnischen “Reasons I Drink” besingt sie die Sucht als Fluchtmöglichkeit, zugleich ist da die Erkenntnis der Selbstzerstörung. “Ich habe das Haus schon länger nicht mehr verlassen, / kein bisschen Leichtigkeit empfunden, / nicht viele Fortschritte gemacht, / seit ich aus dem Krieg zurück bin”, singt sie in der Piano-und-Streicher-Ballade “Diagnosis” über die Tonnen an Finsternis, mit denen eine Depression eine Seele begräbt.

Es ist die Erzählung eigener Erfahrungen – nachdem Morissette im Vorjahr Mutter geworden war, fiel sie in eine schwere Wochenbettdepression. Von der Geburt ihrer Tochter erzählt sie im Sechsminüter “Nemesis” und räumt immerhin ein, dies müsse etwas Gutes sein. In “Missing the Miracle”, einer weiteren langsamen Schönheit, singt sie vom Verpassen des Guten, Wahren und Schönen im Leben, wenn der Blick auf alles automatisch ängstlich und pessimistisch gerät. Bar jeder kommerziellen Anbiederung ist das neunte Studiowerk der Kanadierin geraten und doch in seiner relativen Getragenheit unverhofft ruhig und von einer berückenden, tief melancholischen Schönheit.

Alanis Morissette – “Such Pretty Forks in the Road” (Sony)

Mary Chapin Carpenter über das trügerische Unbesiegbarkeitsgefühl

Im Radio laufen die “Wild Horses” der Rolling Stones, sie ist 17, hält den Arm aus dem Fenster in die Sommernacht, und das Bier ist ihr auf angenehme Art zu Kopf gestiegen. Die Perfektion eines einzigen Tages und wie sich alles danach verändert, beschwört Mary Chapin Carpenter im siebenminütigen Titelstück ihres Albums “The Dirt and the Stars” herauf. Hier ist der Geist der Jugend, hier sind Aufbruch und Lebensfreude, das Gefühl, unbesiegbar zu sein. Lange Jahre später hört die Protagonistin in der Dunkelheit ein fernes Auto, hört den “einsamen Klang der Einsamkeit, der genauso geformt ist wie mein Herz”. Und danach bricht sich eines der schönsten Gitarrensoli Bahn, das in den letzten Jahren zu hören war, und Carpenters langjähriger Gitarrist Duke Levine adelt diese Ballade zum großartigen Rocktrack. Allein wegen dieses einen semiautobiografischen Songs, der einen wunderbar traurigen Kopffilm beim Hörer anrollen lässt, würde sich das 16. Album dieser fünffach grammygekürten Erzählerin aus New Jersey lohnen.

Doch auch die übrigen am Küchentisch entstandenen Songs – vornehmlich zarte Gespinste aus Folk, Country und Rock – sind fein ausgearbeitete, dem Schmerz entrungene Traumware mit tröstlich-melancholischer Stimme, wunderschönen Melodien und Texten, in denen jeder ein Stück weit dem eigenen Leben nachfühlen kann: “All Broken Hearts Break Differently”, “Where the Beauty Is”, “Nocturne”, “Farther Along and Further In” und “Everybody’s Got Something” – kleine Meisterwerke darüber, dass das Werden des Menschen nie zu Ende geht. Der einzige Slowrocker, “American Stooge”, mit einer bluesig knurrenden J.-J.-Cale-artigen Gitarre, erzählt dann verdeckt von dem Senator für South Carolina, Lindsey Graham, der sich von einem heftigen Kritiker Donald Trumps zu einem seiner treuesten Unterstützer wandelte. Es ist das Lied all der Machtanbeter, deren Spiegel beim Blick hinein zerspringen müssten: “Ich kann nicht loslassen, / zur Hölle mit der Wahrheit, / ich bin ein amerikanischer Handlanger.” Was wohl nach den Wahlen aus Graham wird?

Mary Chapin Carpenter – “The Dirt and the Stars” (Lambent Light Records)

Deep Purple legen ein würziges Spätwerk vor

Noch immer laut, stolz und – für ihr Alter – fleißig: Nur drei Jahre nach “Infinite” erscheint “Whoosh!”, das 21. Studioalbum der Hardrock-Ursuppe Deep Purple. Zum dritten Mal unter den Fittichen von Bob Ezrin (Pink Floyds “The Wall”) musizierend, bringen Sänger Ian Gillan und seine Mannen “das ‘deep’ zurück ins ‘purple’”, was ihr Motto bei den Sessions in Nashville war.

Die vier Briten Gillan, Roger Glover, Ian Paice und Don Airey und ihr amerikanischer Gitarrist Steve Morse konnten nach ihrer “Long Goodbye Tour” ähnlich wie die deutschen Scorpions nicht von der Musik lassen und planen auch schon die erste Post-Corona-Tournee. “Ich weiß nicht, was vor mir liegt”, singt Gillan im Eröffnungssong “Throw My Bones”, und das mag mit 75 Jahren nicht aus der Luft gegriffen zu sein, aber mit dem oft bluesgetränkten, groovenden Rock von Songs wie “We’re All the Same in the Dark”, “No Need to Shout” und dem souligen Instrumental “And the Address” legt die Band dem Hörer ein würziges Spätwerk vor.

Dessen Roots reichen beim rock-’n’-rolligen “What the What” bis zurück in die Elvis-Ära. Auf “Woosh!” ist beileibe nicht alles geglückt, dem Song “Step by Step” möchte man geradezu unter die Arme greifen, so kraftlos schlufft er seinem Ende entgegen. Und ein Klassiker der Kaliber “Smoke on the Water”, “Highway Star” oder “Woman from Tokyo” ist weit und breit nicht auszumachen – wobei “Nothing at All” mit seinen kreiselnden Gitarren zu den ungewöhnlichsten DP-Songs zählt und sich das treibende, hymnische “The Long Way Round” in rockaffineren Zeiten gut auf Headbangpartys gemacht hätte (und auf den hoffentlich irgendwann nach der endlosen Pandemie folgenden Konzerten einen vortrefflichen Livekracher abgeben wird).

Deep Purple – “Woosh!” (Ear Music) – erscheint am 7. August

Apache 207 fügt viel Pop zum Hip-Hop

Ein Indianer kennt Schmerz. Der Eingangssong vom Apache-207-Debüt “28 Liter” erzählt vom Unverstandensein, und in “Nie verstehen” sagt der Musiker es dann schon im Titel ganz explizit. Aber natürlich pfeift Apache 207 darauf, ob ihn jetzt irgendwer einen Rapper nennt oder nicht. Kann man auch, wenn man die Sache mit der Musik so sieht, dass einem der Mainstreamerfolg recht gibt. Gegenüber dem neuen Run-the-Jewels-Album etwa wirkt der Hip-Hop des notorischen Singlecharts-Stürmers Apache 207 wie Musik, die für ZDF-Samstagabendshows taugt. Volkan Yamans Tracks sind auf seinem längst fälligen Debütalbum mit allerhand “weichen” Ingredienzen gewürzt, die reichen von Flötentönen über Elektro-Sounds bis Eurobeats.

Seit “Brot zu Hause” (Frühjahr 2019) hat der heute 22-jährige Ludwigshafener ein Chartsabo, seit dem Vorjahressommerhit “Roller” gar eins auf Platz eins. Die ohrgängigen jüngsten Hits “Fame”, “Matrix”, “Boot” und die Ballade “Bläulich” sind auf “Treppenhaus” enthalten, Songs wie die melancholischen “(Die Straße) Sie ruft”, “Nur noch einen Schluck”, und “Beifahrersitz” werden ihnen auf der Yellow Brick Road zweifellos folgen. Alles hier ist geeignet für alle: Der Sexismus ist verhältnismäßig zahm, aber durchaus vorhanden. Die Selbstverherrlichung ist von Zweifeln durchwirkt. Und die Wortwahl ist (weitgehend) wohltuend abseits der Genre-Grobheiten. Apache 207 macht sein eigenes Ding – eher ein Cochise als ein Geronimo.

Apache 207 – “Treppenhaus” (Sony)

Seasick Steve und das Ausleben des Augenblicks

Steve Wold nennt sich Seasick Steve, der in Oakland geborene Kalifornier ist vermutlich 69 Jahre alt, hat den Blues(rock), und hat den auch am eigenen Leib erfahren. In die knochigen, kantigen Sounds – rauer Gesang, fuzzige Gitarre – fließt eine harte Jugend ein, in der Wold sich als Wanderarbeiter durchschlug, wie er in Interviews erzählte.

2004 startete er seine Karriere mit dem Album “Cheap”, 2020 erscheint nun mit “Love & Peace” bereits das zehnte Studioalbum des fleißigen Amerikaners und Wahlnorwegers, der im Titelsong die Ansicht äußert, es sei mal an der Zeit, mit dem Hassen aufzuhören und Liebe und Frieden wieder in ihr Recht zu setzen, wie damals in den seligen Zeiten der Blumenkinder. Das ruppige Stück Bluesrock versieht er mit einem Lalala-Mitsingschwanz, was der simplen, aber wichtigen Message eine ungemeine Stadiontauglichkeit verpasst. Sollte jedenfalls irgendwann der gerade wieder hochwellende Wuhan-Quälgeist tatsächlich mal abebben oder wider Erwarten sogar aus der Welt geimpft werden können, dürfte dieses Stück zu den Höhepunkten der darauf folgenden Festivalsaison werden.

Gleiches gilt für den Kracher “Church of Me”, der mit dem klassischen Bo-Diddley-Beat und einer heulenden Harp versetzt wurde und die Freiheit des Unabhängigen feiert und für das stampfende “Toes in the Mud” mit seiner erdverbundenen Lyrik. Wold besingt die Verlässlichkeit (“Regular Man”) und seinen Job (“Traveling Man”) und beschwört mit der Akustikballade “Carni Days”, der Geschichte eines Jahrmarkts, der ins Städtchen kommt, versunkene amerikanische Vergangenheit herauf. Bluesige Riffs, alles in Lo-Fi. “Lebe den Moment!” ist die Botschaft von “Clock is Running”. Weil er vielleicht auch schon 79 Jahre ist – die selbst gezimmerte Biografie schwankt in Sachen Daten ziemlich seekrank –, bereitet Seasick Steve im Moment wahrscheinlich Album 11 vor. Die Formel wird dieselbe bleiben, aber hey: Was für eine Formel!

Seasick Steve – “Love & Peace” (There’s A Dead Skunk Records/BMG)

Das sanfte Album von Taylor Swift

Das Album von Taylor Swift hat uns im Urlaub kalt erwischt. Kam über Nacht, wie manche Popkünstler das heute so zu tun pflegen, und überwältigte mit stattlichen 16 Songs. Die Corona-Pandemie hält Popmusiker, die sonst als Troubadoure und Showpferde um die Welt ziehen, zu Hause fest, wo sie mehr Songs schreiben als üblich und dabei zuweilen auch alte Stärken neu entdecken. “Folklore” zeigt den amerikanischen Superpopstar Swift, der zurzeit eigentlich sein Vorgängeralbum “Lover” mit einer Welttour zelebriert hätte, von der ruhigen, introvertierten Seite. Der Albumtitel spiegelt die Stimmung, Swift schweift ab in Erzählungen aus früheren Zeiten, singt zu Klavier, Gitarren und weichen Beats von den Freunden der Kindheit und von den ersten Romanzen.

Und sie überzeugt mit Melodien, die ganz schnell in Hörers Ohrwurmspeicher abgelegt werden können. Einer der Gründe dafür ist eine unverhoffte Partnerschaft: Viele der Songs entstanden als Social-Distance-Arbeiten mit Gitarrist Aaron Dessner von der Band The National, einer sicheren Bank für klasse Songs. Die politische Linie des Vorgängeralbums, mit dem Swift erstmals klare Kante gegenüber dem Unpräsidenten Trump gezeigt hat, wird allerdings nicht fortgesetzt. In “Epiphany” streift Swift die Corona-Pandemie, das war’s auch schon mit aktuellen Bezügen. Schade, der sanften Zuhörmusik dieses Albums hätte ein wenig sanft verhohlene Angriffslust gutgetan.

Taylor Swift – “Folklore” (Republic/Universal)

Thundermother und die Liebe zu AC/DC

Der Name der Band ist Thundermother, und Programm ist er auch. In seiner Mark-II-Besetzung lässt es das Schwedinnenquartett um Gitarristin Filippa Nasil fast auf Albumlänge richtig krachen. In “Heat Wave”, dem vierten Album, steckt dabei so viel AC/DC, dass andere Einflüsse zuweilen schier überrockt werden. Das hier ist nicht Irgendwas-Metal, hier kommen Blues und Rock ’n’ Roll in einer glänzenden Rüstung, und nicht nur der “Dog From Hell” hat einen bezwingenden Groove. Im rasanten Rocker “Driving in Style” zeigen Thundermother dem eigentlich spätestens seit den frühen Tagen von Suzi Quatro widerlegten Klischee vom harten Rock als Mackersache noch mal den steilen Mittelfinger, um im sanften “Sleep”, in der Sängerin Guernica Mancini ihre ausgesprochen kraftvolle, bluesige Phrasierung am besten zur Schau stellen kann, die Musik als konkurrenzlosen Lebensmittelpunkt zu umarmen.

Damit rückt man wenigstens ein Stück weit von den geliebten Australiern um Angus Young ab, denn AC/DC-Balladen – nein, “The Jack” ist eine Blueswalze – gibt es nicht. Jaja, Rock ’n’ Roll ist tot, zumindest was die Singlecharts betrifft. Ausgestorben ist er aber nicht, blickt man auf Albumcharts und die – derzeit virusverursacht leeren – Bühnen der Republik. Apropos: Ihr neues Zeug wollen die Mütter des Donners ab diesem Freitag (Hamburg, Bootcruise) auf einem Feuerwehrtruck live präsentieren. Weitere Daten: 1. August Erfurt – Harley Davidson Open House / 2. August Wirges – Kulturpicknick / 5. August Münster – Summerevents MS / 7. August Hamburg – Ballroom Hamburg Kaperfahrt / 8. August Hallig Langeness – Kultur auf den Hallligen 9. August Heide – Kultur unterm Turm. Coronasicher für Musiker und (begrenztes) Publikum.

Thundermother – “Heat Wave” (AFM Records)

 

Von Matthias Halbig/RND